Zweites Kapitel. Lebensskizze der Stifter Muri's.

Alwick, Bischof von Strassburg, war 1001 aus dem Zeitlichen geschieden. Ihm folgte Werner, Bruder des Grafen Radeboto, bisher Domherr an der dortigen Kathedrale1. Nach dem Tode K. Otto's III. erklärte sich Werner sofort für Heinrich, Herzog von Bayern, mit dem er von Jugend auf befreundet war. Durch die Hilfe dieses kräftigen Bischofes wie auch des Erzbischofes von Mainz siegte Heinrich über seinen Gegner, Herzog Hermann von Schwaben und empfing aus Willigi's Hand am 8. Juli 1002 in Anwesenheit Bischof Werner's in Mainz die Königskrone2. Seitdem finden wir den Bischof von Strassburg fast immer als treuen Rathgeber an der Seite Heinrich's II. Schon das folgende Jahr musste Bischof Werner den Zorn des schwäbischen Herzogs fühlen. Im April 1003 drang dieser mit Heeresmacht in Strassburg ein und verwüstete die Stadt grauenhaft. Doch König Heinrich II. eilte herbei und besiegte den Herzog. Hermann wurde im Oktober d. J. zum Schadenersatze verurtheilt. Bischof Werner erhielt in Folge dessen das Frauenkloster St. Stephan in Strassburg, das er bald restaurirte und mit genügendem Einkommen versah (1005). König Heinrich II. weilte 1004 drei Tage (23.-25. Juni) in Strassburg und ertheilte dem Bischofe mehrere Gnaden. In den damals ausgestellten Urkunden steht Bischof Werner stets an der Spitze der Zeugen. In den Jahren 1006 und 1007 sehen wir ihn das eine Mal in Neuenburg an der Donau und das andere Mal in Frankfurt a/M. auf Synoden für Hebung des religiösen Lebens und Erhaltung der kirchlichen Zucht arbeiten.

Die alte Kirche in Strassburg wurde 1007 durch einen Blitzstrahl in Asche gelegt. Der geistvolle Kirchenfürst liess sich nicht entmuthigen; sein Augenmerk war sofort dahin gerichtet, (I-010) über den Trümmern des alten Gotteshauses ein neues, wenn möglich, noch würdigeres aufzuführen. Die Mittel dazu gewährten ihm die eigenen Einkünfte, die freiwilligen Beiträge der Geistlichkeit und bedeutende Summen, die ihm das Reichsoberhaupt zukommen liess. In demselben Jahre noch entwarf man den Plan und begann das Werk mit Herbeischaffung des nöthigen Materials. Hiefür wurden acht Jahre verwendet. Endlich 1015 grub man die Fundamente. Innerhalb 13 Jahren hatten sich 100,000 Menschen am Baue beschäftigt, der 1026 unter Dach gekommen sein soll3.

Trotz dieses kostspieligen Baues, wovon nach Einigen die berühmte Krypta noch übrig, fand er Mittel, das Kloster „Sancta Maria“ in Strassburg zu stiften, wofür Kaiser Heinrich zu Pavia ihm das Kloster Schwarzach (um Weihnachten 1013) auf Fürbitte der Gemahlin Kunegunde und auf den Rath der Bischöfe von Würzburg und Augsburg hin schenkte4. Dieselbe hohe Gönnerin vermittelte (am 9. Mai 1017) ihm wieder wegen erwiesener leiblicher und geistiger Dienste5 von ihrem Gemahle einen Wildbann im Elsass zwischen Schlettstadt und dem Rheine.

Die schwierigen Angelegenheiten wegen Burgund und die Betheiligung des Bischofs Werner daran haben wir bereits erwähnt. Im gleichen Jahre (1019) versammelte der Kaiser am 1. Juni zu Köln einen Synodalreichstag. Höchst wichtige Fragen wurden da erörtert und entschieden: was Patrimonium der römischen Kirche und was Reichsgut; wie es mit der Papstwahl und wie es mit der Reichspflege auf jenem kirchlichen Gebiete zu halten sei; endlich wurde eine Fahrt des Kaisers nach Italien, um die Saracenen zu vertreiben, und wo möglich Sicilien, ja das hl. Land zu erobern, beschlossen. Diese Vereinbarung wegen des Kriegszuges unterschrieb Bischof Wicelin (= Werner) von Strassburg mit einem Abte zuletzt hinter einfachen Schenken; wahrscheinlich war er zu spät eingetroffen.

