Siebentes Kapitel. Muri's Stellung zum niederen Adel. Collaturen.

Der im Jahre 1450 zu Ungunsten der Habsburger beendigte Züricher Krieg brachte den Gliedern des niederen Adels in der Umgebung von Muri grosse Nachtheile. Von den neuen Landesherren wurden sie entweder der Lehen, die sie von Habsburg-Österreich hatten, beraubt oder mussten auswandern, wie die Gessler, oder waren genöthigt, in den Städten und Ländern ihrer ehemaligen Gegner das Burgrecht zu kaufen. Besonders traf dieses Unglück die treuesten Anhänger Habsburgs. Zu diesen gehörten zunächst die Herren von Baldegg. Sie hatten ihre Burg am lieblichen Baldeggersee, 3-4 Stunden von Muri entfernt. Sie wurden schon nach der Sempacher Schlacht (1386) von den Eidgenossen sehr geschädigt, indem sie viele Rechte und Güter verloren. Ritter Marquard von Baldegg, ein Mann von Kraft und Ansehen, vermochte das sinkende Geschlecht nur kurze Zeit (1440-1481) zu heben1. Von den Gliedern dieses Geschlechtes kaufte Muri die sog. „Baldegger-Gült“2. Von den Gesslern, die wir öfters erwähnten, erwarb Muri nur wenige Rechte und Güter; stand ihnen aber nahe, weil sie treue Anhänger der österreichischen Herzoge waren3. Von gleicher Treue waren die Herren von Hallwil, welche am Ende des fischreichen Hallwiler-Sees ihre Burg hatten. Thüring von Hallwil glaubte, die Eidgenossen sollten ihm, weil er in Bern und Solothurn das Burgrecht genommen, die entrissenen Lehen der Herzoge von Österreich zurückerstatten. Sein Gesuch wurde 1432 abgewiesen, allein in Rücksicht auf die Fürbitte des Abtes von Muri und seiner Freunde, und weil er weder „Rath noch Diener“ der Herzoge von Österreich sei, gewährte man ihm die Gnade, die Dörfer, Gerichte und Twinge zu Boswil, Hägglingen und Anglikon, wie (I-246) auch die Gilten (Kapitalien) u. s. w. ruhig zu geniessen4. Die österreichischen Lehen der Hallwiler kamen jedoch entweder an Muri5 oder an Private6 und daher schwand auch immer mehr ihr Vermögen. Schon Rudolf von Hallwil, der Ältere, Bruder des Burkard von Hallwil und Oheim des berühmten Helden vor Murten, Hans von Hallwil, war trotz seiner Thätigkeit gezwungen, einen Hof zu Boswil um 300 Gulden im Jahre 1448 zu verkaufen7, während er acht Jahre früher seinen Antheil der Zehenten daselbst an Heinrich von Seengen, wohnhaft in Bremgarten, veräussert hatte8. Zwar erwarben sie wieder einige dieser Besitzungen9. Allein durch die Verkaufsurkunde vom 10. und 22. April 1483 veräusserten Hans, Walther und Dietrich von Hallwil, wie auch Herr Johannes von Seengen, alle diese Besitzungen um 2000 Gulden an das Kloster Muri10. In diesem Kaufe war, wie bereits oben gemeldet wurde, die Pfarrkirche von Boswil mit ihrem Kirchensatze einbegriffen. Bischof Otto IV. von Constanz verleibte sie am 17. Mai 1485 als Regularpfründe unserm Gotteshause ein11.

Als neue Collatoren mussten unsere Mitbrüder den Chor der dortigen Kirche umbauen, den Friedhof erweitern und eine Glocke „Osana“, die noch vorhanden ist, giessen lassen. Weihbischof Daniel von Constanz nahm 1498 die erforderlichen Weihen vor12.

