Erstes Buch. Muri's Gründung & seine ältesten Zeiten bis 1410.

Erster Abschnitt. Gründungsgeschichte des Stiftes Muri 1027-1119.

Erstes Kapitel. Äussere Veranlassung zur Stiftung Muri's.

(I-003) Die Gründung Muri's fällt in die Zeit, in welcher die Einverleibung Burgunds in das deutsche Reich vorbereitet und vollzogen wurde (1018-1032). Seit der letzten Schlacht gegen die Ungarn (955) auf dem Lechfelde hatte sich Deutschland von den Verheerungen der wilden Feinde aus dem Osten wieder erholt; neue Dörfer und Städte entstanden, Stifte und Klöster arbeiteten nach Kräften für geistige und sittliche Bildung des stark sich mehrenden Volkes und sorgten auch für dessen leiblichen Unterhalt, indem sie in der fleissigen, rationellen Benutzung des Bodens vorangingen und die Märkte und den Handelsverkehr erleichterten. Herzoge, Fürsten und Grafen waren mit dem sächsischen Kaiserhause (936-1002) in engere Verbindung getreten und hatten bereits ständische Rechte erworben; die Ritterschaft, durch die ungarischen Kriege erstarkt, that ihre Schuldigkeit im Kampfe, gewann Ruhm und irdische Güter und füllte die Lücke zwischen dem hohen Adel und dem gemeinen Volke aus.

Die deutsche Nation erkannte bald, dass ihre innere und äussere Kraftentwickelung nur an der Hand der Religion einen dauernden Halt bekomme. Das vom Welterlöser, Jesus Christus, gesprochene Wort: „Gebet Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ist“ – Trennung der geistlichen und weltlichen Gewalt, wurde mit dem J. 800 zum Staatsgrundsatze des damals mächtigsten christlichen Reiches und hatte, trotz mancher Störungen, in der Civilisation der Völkerschaften die glücklichsten Resultate erzielt.

(I-004) Um die edleren Bedürfnisse der Völker zu befriedigen, den Glauben an Jesus Christus zu mehren und die Sittlichkeit zu heben, rief Karl der Grosse in den eroberten Ländern zahlreiche Klöster und Schulen ins Leben, welche ihm die Menschen durch die sanften Zügel der Religion beherrschen halfen. Nebst diesen inneren Gründen, welche in den Glaubens- und Sittenlehren der katholischen Kirche ihre Wurzeln haben, üben bei der Stiftung eines Klosters oft auch äussere Motive einen mächtigen Einfluss und sind häufig der Anlass einer Segensquelle, die Jahrhunderte zum Wohle der Menschheit fliesst.

Solche äussere Beweggründe, welche zur Stiftung Muri's einwirkten, glauben wir in den Kämpfen der deutschen Kaiser, Heinrich's II. und Konrad's II., mit Burgund und in dessen Vereinigung mit dem Reiche gefunden zu haben. Die Bevölkerung des „alten Argaues“, zwischen der Aare und Reuss sich ausdehnend, erlitt in diesem langwierigen Streite den grössten geistigen und materiellen Schaden. Zumeist war das Aarethal zwischen Windisch und Solothurn in den Jahren 1016-1045 den Kriegsstürmen ausgesetzt, sei es, dass Burgunder aus dem Südwesten oder Alamannen aus dem Norden daherbrausten. Auch die Stifter Muri's, Bischof Werner von Strassburg und Graf Radeboto, sein Bruder, waren an diesem langdauernden Kriegsgetümmel nicht wenig betheiligt. Werfen wir zur Begründung unserer Ansicht zuerst einen Blick auf jene Kämpfe.

