Sechstes Kapitel. Fortsetzung. Abt Konrad II. als Ökonom und Vertheidiger der klösterlichen Rechte.

(I-180) Die letzten Kriege mit den Eidgenossen hatten bewiesen, dass offene Orte, ja selbst Burgen1 grossen Gefahren ausgesetzt seien und keine Sicherheit bieten. Stifte und Dörfer schlossen daher, um sich zu schützen, mit grössern Städten Burgrecht, wie der Bischof von Constanz im Jahre 1385 mit der Stadt Zürich2, das Kloster Frauenthal mit Zug3, die Dörfer Weggis, Vitznau und Gersau (1396) mit Luzern4. Gleiches that Muri mit dem Städtchen Bremgarten. Weil dieses auf drei Seiten von der Reuss umflossen, so bot es eine bedeutende Festigkeit und zu dem war es vom Kloster nur zwei Stunden entfernt. Die dortige Bürgerschaft ertheilte unserm Gotteshause das Burgrecht am 10. April 1397, indem sie erklärte, die Häuser und Leute des hl. Martin zu Muri in ihrer Stadt von den gewöhnlichen Lasten der Bürger, wie auch den Konvent vom Zolle zu befreien. Dafür bekam die Stadt vom Kloster den Hof in Birchiberg zum Geschenke5. Doch als Bremgarten im Jahre 1415 in die Hände der Eidgenossen fiel, so traf auch das Kloster Muri dasselbe Loos. Hievon werden wir später sprechen. Es erübrigt, noch etwas von der Thätigkeit des Abtes Konrad in der Ökonomie und von seiner Sorgfalt für die Untergebenen mitzutheilen.

Das irdische Besitzthum des Klosters zu wahren und zu fördern war der kluge Abt bei aller Ungunst der Zeiten fleissig bestrebt. Zu dem Zwecke stiftete er aus seinem Leibgedinge und Privatvermögen (Peculium) am 30. Jänner 1383 zwei Jahrtage, einen in der Kloster- und einen in der Pfarrkirche zu Muri6. Dann suchte er das Einkommen durch Austausch von (I-181) Gütern und Jahreszinsen zu heben7, wie auch durch den Auswechsel von Leibeigenen8. Bei einer solchen Theilung der Grundholden in Dottikon zwischen Muri und Beromünster (4. Mai 1383) wird bekannt gegeben: dass kein Holde des Gotteshauses Muri ohne Einwilligung des Abtes heirathen dürfe. Käufe und Verkäufe fanden unter der Regierung dieses Abtes wenige statt. Ausser der oben erwähnten Habsburger-Vogtei in Muri kauft er am Ende der Pfingstwoche 1399 den Amthof in Bremgarten um 77 Gulden 37 ferner am 6. Dezember d. J. von dem Amte Merischwand-Mühlau9, eine Fischgerechtigkeit in der Reuss um 18 Gulden10. Unter den Zeugen erscheint Eberhard Kupferschmid, Schulmeister zu Muri. Wiederum erwirbt der Konvent in Muri vom gleichen Amte ein ganzes und ein halbes Fischrecht in der Reuss11. Indessen hatten Abt und Konvent vor neun Jahren drei Malter Korngeld von den Zehnten der Kirche zu Sursee um 46 Gl. verkauft12. Dieser Zehent ging später an die von Moos über und kam im Jahre 1425 um 100 Gl. an die Johannespfründe in Ruswil13. Einen weitern Kornzins veräusserte das Gotteshaus im Jahre 1404 an Pentely Brunner14. Die Verkäufe der Lehensgüter durch Lehensleute wurden vom Konvente sorgsam überwacht, um die Zinsen und Abgaben nicht zu verlieren. Bei solchen Gelegenheiten erschienen dann nicht selten die Konventualen als Zeugen. So bewilligen Abt und Konvent am 7. September 1189 den Verkauf von 6 Kammer-Reben auf der Susenhalde zu Thalwil an Stephan Pellechen, Leutpriester in Thalwil, mit Vorbehalt des dem Kloster bestimmten Lehenszinses. Als Zeugen sind genannt: Herr Johannes Stülinger, Herr Otto von Seengen, (I-182) Herr Ulrich Businger, Propst zu Muri15, Herr Ulrich von Constanz, Herr Rudolf von Mülinen, Herr Konrad Frommherz, alle Klosterherren zu Muri. Der Wechsel der Lehensleute auf den Höfen war häufig, die Lehensbriefe wurden weitläufig und an Formen reich und führten oft zu Missverständnissen. Die daraus entstandenen Streite brachten dem Konvente Verlust an Zeit und Geld16. Als Rudi Suter am 26. Jänner den Frohnhof in Wohlen17 erhielt, so beschwor er neun Punkte; darunter waren: er solle dem Gotteshause Fall, Ehrschatz und Zins einziehen helfen; von der im Herbste gesäten Frucht dem Kloster den dritten und von der im Sommer gesäten den vierten Theil und beidemal zugleich den Zehnten geben; die Theile und den Zehnten durch seine Knechte sammeln und dreschen lassen, wie auch der Frucht Dach und Fach zu geben. Das Kloster verspricht dagegen: die „Tennrisi“18, die fällt, den Maiern zu überlassen, „darum, dass si den knechten dester gütlicher tün und das gut in den Sack tün“; ferner den Maiern es vorhin zu verkünden, wenn der Abt auf den Hof kommen wolle.

