Zweites Buch. Die mittlere Geschichte des Stiftes Muri. 1410-1596.

Erster Abschnitt. Muri's erste Zeiten unter der Schutzherrlichkeit der Eidgenossen. 1410-1508.

Erstes Kapitel. Georg Russinger, XXVII. Abt (1410-1439).

(I-197) Die Muri-Kapitularen zögerten nach dem Hingange des Abtes Konrad II. nicht lange mit der Neuwahl. Sie fand am 19. März 1410 statt. Die Wahlurkunde nennt folgende Wähler, welche alle den Titel „Herr“ tragen: Konrad Frommherz, Johannes Gruber, Kaspar von Moos, Georg Russinger, Ulrich Holzach, Ulrich Junker und Friedrich zum Thor1. Die Mehrheit der Stimmen vereinigte sich auf Georg Russinger. Er stammte aus einer achtbaren Bürgerfamilie der habsburg-österreichischen Stadt Rapperswil am Zürichersee2 her. Die Hauschronisten preisen diesen Prälaten als einen geistvollen, kräftig eingreifenden Mann, der die Hausordnung und klösterliche Einrichtung mit der Regel des hl. Vaters Benedikt mehr in Einklang zu bringen trachtete, das (I-198) Vermögen des Hauses mehrte und nahe und ferne wegen seiner Klugheit und seines taktvollen Benehmens ein grosses Ansehen genoss3.

Vor Allem suchte Abt Georg den Schutz des päpstlichen Stuhles zu gewinnen. Er wandte sich daher an den Pisaner Papst, Johannes XXIII. Dieser stellte den Schirmbrief für Muri am 13. März 1411 zu Bologna aus. Der Papst verspricht darin zunächst dem Kloster im Allgemeinen seinen Schutz und dann insbesondere den inkorporirten Pfarrkirchen von Muri, Lunkhofen und Sursee und der Annakapelle (nicht der Stefanskirche wie es in der Bulle unrichtig heisst) in Wohlen4.

