Achtes Kapitel. Leben und Wirken der Muri-Religiosen im 12. und 13. Jahrhunderte.

(I-125) Näherte sich der Wanderer im 13. Jahrhunderte dem Kloster Muri, so mochte er wohl glauben, eher in eine Burg, als in ein Gotteshaus einzutreten. Die Urkunde vom 1. März 12791 hat nämlich den Ausdruck „in der Burg des Klosters“. Weil in einem spätem Aktenstücke von einem Walle oder Graben („vallum“), der sich auf der westlichen Seite um das Kloster zog, die Rede ist, so müssen die Worte „in arce monasterii“ in dem Sinne „burgartiges Kloster“ verstanden werden, indem von einer besondern Burg, die Muri damals besessen hätte, nicht die geringste Andeutung vorhanden. Der südwestliche Thurm der Klosterkirche, der zufolge der gekuppelten Rundbogenfenster und der hohen und schmalen Rundbogenblenden aus dem 13. Jahrhundert stammt, sagt uns heute noch, dass die rings um ihn aufgerichteten Gebäude eine entsprechende Grösse, Ausdehnung und Ansehnlichkeit gehabt haben werden. Wer aber zu jenen Zeiten innerhalb der Einfriedungsmauern trat, hörte nicht Waffengeklirr, sondern das erhebende Chorgebet ruhig bei einander lebender Benediktiner, die ihren Wahlspruch: „Ora et labora“ (bete und arbeite), nach Kräften zu verwirklichen suchten. Muri war noch immer mit der Congregation von Hirschau und St. Blasien, die Cluny's Satzungen befolgte und sich über fast ganz Deutschland ausgedehnt hatte, verbunden. Diese Congregation entfaltete ihre Wirksamkeit am schönsten im 12. Jahrhunderte2. Ihre Mitglieder unterschieden sich von den Cisterciensern durch die schwarze Kleidung, während diese eine weisse Kutte mit gefärbtem Scapuliere annahmen3. Allein schon im 13. Jahrhunderte schwand die Disciplin der Congregation in Deutschland. Die politischen Wirren daselbst wie auch in Italien übten auf die Benediktinerklöster einen verderblichen Einfluss. Hirschau und St. Blasien waren aus ihren Rollen gefallen und mussten vor dem neu aufstrebenden Fulda zurücktreten. Abt Heinrich von Fulda erliess daher 1292 an die deutschen und französischen Benediktinerklöster ein Rundschreiben, worin er die Äbte zu einer Generalversammlung einlud. Das Schreiben beklagt zugleich (I-126) den Verfall des ehemals hochgeachteten Ordens, den mehrere Abgeordnete aus Rom bisher umsonst durch Wort und Schrift zu heben versucht hätten. Schon als Primas der deutschen und gallischen Benediktiner4 fühlte sich Abt Heinrich verpflichtet, die Äbte, oder wenn Klöster keinen Abt haben, deren Prioren um sich zu versammeln; dann gibt er noch als Grund dieser Einladung einen Concilienbeschluss an, der verlangt, dass alle drei Jahre in den einzelnen Provinzen solche Generalkapitel abgehalten werden. Die deutschen Klöster (von den gallikanischen geschieht keine Erwähnung mehr) anerkannten die Stellung Heinrich's als Primas, traten in Zwiefalten am Vorabende von St. Johann 1292 zu einer Vorbesprechung zusammen und baten ihn, die Versammlung nach Fulda auf einen bestimmten Tag auszuschreiben. Abt Heinrich bezeichnete hie für den 1. Mai des folgenden Jahres. Die Versammlung hatte wirklich stattgefunden, war von allen Klöstern deutscher Nation besucht; aber leider sind die Verhandlungen verloren gegangen5. Albert I., Abt von Muri, wird am 1. Mai 1293 wohl sicher in Fulda erschienen