Pfarrektor von Boswil war damals der verdiente und eifrige Konrad Suter, gebürtig von Kollikon, der zugleich Dekan des Ruralkapitels Lenzburg-Mellingen war. Dieser baute auf seine Kosten den Seitenaltar13, bewirkte, dass die Kirchmaier das Einkommen der Pfarrkirche vermehrten14, und sorgte, dass seiner Pfründe der gebührende Zehent (I-247) – der „bruonende“ (Wachs-)Zehent kraft richterlichen Spruches bleibe15.

Nach dem diese Pfarrpfründe nach Muri gekommen, mussten die zwei Kirchmaier daselbst jährlich dem Abte in Muri oder dessen Stellvertreter Rechnung ablegen. Eine solche ist uns vom Jahre 1487 erhalten. Die Ausgaben lauten: 2 Schilling für Weinkauf beim Verdingen des Beinhauses, 8 Schill. dem Pfarrektor16, 3 Denare (Haller) für die Sakramente und Bannalien (bischöfliche Abgaben), 3 Schilling und 4 Denare zu Sarmenstorf für das Mehl, 13 Schillinge und 4 Denare für den Kreuzgang nach Zürich17.

Nach dem Tode des Pfarrektors Suter setzte Muri als Pleban einen Konventualen nach Boswil und zwar den kräftigen Georg Flecklin von Schwyz, der zugleich Prior im Kloster war18.

Ausser den Herren von Hallwil und Seengen hatten noch im kornreichen Boswil die Herren von Heidegg und Lütishofen Besitzungen.

Hemmann von Heidegg (1398-1457), Sohn des Ritters Petermann, erhielt von den Eidgenossen als Lehen den Thurm in Waltenschwil sammt den Fischrechten im Thale zu Boswil, dann die Vogtei zu Werd und Winterschwil und endlich Kerngeld zu Besenbüren mit Gilten, Leut und Gut. Muri kaufte diese Rechte 147119, verkaufte sie wieder an die Herren von Heidegg und erlangte sie zum zweiten Male um das Jahr 1617.

Die Herren von Lütishofen verkauften ihren Antheil am Kellenhof zu Boswil im Jahre 1463 an Muri, wie bereits gesagt wurde20.

Mehrere Höfe der heutigen politischen Gemeinde Boswil waren damals zu der nahe gelegenen Pfarrei Bünzen zehentpflichtig und pfarrgenössig.

Diese Pfarrei liess Muri entweder durch seine Konventualen (I-248) oder durch den Weltklerus besorgen21. Daselbst übte der Konvent bei den verstorbenen Plebanen das Erbrecht (jus spolii) aus. Die Eidgenossen schützen hierin das Kloster beim Tode des 1476 verstorbenen Johann Füxlin22.

Im nahe gelegenen Wohlen besass unser Gotteshaus die Annakapelle mit ihren Einkünften seit den ältesten Zeiten. Die dortige Pfarrkirche zum hl. Stephan und hl. Leonhard ist eine Stiftung der Edlen von Wohlen. Die Zeit ihrer Gründung ist uns nicht bekannt; sie bestand aber schon 1185, wo ein Heinrich Pleban gewesen23. Allein im 15. Jahrhundert gehörten von der Gemeinde kaum 2/5 der Einwohner zu dieser Pfarrkirche; die übrigen mussten den Pfarreien von Niederwil und Göslikon bis 1518 gehorchen und ihre Zehenten dahin entrichten24. Im Jahre 1480 wollten die nach Göslikon pfarrgenössigen Wohlener für jene Pfarrkirche den Messnerlohn nicht bezahlen. Der Streit wurde vermittelt25.

