Fünftes Kapitel. Johannes I. Hagnauer, XXX. Abt (1480-1500).

Das Lebensbild des Abtes Johannes Hagnauer ist nicht so freundlich, wie das seines Vorgängers. Der Tod Hermann's hatte die Konventualen darum in die grösste Trauer versetzt, weil nur 18 Tage vor ihm der ebenso gelehrte und beliebte Prior, Ulrich Gumlikon, in die Ewigkeit hinübergegangen war. Ihre Zahl – fünf, ist die geringste, die je in Muri möchte gewesen sein. Hievon hatte sich Imer von Widen schon bei der Wahl Ulrich Maier's 1439 betheiligt und stand somit im hohen Alter; Leonhard von Rot war ein Mann, der sich wenig bemerkbar gemacht hatte; Hugo Acklin würde für die Prälatur der geeignetste gewesen sein, allein er war Pfarrer in Bünzen und zugleich Dekan des Ruralkapitels Lenzburg-Mellingen und desshalb werden die Kapitularen von ihm abgesehen haben. Endlich waren noch zwei jüngere Kapitularen, die sich beide in der Abtwürde folgten, nämlich Johannes Hagnauer und Johannes Feierabend (Fyrabend). Gewählt wurde jetzt Hagnauer als Johannes I.

(I-230) Wie die Äbte Meier und Hürzel hatte auch er seine Wiege in Zürich1, wo seine Vorfahren oft im Rathe sassen2. Wenn sein Vater Pentelis hiess, so war seine Mutter eine Elisabeth und stammte aus der Pfarrei Muri3. Die Eidgenossen standen 1480, da Johannes I. zur Abtwürde in Muri erhoben wurde, auf dem Höhepunkte ihres Ruhmes. Dieser blickte manchesmal mehr auf den vergänglichen Glanz seines Vaterlandes, als auf die Anforderungen der hl. Kirche. Jedoch die Rechte des Klosters und die unbilligen Angriffe auf dasselbe vertheidigte er mit Ernst und Ausdauer, und zeigte neben den Schattenseiten seines Lebens wieder schöne Lichtpunkte seines Glaubens und seiner Liebe zur katholischen Kirche.

Der Bruder des verstorbenen Abtes Hermann, Ulrich Hürzel, griff unser Gotteshaus wegen 50 Gulden an, die Hermann der Tochter Ulrich's versprochen habe. Die Eidgenossen zogen die Anforderung in Untersuchung, und scheinen Hürzel abgewiesen zu haben4. – Dasselbe Jahr (1480) hatten die Benediktiner Deutschlands eine Generalversammlung nach Constanz ausgeschrieben, in welcher beschlossen werden sollte, einen Prälaten an den Papst nach Rom zu senden, um mit diesem über die Reform sämmtlicher Klöster des Benediktiner-Ordens in der Eidgenossenschaft zu unterhandeln, und zwar hätte die Sendung auf gemeinsame Kosten der betreffenden Klöster geschehen sollen5. Der Abt von Muri bat in dieser Angelegenheit die Eidgenossen um Rath. Diese sprachen sich dahin aus: „Weil die Sache alle Prälaten betreffe, so könne er sich nicht füglich sondern, solle also den Tag zu Constanz auf Hilari (13. Jänner 1481) besuchen und anhören, was beschlossen werde. Wenn andere Prälaten in der Eidgenossenschaft einen Boten nach Rom schicken wollen, um den Papst zu bitten, ihnen die Reform zu erlassen, so möge er beistimmen; auch die Eidgenossen würden sich, falls es gewünscht werde, in diesem Sinne verwenden. Sofern die Prälaten aber auf gemeinsame Kosten einen Boten nach Rom schicken, um sich der Dinge mit Recht zu widersetzen, „darin soll er sich nicht (I-231) stecken“, sondern er möge unter ihnen zum Vorwande bringen, er könne ohne der Eidgenossen, seiner Schirmherren, Wissen und Willen nichts thun“. Die Meinung der Eidgenossen war nämlich: „Der Abt von Muri könne sich mit andern Prälaten, die grosse Güter und Besitzungen haben, nicht in gleiche Kosten einlassen“. – Während sich so Abt Johannes I. den Landesherren in einer geistlichen Sache wegen kleiner materiellen Beiträge zu Füssen warf, beschlossen dieselben auf der gleichen Tagsatzung zu Luzern (27. November 1480): „Muri solle von den Abgeordneten aus Luzern und Zug und dem Landvogte Ketzi in Schrift genommen werden“. Der Inventarisirung folgte bald die alljährliche Rechnungsablegung6. Die eidgenössischen Stände fanden aber diese so für sich einträglich, dass später jeder seinen Abgeordneten zu diesem Ende nach Muri sandte. Darüber beschwerten sich endlich (1499) die Konventualen7 bei den Tagherren und begehrten, sie möchten den Vogt der Freiämter beauftragen, ihnen die Rechnung abzunehmen. Allein den Eidgenossen war die Bitte nicht gefällig; jedoch um deren Billigkeit und ihre Neigung zum Gelde weniger bemerkbar zu machen, fassten sie den Entschluss: „man solle, weil kein (neues) Urbar vorhanden, die Nutzung (das Einkommen) des Gotteshauses aufzeichnen und darnach den VI Orten Rechnung ablegen“. Demgemäss verordnet die Tagsatzung vom 8. Jänner 15008, dass die Boten der VI Orte, welche Kastvögte von Muri sind, am 26. Jänner daselbst die Rechnung abnehmen. Diese fanden in Muri damals 250 Gulden baar, 631 Mütt Kernen, 106 Malter Korn u. s. w.9 Seitdem geschieht bis zum Jahre 1528 keine Erwähnung einer solchen Rechnungsablegung in Muri.