sein. Wir glauben aber nicht, das Sinken der Disciplin in den Klöstern Muri und Hermetschwil sei so stark gewesen, wie es in dem Rundschreiben des Abtes Heinrich von den Benediktiner Klöstern überhaupt geschildert wird. Dagegen spricht das Ansehen, welches die Muri-Äbte dieses Jahrhunderts allenthalben genossen, wie Peter, der Ehrwürdige, Rudiger, Heinrich I. und Albert I.; dagegen spricht auch das wachsame Auge genannter Äbte, welche, wo die eigene Kraft zur Erhaltung der innern Disciplin nicht ausreichte, sich nicht scheuten, die Hilfe einer höhern kirchlichen Behörde anzurufen. So erhielt Abt Rudiger am 21. April 1247 jene kraftvolle Bulle von Papst Innocenz IV.6, welche aber nicht so fast auf einen Zerfall der Disciplin im Murikonvente hindeutet, als vielmehr ausspricht, wie dieselbe besser bewahrt werden könne. Doch das Schreiben, welches Bischof Eberhard von Constanz auf ein Bittgesuch des Abtes Heinrich I. von Muri am 1. Mai 1265 an die Nonnen von Hermetschwil erliess, ist etwas schärfer, obwohl voll Liebe und Rücksicht, und lässt durchblicken, dass die Frauen in der Beobachtung der hl. Regel lau geworden seien. „Die Frauen sollen jeden Tag“, (I-127) befiehlt der Bischof, „und an allen Festen zur bestimmten Zeit das betreffende Officium (Tagzeiten) mit geziemender Andacht beten und Christus loben und preisen. Nach der Arbeit werden sich alle ohne Lärm zum gemeinschaftlichen Tische begeben und mit dem, was ihnen nach Zeit- und Tagesverhältnissen vorgesetzt wird, zufrieden sein, indem sie die überflüssigen Worte meiden und das Nöthige durch Zeichen begehren. Ist das Essen beendigt, so erhebe sich jede mit Anstand, ohne Murren, und preise Gott für die empfangenen Gaben. In den der Arbeit gewidmeten Stunden soll keine müssig sein; jede beschäftige sich mit dem, was zum gemeinen Besten ist. Jedoch sollen jene Frauen, welche seit Langem an solche Arbeit gar nicht gewöhnt sind, nicht gezwungen, wohl aber dazu ermahnt werden. Dass man ununterbrochen der Arbeit obliege, ist nicht nöthig; eine Erholung sei gestattet, damit keine Erschlaffung eintrete. Daher dürfen sie innerhalb der Klostermauern durch die Gemüse- und Obstgärten lustwandeln, aber bei verschlossener Thüre, die gegen die Landstrasse geht. Dieses Thor darf mit Erlaubniss der Meisterin nur Religiosen oder den Eltern der Nonnen oder gut beleumundeten Personen zu bestimmten Stunden geöffnet werden. Nach vollendeter Arbeit übergeben sich alle Frauen im Dormitorium in besondern Betten, bei verschlossenen Thüren der süssen Ruhe, indem sie das Stillschweigen beobachten und den Tag erwarten, um Gott in seinem Dienste wieder zu preisen. Dreimal in der Woche sollen sie um die sechste Stunde Abends oder nach beendigten Tagesgeschäften im Kapitelhause zusammenkommen, damit jede ihre Vergehen freiwillig offenbare und nach der Grösse der Schuld und nach Beschaffenheit der Person eine angemessene Busse zum Lobe und zur Ehre des allmächtigen Gottes und der seligsten Jungfrau und Mutter Maria zur Befreiung von den zeitlichen Sündenstrafen und zur Erlangung des innern Seelentrostes im Hinblicke auf die zu erwartende Belohnung erhalte“7. Schliesslich wird denjenigen Frauen die Exkommunikation angedroht, welche hartnäckig gegen diese Vorschriften handeln8.