Wie dem Kaiser Heinrich II. war Bischof Werner auch dem neuen deutschen Könige Konrad II., ein treuer Reichsfürst und Rathgeber6. Bei der Krönungsfeier Konrad's II. am 28. Sept. 1024 in Mainz durfte Bischof Werner nicht fehlen.

(I-011) Das folgende Jahr beehrte ihn der König mit einem Besuche in Strassburg und hielt daselbst Hoflager. Hier mag Werner ihm die Begleitschaft zum Römerzuge für das Jahr 1027 zugesagt haben. Papst Johann XX. hielt aus Anlass der Kaiserkrönung eine Synode in Rom (6. April), und Bischof Werner ist als Anwesender genannt. Kaum von Rom zurückgekehrt, eilte er, noch immer rüstig und eifrig im Weinberge des Herrn, nach Frankfurt zu einer Synode, welche die Bischöfe Deutschlands (22 an der Zahl) in Gegenwart des Kaisers noch dasselbe Jahr abhielten. Dort sowohl, als auch später in Strassburg, wohin Konrad II. von Basel aus kam7, wird er auch einlässlich mit ihm wegen einer Sendung an den Hof von Constantinopel gesprochen haben. Vorgeblicher Hauptzweck der Gesandtschaft war, sich über die Befreiung des hl. Landes vom Joche der Ungläubigen mit dem griechischen Kaiser zu berathen und einen Plan zu entwerfen. Dem Bischofe wurde Graf Manegold von Donauwörth (Grossneffe des hl. Ulrich von Augsburg) als Begleiter beigegeben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass Kaiser Konrad II. durch diese Ehrenboten auch politische Zwecke, freien Handelsverkehr, gemeinsame Massnahmen hinsichtlich der slavischen Zwischenvölker und dgl. erzielen wollte, mag auch die Angabe, es sei in Constantinopel eine Braut für Kaiser Konrad's Sohn, Heinrich, gesucht worden, auf blossen Vermuthungen beruhen8. Die Abreise verzog sich noch einige Monate. Diese Zeit benützte Bischof Werner zur Ordnung seiner innern und äussern Angelegenheiten, da er wohl fürchtete, sein Bisthum nie mehr zu sehen. Und gerade in die genannte Zeit (? 5. Sept.)9 fällt Bischof Werner's letztwillige Erklärung (Testament) wegen der Habsburg und des Klosters in Muri10.

Anfangs des Jahres 1028 fuhren Bischof Werner und Graf Manegold mit grossem Gefolge, worunter auch Kaufleute, mit vielen Vorräthen versehen, die Donau hinab, vorgeblich, um andachtshalber über Constantinopel nach Jerusalem zu (I-012) wallfahrten. König Stephan von Ungarn argwöhnte oder wusste bestimmt, dass die Pilgerkaravane eine Gesandtschaft Kaiser Konrad's sei, welche am griechischen Hofe ein ihn bedrohendes Bündniss abschliessen sollte. Darum sperrte er den Weg. Die Gesandten mussten umkehren und zogen dann über den Brenner nach Verona, kamen nach Venedig, wurden da gut aufgenommen und gelangten so auf venetianischen Schiffen nach Constantinopel. Gegen König Stephan und seine Verbündeten liess der Kaiser schon im Frühlinge d. J. zum Kriege rüsten, der aber unglücklich endigte. Indessen war Bischof Werner am byzantinischen Hofe thätig; aber man hielt ihn und seinen Begleiter mit leeren Worten und Ceremonien hin, ohne etwas zu beschliessen. Darüber starb der verständige Bischof von Strassburg am 28. October 1028 und fand in Constantinopel sein Grab11. Der griechische Kaiser Constantin VIII., der letzte des macedonischen Hauses, folgte ihm schon am 12. Nov. d. J. in die Ewigkeit. Der Chronist Wipo schreibt, der neue Kaiser der Griechen, Romanus Argyrus, habe dem Kaiser Konrad in Goldschrift betreffs der Gesandtschaft geantwortet, und im Kloster zum hl. Kreuz in Donauwörth bewahre man die Nachricht auf, dass die dort hochverehrte Kreuzpartikel vom griechischen Kaiser dem Grafen Manegold geschenkt worden sei.