Die Edlen von Wohlen waren anfangs des 15. Jahrhunderts ausgestorben und hatten die Edlen von Greifensee als Erben. Diese nannten sich nach einem Thurme zu Flums. Ulrich, der 1388 unter der österreichischen Fahne zu Näfels fiel, kann als Gründer des Geschlechtes der Greifenseer angesehen werden26. Petermann verpflanzte es durch Erbe und Kauf in den schönen Aargau. Mit ihm kam Muri 1454 wegen des Hofes in Lippliswald das erste Mal in amtliche Unterhandlungen. Seine Neffen Hans, Hans Ulrich und Hans Rudolf hatten mit Muri 1462 einen Streit und mussten wegen misslicher Vermögensverhältnisse mehrere Verkäufe abschliessen27. Endlich traten Hans und Hans Rudolf am 2. September 1484 den Kirchensatz und die Kirche des hl. Stephan und Leonhard in Wohlen mit allen Rechten für ewige Zeiten als eine freie Gottesgabe wie auch den Rütihof, auf dem der Kirchensatz haftete, für 250 Gulden an das Kloster Muri mit der Bestimmung ab, dass Abt und Konvent 10 Gulden für sich selbst behalten und (I-249) dafür den Jahrtag der Herren von Wohlen, Stifter der Kirche, wie auch den der Herren von Greifensee in der Frohnfasten im Herbste mit gesungener Vigil und gesungener Seelenmesse abhalten sollten28.

Jakob von Cham, Propst in Zürich, der die Pfarrei inne hatte und durch einen Vikar versehen liess, gab sie nach abgeschlossenem Handel sogleich in die Hände des Abtes von Muri29. Der Vikar des Propstes, Johannes Seckler, wurde Leutpriester, und starb als solcher 1508.

Die alte Pfarrkirche in Wohlen, dem Kloster Muri am 17. Mai 1485 einverleibt30, stand in den ältesten Zeiten nahe beim Flüsschen Bünz31. Sie war jetzt baufällig geworden. Abt Johannes I. liess daher an der Stelle, wo sie heute steht, eine neue bauen.

Nicht ferne von Wohlen ist die Pfarrei Villmergen mit ihren drei Filialen. Nach dem Tode des Pleban Werner Hürzel (1506) erschien in Muri ein Werner Göldlin mit einem auf die Pfarrei Villmergen ausgestellten Wartbriefe des Papstes vom Jahre 1506. Abt und Konvent verliehen ihm ohne Anstand die Pfründe. Aber jetzt kam ein Zweiter mit ähnlichem Wartbriefe (ausgestellt am 23. Jänner 1507)32 für diese Pfarrei, nämlich Rudolf Schillink. In diesem Wartbriefe heisst es: Göldlin habe, bevor sein Brief in Kraft getreten war, auf die Pfründe in Villmergen verzichtet. Johannes Manz, Propst in Zürich, war Vollstrecker des Schillink-Briefes und ging zum Bischof von Constanz. Dieser befahl nun dem Dekan des Kapitels Lenzburg-Mellingen, dass er Rudolf Schillink in die Villmerger Kirche einführe und ihn als Mitbruder des Kapitels aufnehme. Muri wusste als Collator vom Rücktritte Göldlin's nichts und war über das Vorgehen des Bischofs betroffen; wollte aber in Rom keine Klage einreichen, weil der Abt Johannes II. gerade die Bitte um Gewährung der Pontifikalien dahin hatte abgehen lassen. Göldlin anerkannte seinen Fehler und versprach am 29. Mai 1507 schriftlich: er wolle seine allfälligen Rechte und Anforderungen auf die Kirche in Villmergen, ohne dem Gotteshause Muri lästig zu fallen, allein zu behaupten suchen. Er wurde jedoch abgewiesen, und so kam 1508 Schillink in den ruhigen Besitz der Pfarrkirche.

Die Kaplaneipfründe U. L. Frau in Villmergen, ebenfalls (I-250) eine Collatur unseres Klosters, verlieben im Jahre 1460 Abt und Konvent dem Herrn Heinrich Bullen. Dieser unterzeichnete eine Schrift, worin er unter Anderm gelobt: „Ich soll auch in der Woche vier Messen haben, am Sonntag, Montag, Mittwoch und Freitag. Und wenn ein Leutpriester Mess hat, so will ich dann diesen Tag auch Mess haben. Ich soll mich befleissen, mit ihm (selbe) zu haben; es wäre denn, dass er das Gotteswort thun wollte, dann soll ich warten, bis das Gotteswort ein Ende hat“33.