Dürfen wir die Vergabungen, die an Klöster gemacht werden, als Masstab für die Beobachtung ihrer Disciplin annehmen, (I-128) so sprechen selbe stark zu Gunsten der zwei Gotteshäuser Muri und Hermetschwil. Von Muri erinnern wir nur an die grossartige Stiftung Ritter Heinrich's von Wangen (1279)9. Zahlreicher sind noch die Geschenke, welche die Frauen von Hermetschwil im 13. Jahrhunderte erhielten. Ihr ältestes Nekrologium weist Seite 121 und 122 viele solcher Gaben aus dieser Zeit auf. Heinrich, genannt Vislare, schenkt mit seiner Frau Agatha am 29. Dezember 1243 der seligsten Jungfrau Maria und dem hl. Nikolaus in Hermetschwil für ein Licht einen Acker auf der Insel Bremgarten; Chuno, ehemals Pfister der Klosterfrauen, gibt 10 Schillinge; Konrad an der Haltun und seine Erben vergaben einen Schilling auf das Fest des hl. Martin; Heinrich und Hartmann von Büttikon geben ein Malter Getreide auf das St. Gallenfest; Walther und seine Frau von Hendschikon widmen ein Viertel Korn; Uticha von Bremgarten schenkt sogar einen Hof in Widen bei Eggenwil.

Herrscht in einem Kloster die Thätigkeit, und werden die Wissenschaften gepflegt, so dürfen wir darauf rechnen, dass dort auch Ordnung und Zucht bestehe. Die Überreste, die aus den vielen über Muri und Hermetschwil gekommenen Missgeschicken vom 12. und 13. Jahrhunderte gerettet wurden, lassen erkennen, dass die Liebe zu den Wissenschaften diese Zeit hindurch ungeschwächt in Muri bestanden habe.

Durchforschen wir in der Kantonsbibliothek in Aarau die 243 Muri-Handschriften, so finden wir Manches, was aus diesen Jahrhunderten stammt10. Und doch sind von den Handschriften, welche bis 1841 in Muri und Hermetschwil waren, nur wenige nach Aarau gekommen. Glücklicherweise haben P. Anselm Weissenbach, der gelehrte Baron Zurlauben und P. Gall Morel uns Verzeichnisse und Beschreibungen dieser alten Handschriften hinterlassen. P. Anselm sagt11: „In unserer Bibliothek befinden sich noch einige handschriftliche Werke, die in Gold und Farben zierliche Bilder haben“. Zuförderst rühmt er dann eine Bibel, das alte und neue Testament vollständig enthaltend, welche Frater Johannes Grusch 1267 schrieb und mit Zeichnungen und schön colorirten Bildern versah. „Die herrlichen Buchstaben dieses Werkes“, bemerkt P. Anselm, „erregen fast den Neid heutiger Buchdruckerkunst“. Und welche Mühe kostete es nicht den Murikonventualen, um den Nonnen in Hermetschwil die heilige (I-129) Regel und das Martyrologium zu schreiben, welche zwei Theile dem ältesten Nekrologium beigebunden sind, das Direktorium für sie abzufassen, wovon noch Bruchstücke vorhanden, die Psalmenbücher und Breviere zu schreiben, aus deren aufgefundenen Theilen wir den Fleiss der damaligen Mitbrüder bewundern12.

