Drittes Kapitel. Mangold, zehnter Abt (1195-?1198). Rudolf I., eilfter Abt (1198-?1205). Rudolf II., zwölfter Abt (1205-? 1208). Werner I., dreizehnter Abt (1208-1210).

Am Ausgange des zwölften und am Beginne des dreizehnten Jahrhunderts versiegen die Quellen für die Geschichte Muri's fast gänzlich. Die Reihenfolge der Abte in dieser Periode lässt sich wohl aus den handschriftlichen Einzeichnungen des Hermetschwiler-Nekrologiums errathen, aber wegen Mangel an urkundlichen Belegen oft nicht genau bestimmen.

Einen sichern Anhaltspunkt finden wir erst im letzten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts, indem Konrad von Muri, (I-089) Cantor in Zürich, angibt, Heinrich I. von Remingen sei der neunzehnte Abt von Muri gewesen1. Von diesem Leitsterne geführt und den wenigen einfallenden urkundlichen Lichtern unterstützt, hoffen wir durch das Dunkel dieser Periode hindurchzukommen.

Als zehnter Abt möchte Mangold in Muri regiert haben. Das Hermetschwiler-Nekrologium hat ihn am 1. Mai in der ersten Abtheilung als „abbas“, aber ohne den Beisatz „noster“ (unser), was übrigens auch den zwei folgenden Äbten, den beiden Rudolfen, abgeht2. Dieselbe Hand, welche Abt Mangold in dieses Nekrologium einzeichnete, kommt in einem Kalendarium am Ende des 12. Jahrhunderts öfters vor3. Aus dem Grunde ist die Behauptung Th. von Liebenau's: „Dieser Abt ist der am 1. Mai 1133 verstorbene Abt von St. Gallen“4, wohl sehr gewagt; denn dann müsste er entweder von der ersten oder jedenfalls zweiten Hand und zwar als fremder Abt in zweiter oder dritter Spalte eingezeichnet sein.

Fast dieselben Schwierigkeiten bieten die beiden Nachfolger Rudolf I., Jagemunt, und Rudolf II. Das Hermetschwiler-Nekrologium hat sie am 25. Oktober und 7. März von gleicher kräftiger Hand aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts in erster Spalte eingeschrieben, und zwar jenen mit dem Beinamen „Jagemunt“5. Bedeutet Jagematt und Jagemunt dasselbe, so hätte Abt Rudolf I. seine Wiege in Uri bei Erstfelden gehabt6. Von diesem können wir noch sagen, dass er in zwei Urkunden wenigstens angedeutet ist. Das erste Mal in einem Briefe des Papstes Innocenz III., wornach er in dessen Auftrage mit dem Abte von St. Peter im Schwarzwalde und dem Propste von Werd an der Aare eine streitige Abtwahl zu Allerheiligen in Schaffhausen schlichten sollte7. Bestimmter erscheint Abt Rudolf I. in der Urkunde vom 28. Jänner 1203. Der eben genannte Papst beauftragt nämlich die zwei Äbte von Engelberg und Muri, H.(einrich) und R.(udolf), dass sie die zwei Ritter von Büttikon, E.(berhart) und H.(artmann) durch kirchliche (I-090) Strafen nöthigen8, dem Stifte Beromünster den zugefügten Schaden zu ersetzen. – Dieser Rudolf I. möchte um das Jahr 1205 gestorben sein und Rudolf II. zum Nachfolger gehabt haben. Am 4. September 1207 wurde in Säckingen ein Streit zwischen dem dortigen Frauenkloster und dem Habsburger Grafen Rudolf II. zum Austrage gebracht. Es handelte sich um die Vogteirechte. Die Parteien beriefen vier Abte als Schiedsrichter R.(udolf II.), Abt von Mura9; H.(einrich) von Engelberg, C.(onrad) von Lucell und E.(berhard) von Salem. Ihr Urtheil lautet: „Graf Rudolf II. verwalte die Vogtei mit jener Freiheit, wie Graf Arnold von Baden-Lenzburg10 sie genossen; die Abtissin zahle an die zwei Burgen diesseits und jenseits des Rheines jährlich 10 Pfd. Wachs; die Klosterleute von Säckingen sollen über die Brücke zu Laufenburg Gang und Fuhr haben; komme Graf Rudolf diesem Schiedsspruche nicht nach, so ist das Frauenstift seiner Verbindlichkeit ledig und der Graf ist zur Entschädigung verpflichtet“11.

