Zweiter Abschnitt. Muri's ruhiges Fortblühen. 1119-1298.

Erstes Kapitel. Ronzelin, fünfter Abt (1119-1145).

(I-073) Die Murikonventualen erhoben Ronzelin1, wie Ulrich I., aus ihrer Mitte zur Abtwürde. Der erste Verfasser der Akten, welcher während seiner Regierung das Leben beschloss, hat von ihm Einiges der Nachwelt überliefert.

Das Stift erfreute sich unter diesem Abte der glücklichsten Zeiten. Das Ansehen, welches der Konvent genoss, brachte ihm neue Wohlthäter und Gönner zu.

Eglolf2, ein Lenzburger Ritter und somit Dienstmann dieses gräflichen Hauses, legte sein Gut in Chuttingen3, das er von Chunza, einer Matrone von Eggewil, um 15 Talente gekauft hatte, auf den Mutter-Gottesaltar in Muri4, damit wöchentlich dort zwei Messen für die Verstorbenen gelesen würden. Er selbst verzichtete auf das Eigenthum dieses Gutes, empfing es aber sofort von Abt Ronzelin als Lehen, doch so, dass nach seinem Hinscheiden der Abt in Muri nach Belieben mit dem Gute schalte und für die Ruhe seiner Seele am 27. September (I-075) einen Jahrtag halte5. Ronzelin stellte Eglolf einen Revers aus und bestimmte, dass der jährliche Zins dieses Gutes nie vermindert werden dürfe. Der Anonymus nennt den Ritter einen Biedermann (probus) und Freund des Klosters (noster amicus).

Ein anderer Wohlthäter war Herzog Chuonrad, der eine Besitzung in Rheinfelden dem hl. Martinus in Muri opferte. Dieser Konrad ist wahrscheinlich jener, der, aus dem Hause der Zähringer entsprossen, nach dem Tode seines Bruders Berchtold III. im Jahre 1122 als Herzog der Burgunder auftritt und dessen Mutter, Agnes, eine Tochter des Grafen und spätem Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden, war6. Auch der Genealog der Muri-Akten erwähnt ihn7. Nach Damberger starb er am 8. Jänner 11528, und das Hermetschwiler-Nekrologium bat ihn am gleichen Tage mit Majuskelschrift von zweiter Hand eingezeichnet.

Viele Verdienste um Muri erwarb sich auch der edelgesinnte Kastvogt, Graf Adalbert II. von Habsburg. Er schenkte unserm Gotteshause Rechte und Güter bei Bremgarten, brachte ihm das entrissene Dorf Thalwil wieder zu9, war nach Kräften bemüht, dass Graf Eberhard von Nellenburg das Kloster nicht wegen der an dasselbe verkauften Güter im Breisgau betrüge10 und gab auch ein Rebgut von drei Juchart bei Rotweil11 im Breisgau und einen Hof in Göslikon als Unterpfand für ein Anleihen von 50 Talenten12, mit der Bestimmung, dass, im Falle der Nichteinlösung des Pfandes in der Zeit seines Lebens, beide Besitzungen dem hl. Martinus auf ewige Zeiten gehören sollten. Der Weinberg war jedoch von den Feinden des Grafen Adalbert dergestalt verheert, dass dort kein Haus13, keine Rebe und kein Mensch mehr zu finden war und nur der nackte Boden dem Kloster zukam14. Mit grosser Mühe machte das Kloster den öden Grund wieder fruchtbar. Kaum war dies geschehen, und Graf Adalbert mit Tod abgegangen, so wollte (I-076) sein Neffe, Werner III., ein Sohn des 1111 erschlagenen Otto's II. und sein Nachfolger in der Kastvogtei über Muri, das Gut mit Gewalt an sich reissen. Um es zu retten, musste der Konvent die 50 Talente. den Hof in Göslikon und 18 Mannwerk in Schaffhausen (im Breisgau), welch' letztere gleichfalls ein Geschenk des Grafen Adalbert II. waren, zum Opfer bringen. – Derartige Vorfälle mochten den Abt Ronzelin bestimmen, sein Stift unter einen höhern Schutz zu stellen. Muri besass noch keinen vom Papste unmittelbar gegebenen Bestätigungsbrief. Einen solchen nun erlangte Ronzelin von Innocenz II. Dieser Papst hatte auf das Frühjahr 1139 ein ökumenisches Concil (das zweite vom Lateran) ausgeschrieben, auf welchem gegen tausend Prälaten erschienen. Die Synode verurtheilte die Irrlehren Arnold's von Brescia und Peter's von Bruis und erliess strenge Verordnungen in Betreff der Kirchenzucht. Bei dieser Gelegenheit erhielten viele Klöster, zumal aus dem südlichen Deutschland, wie Bregenz (Mehrerau), Murbach, St. Gallen, Pfäfers u. s. w. vom Papste Bestätigungs- und Schirmbriefe15. Auch Muri wurde am 13. April mit einem solchen erfreut, indem das Oberhaupt der Kirche alle damaligen Besitzungen und die, welche es künftig erwerben würde, im Allgemeinen bestätigt, namentlich aber die Schenkungen des Bischofs Werner von Strassburg und des Grafen Werner II. von Habsburg und ihrer Verwandten anerkennt und überdies die freie Wahl eines Kastvogtes und Abtes der Brüderschaft zusichert16. Ob Ronzelin persönlich in Rom war und dem Concil anwohnte, kann nicht erwiesen werden.