Dieser Papst Johann XXIII. schrieb im Einverständnisse mit König Sigmund auf das Jahr 1414 das Concil von Constanz aus. Da er mit den zwei andern Päpsten, Gregor XII. und Benedikt XIII. abdanken sollte, wünschte er das Concil mit Hilfe des Herzogs Friedrich von Österreich aufzulösen, und floh aus Constanz. König Sigmund verhinderte das Auseinandergehen des Concils, nöthigte den Papst Johann XXIII. zur Rückkehr und sprach über Herzog Friedrich (30. März 1415) die Acht aus5. Zur Bestrafung des letzteren ertheilte er den Eidgenossen den Auftrag, mit dem Grafen Friedrich von Toggenburg am 1. April 1415 auszurücken und den Aargau einzunehmen. Die Eidgenossen hatten aber erst vor drei Jahren (am 23. Mai 1412) einen fünfzigjährigen Frieden zu Baden abgeschlossen. Bern setzte sich jedoch über dessen Abschluss hinweg und eroberte im Sturme die Städte Zofingen, Aarburg, Lenzburg, Aarau und Brugg. Den übrigen eidgenössischen Ständen Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus, welche sich scheuten, den Frieden zu brechen, liess König Sigmund melden, dass ein Fürstengericht am 5. April entschieden habe: die Eidgenossen seien trotz des 50jährigen Friedens schuldig, den Reichskrieg auf des Königs Befehl zu führen; der Friede sei nur als Verlängerung des Waffenstillstandes und nicht als Bündniss aufzufassen. Zürich zog daher bald aus und nahm Dietikon und das Amt Knonau (Freiamt) in Besitz, Luzern eroberte Sursee, Münster und Hitzkirch und vereinigte sich mit den übrigen nachrückenden Ständen im Reussthale. Die Städte Mellingen, Bremgarten, Sursee und die übrigen Städte und Burgen des österreichischen Aargau's wurden am 15. April von König Sigmund (I-199) aufgefordert, dem Herzoge Friedrich den Gehorsam zu verweigern und dem edlen Konrad, Herrn zu Winsperg, zu Handen des Königs und des Reiches zu schwören. Dieser erschien wirklich mit der Reichsfahne im eidgenössischen Heere. Aber die Städte Mellingen, Bremgarten und Baden wollten sich dessenungeachtet nicht an das Reich ergeben. Bei erstgenannter Stadt trafen die Orte Bern, Zürich und Luzern zusammen und nöthigten die Bürger sich an das Reich zu ergeben. Sofort zogen die Sieger herauf gegen Bremgarten. Die Banner von Uri6, Schwyz, Unterwalden, Zug und (?) Glarus flatterten bereits vor dieser Stadt. Sie kapitulirte nach viertägiger Belagerung und schwur zu Handen des Reiches dem Winsperg und zu Handen der Eidgenossen. Uri wollte jedoch an den Eroberungen keinen Antheil haben. – Auch Baden musste sich den vereinigten Eidgenossen ergeben. Am 7. Mai fand Herzog Friedrich Gnade bei König Sigmund in Constanz. Dieser forderte nun, die Eidgenossen sollen vom weitem Kriege gegen Friedrich abstehen. Allein die Siegestrunkenen fuhren fort, das Schloss Stein bei Baden zu bestürmen und gewannen es endlich am 18. Mai. Sie liessen dann ohne Rücksicht auf den König und Herzog Friedrich die unterworfenen Städte und Länder der Eidgenossenschaft huldigen. Demnach wurden die Städte Bremgarten, Mellingen und Baden, wie auch die Grafschaft Baden und die Ämter Muri, Hermetschwil, Wagenthal (Boswil, Wohlen etc.) als gemeinschaftliche Erwerbung der VI Stände Zürich, Luzern, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus erklärt7. König Sigmund bestritt allerdings diese Besitzergreifung; allein die Eidgenossen beanspruchten selbe als Entschädigung für ihre Hilfeleistung. Die Geldverlegenheit des Königs verhalf bald zu einem Auswege. Unter dem Vorwande, den Städten des Aargaues im Reuss- und Limmatthale einen bessern Schutz zu verleihen, verpfändete er sie den Zürichern mit allen Rechten, hohen und niedern Gerichten um 4500 Gulden. Die Wiedereinlösung der Pfandschaft war vorbehalten, und Zürich war berechtigt, auch die andern Eidgenossen auf ihr Begehren eintreten zu lassen8. Das Kloster Muri kam so zu den VI Ständen der Eidgenossenschaft.