Der schwache, kinderlose Rudolf III., seit 993 König von Burgund, schloss im Jahre 1016, vom Adel stets hart bedrängt, zu Strassburg mit Kaiser Heinrich II., seinem Neffen, einen Reichsvergleich, wodurch er das bewaffnete Auftreten des Kaisers als Schirm- und Oberherrn, Geldsubsidien und die formelle Wiederherstellung des königlichen Ansehens gewann1. Nach dem gewaltsamen Tode des Bischofs Heinrich von Lausanne, der besten Stütze des Königs2, bekräftigte dieser im Jahre 1018 zu Mainz den Strassburger-Vergleich, worauf der Kaiser, um seiner Anerkennung als Oberherrn Nachdruck zu geben, mit Waffenmacht bis an die Rhone zog. Nach seinem Abzuge entstanden neue Wirren. Im J. 10193 wurden zwei Treffen mit den Burgundionen geliefert, deren eines für den Kaiser ebenso verdriesslich wie das andere erfreulich ausfiel. Als Führer des Hilfsheeres, welches der Kaiser dem Könige Rudolf und den ihm ergebenen Burgundern (I-005) geschickt hatte, werden Bischof Werner von Strassburg und sein Bruder, Graf Radeboto, wie auch Graf Kuno, der Welf, genannt. Diese drangen bis Genf vor und erfochten dort einen glänzenden Sieg4, wodurch dem später nachkommenden Kaiser die gewünschte Beendigung der burgundischen Händel erleichtert wurde. Kaum hatte jedoch K. Heinrich II. die Augen geschlossen, so kündigte Rudolf III., verleitet von den burgundischen Grossen, den eingegangenen Erbvertrag. Heinrich's II. Nachfolger, Konrad II., besetzte daher die Grenzstadt Basel und das umliegende Land. Als dieser in Oberitalien die eiserne Krone erlangt hatte, sah sich König Rudolf zum Nachgeben gezwungen, kam selbst nach Italien in das deutsche Lager und wohnte auch der Kaiser-Krönung in Rom bei (1027). Bei einer spätem Zusammenkunft im gleichen Jahre zu Basel schlossen beide gekrönten Häupter einen endgiltigen Erbvertrag. Der Tod König Rudolfs erfolgte am 6. September 1032. K. Konrad II. empfing dessen Land. Bald erhob sich jedoch gegen den Kaiser ein neuer Gegner in der Person des Grafen Odo von Champagne. Dieser besetzte einzelne Theile der heutigen Westschweiz (Murten, Neuenburg etc.), kämpfte daselbst und in Lothringen gegen Konrad II. mit abwechselndem Glücke, bis er im J. 1037 fiel. Der Kaiser hielt dann das folgende Jahr zu Solothurn einen Reichstag mit den Grossen Burgunds, auf welchem er der längst eingerissenen Rechts- und Gesetzlosigkeit abzuhelfen bemüht war, seinem Sohne Heinrich das dortige Königreich übergab und ihm zu huldigen befahl. Nach Konrad's II. Tode bestieg dieser als Heinrich III. den deutschen Thron und erhielt nach Unterwerfung der störrischen Grafen Reginold von Hochburgund und Gerold von Genf im J. 1045 zu Solothurn die Anerkennung seiner Landesherrlichkeit.

Wie schon gesagt, war durch diese Kämpfe das Aarethal vielfach sehr geschädiget worden. Bischof Werner von Strassburg, der mit seinen Brüdern Radeboto, Rudolf I. und Lanzelin in der kleinburgundischen Grafschaft (jetzt im Kt. Aargau), die damals ihren Richtplatz (malleus) in Rore5 (in Aarau) hatte und davon auch ihren Namen trug, begütert war, erkannte bald, dass zur Schliessung des Aarethales bei Windisch und zur Schützung des Landes gegen die kriegerischen Burgunder auf dem Wülpelsberge bei Brugg die (I-006) Erbauung einer Feste von grossem Nutzen sein würde. Nach Besiegung der genannten Feinde (1019) baute er desshalb dort eine Burg und nannte sie Habsburg. Sein Bruder Radeboto, der mit ihm zu Felde gezogen war, erhielt sie zu sorgsamer Hut. Diese wurde sodann auch der Stammsitz des durchlauchtesten Geschlechtes von Deutschland6.

Die Bewohner dortiger Gegend waren durch die erwähnten Kriege verwildert und sittlich herabgekommen. Werd, das alte Benediktinerstift auf einer Aar-Insel zwischen Olten und Aarau hatte der Krieg fast gänzlich vernichtet; es musste auf einem weitaus blickenden Hügel als „Schönenwerd“ erst wieder neu erstehen.7 Die Gründung eines andern Klosters für die Sittigung des Volkes näher an der Reuss war somit Bedürfniss. Zudem hatten in diesen unglücklichen Zeiten Männer von Ansehen und Macht, wie ein Guntram von Wohlen8, viel ungerechtes Gut an sich gerissen, ja selbst Bischof Werner's nächste Verwandtschaft hatte sich in jener Zeit Unbilligkeiten in der heutigen Pfarrei Muri zu Schulden kommen lassen9, – und das bedurfte der Sühne.

Die Vorfahren der oben genannten vier Brüder werden im „Stifterbüchlein“ von Muri (Acta Murensia oder Acta fundationis genannt10) nur kurz berührt. Es ist nicht unsere Aufgabe, eine vollständige Genealogie derselben zusammenzustellen; daher folgen wir dem Winke unseres Mitbruders, des ungenannten Verfassers (Anonymus) dieser vielgenannten Akten und handeln nur von denen, die er berührt hat.