Wie für das Materielle, so war der tüchtige Abt auch für das Geistige besorgt. Der Anonymus meldet, dass die sogenannte „obere“ oder Leutpriesterkirche in Muri von ihm mit einer eigenen Büchersammlung (Bibliothek) beschenkt wurde. In derselben befanden sich ein Missale mit den Lektionen und Evangelien, ein vollständiges Nokturnale, ein Graduale, ein Psalterium, das Buch der Könige, 40 Homilien über die Evangelien, ein Benediktionale, ein Hymnen- und Sequenzenbuch17.

Diese Kirche hatte zwei Kapellen, die eine, zu Ehren des hl. Erzengels Michael, die andere zu Ehren des hl. Johannes des Täufers. Letztere verdankte ihre Entstehung einer edelgebornen Matrone, Gerhild, unter Abt Ulrich I. um das Jahr 1100, und wurde von einem Bischofe, Gerold von Rinzin, (I-077) der im Kloster Suavinhusen Mönch gewesen sein soll am 21. März geweiht18.

Auf besagter St. Johannes-Kapelle ruhte indessen kein Segen. Innerhalb 30 Jahren wurde der Altar, der schon anfänglich schlecht gebaut worden, wegen Feuchtigkeit baufällig und musste unter Abt Ronzelin abgebrochen und neu hergestellt werden. „Als wir zu den Reliquien selbst kamen“, schreibt der Chronist, „fanden wir selbe durch die Feuchtigkeit bis auf Ein Gebein gänzlich in Moder übergegangen; allein wir sammelten den vorgefundenen Staub, und Bischof Ulrich II. von Constanz19 legte diese Reste mit den Reliquien des hl. Evangelisten Markus und des hl. Bischofs Nikolaus in den neu gebauten Altar, dessen Weihe er am 24. Dezember 1139 vornahm20.

Abt Ronzelin wurde nach Mittheilung der Hauschronisten am 4. Jänner 1145 vom Tode ereilt. Dieselben preisen zunächst seinen Eifer für Erhaltung der Ordenszucht, seine Klugheit in Abwicklung der mannigfaltigen Geschäfte und seine Festigkeit in Vertheidigung der klösterlichen Rechte21.