Wie 1480 war das deutsche Generalkapitel der Benediktiner auch 1490 für eine Reform thätig, und wollte insbesonders armen Klöstern zu Hilfe kommen10. Daher beschloss dasselbe, von 1000 Gulden (Einkommen) jährlich 3 Gulden zur Unterstützung hilfsbedürftiger oder zur Wiederherstellung aufgelassener Klöster des Ordens zu geben. Abt Johannes I. von Muri theilte diese Bestimmungen den versammelten Eidgenossen in Luzern mit, welche diesmal den Beschluss ganz in Ordnung finden, und zwar in Anbetracht dessen, dass in den Ländern (I-232) der Eidgenossen auch arme Klöster dieses Ordens seien, wie z. B. Engelberg und andere. Auf derselben Tagsatzung beklagte sich unser Abt zugleich über die ausserordentliche „Provision“11, womit man in den päpstlichen Monaten seine Pfründen anfalle, und doch sollte sein Gotteshaus hierin geschützt sein. Die Eidgenossen befahlen ihm auf das hin, die Bullen und Freiheiten in den nächsten Tagen zu bringen, um das Nöthige zu beschliessen. Das Resultat ist nicht bekannt. Aber nach drei Jahren (1493) beschwerte sich Abt Johannes I. wieder bei den in Luzern versammelten Eidgenossen über Herrn Hans Scherer, der vom Kaiser eine Bitte und „Gratie“ (Gnade) auf die Muripfründe zu Lunkhofen erhalten hätte. Nachdem dieser selbe bekommen, habe er sich damit gar nicht begnügen wollen, indem er behauptete, sie bringe ihm nicht die hinreichende Nahrung. Abt und Konvent hätten sich dann angestrengt, sie aufzubessern. Nach vielen Jahren sei nun eine Muripfründe in Sursee erledigt worden, und dieser Kirchherr von Lunkhofen falle jetzt auch diese Pfründe mit seinem Commissionsbrief an und habe Abt und Konvent nach Konstanz zum Bischofe citirt; daher bitten sie um den Schutz der Eidgenossen, als ihrer Kastvögte. Diese gingen sofort auf die Sache ein und traten mit Kraft im Allgemeinen gegen das Curtisanenwesen auf. Die Tagsatzung ertheilte nämlich dem Abte Johannes I. den Rath, dass er die eidgenössischen Boten oder Briefe mit sich nach Constanz nehme und den Bischof bitte, dass er den Johannes Scherer anhalte, von seinem Vorhaben abzustehen und das Gotteshaus in Ruhe zu lassen. Zugleich beschliessen die Tagherren: jede Kantonsregierung soll berathen, wie man die, welche dergestalt Pfründen anfallen, behandeln wolle12. - Als Johannes Scherer noch aus dem Grunde auf die Pfründe in Sursee Anspruch machte, weil er eine verschriebene Zusage von Abt und Konvent besitze, so geboten ihm die Eidgenossen (21. Jänner 1494), von seinem Vorhaben abzustehen; mit der Schrift möge er jedoch vor die VI Orte kommen, „denen das Gotteshaus verwandt ist“13. Das sind scharfe Worte. – Ausser Scherer drängte sich noch ein anderer Bewerber einer Muripfründe in Sursee auf, nämlich Werner Hirzel, welcher ebenfalls behauptete, eine schriftliche Zusage hiefür zu besitzen. Diesem antwortete aber Abt Johannes I.: „Hirzel habe sich seitdem verehelicht und allerlei (I-233) geübt, das ihn am priesterlichen Stande verhindere. Doch weil er sich rühme, er sei zu Rom zur priesterlichen Würde zugelassen worden, so wolle er ihm unter Voraussetzung, dass er sich priesterlich halte, eine von den Muripfründen in Sursee leihen, sobald eine ledig falle, und zu welcher Hirzel tauglich erachtet werde“. Die Eidgenossen erklärten ihm sodann: er habe sich mit diesem Anerbieten des Abtes zu begnügen14.