Aus diesem raschen Wechsel der Dinge entsprang die Nothwendigkeit, die Hofrechte neu umzuschreiben, aufzufrischen und einzuschärfen. Dahin gehört die noch vorhandene Aufzeichnung der Rechte für die 12 Muri-Höfe in Thalwil und den Wald, Bannegg, daselbst. Zufolge dieser „Offnung“ durften die Leute der Vogtei ihre Streite zuerst von einem beliebigen Schiedsrichter schlichten lassen, ohne des Vogtes oder dessen Amtmannes Einrede; Muri hält jährlich zwei Gerichte in Thalwil, im Mai und im Herbste; zwar richtet zuerst im Namen des Gotteshauses der Vogt, aber dann der Amtmann des Abtes, so oft es nöthig ist; jedoch kann der Vogt wider den Willen der Parteien kein Urtheil fällen. Jeder Hofstatt gibt der Amtmann des Gotteshauses aus dem Forste vier „rechte“ Buchen; (I-183) ebenso wenn einer der Genossen ein Haus bauen will. Wird in einer der 12 Hofstätten ein Kind, fremdes oder einheimisches geboren, so gibt der Amtmann Holz, “das dieselb fröw dasselb kind erlich baden und gebachern mug, die mächte“.19

Abt und Konvent von Muri beauftragten aus dem oben erwähnten Grunde den geschwornen Reichsnotar und Kleriker, Johannes Hettlinger von Ruedlingen, die Unterthanen von Muri und Umgebung aufzufordern, am 5. April 1401 in der Abteistube des Klosters zu erscheinen und eidlich zu sagen, was im Amte Muri wegen Erbschaft und Bestrafung der Ungenossen20 Recht sei. Die namentlich und mit ihrem Alter angegebenen Zeugen beschworen eidlich drei Punkte: a) Nur die Gotteshausleute von Muri erben einander; b) uneheliche Kinder ohne eheliche Nachkommenschaft erbt das Kloster; c) der Abt allein kann die Leute wegen der „Genossami“ bestrafen21.