Baron Zurlauben rühmt nebst andern Handschriften besonders das „Chronicon Murense“ und den Fleiss, womit die Mönche dasselbe abschrieben. Mit ihm preist auch P. Gall dieses historische Werk (copirt im 12. Jahrhunderte), dem mehrere lateinische Gedichte vom 13. und 14. Jahrhunderte beigegeben sind. Dann erwähnt dieser gelehrte Religiose aus dem „finstern Walde“ noch mehrere Breviere aus dem 13. Jahrhunderte, die er 1838 noch in Muri eingesehen hatte13. - Man vergesse nicht, dass in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auch jener Anonymus in Muri lebte, der die Acta Murensia umarbeitete und ihnen jene Form gab, in der sie heute noch vorliegen14, und dass derselbe oder ein anderer Mönch gleichzeitig jene bekannte Genealogie des habsburgischen Hauses zusammenstellte, welche an der Spitze der Acta steht, für oder gegen welche viele Gelehrte geschrieben haben15. - Abt Heinrich I. von Muri haben wir bereits als deutschen Dichter kennen gelernt16. P. Fridolin Kopp liess sechs lateinische Gedichte auf König Rudolf I. von Habsburg abdrucken17. Fünf derselben werden Konrad von Muri, Cantor in Zürich, zugeschrieben. Allein eines hievon, das fünfte, stammt von einem Andern her. P. Fridolin gibt ihm die Aufschrift: „Item alii versus cuiusdam in laudem Rudolfi regis“ (ferner andere Verse eines Gewissen zum Lobe König Rudolf's). Stil und Versbau (Doppelreime) weichen stark von der Schreibweise Konrad's ab und lassen einen Mönch als Verfasser erkennen. Dr. Hermann von Liebenau hatte wohl recht, wenn er diese 62 Verse, welche in einem Akrostichon die Worte: „Rudolfus, divino nutu Romanorum rex, semper augustus. Amen“ aussprechen, von Abt Heinrich I. herkommen lässt, um so mehr, da er mit Konrad von Muri in enger Verbindung stand, und beide ihre Arbeiten mit einander austauschten. Der Verfasser besagter (I-130) Verse legt eine hohe dichterische Begabung und eine gründliche Kenntniss der lateinischen Sprache an den Tag; als einen Mann von solcher Beschaffenheit haben wir aber Abt Heinrich kennen gelernt. Das Gedicht beginnt:

Roma tacens, depressa jacens, caput erige, vultum Verte polo, consurge solo, tristemque tumultum Despicias, nec deficias, tibi fert bona plura, Orta dies redit, ecce quies, fugit anxia cura. Lauda virum, cane per girum, qui gaudia prsestat, Fortis herus, qui sincerus diademata gestat,“

Schweigendes Rom, bis zum Staube gebeugt, erhebe das Haupt, und Wend' dich der Sonn' zu, verlassend die Schmach, und dem Jammergeheule Kehr' den Rücken getrost; denn sieh', der Tag ist gekommen, Der das Beste dir bringt – die Ruh', verscheuchend die Sorgen. . Singe dem Manne das Lob ringsum, der Freuden dir bietet. Heldensinn und Reinheit besitzt, und als König geziert ist.

Mit Recht schliessen wir von den Männern, die aus derselben Schule hervorgegangen, auf die Schule selbst zurück. Oben genannter Konrad, Sänger in Zürich, war in Muri in der Nähe unseres Klosters um das Jahr 1210 geboren. Allgemein wird gesagt, dass er, wie auch Heinrich I. von Remingen, mit dem er befreundet, die Anfangsgründe der Wissenschaften in Muri erhalten habe18. Als Beweis möchte uns dienen, dass Konrad als Meister der freien Künste, als gekrönter Dichter und „Doctor Decretorum“ dem Abte und Konvente von Muri von 1243 bis zum Ende des Lebens sich stets dankbar und dienstbereit zeigte, dass er ihnen als „seinen Herren“ (dominis), wie er sie nennt, das schönste seiner Werke, „Summa de arte prosandi“, widmete und dass er in dieser Zueignung, die 1275 geschah, eine besondere Vorliebe für Muri und eine genaue Kenntniss von dessen Hausgeschichte an den Tag legt, indem er den damaligen Abt Heinrich I. als den XIX. seit der Stiftung Muri's hinstellt19. Vor seinem Tode, der am 16. März 1281 (I-131) erfolgte, schenkte er an die Kirche von Hermetschwil eine Mark Silber20. Eine zierliche Hand trug seinen Namen in das dortige Nekrologium mit Hervorhebung ein. Nebenbei sei gesagt, dass alle Hände, welche die Namen der Verstorbenen in das Hermetschwiler Nekrologium eintrugen oder Vergabungen einzeichneten, eine grosse Gewandtheit im Schreiben verrathen. Dass aber die Priester des Murikonventes aus dieser Zeit nicht hätten schreiben können, wie es nach zwei Urkunden (1291 und 1297) in St. Gallen der Fall war21, ist uns nie vor die Augen gekommen. Im Gegentheile können wir aus dem 13. Jahrhunderte einen Mönch unseres Konventes anführen, Tiethardus, der die Knabenschule leitete und Doktor war; denn am 24. August steht er im Hermetschwiler-Nekrologium als monachus und magister22 eingetragen. Daraus geht klar hervor, dass die Wissenschaften bei aller Ungunst der Verhältnisse damals in Muri fleissig gepflegt wurden, dass die Mitglieder des Konventes selbst an der Spitze der Schule standen, eine grosse Thätigkeit im Innern entwickelten und so den besten Beweis für ihre gute Disciplin lieferten.