Wie in kirchlichen Angelegenheiten, erschien Abt Johannes I. auch öfters wegen der Oekonomie vor den eidgenössischen Tagherren. Zunächst sollte er sich vor ihnen verantworten wegen der 300 Pfund Haller, die sein Gotteshaus der Hausfrau des Luzerner Organisten, Eglof Koller, hätte schuldig sein sollen. Muri konnte einen schon in dieser Sache ergangenen Spruch vorweisen, und daher wurden diese Ansprüche (1488) abgewiesen15. Drei Jahre später behelligte Koller neuerdings die Eidgenossen wegen obiger Anforderung; jedoch wahrscheinlich wieder ohne Erfolg16. Auf derselben Tagsatzung Hatte Muri noch einen andern Streit auszutragen, der aber unbedeutend wart. Das folgende Jahr stand es mit den Boswilern wegen Gerichtsangelegenheiten vor den Eidgenossen17, und nach Ablauf eines weitern Jahres (1493) bat Abt Johannes I. die Eidgenossen, sie möchten ihm den Kellenhof zu Boswil lehenfrei geben, zunächst weil er selben früher niemals als Lehen empfangen, und dann glaube er, auch gesetzt, der Kellenhof wäre ein Lehen, diess um die Eidgenossen verdient zu haben18. Alle Stände, bis auf Zürich, zeigten sich bereit, dem Abte zu entsprechen, so lange nämlich der Hof im Besitze des Gotteshauses Muri bleibe. Zürich, das die Gründe für die Abweisung der Bitte nicht angegeben hatte, wurde aufgefordert, bei der gewöhnlichen Zusammenkunft in Baden, selbe vorzubringen. Ob es solche angebracht, ist uns nicht bekannt. Indessen lesen wir, dass der Abt von Muri dem Rathe in Zürich 1490 beim Feldzug nach St. Gallen ein „raisig Pferd“ gestellt habe19.

Hier haben wir von Abt Johannes I. ein Ereigniss zu melden, das sonst bei keinem Muri-Abt zum Vorschein kommt, (I-234) Johannes I. sei nämlich ein Gegenstand tödtlichen Hasses gewesen, so, dass die weltliche Behörde ihren schützenden Arm über ihn ausbreiten musste. Den in Luzern versammelten Eidgenossen wurde (im November 1493) mitgetheilt: die Letter in Einsiedeln haben gedroht, dem Abte von Muri wegen eines im Thurme zu Bremgarten verstorbenen Verwandten Arges zuzufügen20, und das folgende Jahr wird denselben Tagherren gemeldet: Einer der Segesser von Mellingen habe wegen der obwaltenden Zwistigkeiten dem Abte „gewartet“ (aufgelauert). Diesem wie auch dem Segesser wurde eidlich der Friede geboten. Letzterer scheint aber seine Unschuld bewiesen zu haben21. Mehrere Wädischwiler am Zürichersee wollten unsern Abt sogar vor ein päpstliches Gericht laden; allein die Schirmherren Muri's glaubten, sie sollten sich mit den eidgenössischen Gerichten begnügen22.