Der Grossvater Bischof Werner's und seiner Brüder soll Guntram der Reiche gewesen sein. Grandidier11 nennt ihn einen Sohn des Grafen von Sundgau, Luitfried's V., welcher in einem Treffen gegen die Ungarn 936 bei Basel fiel. Nach Wilhelm Gisi12 möchte dieser Guntram eher ein Sohn des Nordgau-Grafen (I-007) Hugo und der Hildegarde gewesen sein, der sich mit K. Otto's I. eigenem Sohne, Luitolf, eines politischen Vergehens schuldig machte und mehrerer seiner Güter im Oberelsass, Breisgau und Thurgau, wie auch der Grafschaft (wahrscheinlich der vom Breisgau) beraubt wurde13. Ist dieser Graf wirklich identisch mit Guntram dem Reichen, der als Stammvater des habsburgischen Hauses angesehen werden kann, so mag er sich auf seine Allodialgüter, wovon er noch viele im Elsass, Breisgau und Ärgau besass, zurückgezogen, und im Elsass, wo nach Al. Schulte, Archivrath in Karlsruhe, das Stammschloss der Habsburger möchte gewesen sein, das Leben beschlossen haben14.

Nach den Akten hatte Guntram der Reiche einen Sohn Kanzelin (Lantold), der Graf von „Altenburg“ heisst15. Das gibt zu erkennen, dass der deutsche König ihm die Grafschaft Klettgau übergeben habe. Denn Altenburg lag nicht ferne vom Kloster Rheinau auf einer vom Rheine umflossenen Halbinsel in der Grafschaft Klettgau16. Dort war der Richtplatz (malleus) des Grafen, und der Anonymus nennt Kanzelin den Inhaber der Grafschaft Klettgau nach dieser Burg17. Auch Schöpflin sprach die Vermuthung aus, dass Kanzelin Graf im Klettgau gewesen sei18. Sein Tod möchte am 25. Mai 990 erfolgt sein19. Er hinterliess von seiner Gemahlin Luitgarde vier Söhne: Bischof Werner, Graf Radeboto, Rudolf und Lanzelin. Den eben genannten fügt Grandidier noch zwei Söhne bei, Gerhard und Birchtilon20. Werner erhielt bald nach Empfang der Priesterweihe ein Kanonikat in Strassburg. (I-008) Radeboto mag bei seinem Vater geblieben sein. Er folgte diesem sehr wahrscheinlich in der Grafschaft Klettgau21 und heirathete Ita, die aus dem herzoglichen Hause Lothringen war22 oder zu demselben gehörte. Der Drittgeborne Kanzelin's, Rudolf, wählte seinen Sitz im Sundgau, gründete die Abtei Ottmarsheim bei Gebwiler und liess die dortige Kirche 1049 durch Papst Leo IX. einweihen. Er starb kinderlos vor 106323. Seine Gemahlin Kunigunde hat noch 1064 gelebt24. Rudolf's Besitzungen waren nach der Urkunde vom 1. März 1064 bedeutend, und liefern den Beweis, dass er von einer reichen und hochansehnlichen Familie abstammte25.

Lanzelin weilte wohl in seiner Jugend beim ältesten Bruder, Bischof Werner, in Strassburg; ihn zierte 1027 die Ritterwürde26. Er hatte die Obliegenheit, Bischof Werner's Erbgüter in Muri zu verwalten und zu schirmen27.

Birchtilon oder Berchtold erscheint mit seinem Bruder Gebhard in einer Urkunde vom 28. März 1008 und macht grosse Vergabungen an das von ihm gestiftete Kloster Sulzberg im Breisgau28. Berchtold und sein Sohn gleichen Namens werden als Grafen von Breisgau und Ortenau angegeben29. Letzterer soll Herzog von Kärnten geworden sein, wovon die alten Herzöge von Zähringen und die von Teck abstammen, wie auch die Markgrafen von Baden30.

(I-009) Die Pietät verlangt es, dass wir die Stifter des Klosters Muri, Bischof Werner, Graf Radeboto und seine Gemahlin Ita etwas näher ins Auge fassen.


  1. Albert Jahn, Geschichte der Burgundionen II., 485 ff.

  2. Damberger, Synchron. Gesch, V., 823.

  3. Schwerlich im J. 1020, weil Heinrich II. in diesem J. fast immer entweder im Norden Deutschlands oder in Bamberg sich befand (Damberger, Synchron. Gesch. V., 835 ff.).

  4. „Werinharius argentine ecclesie episcopus, auxiliantibus quibusdam Suevis, Burgundiones invasit et conserto prœlio vicit“ (Hermanni contr. chronicon, ed. Pertz, Monum. G. h. VII., 119).

  5. Es ist bekannt, dass die Grafschaften und Grafen nicht selten nach ihrem Richtplatze benannt wurden (G. Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. VII., S. 22, 23 u. a. O.).