Wer uns hiebei die Frage entgegen hält: wie es komme, dass in den Urkunden von 1285 und 1288 ein H., Pleban in Urtichon, als Notar von Muri erscheine23, der möge wissen, hier handle es sich um einen Mann, der im Namen des Klosters amtliche Schreiben abfasste und ausfertigte.

Die Urkunde vom Jahre 1288 nennt aus dem Konvente Muri's ausser dem Abte noch zwei Würdenträger – den Custos und Kellner. Der Propst (Ökonom) wird der Verhandlung nicht angewohnt haben. Von den zwei andern Kapitularen, welche als Zeugen genannt sind, stammte der eine aus der Pfarrei Muri und der andere, Ulrich, aus Bilstein24.

Wir finden im Hermetschwiler-Nekrologium am 22. Febr. Hartmann (m. n. congr.) als „Prior“ eingezeichnet. Daraus schliessen wir, im 13. Jahrhunderte habe dem Konvente unter der Leitung des Abtes ein Prior vorgestanden. Er ist aber seit der Stiftung der erste und bis 1440 der letzte, der in öffentlichen Akten als solcher aufgetaucht ist. Dies ist ein neuer Beweis, wie sehr die Äbte des 13. Jahrhunderts in Muri für die Erhaltung der Disciplin besorgt waren; denn die Bursfelder-Congregation (I-132) bezeichnet im 15. Jahrhunderte als eines der wichtigsten Statuten, dass die Abte ihren Konventen wieder Prioren vorsetzten.