Um nichts zu verschweigen, fügen wir Obigem noch ein anderes Schattenbild dieses Abtes bei. Im Jahre 1496, vier Jahre vor seinem Tode, bewog er den versammelten Konvent, dass derselbe, im Falle seines Ablebens, in Rücksicht auf die namhafte Summe, die er in's Kloster gebracht und in Anbetracht seiner vielen Verdienste ihm urkundlich versprach, seine vier unerzogenen Kinder zu versorgen23.

Verbinden wir das von Abt Johannes I. Hagnauer Gesagte mit dem Verdienstlichen, das er für das Kloster wirklich gethan und das erst zu erzählen ist, so erkennen wir an ihm einen Mann, der auf der einen Seite Schwächen, auf der andern Seite aber viele treffliche geistige Eigenschaften hatte, – also ein Kind damaliger Zeit war.

Aus den vorliegenden Aktenstücken geht hervor, dass er einen richtigen Blick in die Oekonomie hatte. Sein Grundsatz hierin war: ferne gelegene Güter zu veräussern und dafür näher gelegene zu kaufen. Demnach trat er im Einverständnisse mit dem Konvente im Januar 1486 die Höfe, Güter und Rechte in Gangolfswil, Zwyern u. s. w. um 1080 Gulden an die Regierung des Standes Zug ab24; hiefür erwarb er Güter, Rechte und die zwei Pfarrpfründen in Boswil und Wohlen. Dadurch gewannen die Besitzungen Muri's und die 13 Pfründen25 in (I-235) seiner Nähe eine gewisse Abrundung. Diese feste Grundlage in der Ökonomie mag eine Ursache mehr sein, wesshalb unser Kloster die Reformationsstürme glücklich aushielt.

Nebst der Pfarrpfründe in Wohlen kam um 250 Gulden auch der Rütihof (1483) nach Muri. Mit diesem war das Kirchenvermögen (Kirchensatz) verbunden26.

Den Kirchensatz, das Kirchenlehen und die Kirche in Boswil, ehemals den Frauen in Zürich zuständig, erhielt Muri am 10. April 1483 von Hans von Hallwil und seinen Brüdern um 1500 Gulden als eine freie Gottesgabe und dazu noch folgende Rechte und Besitzungen in Boswil: a. den vierten Theil des Twinges und Bannes daselbst; b. den grossen Zehnten, und c. den halben Imerzehnten27. Die andere Hälfte der Rechte in Boswil gehörte den Edlen von Seengen, welche aber Herr Johannes von Seengen am 22. April 1483 um 500 Gl. an unser Gotteshaus gab28. Der Stand Luzern sagte dem Abte Johannes I., als dem „Liebhaber der göttlichen Gerechtigkeit“, am 5. Mai 1492 den besondern Schutz und Schirm für diese Käufe in Boswil zu29. Weil aber der Kellenhof, der grosse Zehent und Kirchensatz daselbst kein österreichisches Mannlehen gewesen war, so erliessen die Eidgenossen im Jahre 1493 in dieser Sache folgende Bestimmung: der Kellenhof und Kirchensatz in Boswil und Alles, was das Kloster Muri von den Herren von Rüssegg, Grünenberg, Baldegg, Heidegg und Hallwil erkauft hatte, soll nicht von den Landvögten als Lehen empfangen werden, wohl aber andere Besitzungen30. Jedoch auch diese wurden bald, wie bereits gesagt wurde, auf Ansuchen des Abtes lehenfrei.

Für das Gericht in Boswil, das auch Waldhäusern, Hündenbül, Werdenzwil (Weissenbach), Kalchern (Kallern) und Bülisacher umfasste, verliehen die Eidgenossen dem Abte Johannes I. 1491 das Siegelrecht, wodurch Muri in dessen vollen Besitz kam, „Frevel und Dieb“ ausgenommen31. In diesem (I-236) Kellenhof wurden dann, wie in Muri, jährlich drei Gedinge (im Mai, Herbst und am St. Hilarientag) gehalten. Wer ohne Ursache hiebei nicht erschien, musste dem Keller zu Handen der Grundherrlichkeit drei Schilling Strafgeld entrichten32.