Zu besserer Dotirung der Pfarrpfründe in Eggenwil hatte Muri jährlich 40 Stück angewiesen, womit sich Martin Böschin bei der Uebernahme der Pfarrei zufrieden stellte. Allein bald darnach (1445) verlangte er, dass Muri die Pfründe aufbessere. Zufolge eines Spruches der Eidgenossen (1457) musste das Kloster den 40 Stück noch 4 Mütt Kernen beigeben. Der Leutpriester, Johannes Murer, hinterliess 1470 folgende Beschreibung vom Einkommen dieser Pfründe: Muri (der Collator) gibt 27 Stück Kernen, 10 Malter Hafer, 4 Stück „Fassmuss“ (Hülsenfrüchte) und 3 Saum Wein, ferner den Zehenten von Niederhart und, wenn der Leutpriester zu Eggenwil haushälterisch ist34, 100 Garben Stroh. Das sog. „Laurenzengut“ (Widdumsgut) warf 4 Mütt Kernenzins ab35.

Von Eggenwil kommt man über Zuffikon nach Lunkhofen. Diese Pfarrei fasste damals zugleich die zwei Pfarreien Berikon und Jonen in sich. Muri kam in den vollen Besitz dieser Pfarrkirche im Jahre 1414. Dem abdankenden Pfarrrektor, Johannes Sure, musste Abt Georg nach Bremgarten jährlich 40 Malter Hafer, 40 Mütt Kernen und 40 Hühner leibgedingungsweise entrichten36. Jedoch konnte Muri hievon einige Artikel abziehen. Das Übereinkommen enthielt auch einen Vorbehalt hinsichtlich des Hauptbriefes wegen obigen Leibgedinges, worin aber nur die Herrschaft von Österreich und der Bischof von Constanz Abänderungen machen konnten37.

Dem Johannes Sure folgte als erster Pleban und vom (I-251) Kapitel in Muri gewählt, Burkard, gebürtig von Lunkhofen. Das Kloster übergab demselben mit Erlaubniss des Bischofs von Constanz die Pfarrei38. Hänsli Bürgi stiftete 1461, um die ausgedehnte Pfarrei besser pastoriren zu können, daselbst eine Kaplanei zur Ehre der hl. Katharina und gab hiefür fünf Mütt Kernen jährlichen Zinses. Die Gaben mehrten sich rasch. Muri und Johannes Christen, Vogt des Kelleramtes, gestatteten den Pfarrgenossen, die Gründung der Kaplanei abzuschliessen, wenn sie dem bereits vorhandenen Einkommen 10 Stück hinzufügen und die weitere Sorge für diese neue Pfründe, wofür ihnen dann die freie Wahl des Kaplans überlassen werde, übernehmen. Diese versprachen und leisteten das Verlangte, und so erfolgte schon am 30. Mai d. J. die kirchliche Bestätigung in Constanz39. Doch später riss Bremgarten, als Zwingherr der Pfarrei, die Wahl des Kaplans an sich, und so musste Muri als Collator im Jahre 1706 für die Erneuerung des Stiftsbriefes sorgen40.