In den Tagen Ronzelin's entfaltete sich auch in der Umgebung Muri's ein frisches Leben für Gott und das Heilige; allenthalben rissen sich die Geister von der Anhänglichkeit an das Irdische los und brachten die vergänglichen Güter in hl. Begeisterung dem Welterlöser und seiner Kirche zum Opfer, so dass überall, auf Bergen und in Thälern, jene Menge von Stiften und Klöstern entstand, worüber die heutige Welt in Staunen geräth. So stiftete Lütolf, ein Freier von Regensberg (1130) an der Limmat, 4-5 Stunden von Muri entfernt, das Frauenkloster Fahr22; in den Alpengebirgen gründete Heinrich von Seldenbüren das Kloster Engelberg23 und am Fusse des Passwangs im Juragebirge erhob sich im heutigen Kt. Solothurn das Gotteshaus Beinwil, das Hirschauer-Mönche bevölkerten24. Das Frauenkloster Rügsau im Emmenthal, (I-078) Kt. Bern, tritt in der Stiftungsurkunde des nicht ferne gelegenen Männerklosters Trub im Jahre 1139 zuerst an's Tageslicht25; von Petershausen ziehen 1135 und 1138 Mönche in's Thurgau und besetzen die Zellen des neugestifteten Klosters Fischingen am Hörnl26, und um gleiche Zeit beginnt das Lob Gottes in Alt St. Johann im heutigen Kt. St. Gallen, zu ertönen27.


  1. Die Schreibweise „Rœzelinus“, wie sie die in Aarau liegende Handschrift hat, stammt wahrscheinlich vom Copist des 14. Jahrhunderts her; die Kanzlei in Rom schrieb 1139 „Rozelinus“, aber die zweite Hand des Hennetschwiler-Nekrologiums hat „Roncelinus“.

  2. Ein Egilolfus laicus ist im Hermetschwiler-Nekrologium am 27. Sept. von zweiter Hand eingetragen.

  3. Pfarrdorf bei Aarau.

  4. Häufig legte man damals zur Bestätigung der Gabe einen Rasen oder Erde vom geschenkten Gute auf den Altar.

  5. Acta Mur., Bl. 33 a, b.

  6. Acta Mur., Bl. 33 b.

  7. Acta Mur., Bl. 1 a. „Ille (nämlich König Rudolf, der Sohn des Grafen Kuno von Rheinfelden) genuit Agnetem, matrem Cuonradi ducis“.

  8. Synchron. Geschichte, Bd. VIII., Stammtafel der Zähringer, Beilage I.

  9. Acta Mur., Bl. 28 b.

  10. Vgl. oben S. 56.

  11. Seine Gemahlin Judenta gab in Acharlon zwei Äcker.

  12. Acta Mur., Bl. 35 b, 36 a.

  13. „gasa“ möchte für casa stehen.

  14. Die Verheerungen rührten etwa von dem Streite her, den Lothar II. mit den hohenstaufischen Brüdern seit der auf ihn gefallenen Königswahl (1125) in Süddeutschland ausfocht.

  15. Damberger, Synchron. Gesch. VIII., 267 ff.

  16. Archiv Muri in Aarau; Herrgott, Geneal. II., 161-162; Murus et Antem. III., 4-6; Kopp, Vindiciæ Act., p. 251-253; Quellen zur Schw. Gesch. III., Kloster Muri, S. 111-113.

  17. Acta Mur., Bl. 19, b.

  18. Daselbst. - Möchte das vielleicht jener Chuono sein, von dem das Chronicon Hermanni contr., ed. Ussermanni I., 348, 349 und Migne, Patrol. lat., T. 143, p. 342 sq. spricht, der 1095 Abt in Rheinau war?

  19. Er reg. von 1127-1138, resignirte, zog sich nach St. Blasien zurück und starb um das Jahr 1140. Wahrscheinlich baten ihn die Mönche von Muri in den Zeiten seiner Zurückgezogenheit den besagten Altar zu weihen (v. Mülinen, Helv. sacra I., 9).

  20. Acta Mur., Bl. 19 b.

  21. P. Anselm Weissenb., Ecclesiast., p. 137; Murus et Antem. IV., 25.

  22. Egb. Fr. v. Mülinen, Helv. sacra II., 73.

  23. Daselbst, Bd. I., S. 82.

  24. Daselbst, Bd. I., S. 69.

  25. Egb. Fr. von Mülinen, Helv. sacra II., 88.

  26. Daselbst, S. 89, 90.

  27. Daselbst, S. 100.