Dieser Rudolf II. von Habsburg, der Altere, Sohn Adalbert's III., hatte auch die Vogtei Muri in seinen Händen, und das mag auch einer der Gründe gewesen sein, dass Abt Rudolf II. von Muri diesem Schiedsgerichte an die Spitze gestellt wurde.

Noch unsicherer, als die Regierungszeit der drei vorhergehenden Abte, ist die des Abtes Werner I. Wohl wissen wir, dass er um diese Zeit an der Spitze unseres Klosters stand; denn das Hermetschwiler-Nekrologium hat ihn am 8. April klar als Abt von Muri (abbas noster), aber ohne Jahrzahl, und alle bisher bekannten Quellen der Geschichte schweigen über ihn. Die ältesten Hauschronisten weisen ihm die Jahre 1166-1177 irrig als Regierungszeit zu. Den Grund hiefür haben wir früher gehört12. Wir theilen ihm zwei Regierungsjahre, von 1208-1210, zu, weil die seinen Namen in's genannte (I-091) Nekrologium verzeichnende Hand in derselben Zeit schrieb. Mögen unsere Nachfolger in Bezug dieses Abtes bessere Daten auffinden!13

Ein Zeitgenosse der letztgenannten Äbte war der sel. Burkard, Pfarrer in Beinwil bei Muri, der nach der Überlieferung in Langenmatt, Pfarrei Muri, geboren wurde und seine erste religiöse und geistige Bildung im Kloster Muri erhalten hatte14. Hartman Rinseler15, welcher die Collatur der Pfarrkirche von Beinwil in den Händen hatte und selbe am 20. Jänner 1239 an das Kloster Kappel verschenkte, stiftete schon um das Jahr 1228 ein Licht bei St. Burkard16. Andere aus der Umgebung folgten bald dem Beispiele des Stifters und trugen ebenfalls zu dieser Lichtstiftung bei17. Hans Sachs von Wiggwil gab Geschenke mit seiner Hausfrau und Andern an den St. Burkardskelch um das Jahr 1429, und Heinrich Imhof, Leutpriester in Beinwil, vergabte 1430 an den St. Burkard's Bau 10 Mütt Kernen etc.18. Der Tod des Seligen erfolgte um das Jahr 1200 am 30. Juni19. Sein Grab stand beim Volke stets in hohem Ansehen. Selbst die Reformation, welche das Kloster Kappel 1526/1527 vernichtete und demnach das Collaturrecht in die Hände der protestantischen Regierung legte, vermochte die Verehrung zu dem seligen Priester nicht zu beseitigen. Dieselbe wurde erhöht, als das Kloster Muri den Beinwiler-Kirchensatz von der Familie Holdermaier in Luzern 1614 kaufweise an sich brachte20. Burkard priesen mehrere gelehrte Männer und legten für sein heiliges Leben Zeugniss ab21. Papst Clemens XII. bestätigte am 4. Juni 1735 die im Jahre 1586 zu Ehren der hl. Apostel Peter und Paul und (I-092) des sel. Priesters Burkard in Beinwil errichtete Bruderschaft und beschenkte sie mit vielen hl. Ablässen; am 6. Sept. 1784 wurden seine Gebeine feierlich mit bischöflicher Bewilligung erhoben, und am 22. März 1817 erlaubte Rom auf Grund siebenhundertjähriger öffentlicher kirchlicher Verehrung zu Ehren des Seligen in der Pfarrkirche zu Beinwil die hl. Messe zu lesen und die priesterlichen Tagzeiten zu beten22.