(I-200) Dieses gewaltsame Losreissen von der Vogtei und dem Schutze der Stifterfamilie schlug unserem Konvente eine blutende Wunde. König Sigmund liess dem Stifte Muri wenigstens ein Wort des Trostes in seinem Schmerze zukommen. Schultheiss und Räthe von Bremgarten eilten, nachdem sie den Eidgenossen zu Handen des Reiches geschworen hatten, zu ihm nach Constanz und erhielten, was ihnen für die Zukunft aber wenig nützte, die Bestätigung ihrer Freiheiten und Rechte. Der König beauftragte sie zugleich in dieser Urkunde: das Gotteshaus Muri in ihren Schutz und Schirm zu nehmen9. Ob unser Konvent wie die umliegenden Dörfer den Eidgenossen diesen Eid ablegen musste, ist nicht bekannt. Weil aber unser Kloster mit dem Schutze der Stadt Bremgarten sich nicht begnügen konnte, so ging Abt Georg Russinger persönlich zum König Sigmund nach Constanz10 und bat ihn um Bestätigung aller Freiheiten, Rechte und Privilegien, welche Kaiser und König dem Kloster verliehen hatten. Das Reichsoberhaupt erhörte am 17. Juni 1415 die Bitte in Anbetracht des ehrsamen Lebens, welches Abt und Konvent führen, und in Anbetracht des löblichen Gottesdienstes, den sie täglich abhalten; auch ertheilte er ihnen die Gnade, den Kastvogt mit Vorwissen eines jeweiligen deutschen Königs frei wählen zu dürfen; ferner nahm er das Kloster in den Schirm des Reiches, den er bei Strafe von 20 Mark seinen Vasallen anbefahl; endlich bestätigte er die Gewohnheiten und Herkommen (Offnungen, Verträge, Gerichtsbriefe etc.), die Rodel (Einkünfte, Zinsen u. s. w.), den Bann (die niedere Gerichtsbarkeit), die Handvesten (Ehehaften, Hofgerechtigkeiten, Tafernenrecht, Badstuben, Mühlen etc.)11. Diese letztgenannten Rechte liessen auch die Eidgenossen dem Konvente; weshalb selbe von diesem bis zur französischen Revolution unbehelligt ausgeübt wurden12. Allein die Vogteilehen des Klosters fielen, wie bereits gemeldet wurde, den neuen Landesherren zu13. Diesen gegenüber nahm unser Gotteshaus anfänglich eine beobachtende Stellung ein, indem es den von ihnen abgesandten (I-201) Landvogt, der für die VI Stände die landesherrliche Gewalt ausübte, freundlich empfing und ihn unentgeltlich bewirthete14. Doch einen andern Kastvogt, als den die Briefe der Stifterfamilie vorzeichneten, wollte es nicht sogleich erwählen, obwohl der Schirmbrief König Sigmund's die freie Wahl gestattete. Anderseits gaben auch die VI regierenden Orte unserem Kloster Beweise des Wohlwollens. Am 16. Juli 1419 waren deren Abgeordnete innerhalb der Mauern des Stiftes Muri zu einem Rechtstage versammelt. Bei dieser Gelegenheit schirmten sie unser Gotteshaus und Hohenrain in ihren Rechten. Die Bauern hatten nämlich den Abt von Muri wegen Brechung eines Schiedsspruches beschuldigt. Die Tagherren der VI Orte wiesen die Bauern an, am 8. November d. J. wegen des „Ursatzes“15 vor dem Abte und den Spruchleuten zu erscheinen; da werde es sich finden, ob der Ursatz gebrochen sei oder nicht16. Die Bauern sind wahrscheinlich nicht erschienen, weil die Urkunden über das Weitere schweigen. Auf einer Versammlung der Abgeordneten der VI Stände zu Zürich (1425) wurde vom Stande Zürich der Ammann von Muri, der unmittelbare Diener und Beamte des Abtes, zum obersten Richter der hohen Gerichtsbarkeit in Muri und Merenschwand vorgeschlagen und auch gewählt17.

Allein die Hoffnung, dass die österreichischen Herzoge ihre alten Rechte auf die Ämter im Aargau wieder erlangen, entschwand immer mehr dem Kloster Muri, zumal König Sigmund am 12. Mai 1418 zu Constanz die Einlösung der Pfandschaften im Elsass, Sundgau, Breisgau u. s. w. dem Herzog Friedrich erlaubte, mit Ausnahme dessen, was in die Hände der Eidgenossen und durch sie zum Reiche gekommen war18. Dies, wie auch wichtige Geschäfte, die Muri wegen der Pfarrkirche in Villmergen abzuwickeln hatte, und die Furcht, jeden Schutz und mit ihm die alten Privilegien zu verlieren, machten es wünschenswerth, einen Schirmherrn aufzusuchen. Die Klugheit aber verlangte, die Landesherren selbst, und zwar alle sechs in ihrer Gesammtheit19, nämlich Zürich, Luzern, Schwyz, (I-202) Unterwalden, Zug und Glarus, zu erwählen. Diese Orte entsprachen gerne der Bitte des Abtes und Konventes, stellten am 16. Oktober 1431 den Schirmbrief aus und versahen ihn mit den sechs Siegeln20. Darin geloben sie: das Kloster in Ansehung des Abtes Georg und der besondern Freundschaft, die sie zu Muri haben, Gott zu Lob und zur Ehre des heil. Martin zu schützen und zu schirmen, wie sie es bisher gethan, und es bei allen Freiheiten, Rechten und Privilegien, die es gewonnen hat oder künftig erlangen wird, zu belassen.