Dem Leutpriester Burkard scheint in Lunkhofen als solcher Werner Sager gefolgt zu sein. Er war ehemals erster Kaplan dar neuen Spitalpfründe in Bremgarten und versah die Pfarrei von 1429-1409 mit vielem Lobe. Als Nachfolger hatte er Johannes Locher und Johannes Scherer41. Letzterer beklagte sich über das zu geringe Einkommen der Pfründe. Ein Schiedsgericht, bestehend aus Stephan Maier, Dekan des Kapitels Bremgarten, und Felix, Bürger in Muri, sprach 1471: Abt Hermann in Muri soll dem genannten Pleban nebst dem gewöhnlichen Einkommen noch 4 Malter Hafer, 2 Saum Wein und 2 Ferkel verabreichen; ihm gehören auch die Fastnachthühner „ab dem Holze“ oder dafür ein Pfund Haller. Fehlt der Wein, so gibt Muri für jeden Saum 6 Viertel Kernen; Scherer besorge dann die Pfarrei persönlich, wage es nicht, die Pfarreinkünfte zu veräussern und soll wissen, dass ihm und seinen Nachfolgern die Besorgung des Gottesdienstes der mit der Pfarrkirche von Lunkhofen vereinten Kapelle des hl. Mauriz in Berikon obliege42. Nach 10 Jahren (1481) verzichteten Abt und Konvent auf das ihnen zustehende Erbrecht vom Nachlasse dieses von ihnen belehnten Kirchherrn und Leutpriesters43. (I-252) Nach Verlauf von wieder 10 Jahren beanspruchte dieser Leutpriester das Zehentrecht aller Neubrüche in der ganzen Pfarrei; was ihm Bürgermeister und Rath in Zürich auch zusagten44. Endlich erhob dieser Herr noch Ansprüche auf eine der Muricollaturen in Sursee; wurde aber, wie bereits gemeldet, abgewiesen45.

Schwieriger noch waren die Verhältnisse in Betreff der Collaturen in Sursee und in den Filialen dieser grossen Pfarrei. Die Geistlichkeit daselbst war im Anfange des 15. Jahrhunderts eifrig für die Pflege des religiösen Lebens besorgt. Der Pleban Nikolaus Rot liess seit 1421 jeden Samstag das „Salve Regina“ singen, wofür ihm Bischof Otto III. von Constanz besondere Ablässe ertheilte46. Die grösste Glocke läutete man schon seit 1359 am Freitage zum Andenken an das bittere Leiden Jesu Christi47. – Die zwei Mannlehen, welche Muri dort besass48, und wovon eines von der Kirche in Sursee herrührte und der Luzerner Regierung gehörte, bereiteten unserm Gotteshause keine besondern Verlegenheiten49. Dagegen waren verschiedene Streitigkeiten wegen Zehenten auszutragen, so wegen des Mooszehenten zu Adelwil50, wegen Zehentbezug in Oberkirch mit dem Kloster St. Urban und wegen „Verquartung“ des Laienzehentens in Sursee51. Die Besitzer des Hofes Wartensee mussten laut Spruch der Regierung von Luzern (1508) dem Abte von Muri jährlich ein Fastnachthuhn entrichten, weil ihr Hof zum Kirchspiele Sursee gehörte. Pfrundherr Rudolf Asper klagte wegen zu geringen Einkommens52. Der Bischof von Constanz befahl in Folge dessen dem Kloster Muri vermöge eines Schiedsspruches, dass es zum gewöhnlichen Einkommen noch 8 Malter beigebe; doch soll der Spruch nur für diese Person Geltung haben53. Diesem Asper, der zugleich Dekan des dortigen Landkapitels war, brannte innerhalb fünf Jahre zweimal das Pfrundhaus U. L. Frau ab. Muri gab ihm als (I-253) eine freiwillige Gabe zwei Malter54. – Doch schon im Jahre 1472 stand er, in Verbindung mit Johann Schertweg, Kaplan des St. Niklausen Altars in Sursee, wegen Zehenten im Streit mit unserm Gotteshause55. – Im Jahre 1460 wollte der Muri-Konvent den von der Kirchengemeinde in Sursee ernannten Leutpriester, Johannes Wagmann, dem Bischofe nicht präsentiren, indem er die Wahl des Leutpriesters daselbst ansprach. Schiedsleute, aus der Luzerner Regierung genommen, erklärten aber: der Kirchgemeinde von Sursee gehöre die freie Wahl und das Gotteshaus in Muri habe das Präsentationsrecht56. Nach diesen ausgesprochenen Sätzen handelten künftig die Surseer und der Muri-Konvent57.