Als letzten Beweis für das Blühen des religiösen Lebens in Muri im 12. und 13. Jahrhunderte führen wir die Thatsache an, dass mehrere Mitglieder der zwei Gotteshäuser Muri und Hermetschwil sich in abgesonderte Zellen zurückgezogen und als „Abgeschlossene“ (inclusi oder inclusæ), ähnlich den Karthäusern, erbaulich lebten. Gleichzeitige Aufzeichnungen, dass mehrere Religiosen diese Lebensweise in Muri geführt haben, besitzen wir nicht, es sei denn, dass jene zwei Laien, welche im Hermetschwiler-Nekrologium am 25. Februar und 21. Dez. als „inclusi“ (Klausner) eingeschrieben sind, zum Kloster Muri gehört hätten. Indessen behaupten unsere Hauschronisten der letzten Jahrhunderte25 entschieden, unter Abt Kuno und später habe die Lebensweise der „Abgeschlossenen“ in Muri geblüht. Bestimmtere Anhaltspunkte haben wir aber von den Nonnen in Hermetschwil; denn das älteste Nekrologium hat drei Mitschwestern in erster Spalte als „Abgeschlossene“ eingezeichnet: Machtild (6. Februar), Gertrud (22. Februar) und Richenza (24. April). Noch fünf andere sind in 2. und 3. Abtheilung eingeschrieben. Wülperz, ein St. Blasianer-Mönch, schildert nach hinterlassenen Schriften unseres Mitbruders, P. Augustin Stöcklin, der 1641 als Fürstabt von Disentis starb, das Leben der „Abgeschlossenen“ also: „Ihre Wohnung war ans Steinen gebaut, mass nach der Länge und Breite je 12 Fuss und hatte drei Fensterlein, wovon eines gegen den Betchor der Kirche gerichtet war, um dem Gottesdienste beiwohnen zu können und um die heilige Kommunion zu empfangen, durch ein anderes, diesem gegenüber, wurden die Speisen verabfolgt und das dritte diente zur Aufnahme des Lichtes. Das letzte war entweder durch Glas oder durchsichtiges Horn geschützt. Die für die Entgegennahme der Speisen bestimmte Öffnung war gleichfalls geschützt, konnte aber durch ein Brett auch ganz verschlossen werden; jedoch für den Obern war eine Öffnung gelassen, damit er den Lebenswandel des Abgeschlossenen beobachten konnte. Dieser hatte in seiner Zelle zwei Gefässe, einen Topf und einen Becher und dazu ein Handtuch. Um 9 Uhr stellte er den Topf und Becher in das Speisefenster. Um 12 Uhr sah er nach, ob das Mahl für ihn bereitet sei. War es gerüstet, so setzte er sich an das Fenster und ass und trank. Nach beendigter Mahlzeit überliess er die Überbleibsel dem „Aufwarte“, unbekümmert für den folgenden Tag. Fehlte ihm jegliche Speise (I-133) für das Mittagessen, so gab er sich zufrieden, verrichtete das übliche Dankgebet und blieb nüchtern bis zum folgenden Tage. Am Montag, Mittwoch und Freitag fastete er bei Wasser und Brod, sonst erhielt er einen Gang, bestehend in Fastenspeisen, wozu an den höchsten Festtagen Birnen und anderes Obst oder auch Milch kam. Nach Gewohnheit trugen die Abgeschlossenen die Kutte und den Chormantel, worin sie auch schliefen. Drückte sie die Winterkälte, so legten sie auch mit Erlaubniss des Obern oder des Beichtvaters einen Pelz an, um so mehr, weil sie keine Reizmittel in ihrer Zelle hatten. Das Kopfkissen war mit Laub oder Meergras gefüllt“.

„Das Stillschweigen beobachteten sie ohne Unterbrechung, ausgenommen nach drei Uhr, wenn sie mit dem Beichtvater sprachen. Täglich beteten sie siebenmal 50 Vater unser und Ave Maria; das „Veni, sancte Spiritus“ sprachen sie zur Ehre der seligsten Jungfrau Maria und zum Troste der armen Seelen, so oft sie konnten. Wer die Psalmen auswendig wusste, betete täglich eine Nokturn (50 Psalmen), sonst aber 300 Vater unser. Die hl. Kommunion empfingen sie täglich“.

Wülperz fügte diesem Berichte des Fürstabtes noch bei: im Kloster Berau bei St. Blasien sei eine „Abgeschlossene“, Agnes, im Rufe der Heiligkeit gestorben, und bemerkte noch, dass sogar in's Nekrologium des Klosters Sion bei Klingnau im 13. und 14. Jahrhunderte solche „Abgeschlossene“ eingezeichnet worden seien26.