Ein solches Privilegium hatten die Landesherren dem Abte bereits hinsichtlich seiner Diener vor zwei Jahren (1429) verliehen, indem sie seinen Ammann, Kämmerling und Koch, auch wenn sie ausserhalb der Klostermauern wohnen, von der Abtragung ihrer Frevel und der Steuerentrichtung an den Landvogt ausnahmen, während die übrigen Knechte dazu verhalten wurden21.

Diese Zuvorkommenheit, die das Kloster und die neuen Landesherren einander wechselseitig erwiesen, mag bewirkt haben, dass sich der Konvent bei den Eidgenossen nie wegen des Verlustes der österreichischen Vogtsteuer beschwerte. Dagegen lesen wir, dass weltliche Herren, wie die Gessler und die von Hallwil, lange mit ihnen wegen solcher österreichischen Lehen im Streite lagen. Wilhelm Gessler, wohnhaft in Bremgarten, und seine Mutter Margaretha kämpften viele Jahre für die Erhaltung solcher Lehen. Ungeachtet für sie der Schultheiss und Rath von Bremgarten, der Abt von Muri und der Propst von Zürich Fürbitte eingelegt22 hatten, konnten die Gessler dennoch nicht zum gewünschten Ziele gelangen. Was die Gessler in Muri, Hermetschwil und Althäusern retteten, konnten sie nur mit grossen Opfern (1420 und 1421) behaupten23. Auf gleiche Weise wurde auch dem Thüring von Hallwil, Bürger in Bern und Solothurn, von den Eidgenossen auf Fürbitte seiner Freunde, und „weil er weder Rath noch Diener der Herrschaft von Österreich war“, die Gnade gewährt (1432), die Dörfer, Gerichte und Zwinge zu Boswil, Hägglingen u. s. w., und die Gilten ruhig zu geniessen, doch unbeschadet der Rechte seines Herrn, des Abtes zu Muri und (I-203) des Gotteshauses daselbst; dagegen seien die Eidgenossen nicht verpflichtet, das von 1415-1432 Bezogene zu restituiren24.

Weil der Landvogt ordnungsgemäss nur zweimal im Jahre (Frühling und Herbst) in die Ämter zu den sogenannten „Abrichtungen“ kam, und laut Erfahrung die Bedürfnisse des Klosters bei dem besten Willen nicht befriedigen konnte, so trafen unsere Mitbrüder am 24. Jänner 1432 mit Luzern und den übrigen regierenden Orten ein besonderes Uebereinkommen25, dem zufolge auf Verlangen des Konventes Rathsboten auf Kosten des Gotteshauses geschickt werden sollten26.

Der Landvogt, der jedes zweite Jahr seit 1425 von einem andern Kantone kam, hatte keinen bestimmten Sitz, sondern zog von einem Amte in das andere. Im Amte Hitzkirch nahm er sein Absteigquartier in der dortigen Commende und im Amte Muri in unserm Gotteshause. Jährlich hatte er bis 1532 den VI, dann, weil Uri hinzutrat, den VII und nach 1712, als Bern hinzugekommen, den VIII Ständen zu Baden an der Limmat Rechnung abzulegen. Geringere Geschäfte wandelte in spätem Jahrhunderten in Abwesenheit des Vogtes der Landschreiber ab, der zu Bremgarten wohnte und als Stellvertreter des Vogtes auch dessen Siegel gebrauchte.