Zur Pfarrei Sursee gehörte auch Nottwil mit einer Kapelle Unserer Lieben Frau. Diese erscheint schon 1275 (Capella in Otwile). Der Geistliche in Sursee, der sie besorgte, bezog von ihr 3 Pfund und 8 Schilling und musste damals nach Vorschrift den 10. Theil an die Kreuzzüge versteuern58. Cysat schreibt 1590 von dieser Kapelle: „Die Erbauungszeit dieser Kapelle ist ungewiss; allein sie ist sehr alt und eine gnadenreiche Gottesstatt der vielen Wunder wegen, die durch die Fürbitte der Mutter Gottes an diesem Orte geschehen“. – Im Jahre 1322 kam sie nebst der Collatur und Vogtei an das Stift Schönenwerd. Der Kaplan der dortigen Johannespfründe musste die Pflicht auf sich nehmen, den Gottesdienst in Nottwil, wie er bis dahin war, zu besorgen.

Ein Bürger von Nottwil machte 1441 eine grössere Vergabung, und seine Nachbaren hegten nun mit ihm den sehnlichsten Wunsch, das Kirchlein von dem Stifte Schönenwerd frei zu machen, zumal sich dasselbe in Bau und Licht jetzt selbst erhalten konnte. Seine Herren veräusserten es 1461 an die U. L. Frauenpfründe in Ruswil, mit der Bedingung, dass der Kaplan wöchentlich eine hl. Messe in Nottwil halte. Die Gaben mehrten sich wegen der zunehmenden Wallfahrt, und so erstanden endlich am 16. November 1494 die Nottwiler um 130 Gulden die Kapelle. Den Kauf genehmigte der Rath in Luzern mit dem Zusatze: „dass, wenn je in Nottwil ein Beneficium errichtet wird, das Wahlrecht der Regierung zustehe“59. Die baufällige Kapelle wurde 1497 mit Hilfe (I-254) der Regierung neu erstellt, und die Abhaltung des Gottesdienstes, die Rechte auf den Opferstock, wie auch das Verhältniss der Kapelle zur Mutterkirche in Sursee erhielten durch besondere Artikel eine Regelung. Allein diese Artikel fanden bald Widerspruch in Sursee und Muri. Die Luzerner Regierung schlug den Streit aber durch einen Machtspruch nieder, indem sie verordnete: weder der Abt in Muri, noch der Leutpriester in Sursee60, noch die drei Kapläne daselbst sollen dem Opferstocke und der Nutzung der Kapelle einen Eintrag thun; zur Wahl eines Priesters für diese Pfründe kommen die Bewohner von Nottwil, Ei und anderen Orten, welche Wohlthaten spendeten, zusammen und präsentiren den Gewählten dem Rathe in Luzern; ist aber der Gewählte der Obrigkeit nicht genehm, so haben die Nottwiler von dieser einen andern anzunehmen61. Auch betreffs der Kapellrechnungen machte die Regierung (1502) Bestimmungen. Ihr Vermögen war bis 1600 auf 2384 Gulden angewachsen. Den Gottesdienst, wie auch die Kirchweih, das Fest U. L. Frau und das Lesen der gestifteten Jahrzeitmessen hatten die „Vierherren“ (die 3 Kapläne mit dem Leutpriester) in Sursee zu besorgen, was aber später, wie erzählt werden wird, viele Streitigkeiten verursachte62.