  1. Gefäll. Mittheil. von Dr. Theod. von Liebenau.

  2. Vgl. den 7. März und 25. Oktober.

  3. Hdschr. in der Bibliothek in Gries.

  4. „Adler“, Jahrgang XV., S. 112.

  5. Murus et Antem. IV., 31.

  6. Geschichtsfrd. XXI., 306; XXVII., 334.

  7. Stephanus Ballucius, Epist. Innocentii III., 349 („de cella s. Petri, Mitren abbatibus et preposito Werden“). Unter „Mitren“ versteht Fr. Hurter (Papst Innocenz III., Bd. I., 289) das Kloster Muri (briefl. Mittheil. im Arch. Muri in Gries).

  8. Abgedruckt in Migne, Patrolog lat., T. 217, p. 99 ff. – Hartmann erscheint als Ministerial von Lenzburg im Jahre 1201 (Kopp, Geschichte d. eidg. B. II., 3, 438). Beide Brüder hatten den Besitz der Chorherren in Beromünster gewaltsam angegriffen und eine Burg auf deren Grund erbaut.

  9. Weil die Murichronisten des vorigen Jahrhunderts den Ausdruck „R. abbas de Mura“ nicht zu deuten wussten, so theilte die fürstliche Kanzlei am 4. Juli 1783 dem Kloster Muri aus der Urk. ein Facsimile mit (Arch. Muri in Gries A. I. II.). Auch P. Mauriz van der Meer fand das R in der Urk. unzweifelhaft (Herrgott, Geneal. II, p. 209).

  10. Mit diesem Arnold starb das lenzburgische Geschlecht aus 1172 (Quellen zur Schw. Gesch. III., Kloster Muri, S. 12).

  11. Neugart, Episc. Const. II., 171; Herrgott, Geneal. II., 209; Gerbert, h. n. s. III., 30.

  12. S. oben, S. 80.

  13. Holzherr irrt wohl in seiner Geschichte der Abtei Zwiefalten, wenn er S. 32 Anm. 1 Efrid, einen Mönch aus Zwiefalten, 1212 Abt in Muri sein lässt.

  14. Huber, Züge aus dem Leben des sel. Priesters Burkard, und gedrucktes Summarium über die Approbation des Cultus.

  15. Arch. Muri in Aarau; Kurz und Weissenbach (Beitr, I., 131) lasen unrichtig „Riessler“ und das älteste Jahrzeitbuch in Beinwil hat sogar „Viseler“ für Rinseler.

  16. Jahrzeitbuch Beinwil, Bl. 37, am 16. Mai; Huber, Züge aus dem Leben des sel. Burkard, S. 9.

  17. Ita, Rudolf's von Nufurens Hausfrau, Konrad Pfister von Winterschwil (l. c.).

  18. P. Aug. Stöcklin, Miscellanea, p. 360, 361.

  19. Andere setzen den Sterbetag auf den 20. August. Das Sterbebuch von Beinwil hat ihn am 30. Juni: „Dominus Burkardus plebanus in Beinwil obiit, per quem Dominus multa signa fecit et facit usque in hodiernum diem“.

  20. Die Familie Holdermaier erwarb den Kirchensatz von Beinwil 1585 durch Tausch von der Züricher-Regierung.

  21. So Cysat, Rathschreiber in Luzern (Sammlungen, Bd, III., S. 524); P. Aug. Stöcklin, Konventual von Muri und Fürstabt in Disentis; P. Heinrich Murer, Karthäuser in Ittingen (Helv. s. S. 158); die Bollandisten (Band IV., S. 827 ff.). Placidus Weissenbach, Präsident der Bezirk-Schulpflege in Bremgarten (Schlussbericht für das Schuljahr 1851/52, S. 56) glaubt, der selige Burkard habe lange vor dem 13. Jahrhundert gelebt.

  22. Huber, Züge, S. 12, 13, 15.