Die Vogtei der Freiämter hatte 10 Ämter27 und jedes derselben ein Gericht. Für dieses setzte der Landvogt den Untervogt als Stabführer; die Richter aber, die dem Untervogte beigegeben wurden, wählten die Genossen des betreffenden Amtes. Den zwei Städten Mellingen und Bremgarten liessen die Eidgenossen auf Verwenden König Sigmund's, ihre Freiheiten (Schultheiss und Rath)28. Den Bürgern von Bremgarten blieb auch die niedere Gerichtsbarkeit im Kelleramte (Lunkhofen u. s. w.). Das Gotteshaus Muri behauptete die niedere Gerichtsbarkeit zuerst über das Amt Muri, später über Boswil, (I-204) dann nebst den Frauen von Hermetschwil (mit Ausnahme von Waltenswil, Göslikon und Visbach) über das ganze Krummamt, und endlich noch über die Pfarrei Beinwil. Im Hochgerichte, dem der Landvogt präsidirte, sassen die Untervögte als Richter. Diese versammelten sich in Begleitung mit je einem Geschwornen ihres Amtes in der Wohnung ihres Landvogtes, gewöhnlich in Bremgarten. Lautete das Urtheil auf Tod, so begab sich der Landvogt sammt den Blutrichtern auf den Ort der Richtstätte29. Dort sprachen unter offenem Himmel die Richter noch einmal feierlich das Urtheil, und der Scharfrichter vollzog es sogleich an dem Unglücklichen.

Den Tagherren, die als Abgeordnete der regierenden Orte zur Jahresrechnung nach Baden gesandt wurden, wie auch den Vögten und Untervögten wurden am 15. Juni 1435 die Pflichten nebst Eid und Lohn schriftlich vorgezeichnet.

Die Appellationen gingen vom Ausspruche des Untervogtes und seiner Richter an den Landvogt, von diesem an die Tagherren zu Baden oder an die regierenden Orte selbst.

Abt Georg war nach 1431 nur zweimal genöthigt, an die höhere Instanz zu appelliren. Das erste Mal (1435) wollten die in Merischwand niedergelassenen Gotteshausleute von Muri ihre Pflichten (Fall und Ehrschatz) nicht leisten30. Das andere Mal sprach (1438) der Untervogt von Wohlen, Hänsli von Werwil, dass Muri die veräusserte Hallwiler Vogtsteuer in Wohlen wieder „dahin ziehen“ dürfe31.

Wenden wir jetzt unsern Blick von der Stellung, die Abt Georg zu den politischen Behörden einnahm, weg und fassen wir die Beziehungen in's Auge, die er zu den kirchlichen Behörden hatte.

Die Gnaden, welche die frühern Muri-Äbte ihren Zins- und Zehentpflichtigen gewährten, wurden häufig zum Schaden des Klosters missbraucht. Papst Johann XXIII. beauftragte daher im April 1412 den im Kirchenrecht bewanderten Prämonstratenser Abt von Rüti, Gottfrid Schultheiss32, dem Kloster Muri die durch Concessionen entfremdeten Güter auch mit Anwendung der Kirchenstrafen wieder heimzubringen33. Der (I-205) weiteren Schreiben der Päpste zu Gunsten unseres Gotteshauses unter Abt Georg, die wir entweder schon angezogen oder später anziehen werden, geschehe hier nur Erwähnung, nämlich des Schreibens wegen der Pfarrkirche in Lunkhofen (1414)34, und der Bullen von Papst Martin V. (1425) und Eugen IV. (1433) wegen der Pfarrkirche in Villmergen35. Dem Papste Martin V. dürfte Abt Georg wohl früher persönlich in Constanz das Anliegen seines Gotteshauses wegen dieser Pfarrei vorgetragen haben, und zwar glauben wir das zunächst aus dem Grunde, weil Georg wirklich zum Concil nach Constanz gekommen war36 und dann, weil Papst Martin nur wenige Monate nach seiner Erhebung auf den Stuhl Petri unser Kloster in den päpstlichen Schutz nahm (18. Februar 1418)37. Diesen Schirm erneuerte derselbe Papst in Rom am 5. Juni 1425, indem er zugleich die unserem Gotteshause inkorporirten Pfarrkirchen von Muri, Sursee, Bünzen, Eggenwil und Lunkhofen namentlich anführt38. Papst Eugen IV. liess dem Abte Georg schon am 29. Mai 1432 eine Bulle zukommen, worin er ihm und allen seinen Nachfolgern gern besondere Gnade erweist. Sie dürfen derselben zufolge die Beicht derjenigen, welche selbe innerhalb der Klostermauern ablegen wollen, anhören und sie, mit Ausnahme der päpstlichen und bischöflichen Reservatfälle, von allen Sünden lossprechen, auch ist ihnen gestattet die hl. Eucharistie und andere Sakramente zu spenden, die Gläubigen zu segnen und deren Leiber daselbst zu beerdigen, doch unbeschadet der übrigen Rechte des Leutpriesters von Muri39. Vier Tage später (2. Juni) fügte dieser Papst obiger Huld auch einen Schirmbrief bei, der Ähnlichkeit mit dem des Papstes Martin V. hat40. Das folgende Jahr (7. März) erweist Papst Eugen IV. unserem Abte eine neue Gnade, indem er dem Prälaten Johann Zingg, Nachfolger des Gottfrid Schultheiss in Rüti, den Auftrag gab, die säumigen Zinsleute, (I-206) des Klosters Muri zu mahnen und sie kirchlich aufzufordern, vor Gericht die Wahrheit zu sagen41.