Allein ungeachtet dieses Fleisses für die Aufstellung und Feststellung der Rechte waren Abt und Konvent dennoch öfters gezwungen, selbe bei öffentlichen Gerichten zu vertheidigen. Am 30. Juli 1383 spricht in Baden der Freie Walther von der alten Klingen, Landvogt des Herzogs Leopold, zu Gunsten Muri's wider Walther von Heidegg wegen Holzbenutzung und wegen der Zehenten und Zinsen in Aristau22. Herzog Leopold spricht am 24. März 1385 zu Brugg: Henmann von Küngstein, Kirchherr in Bremgarten, solle die Konventualen von Muri wegen der zwei Speicher in seinem Baumgarten nicht beirren23. Ritter Hermann Gessler, Werner von Schenkon, Kuster zu Beromünster, und Imer von Seengen, sesshaft zu Bremgarten, sprechen am 22. Juni 1409 wegen eines streitigen Gutes in Rüstenschwil24. Abt Konrad glaubte 1395 zur Wahrung seiner Fischrechte im Zugersee, Ulrich Hertenstein, Bürger in Luzern, sogar vor ein auswärtiges Gericht, vor das in Stülingen im Klettgau, laden zu müssen. Hertenstein legte aber dem Landrichter im Klettgau auf dem Landtage „zer Linden“ das Privilegium in (I-184) die Hände, wornach er bewies, dass er als Luzerner-Bürger nicht vor fremde Gerichte geladen werden dürfe. Daher verlangte Hertenstein, der Streit müsse vor den Gerichten zu Luzern, Zug oder „Segolzwil“, wohin die Güter gehören, entschieden werden25. Allein Muri scheint wegen der damals herrschenden Spannung zwischen Österreich und der Eidgenossenschaft auf eben genannte Gerichte wenig Vertrauen gesetzt zu haben. Der Ausgang dieses Streites ist unbekannt. Andere Kämpfe bezüglich der Ökonomie übergehen wir.

Doch dieser Geist der Zwietracht, der die Gemüther aller Stände in jenen Zeiten in Aufregung brachte, verpflanzte sich sogar in die ruhige Zelle des Mönches, und Abt Konrad II. von Muri bekam das Bittere des Geistes des Widerspruches noch in den letzten Jahren seines Lebens von den eigenen Mitbrüdern zu fühlen. Allein hievon werden wir einlässlicher im folgenden Kapitel sprechen. Nur dies sei bemerkt: Abt Konrad II. wollte aus dem Einkommen der Pfarrei Sursee das zerstörte und theilweise verbrannte Kloster in den Jahren 1402-1408 wieder aufbauen, und das gab Anlass zu einem Streite zwischen dem Abte und dem Konvente.

Aus den vielen angeführten Akten haben wir Konrad II. als einen Mann voll Muth und Kraft kennen gelernt. Sein muthiges Einstehen für die Stifterfamilie verschaffte ihm die Achtung der Herzoge von Österreich, und das rettete Muri vor Verarmung. Neue Gaben flossen aus den Händen der Kastvögte; die von den Eidgenossen vernichteten Bauten konnten wieder hergestellt werden, und dem Konvente wurde so ein genügendes Einkommen zugemessen. Gott nahm den sorgsamen Abt am 9. März 1410 zu sich und ertheilte ihm für die Mühen den reichlichen Lohn26.


  1. Man denke an die Brechung des Städtchens Maienberg, der Burgen Tannenfels und Aristau (Tschudi, Chronik I., 522 ff.).

  2. Lünig, Reichsarchiv, Bd. XXI.

  3. Stadlin, Zug, Bd. II., 244, 245.

  4. Eidgen. Abschiede, 20. Jän.

  5. Stadtarchiv Bremgarten; Archiv Muri in Aarau. Dieses Burgrecht wurde im Jahre 1475 in's Bürgerbuch in Bremgarten eingetragen (Arch. Muri in Aarau I., 4. A.).

  6. Zwei Urkunden im Archiv Muri in Aarau B, 2. F.; Stöcklin, Miscell., 127-129.

  7. Vgl. den Tausch vom 11. Aug. 1399 (Arch. Muri in Aarau I., 4. B, 6). Zwischen Muri und Bremgarten wurde am 15. Mai 1408 die Vogtsteuer in Bibilos und Isenbergschwil ausgetauscht; Graf Hans von Habsburg-Laufenburg gestattet den Tausch (Archiv Muri in Aarau; Beiträge I., 442, 443; Herrgott, Geneal. III., 808).