P. Anselm Weissenbach27 erwähnt noch einer andern religiösen Übung in Muri, die aus uralten Zeiten stammte und bis zum Jahre 1655 währte, – nämlich die der öffentlichen Geisslung. Sie wurde am Charfreitage vor dem Grabe Christi unter der Leitung des Klosterceremoniars vorgenommen. Das Volk strömte bei diesem Anlasse zahlreich zusammen. Die Geissler waren vermummt und in weisse Linnen gehüllt. Wenn Viele der Anwesenden schon Thränen der Reue und Busse vergossen, so machten doch verschiedene Gründe die Beseitigung dieser öffentlichen Bussübungen wünschenswerth. Die Wurzel ihrer Entstehung möchte in's 13. Jahrhundert zurückgehen, indem der Dominikanerorden diese alte Bussdisciplin wieder stark in Aufnahme brachte28. Ein besseres Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes beim Volke bot unseren Mönchen der Beichtstuhl in der Klosterkirche. Wer immer wollte, konnte Rath und Trost da (I-134) suchen. Der Custos hatte als Pfarrer das innerhalb der Klostermauern wohnende Gesinde zu besorgen. Ebenso hatte der Abt die Pflicht, darauf zu sehen, dass die Nonnen in Hermetschwil geistig gepflegt werden; auch musste er laut Stiftung darauf achten, dass von seinem Konvente der vorgeschriebene Gottesdienst in den inkorporirten Kapellen St. Martin in Boswil, St. Anna in Wohlen und St. Nikolaus in Hermetschwil gehalten werde. Die Messen in den zwei Kapellen zu Walenswil und Aristau hingegen hatte der Leutpriester in Muri zu lesen.

Den Pflichten der Confraternität, welche die Äbte Wilhelm, Uto und Luitfrid um das Jahr 1090 mit einander eingingen29, wird der Konvent von Muri im 12. und 13. Jahrhunderte, nach dem Nekrologium von Hermetschwil zu schliessen, treulich nachgekommen sein.

Den leiblichen Unterhalt empfingen die Mitglieder vom Abte, den sie aber an dem gemeinsamen Tische30, wie auch Bischof Eberhard von Constanz es den Nonnen von Hermetschwil anempfehlen hatte, genossen. Die Gewohnheit, das Einkommen der Jahrtage und Anderes unter die Mönche zu vertheilen, wurde laut Urkunde vom 8. Februar 1275 immer fortgesetzt31. Diese Vertheilungen (Präbenden) können wohl mit dem in einigen Klöstern heute noch üblichen Peculium der Mönche verglichen werden, jedoch mit dem Unterschiede, dass ehemals das Vertheilte grösstentheils in Naturalien anstatt in Geld bestand. Das Gleiche ist auch unter dem in Hermetschwil schon im 13. Jahrhunderte vorkommenden Ausdrucke „Watschar“32 zu verstehen. Daraus ist auch erklärlich, warum Bischof Eberhard in seiner Urkunde vom 1. Mai 1265 den widerspänstigen Frauen zuerst das Betreffende des Einkommens abschnitt und dann erst sie von der Gemeinschaft ausschloss33. Das Gefährliche lag in diesen Präbenden aber darin, dass man in einzelnen Klöstern von kleinen Vertheilungen zu grössern überging, und die einzelnen Mönche dann einen gesonderten Haushalt nach Art der Kanoniker einrichteten, was häufig eine starke Lockerung der Disciplin, wenn nicht gar den Untergang des Klosters, zur Folge hatte.


  1. S. oben, S. 116.

  2. Mauriz van der Meer, Tractatus de Congregationibus (Arch. in Gries); Gerbert, hist. nigræ silvæ I., 380 ff.

  3. Gerbert, hist. n. s. I., 344.

  4. Der Abt von Fulda erhielt diese Würde als Primas durch Germanien, Gallien und Arelat im Jahre 968 (Freiburger Kirchenlexikon, II. Aufl., 4. Bd., S. 2105, Fulda). Dieses Recht, Generakversammlungen auszuschreiben und denselben zu präsidiren, werden die Äbte von Fulda auch in den Zeiten des hl. Wilhelm behauptet haben.