In ähnlichen freundschaftlichen Beziehungen, wie mit dem hl. Stuhle, stand Abt Georg auch zu dem Landesbischofe. Im Jahre 1412 scheint das Domkapitel und der Bischof Otto III. von Constanz in Geldnoth gewesen zu sein. Abt Georg und der Konvent in Muri waren in der glücklichen Lage, ihnen 1000 Gld. leihen zu können und erhielten dafür die einträgliche Quart in Sursee als Unterpfand. Der Handel wurde am 6. und 16. Dezember 1421, mit Vorbehalt des Rechtes der Einlösung, verbrieft, und Bischof Friedrich II., Graf von Zollern, löste diese Quart um obige Summe wirklich am 12. und 15. Juni 1436 42 durch Johannes Etschli ein; allein im Jahre 1470 kam sie schon wieder nach Muri. Bischof Otto III. erwies unserem Gotteshause am 7. September 1430 noch die besondere Gnade, dass es bei Neubesetzung der vier inkorporirten Pfarreien Bünzen, Eggenwil, Villmergen und Lunkhofen anstatt 15 nur 11 Gulden als Primizabgabe (Annaten) zahlen musste; doch soll besagtes Zugeständniss nur auf die Lebensdauer dieses Bischofes Geltung haben43. Die Urkunde wurde im Kloster Allerheiligen in Schaffhausen ausgestellt, indem unser Abt dem Bischofe für die erhaltenen Gnaden zugleich einen Revers in die Hände legte44.

Über die Hilfe, welche dieser Bischof dem Abte Georg bei Einführung der Constanzer-Concilsreformen sowohl in Muri als auch 1428 im Frauenkloster Hermetschwil leistete, werden wir später sprechen. Nur erwähnen wir noch, dass derselbe Oberhirt unserem Kloster streitige Güter, welche ein Konventual aus Mainau nach Muri brachte, im Jahre 1429 durch seine kräftige Mithilfe zuführte45, und im Handel wegen der Inkorporation der Pfarrkirche von Villmergen zuvorkommend Hilfe leistete. Seine Nachfolger, Friedrich II. (1434-1436) und Heinrich IV. (1436-1462) erwiesen unserm Abte Georg ähnliche Gnaden. Die 1430 verminderte Annaten-Taxe blieb so (I-207) auch unter diesen Bischöfen bestehen; nur musste der Abt jedesmal die Bitte erneuern und für die erlangte Gnade einen Revers ausstellen46. Zudem fügte Bischof Friedrich II. den Schirmbriefen Bischof Otto's III. und anderer Vorgänger auch den seinigen bei47.

Werfen wir noch einen Blick auf die Ökonomie des Abtes Georg und auf seine Werke der Liebe.


  1. P. Anselm Weissenbach, Eccles., p. 164. Statt „Fridolin“ muss daselbst Friedrich gelesen werden. (Stöcklin, Miscell., p. 189; ferner Urkk. von 1419 und 1427, und auch das Jahrzeitbuch von Ruswil aus dem Jahre 1410 hat „Her Friederich zum Tor, Propst zu Mure“). Herr Kember, der 1409 exulirte Kapitular, war nicht zur Wahl erschienen, obwohl er später urkundlich wieder vorkommt.