Mit der Kirche in Sursee war auch die Zehentherrlichkeit von Neuenkirch, jedoch ohne dortigen Kirchensatz, verbunden. Zufolge einer Bitte der Luzerner Regierung versprach Abt Georg von Muri (3. Juni 1420) sechs schuldige Malter bis auf seinen Wiederruf den Neuenkirchern zu belassen63, was aber bis 1496 blieb. In diesem Jahre trennten sich die Neuenkircher von ihrer Mutterkirche in Sursee für immer; sie gelobten jedoch, die Zehentrechte des Muri-Klosters ungeschmälert zu belassen. Dann bestimmte die Luzerner Regierung: „Weil die Seelsorgslast den Vierherren jetzt erleichtert worden sei, sollen dem Pfarrer von Neuenkirch aus dem Murizehent daselbst künftig 12 Malter zugewiesen sein, und das dortige Cistercienser Frauenkloster erhalte das Collaturrecht der neuen Pfarrei. Dieses ging aber im 16. Jahrhundert auf das Kloster Rathhausen über, weil die Frauen von Neuenkirch sich mit diesem Gotteshause vereinigten64. (I-255)

Kaum hatten die Neuenkircher die Lostrennung von Sursee erlangt, so begannen sie den Bau ihrer Pfarrkirche. Hiezu begehrten sie aber vom Kloster einen angemessenen Beitrag. Der Konvent beschwerte sich durch Johannes Fyrabend und Georg Flecklin beim Rathe in Luzern über diese Forderung der Neuenkircher, zumal Muri das Collaturrecht nicht hatte. Der Rath sprach sich dahin aus: Der Abt von Muri zahle dem Leutpriester von Neuenkirch jährlich an die Pfründe 12 Malter. ohne weitere Verbindlichkeit an die Kirchgenossen, und Muri bleibe im Übrigen bei seiner Gerechtigkeit geschirmt; die Frauen von Neuenkirch aber sollen den Chor in Ehren halten, während die Pfarrgenossen den äussern Theil der Kirche besorgen65.

Endlich kommen wir zur St. Goarskirche in Muri. Diese entrichtete im 15. Jahrhundert dem Kloster 10 Schill. und 2 Viertel Kernen66. Sie erhielt damals mehrere Stiftungen, die ein Pfleger verwaltete, die jedoch nicht ausreichten, um die Kirchenzierde und das Öl für das ewige Licht zu beschaffen. Daher musste Abt Ulrich vermöge eines schiedsrichterlichen Spruches dieser Kirche jährlich zwei Malter Kernen für den Unterhalt des Lichtes zukommen lassen, ohne dann eine weitere Verbindlichkeit für deren Ausschmückung zu haben67. Drei Jahre früher hatte ein anderes Schiedsgericht einen Streit zwischen dem Kloster und Hug Rüsperger, Dekan und Leutpriester zu Muri, wegen Pfründeinkommens (Weinzehent) und Erbrechtes des Klosters geschlichtet68. Die oben erwähnten 2 Malter Kernen für das ewige Licht löste Abt Hermann im Jahre 1470 mit 40 Gulden ab69. Die sogen. „Widme“ der Pfarrkirche und der Kapellen in Aristau und Waleswil bezog das Kloster; allein der kleine Zehent und der Zehent der Acker zwischen dem Kloster und dem Leutpriesterhause, ebenfalls „Widme“ genannt, gehörten zum Einkommen des Pfarrvikars70. Die besondere Wohnung des Muri-Leutpriesters ist schon 1292 angedeutet; sie hiess 1415 „Hofstatt“. Der Neubau des Abtes Johannes II. (I-256) wollte aber dem damaligen Pfarrer, wie gesagt wurde, nicht entsprechen.