Allein neben dem Kloster Muri besassen den vierten Theil dieses Kellenhofs in Boswil die dortigen Bewohner. Sie hatten ihn im Jahre 1425 erworben33. Als Muri mit dem Siegelrecht für sein Gericht daselbst beschenkt worden, glaubten sich die Boswiler in ihren Rechten verletzt und klagten bei den Eidgenossen. Auch Muri erhob 1492 gegen sie bei denselben Klage. Die Tagherren antworteten unter dem 2. April d. J. dem Abte: „Er möge gegen die Boswiler, die ihn von Ort zu Ort verklagen, sich auch von Ort zu Ort verantworten und dann den Spruch zu Baden erwarten“34. Die Antwort von da lautete: a. Muri bleibt bei dem Siegelrechte, wie die Eidgenossen zu Baden es dem Gotteshause zugesagt hatten; b. das Volk zu Boswil schwört dem Herrn (Abte) zu Muri: das Gericht im Kellenhof im Namen und anstatt des Herrn in Muri und des Gotteshauses auszurichten; c. die Appellationen vom Kellenhof werden vor den Abt in Muri gezogen, welcher den Landvogt zu sich nimmt, um die Zwistigkeiten nach ihrem Ermessen zu entscheiden, wobei es sein Verbleiben hat. Den Parteien ist es jedoch freigestellt, sich mit dem Urtheile des Abtes allein zu begnügen. Der vierte Artikel spricht von den Dörfern und Höfen, die zum Kellenhof in Boswil gehörten. Der Richter musste ferner dem Keller (später Ammann genannt35) schwören, an den Gerichten gehorsam zu erscheinen, die Gerechtigkeit zu schirmen und des Gotteshauses Nutzen zu fördern. Schliesslich wird Muri anbefohlen, für Ausfertigung der Käufe und Verkäufe eine geringere Taxe, als sonst üblich ist, zu beziehen.

Indessen war Abt Johannes I. bei den vielen Kämpfen für die Rechte seines Gotteshauses nicht immer so glücklich. Bei dem Streite wegen des Opferstockgeldes in Nottwil und der Abhängigkeit der Pfarrei Neuenkirch von der Mutterkirche in Sursee wurde er von Luzern abgewiesen36. Auch Zürich (I-237) achtete nicht auf die Vorstellungen unseres Abtes, die er im Jahre 1491 für seine Unterthanen in Lieli wegen Tragung der Kriegskosten eingelegt hatte37.

Zum Beweise unserer Behauptung, Abt Johannes I. sei einer der besten Ökonomen unseres Gotteshauses gewesen, erwähnen wir noch vier Käufe. Im fruchtbaren Jahre 148438 kaufte er in Mailen am Zürichersee mehrere Juchart Reben mit Haus und Baumgarten, Wiesen und Äckern für 350 Gl.39 Der Hof hatte eine besondere Offnung, die 1558 bestätigt wurde. Nach 11 Jahren brachte er ein Rebgut in Thalwil an unser Gotteshaus und liess zugleich die Erbrechte für die Murihöfe daselbst erneuern40. Ebenso erstand er von Johannes von Seengen und von einem Züricher Zinsen und Zehnten in Boswil41. Kurz vor seinem Tode (10. Febr. 1500) erwarb er um 1415 Gulden den sogenannten „Glättlizehent“ in Lunkhofen, der bis auf die letzte Zeit bei Muri blieb.

Mit den Bischöfen von Constanz stand Abt Johannes I. in regem Verkehr. Bischof Otto IV. bestätigte ihn 16. Aug. 1480, erliess ihm vermöge der Fürbitte der VI Schirmherren von der üblichen Taxe der Annaten 200 Gulden42 und verlieh 1483 einen Schirmbrief43. In Rücksicht des Gesagten und wegen des Nachlasses bei der Annatenzahlung neu besetzter Muripfründen44 nennt P. Anselm Weissenbach diesen Bischof den „grossen Schirmer und Gönner unseres Klosters“45, Er war es auch, welcher die zwei Pfarrpfründen Boswil und Wohlen (17. Mai 1485) dem Kloster Muri einverleibte, indem er dies mit der Baufälligkeit des Klosters, mit dessen unbedeutendem Einkommen, der grossen Gastfreundschaft und mit den vielen Almosen begründete und dem Abte und Konvente das Recht (I-238) verlieh, diese Collaturen entweder mit Religiosen oder Weltgeistlichen zu besetzen46.