  2. Es liegen keine sichern Anhaltspunkte vor, dass die Russinger, wie Stumpf und P. Anselm Weissenbach sagen, Edle, nämlich Truchsessen der Grafen von Rapperswil gewesen seien. Indessen waren männliche und weibliche Glieder dieses Geschlechtes in verschiedene Orden getreten und hatten in denselben höhere Stellen bekleidet (v. Mülinen, Helvet. sscra). Der seinem Siegel beigegebene Löwe, den er nach erhaltenem Schirmbrief der Eidgenossen (1431) beseitigte, sinnbildete, dass Muri ein Habsburger Stift sei.

  3. Annales, p. 373; Murus et Antem. IV., 63, 64.

  4. Archiv Muri in Aarau, C, 1. H; P. Augustin Stöcklin, Miscell., p. 431. „Datum Bononiæ VI. Id. Martii, Pontificatus nostri anno primo“, Papst Johannes XXIII. wurde am 17. Mai 1410 gewählt und am 25. d. M. gekrönt.

  5. Argovia X., 12 ff.; Otto Henne-Am-Rhyn, Geschichte des Schweizer Volkes I., 357; Tschudi, Chronik II., 13; Eidgenössische Abschiede I., 143 ff.

  6. Schmid, Geschichte von Uri, S. 38, 40.

  7. Bern begnügte sich mit den selbständig eroberten Städten und Ländern; Uri trat 1532 nach Besiegung der Reformirten als VII. Ort in die Vogtei der Freiämter ein. Die Ämter Richensee, Sarmenstorf und Villmergen, welche Luzern allein erobert hatte, kamen nach längerm Streite zu den Amtern Maienberg, Muri u. s. w.

  8. Nach der Urkunde vom 18. Dezember 1415 liess Zürich wirklich die übrigen Stände Luzern (Uri wegen Baden), Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus in die Pfandschaft eintreten (Eidgen. Abschiede II., 156).

  9. Stadtarchiv Bremgarten (Argovia VIII., S. 9).

  10. Die Urkunde sagt nämlich: „Das für Uns kommen ist der ehrsame geistliche Jörg, Abt des Klosters ze Mure“.

  11. Murus et Antem. II., 20; Gallia christ. V., 528; Kurz und Weissenbach, Beitr. I., 449. Wenn P. Ans. Weissenbach (Eccles., p. 81 ff.) glaubt, König Sigmund habe zufolge dieser Urkunde Muri zu einem Reichskloster eines freien Reichsprälaten gemacht, so ist er in seiner Ansicht zu weit gegangen.

  12. Archiv Muri in Aarau und Gries.

  13. Annales, p. 370; s. oben, S. 179.

  14. Als erster Landvogt in die Ämter Muri, Wohlen etc. kam Jakob Menteler aus Luzern, der von 1415-1418 im Namen der VI Stände selbe regierte und die ehemals österreichischen Gefälle einzog (Eidg. Abschd.; Segesser Rechtsgesch. II., 69; Arch. Muri in Aarau).

  15. Ersatzsumme bei rückgängigen Käufen.

  16. Luzern, Rathsbuch III., 60 b; Eidgen. Abschd. (ältere Ausgabe) II., 219, 226.

  17. Eidgen. Abschd. (ältere Ausg.) II., 44., 45.

  18. Eidgen. Abschd. (zweite Aufl.) I., 197.

  19. Einsiedeln wählte nur die zwei Stände Schwyz und Zug; Engelberg empfing am 11. Nov. 1465 den Schirm der Orte Luzern, Schwyz und Unterwalden (Segesser, Rechtsgesch. II., 48, 49).