Dies ist in kurzen Umrissen das Leben Bischof Werner's; er war einer der preiswürdigsten Prälaten seiner Zeit.12 Muri war so glücklich, ehemals einen der Denare, die er prägen liess, zu besitzen13; aber seit den letzten Stürmen, die über das Kloster kamen, gingen sie mit vielem Andern verloren. Grandidier erhebt noch mit glänzenden Worten Bischof Werner's edlen Charakter, seinen Eifer für die Ausbreitung der Ehre Gottes und die Hebung der Wissenschaften14. – Wir begnügen uns mit der Andeutung und gehen zu dem Grafen Radeboto und seiner Gemahlin Ita über.

Die ansehnliche Habsburg auf dem Wülpelsberg im Aarethale baute Bischof Werner dem Grafen Radeboto15. Dass (I-013) Radeboto seinem Vater Kanzelin in der Grafschaft Klettgau gefolgt sei, erhellt zunächst daraus, weil die Erblichkeit der Grafschaften damals zur Regel geworden16, und zweitens steht er in der Kaiserurkunde für das Kloster Rheinau vom 29. Okt. 1023 klar als Graf von Klettgau17. Die Identität dieses Grafen mit unserem Radeboto ist durch keinen erheblichen Grund bisher angestritten worden. Der Einwurf, dass Radeboto's Nachkommen aus dieser Grafschaft verschwinden, wird durch die Thatsache beseitigt, dass ihnen der König besser gelegene Grafschaften im Elsass verlieh, dort, wo ihre Vorfahren die Grafenlehen inne hatten18.

Ita, die Gemahlin des Grafen Radeboto, nach den Muri-Akten aus dem herzoglichen Hause von Oberlothringen entsprossen, möchte die Schwester Adalbero's, der als Nachfolger seines gleichnamigen Oheims den erzbischöflichen Stuhl von Metz bestieg, und des Herzogs Theoderich, der Oberlothringen, das Herzogthum seines Vaters Friedrich, erbte, gewesen sein. Dieser Friedrich stammte wahrscheinlich von einem Grafengeschlechte ab, das im Elsass seinen Stammsitz hatte. Im Jahr 954 ehelichte er nach Einigen Beatrix, eine Tochter Hugo Capets, und starb vor 98419.

Ihr Gemahl Radeboto wies ihr als Mitgift seinen Antheil in Muri an20. Nach Abschluss der Ehe21 vernahm sie, ihre (I-014) Mitgift sei vielfach ein unrechtmässig erworbenes Gut. Dies bewog sie, den ersten Anstoss zur Stiftung des Klosters Muri im burgundischen Ärgau, am östlichen Abhange des Lindenberges und an den Quellen der Bünz, zu geben22.


  1. Die Meinung, Bischof Werner sei früher Abt in Laurisheim gewesen, beruht auf einer Namensverwechslung (Monum. Germ. XXI., 401).

  2. Als Führer bei dieser Lebensskizze dient uns Grandidier (Oeuvres hist. I., 422 ff.), der für seine Sätze stets zahlreiche Beweise bringt.

  3. Wanderung durch's katholische Heiligthum, 2. Thl., S. 102 ff.

  4. Gfrörer, Papst Gregor VII., Bd. VI„ S. 30 ff.

  5. Bischof Werner möchte ihr Beichtvater gewesen sein!

  6. Die Berichte der Annales majores von Einsiedeln über Bischof Werner's Untreue gegen Konrad II. müssen den bessern Quellen (Geschichtsfrd. I., 124; Wipo, Monum. Germ. XIII., 261 u. s. w.) weichen; denn Bischof Bruno von Augsburg und Bischof Werner von Strassburg förderten vorzüglich die Wahl Konrad's II. (Grandidier, l. c., 495).