Ungünstiger war das Verhältniss des Abtes Johannes I. zu Otto's IV. Nachfolger, Thomas Berlower. Dieser Bischof wollte, gestützt auf apostolische „Gewaltsbriefe“, von allen Klöstern, Stiften und Kirchen der Diöcese Constanz eine ausserordentliche Steuer erheben, weil das Bisthum mit grossen Schulden belastet war47. Von einer freien (exempten) Kirche verlangte er ein Zehntel und von einer nicht-freien zwei Zehntel aller ihrer Einkünfte. Die ganze Klerisei des Bisthums hielt desshalb am 29. August 1492 eine Versammlung in Form einer Synode und liess den Bischof wissen, sie sei geneigt, ihm zu geben, was Gewohnheit ist, besonders die Caritätsunterstützung nach alter Taxe48 (wornach Einsiedeln und Muri mit je 43 Gulden geschätzt waren); jedoch gehe ihre Bitte dahin, sie mit neuen beschwerlichen Auflagen zu verschonen, damit sie nicht gezwungen werde, den Rechtsweg zu gebrauchen. Jakob von Cham, Propst in Zürich, war für diesen letztem Fall als Rechtsanwalt von der Synode bezeichnet worden. Fast alle Benediktiner-Klöster des Bisthums, darunter auch Muri, nebst den übrigen Orden stimmten diesem Beschlusse bei. Abt Johannes I. trat sogar mit dem Propste zu Luzern, Heinrich Vogt, als Bevollmächtigter des schweizerischen Klerus auf49. In diesen Handel mischten sich auch die Eidgenossen und bestärkten anfänglich die Geistlichkeit in der Weigerung, die auferlegte Kirchensteuer zu zahlen; jedoch das folgende Jahr traten sie als Vermittler auf und bezeichneten als Schiedsrichter hiefür Gerold Meyer von Knonau in Zürich, Johannes Ruos von Luzern und Johannes von Flüe von Unterwalden50. Diese konnten aber die Parteien zu keinem Ausgleich bringen. Selbe wählten daher aus ihrer Mitte ihre Schiedsleute, und diese luden dann ihre Vertreter der streitenden Parteien auf den 27. Juli 1493 nach Constanz. Im Namen des Bischofs erschienen vor ihnen Johannes Sanaget, Archidiakon; Hugo von Hohenlandenberg, Domkanoniker; Balthasar von Randeck, Vikar; Johannes Truckenpuol, Kanzler der Kirche in Constanz; – im Namen der Klerisei und der Klöster kamen Johannes, Abt von Muri; (I-239) Heinrich Vogt, Propst in Luzern; Johannes Bischof, Konventherr von St. Gallen und Doktor; Jakob von Cham, Propst in Zürich; Johannes Wesner, Cantor in Zofingen; Johannes Schlosser, Kammerer und Pleban in Luzern51. Die obwaltenden Zwistigkeiten wurden jetzt glücklich beigelegt. Bischof Thomas trat zurück und versprach urkundlich, die Freiheiten, Gewohnheiten und Rechte der Klöster und Kirchen ungetrübt zu lassen und das gemeine Volk oder sonst Jemanden nicht unnöthig zu beschweren.

Durch dieses Auftreten im Namen der Klöster und Klerisei hatte Abt Johannes I. keineswegs die Gunst des bischöflichen Hofes eingebüsst; denn Bischof Thomas verlieh ihm und seinem Gotteshause das folgende Jahr einen Schirmbrief, den letzten in der alten Form52.