  6. Gfrörer, Gregor VII., Bd. I., 526.

  7. E. Fr. von Mülinen, Helvetia sacra I., 56.

  8. Acta Murensia, ed. Quellen zur Schw. Gesch. III., S. 68, 69 (Bl. 25 a und b).

  9. Daselbst, S. 17, 18 (Bl. 2 a, b).

  10. Die Glaubwürdigkeit dieser Acta wurde vorzüglich angestritten, von Marq. Herrgott (Genealog. I., Prolegom. tertium), von P. Rusten Heer (Anonymus denudatus) u. Dr. Th. von Liebenau (Argovia IV. S. XIX- XXXII. u. Zeitschrift der heraldischen Gesellschaft „Adler“ XIII. Jahrgang); dieselbe vertheidigten Fridolin Kopp (Vindiciæ Actorum, Muri, 1750), P. Joh. Bapt. Wieland (Vindiciæ Vindiciarum, Muri, 1760 u, Baden 1765) u. der Verfasser dieser Geschichte (Quellen zur Schw. Gesch., Bd. III. Kloster Muri, Vorwort; Zeitschr. der herald. Gesellsch. „Adler“, Jahrg. XIV.).

  11. Oeuvres hist. inedites, edit. 1865, T. I., 416.

  12. Forschungen zur Deutschen Gesch., Bd. XXVI., 287-297.

  13. Ein öffentliches Landgericht (populare judicium) entzog dem Guntram ein im Breisgau gelegenes Gut, Namens Lielache u. sprach es der königlichen Kammer zu, von dieser kam es als Geschenk 952 an das Kloster Einsiedeln (Geschichtsfrd. I. 105; Gfrörer, Papst Gregor VII., Bd. I., 323). Einsiedeln erhielt auf gleiche Weise 959 Eschenz im Thurgau (Annales Heremi, p. 62), und dem Kloster Laurisheim waren im November 953 die ehemals dem Guntram gehörenden Güter in Brumatt etc. zugefallen (Grandidier I., 417).

  14. Habsburger Studien in den Mittheilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Bd. VII. Das Einsiedler-Nekrologium nennt Guntram am 26. März.

  15. Acta Murensia, Bl. 1 b.

  16. P. Rusten Heer, Anonymus denudatus, p. 337, Nota a.

  17. Vgl. oben die Burg Rore in der Stadt Aarau, u. Waitz, Deutsche Verfassungsgesch. VII., 22 ff.; vgl. Vorwort, C.

  18. Alsat. illustr., T. I., p. 466, 467.

  19. Annales Einsidl. apud Mabillonem in actis O. S. B. VII., 820. Ein Graf Lantold erscheint als Zeuge in K. Otto's I. Urk. vom 28. Aug. 972 (Bœhmer, Reg., Nr. 393).

  20. Oeuvres hist., edit. 1865, T. I., 418-421.

  21. Vgl. „Entgegnung“ in der Zeitschrift der heraldischen Gesellsch. „Adler“, Jahrg. XIV und Vorwort, C.

  22. Acta Mur., Bl. 1 a u. Bl. 2 b.

  23. „Rudolfus vir illustris Monasterium sancte Marie in Othmarsheim situm, de proprio sumptu ædificavit et per papam Leonem consecrari fecit jurique sancte Romane ecclesie supposuit“ (Schöpflin„ Als. diplom. I. 170). Guillimann's Ansicht (Habsburg., ed. 1605, p. 130) u. A., Rudolf habe 1010 als Graf Zeugschaft abgelegt, muss der angezogenen Urk. zufolge als irrig bezeichnet werden; denn Rudolf war, wenn er schon „vir illustris“ heisst, niemals Graf (vgl. Al. Schulte, Habsburgische Studien in Mittheil. des Inst. für österr. Geschichtsfr. VII., Separatabdr., S. 3 ff.).

  24. Vgl. Al. Schulte l. c. u. Mittheilungen d. Instituts für Österr. Geschichtsfr., Bd. V., 405, 406.

  25. Daselbst; vgl. Vorwort, B. 2.

  26. „militie cingulo preditus“ (Quellen zur Schweizer Geschichte III., Kloster Muri, S. 107); Schöpflin, Als. illustr. II., 465.

  27. Daselbst.

  28. Trouillat, Monuments I., 149; Herrgott, Geneal. II., 95. Dieser las (vgl. Grandidier l. c., 421) unrichtig „cum manu filii mei“ statt fratris mei.

  29. So ist in einer Urk, vom J. 1004 ein Berchtold „comes pagi Brisgowe“ genannt (Herrgott, Geneal. II., 98) u. in zwei andern Urkunden von den Jahren 1016 u. 1024 heisst er „Berchtoldus comes pagi Mortinawe“ (Würdtwein, nov. subs. dipl. VII., 173).

  30. Herrgott, Geneal, III., 833; Schoepflin, l. hist. de Zeringen-Bade I., 25 ff.