  20. Archiv Muri in Aarau; Murus et Antem. I., 50-53.

  21. Eidgen Abschd. II., 80.

  22. Eidgen Abschd. II., 4; Argovia X., 42.

  23. Eidgen Abschd; II., 231, 232; Rochholz, Aarg. Gessler, 134.

  24. Eidgen. Abschd. II., 93, 94; Kurz und Weissenbach, Beitr. I., 453-460.

  25. Segesser, Rechtsgeschichte II., 60; Staatsarch. Obwalden.

  26. Solch' einen Rathsboten begehrte Muri noch 1798 und erhielt ihn in der Person des Martin Am-Rhyn (Arch. Muri in Gries).

  27. Nämlich: 1. Maienberg, 2. Richensee-Hitzkirch, 3. Muri, 4. Bettwil, 5. Boswil, 6. Sarmenstorf, 7. Krummamt (Waltenswil, Bünzen, Besenbüren, Rotenschwil, Hermetschwil mit Staffeln, Eggenwil, Göslikon und Visibach), 8. Villmergen, 9. Hägglingen, 10. Bublikon. Diese Amter erhielten erst in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts den Namen Freiämter, wozu auch die Städte Mellingen und Bremgarten mit ihren Dörfern gehörten. Der Krieg von 1712 theilte sie in zwei Theile, in das untere und obere Freiamt, wobei Boswil in 1/3 und 2/3 getheilt wurde (Arch. Muri in Gries).

  28. Segesser, Rechtsgeschichte II., 57, 58,

  29. Die von Bremgarten befand sich in dem Walde an der öffentlichen Strasse zwischen Bremgarten und Wohlen.

  30. Eidgen. Abschd. II., 103.

  31. Arch. Muri in Aarau L, 2. E., 2. Die übrigen Richter waren: Hans von Itental, Untervogt in Boswil, Ueli Kirsener, Hans Nägeli von Villmergen, Jenni Imhof, Ueli Innwile, Ueli Ambüel, Hänsli Imhof.

  32. Egb. Fr. v. Mülinen, Helvet. s. I., 226.

  33. Arch. Muri in Aarau; P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 292.

  34. Die Bulle hatte wahrscheinlich Johann Molitor, Kirchherr zum Emberfeld und Kaplan an der Leutkirche zu Villmergen, von Rom gebracht (Arch. zur Schweizer Gesch, II., 82).

  35. S. oben, S. 171, 172.

  36. P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 17.

  37. Arch. Muri in Aarau; P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 433.

  38. Die Pfarrkirche – der neue Kirchensatz – von Hermetschwil war dem Kloster Muri nicht einverleibt.

  39. Arch. Muri in Aarau; P. Aug. Stöcklin, Miscell., 396, 436; Eccles, 103.

  40. Arch. Muri in Aarau; P. A. Stöcklin, Miscell., p. 436,

  41. Datum Florenz Non. Martii 1435 (Arch. Muri in Aarau; P. Aug. Stöcklin, Miscell., 445).

  42. Erzbisch. Arch. Freiburg i. Br., Liber Copiarum AA, p. 192 u. 183-187.

  43. Erzb. Arch. in Freiburg i. Br. – Muri behauptete zwar vor dem Bischofe, diese Annaten nicht schuldig zu sein, weil jeder neugewählte Abt ihm nach dem Einkommen des Klosters schon eine Steuer entrichte; allein die Zuvorkommenheit des Bischofs bewog den Abt Georg, von seiner Ansicht abzustehen, und so wurde dieser friedliche Vergleich verbrieft (Arch. Muri in Aarau, P. Ans. Weissenb., Eccles., 497).

  44. Dieser Revers kam später in das Archiv Mörsburg und von dort als Regest nach Solothurn (Mitth. von Theod. von Liebenau).

  45. Vgl. von Schreckenstein, Die Insel Mainau, S. 70, Anm. 2.

  46. Erzbisch. Arch. in Freiburg i. Br.; Auszug im Archiv Muri in Gries.

  47. Archiv Muri in Aarau. Friedrich II. hängte seinen Schirmbrief dem des Bischofs Marquard vom Jahre 1405 „per transfixum“ an.