Werfen wir noch einen Blick auf die religiöse und wissenschaftliche Pflege, die Abt Johannes I. seinen Religiosen und Untergebenen angedeihen liess. Vor Allem war er bestrebt, die Zahl der Konventualen zu vermehren. Dieselbe war im Jahre 1491 bereits auf 10 gestiegen53. Diese versahen wie unter seinem Vorgänger Pfarreien, zierten Kirchen mit Altären54, verbreiteten die in Folge einer verheerenden Pest 1492 im Kloster Kappel gegründete Sebastianibruderschaft mit Eifer55, stifteten mit Erlaubniss des Abtes Jahrtage56, nannten sich in ihrem amtlichen Schreiben in aller Bescheidenheit nur „Brüder“ und Pfarrvikare57, und beschäftigten sich vielfach mit Abschreiben wissenschaftlicher Werke, die sie dann in der Klosterbibliothek aufstellten58. Eine entehrende That des Konventes kam uns aus dieser Zeit nicht zur Kenntniss. Abt Johannes I. selbst stand mit den damals gelehrtesten Männern in der Eidgenossenschaft, wie mit dem berümten Dekan in Einsiedeln, Albert von Bonstetten, und mit dem Propst Johann Manz in Zürich in Verbindung. Letzterm vermittelte er vom Dekan Albert in Einsiedeln einen Wappenbrief59. Dieser Dekan erlangte auch vom Kaiser Maximilian I. die Vollmacht, unserm Abte Johannes I. und allen Hagnauern von Zürich, die ehelicher (I-240) Geburt sind, einen Wappenbrief zu verleihen und zwar aus dem Grunde, weil sowohl der verstorbene Kaiser (Friedrich IV.) als auch Max I. dem Abte Johannes Hagnauer und seinem Gotteshause Muri, das gestiftet und angefangen wurde „von ihren Vorfahren“, mit besondern Gnaden geneigt sind60. Ebenso stand Abt Johannes I. mit dem Doktor beider Rechte, dem Propste Jakob von Cham in Zürich, auf vertrautem Fusse. Zugleich muss dieser Abt den Ruf eines verständigen und rechtskundigen Mannes in höhern Kreisen genossen haben; denn wir hören, dass er mit den Äbten von Einsiedeln und Rüti als Schiedsrichter in einem Streite berufen wurde und mit letzterem rechtsgiltig sprach61.

Schliesslich melden wir noch, um nichts zu übergehen, dass er über dem Hochaltare der Klosterkirche den kleinen Thurm (1491) bauen und den Knopf vergolden liess. Der Werkmeister und Vergolder waren Bürger aus Zürich. In den Thurmknopf legte er einen Katalog des damaligen Konventes, der bei der Renovation 1609 aufgefunden wurde62. Endlich vernehmen wir, dass Abt Johannes I. der Kirche zu Richenburg (Kt. Schwyz) ein Glasfenster verehrte63.

Sein Tod erfolgte wahrscheinlich am 11. Februar 1500. Die sterbliche Hülle wurde in der Klosterkirche vor dem Altare der Kreuzablösung beigesetzt64.


  1. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 272.

  2. Daselbst, S. 142; P. Ans. Weissenb., Eccles. p. 172, 173. Ein Johannes Hagnauer ist Rathsherr in Zürich am 20. September 1398, am 11. November 1414 und 4. Juli 1438 (Argovia VIII., 57, 59).

  3. Am 7. März 1447 verkaufte Elsbeth von Mure, Ehefrau Pentelis Hagnauer's, Bürgers von Zürich, eine Gilt vom Keilenhof in Lunkhofen (Argovia Vlll., 69).

  4. Eidgen. Absend. III., 1, 81, 84.

  5. Die politischen Angelegenheiten hemmten wohl sehr den Einfluss der Congregation auf die schweizerischen Benediktiner-Klöster.

  6. Eidgen. Abschd. III., 1, 619.

  7. Daselbst, S. 658.

  8. Eidgen. Abschd. III., 2, 4.

  9. Daselbst III., 1., 368; Anzeiger für Schweizer Geschichte, Jahrgang 1881, S. 440, 441.

  10. Daselbst.

  11. Darunter sind die Curtisanen verstanden, welche mit päpstlichen oder kaiserlichen Gewaltsbriefen versehen, die vakanten Pfründen anfielen.

  12. Eidgen. Abschd, III., 1, 444.

  13. Diese Worte werden andeuten, dass mehrere Mitglieder des Konventes aus den VI Orten stammen, z, B. von Zürich, Schwyz u. s. w.

  14. Eidgen. Abschd. III., 1, 446.

  15. Eidgen. Abschd. III., 1, 297.

  16. Daselbst, S. 380.

  17. Daselbst, S. 400, 403.

  18. Daselbst, S. 436. – Muri war für die Eidgenossen eine Kornkammer; selbst Luzern hatte 1482 das vorräthige Korn des Klosters in Sursee gekauft (Mitth. von Theod. von Liebenau).