  7. Am 19. Aug. war Kaiser Konrad in Zürich und den 19. Oktober in Tribur; die Fahrt ging über Basel.

  8. Was das Chronicon Novientense (Ehersheimer Chr., ed. Boehmer, T. III. etc.) über Bischof Werner's Meuterei gegen Kaiser Konrad sagt, widerstreitet andern glaubwürdigen Quellen (vgl. Gfrörer, Gregor VII., Bd. l., 331).

  9. Angabe von Äg. Tschudi (Liber Heremi).

  10. Den Ort der Ausstellung haben wir wohl in Strassburg selbst zu suchen. Der Inhalt dieser Urkunde hat viele Ähnlichkeit mit der vom Kloster Schwarzach, die ebenfalls vom Bischof Werner 1027 ausgestellt ist („Gerettete Wahrheit gegen das Haus Baden“, Streitschrift vom J. 1780, s. 28).

  11. Pertz, Monum. Germ. XVII., 87; Bœhmer, Fontes III., 67; Oefele I., 334; Gallia christ. XLI., 792-794; Giesebrecht, Kaiserzeit II., 567; Necrol. Hermetisvillanum (Quellen zur Schw. Gesch, III., 161).

  12. „Celeberrimus sui ævi inter præsules recitatur Werinhardus, argentinæo civitatis episcopus“ (Monum, Germ. XIII., 151).

  13. Grandidier hatte im vorigen Jahrhundert auf seinem Besuche in Muri das Vergnügen, einen solchen zu sehen (Oeuvres hist. T. I., 438). Dessen Avers lautete: „Vicelinus“, der Revers: „Argentina“.

  14. Oeuvres hist. I., 519.

  15. Das Aktenstück vom J. 1027 hat: „Wernherus, Strasburgensis episcopus et castri, quod dicitur Habesbur, fundator“ (Herrgott, Geneal. I. p. 40; II., 107). Auch Höfe soll Bischof Werner seinem Bruder Radeboto von Habsburg im Elsass abgetreten haben (Grandidier, Oeuvres inéd, T. I., 500 ff.).

  16. Waitz, Deutsche Verfassungsgesch., Bd. VII., 11; Vgl. Vorwort.

  17. Herrgott, Geneal. II., 105, 106.

  18. Wilhelm Gisi, Guntramnus comes, Forschungen zur Deutschen Geschichte, Bd. XXVI., 287-297. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass dieser Guntramnus comes identisch mit Guntramnus dives der Acta Mur. ist. Vgl. Vorwort, B. 1.

  19. Gfrörer, Papst Gregor VII., Bd, I., 78 ff.; Dr. Grund, Wahl Rudolf's von Rheinfelden, S. 3, 4. Nach diesem müsste die Mutter Adelbero's, Ita's und Theoderich's zweimal verheirathet gewesen sein, u. zwar in zweiter Ehe mit einem Grafen von Rheinfelden, dem sie Kuno gebar, den Vater des Gegenkönigs Rudolf (Quellen zur Schweizer Geschichte III., Kloster Muri, S. 3, 19, 20). Diese Erörterung über Ita's Abstammung befriedigt einige Gelehrte aus dem Grunde nicht, weil sie in den besten Geschichtsquellen des herzoglichen Hauses Oberlothringen nicht erscheint (vgl. Th. v. Liebenau, Anfänge des Hauses Habsburg, „Adler“ Jahrgang 1883); allein die positiven Angaben des Muri-Anonymus bleiben so lange aufrecht, bis bessere Quellen seine Angaben, wie die, Ita sei eine Schwester (statt Schwägerin) des Strassburger Bischofs Werner gewesen (Acta Mur., BI. 2 b, 3 a) wirklich als unrichtig hinstellen. Vgl. Vorwort.

  20. Acta Mur., Bl. 2 b.

  21. Das Jahr der ehelichen Verbindung ist unbekannt,

  22. Im Anfange des zwölften Jahrhunderts existirten im Kloster Muri zwei Traditionen: die eine, welche ihren Ausdruck im Aktenstücke vom J. 1027 fand, nennt Bischof Werner als Stifter des Klosters Muri, u. die andere, niedergeschrieben vom Anonymus der Akten, bezeichnet die Gräfin Ita mit ihrem Gemahl Radeboto als Gründerin oder als Wiederherstellerin (reparatrix).