  5. Tractatus de Congregationibus (Muri-Gries Hdschr., S. 52, 53).

  6. S. oben, S. 104.

  7. Jeder Gebildete weiss, dass diese in allen gut geordneten Klöstern üblichen Wochenkapitel keinen sakramentalen Charakter haben, also kein Bussakrament sind, wodurch die eigentliche Sündenschuld erlassen wird. Die Wochenkapitel dienen zur Erhaltung der klösterlichen Zucht und Ordnung; in diesen sollen wirkliche Sünden gar nicht kund gegeben werden, sondern nur Fehler gegen die Klosterordnung und Unvollkommenheiten.

  8. Arch. Muri in Aarau; Annales, p. 230, 231.

  9. S. oben, S. 116.

  10. So z. B. „Parapleastes“, die vier Evangelien, Neumen (Ave Maria Virgo etc.), Sermones de tempore, Sermones de Sanctis et virtutibus theologicis etc.

  11. Ecclesiast., p. 610.

  12. Arch. Muri in Gries.

  13. Gefällige Mittheilungen.

  14. Quellen zur Schweizer Geschichte, III. Bd., Kloster Muri.

  15. Dominik Tschudi, Origo et Geneal. h.; Herrgott, Geneal. habsb., 3 Bände; Kopp Fridolin, Viudiciæ Actorum etc.

  16. S. oben, S. 118.

  17. Vindiciæ Actorum Murensium, p. 305-318.

  18. Vgl. Theod. v. Liebenau, Konrad's „Clipearius Teutonicorum, S. 6 ff; Kurz und Weiss., Beitr, I., 509; Herrgott, Monum. II., 280.

  19. Diese merkwürdige Dedikation lautet: „Honorabilibus in Christo dominis suis Heinrico Dei ordinatione post fundationem monasterii Murensis XIX° abbati totique conventui eiusdem monasterii sancti Benedicti, diœcesis Constantiensis, magister Conradus, Cantor Turicensis Ecclesiæ eiusdem diœcesis, vitam bonam et exitum beatum“. Ferner bittet Konrad den Abt und Konvent, seiner im Gebete zu gedenken. Diese Nachricht kommt aus einer Handschrift des Klosters Diessen in Bayern und ist abgedruckt in den „Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte“, Bd. IX., 1, S. 403-482, München, 1863 (Mittheil. von Dr. Theod. v. Liebenau).

  20. „XVII. Kal. Apr. obiit Conradus custos, Canonicus Thuricensis Ecclesie. Qui contulit huic ecclesie Marcam argenteam pro remedio anime sue“.

  21. Wartmann, Urk. B., Nr. 1074 und 1100.

  22. Quellen zur Schweiz. Gesch., III. Kloster Muri, S 156.

  23. Jahrbuch für Schweizerische Gesch. X. Bd., 123.

  24. Am 22. Dezember lesen wir im Herm. Nekr.: „Ul. de Bilstein, m. n. c. obiit“. - Billstein sind drei Höfe in der Pfarrei Langenbruck, Kt. Baselland.

  25. P. Anselm Weissenbach, Eccles., p. 13; Murus et Antem. IV., 27, 28.

  26. Arch. Muri in Gries A. I. I.

  27. Eccles., p. 329, 330.

  28. Raumer, Gesch, der Hohenstaufen III., 588, 586.

  29. S. oben, S. 63, 64.

  30. S. oben, S. 127.

  31. P. Aug. Stöcklin, Miscellan, S. 120: „salva nihilominus sibi et fratribus prebende consuete legitima portione“.

  32. Vgl. ältest. Herm. Nekrol., S. 27: „Ditz ist miner vroven watschar, daz hie nach geschrieben stat“. Dann folgen die verschiedenenen Mütt Kernen, welche die Frauen in Wohlen, Boswil etc. bezogen.

  33. „a stipendiis prebende suspendatur et eiiciatur“.