  8. Archiv Muri in Aarau Q, 4. L, l.

  9. Das Siegel des Amtes Merischwand trägt die Umschrift: „S. VNIVERSITAT. IN. MERISWAND. ET. MVLOW“.

  10. Archiv Muri in Aarau N, 2. A, 3.

  11. Archiv Muri in Aarau N, 2. A, l, 4.

  12. Im Monat Juni 1390 an Hans Ursemann, Schultheiss in Sursee (Pfarrlade Sursee). Drei Malter „Korngeld“ = der Zins von drei Malter Korn, wozu damals ein Kapital von 46 Gulden erforrllich war.

  13. Geschichtsfreund XXVI., 208. Der Preis dieses Kornzehntens war also innerhalb 35 Jahre um 54 Gl. gestiegen.

  14. Archiv Muri in Aarau Q, 4. N, 4. Die Urkunde ist ein Muster der Uberschwänglichkeit an Worten.

  15. Staatsarchiv Zürich, Abtheil. Wettingen, A, 4.

  16. Am 13. Oktober 1383 leihen Abt und Konvent eine Schuposse (Arch. Muri in Aarau E, 3. B, 1). – Bertschis Grindelward gibt am 20. Jänner 1394, den Hof in Bünzen auf; dasselbe thut 1400 mit dem gleichen Hof Rudi Künzli und zwar wegen Streit mit dem Kloster (Q, 4. G, 3, 4). Zwei Brüder von Boswil erhalten 1393 vom Konvente den Frohnhof in Wohlen, und im Jahre 1393 belehnt er mit diesem Hofe Heini Maier von Bülisacher. Cuni Sprengen gibt dasselbe Jahr dem Kloster Muri den Hof in Waldhäusern auf, weil er mit ihm wegen des Lehenszinses in Streit gekommen (Arch. Muri in Aarau).

  17. Archiv Muri in Aarau. Für die Lehensleute siegelt Ulrich Eichiberg, Schultheiss in Bremgarten; die Zeugen sind freie Zinsbauern von Wohlen und der Pfarrei Muri.

  18. „Tennrisi“ – die beim Einheimsen auf die Tenne fallende Frucht oder das, was beim Dreschen nach dem Abrüsten auf der Tenne bleibt.

  19. Staatsarchiv Zürich, Zeitschrift für das Schweizerrecht IV., 164-166. – In Thalwil und dessen Umgebung besass Fraumünster in Zürich 12 Schupossen.

  20. „Ungenosse“ war der Leibeigene oder Zinspflichtige einer andern Herrschaft, und der zwischen beiden Herrschaften bestehende Ehehindernissgrund ist die „Ungenossame“.

  21. Archiv Muri in Aarau G, 2. N, 1, 2; Stöcklin, Miscell., 286, 287. Für besagtes Recht führte der Abt noch drei Männer aus der „österreichischen“ Herrschaft vor, die bei 30 Jahren in Muri wohnhaft waren.

  22. Archiv Muri in Aarau G, 3. D, 7; Beitr, I., 149-151.

  23. Archiv Muri in Aarau Q, 4. N, 2; Beitr. I., 151.

  24. Rochholz, Aargauer Gessler, S. 106.

  25. Staatsarchiv in Luzern, Missiv, Sonntag vor Lichtmess 1395; R. Cysat, Collect. C, 87, Misc. auf der Stadtbibliothek zu Luzern.

  26. Murus et Antem. IV., 61. P. Fridolin Kopp schreibt von ihm:

    „Tandem cum denuo starent Muri,

    Laboribus succumbit Conradus,

    Requie æterna dignus“,

    Im alten Hermetschwiler-Nekrologium steht er nicht mehr verzeichnet.