  19. Zellweger, Urk. II., 172.

  20. Eidgen. Abschd. III., 1, 444.

  21. Eidgen. Abschd. III., 1, 569, 471.

  22. Daselbst, S. 500.

  23. Tegerfeld, Formelbuch, Bl. 262, im Staatsarchiv Sursee, Copie. Der Landvogt Stocker von Zug siegelte die Urkunde.

  24. Stadlin, Kanton Zug II, 143-145.

  25. Diese 13 Pfründen waren nun: a) neun Pfarreien: Muri, Sursee, Villmergen, Eggenwil, Lunkhofen, Hermetschwil, Bünzen, Boswil, und Wohlen; b) 4 Kaplaneien: 1 in Villmergen (ad B. V. M.) und 3 in Sursee (ad S. Nicol., ad S. Joh., ad B. V. M.).

  26. Diesen Kirchensatz möchten die Greifenseer nicht lange vorher auf diesen Hof geschlagen haben; denn als 1437 Elisabeth Grüblerin von Bremgarten ihn mit einem Hofe der Frauen von Rathhausen vertauschte, ist davon keine Rede. Von diesem Kloster kaufte ihn Petermann von Greifensee (Schulbericht von Plac. Weissenbach).

  27. Archiv Muri in Aarau H, 1. C, 1; P. Ans. Weissenbach, Annales p. 446.

  28. Archiv Muri in Aarau; P. Ans. Weissenbach, p. 445.

  29. Daselbst.

  30. Argovia VI, 263; Kurz und Weissenbach, Beitr. I., 460.

  31. Archiv Muri in Aarau H, 1. K, 1.

  32. Argovia IV., 320.

  33. _ Archiv, Muri in Aarau H, 1. J, 6. und H, 1. J, 7. Im Jahre 1362 verkaufte diesen vierten Theil Walther von Hallwil dem Konrad Schultheiss vou Lenzburg.

  34. Eidgen. Abschd. III., I, 400, 403.

  35. Albrecht Bönger ist 1509 Ammann und Keller in Boswil (Pl. Weissenb., Schulbericht 1856-57).

  36. Staatsarchiv Luzern.

  37. Argovia VIII., 70. Dies möchte mit der Verweigerung des Siegelrechtes für das Gericht in Boswil zusammenhangen.

  38. Der Wein war so reichlich vorhanden, dass man ihn massenhaft verschenkte und „Bruderwein“ nannte (Annales, p. 448).

  39. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 445; Arch. Muri in Aarau B, I, 1.

  40. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 458.

  41. Daselbst, Annales, p. 453. Diese Käufe mögen Abt und Konvent genöthigt haben, bei Hemmann Ballinger in Baden 240 Gl., zu erheben; denn 1491 errichteten sie diesem für genannte Summe eine Gilt (Tegerfeld Formelbuch, Stadtarchiv Sursee).

  42. Erzbisch. Archiv in Freiburg i. Br.

  43. Archiv Muri in Aarau.

  44. Erzbisch. Arch. in Freiburg i. B.

  45. Annales, p. 454.

  46. Archiv Muri in Aarau.

  47. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 456.

  48. „Subsidium charitativum secundum antiquam taxam“ (Staatsarchiv Luzern).

  49. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 456, 457 u. a. O.

  50. Sohn des sel. Nikolaus von der Flüe († 21. März 1487).

  51. Arch. Muri in Aarau; P. Ans. Weissenb., Annales, p. 456.

  52. Archiv Muri in Aarau.

  53. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 272, 273.

  54. Archiv Muri in Gries.

  55. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 455.

  56. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 265 und Arch. zur Schweiz. Geschichte II., 151.

  57. P. Aug. Stöcklin, Miscell., 580 u. a. O.

  58. Mittheil. von P. Gal. Morel.

  59. David von Moos, Sammlung alter u. neuer Grabschriften, S. 44.

  60. Urk. vom 16. Oktober 1494. Die Formularien erhielt der Dekan, Albrecht von Bonstetten, schon am 22. Juli 1492 (Tegerfeld, Formelbuch, Bl. 211).

  61. Mittheil. der antiquar. Gesellschaft in Zürich, Bd. III., 4.

  62. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 272, 273.

  63. P. Ans. Weissenb. entdeckte es, als er mit dem Abte Fridolin Summerer 1673 in's Bad Pfäfers reiste (Eccles., 177).

  64. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 461, 462; Murus et Antem. IV., 69; Muri Nekrologium. Der Tag seines Todes ist nicht sicher. Doch fällt er zwischen den 10. Februar, wo er noch handelt, und den 30. April 1500, wo sein Nachfolger vom Bischof von Constanz schon beßtätigt ist. Wahrscheinlich starb er plötzlich am 11. Februar.