Von den vier unserm Gotteshause inkorporirten Kapellen Hermetschwil, St. Martin (in Boswil), St. Anna (in Wohlen) und Attiswil (Pfarrei Sins), wurde die in Hermetschwil wieder zur Pfarrkirche erhoben, wie sie es in den ältesten Zeiten gewesen. Im Jahre 1412 ist sogar von einem zweiten Altare, der St. Niklausenpfründe, daselbst die Rede. Den Leutpriester wählten Abt und Konvent in Muri, den Kaplan hingegen die Meisterin und die Frauen in Hermetschwil. Den so gewählten Kaplan, Rudolf Koch, präsentirte Abt Georg (1412) dem Bischof von Constanz. Dieser fügte der Bestätigung die Bedingung bei, dass der Pfarrei kein Eintrag geschehe71. Der Züricher Krieg muss jedoch beiden Pfründen grossen Schaden zugefügt haben, indem trotz der vielen Gaben72, die flossen, und trotz des Eingehens der Kaplaneipfründe das Einkommen für den Leutpriester nach 50 Jahren zu gering war. Abt Ulrich forderte daher die Frauen 1457 auf, die Aufbesserung der Pfarrpfründe zu übernehmen. Diese weigerten sich dessen und erzürnten den Prälaten so, dass er nicht mehr ihr Oberer sein wollte. Am 15. September d. J. sprach dann in dieser Sache ein Schiedsgericht in Zürich: 1. Der Abt von Muri bleibe Oberer der Klosterfrauen wie bisher und gebe ihnen und ihren Unterthanen, welche in die Leutkirche nach Hermetschwil gehören, einen Priester; 2. zu den früheren 20 Stück vom Kloster Muri gibt Hermetschwil noch 6 Mütt nebst dem Opfer und der üblichen Verabreichung von Speis und Trank; 3. kommen beide Klöster in grosse Armuth, so möge der Bischof hierüber entscheiden73. Dieser Rechtsspruch wurde das folgende Jahr, am 26. Oktober, dahin erweitert, dass der Leutpriester für Hermetschwil zunächst aus der Mitte des Konventes von Muri genommen werde, und erst, wenn kein Tauglicher sich dort finde, möge ein geeigneter Weltpriester die Pfarrei versehen, aber nur so lange, bis wieder genügend Priester in Muri sind74. (I-257)

Ob nun sofort Muri-Konventualen als Leutpriester in Hermetschwil thätig waren, ist uns nicht bekannt; es sei denn, dass die Herren Heinrich und Johann in diese Zeit fallen75.

Wie von den drei andern, oben genannten Kapellen hören wir auch nur Weniges aus diesem Jahrhunderte von der Kapelle in Ätiswil. Die Zehenten des Hofes in Farni wollten nämlich Paulin Frankenhofer, Leutpriester in Sins, und Heinrich Füchslin, Kirchherr in Oberrüti, dem Abte Ulrich in Muri wegnehmen: ein Schiedsgericht sprach sie jedoch alle dem Kirchlein, also Muri, zu76.


  1. Theodor von Liebenau, Geschichte der Ritter von Baldegg, s. 63, 67, 75-87.

  2. Archiv Muri in Aarau und Gries.

  3. Rochholz, Aarg. Gessler.

  4. Eidgen. Ahschd. II., 93, 94; Staatsarchiv in Luzern; Arch. Muri in Aarau.

  5. Staatsarchiv Luzern: Kloster Muri.

  6. Argovia VIII., 172.

  7. Archiv Muri in Aarau.

  8. Archiv Muri in Aarau, E, 3. F, 2; Annales, p. 453, 454.

  9. Archiv Muri in Aarau, Urk. vom Jahre 1482; Argovia VI., 247.

  10. Archiv Muri in Aarau H, 1. C, 1; Annales, p. 445, 446.

  11. Archiv Muri in Aarau L, 1. A, 4.

  12. P. Ans. Weissenb., Annales 460.

  13. P. Aug. Stöcklin, Miscell. 313.

  14. Gemeindearchiv Boswil. – Konrad erflehte einem zum Tode Verurtheilten das Leben. Der Unglückliche hatte im Zorne folgende ärgerliche Worte ausgesprochen: „Komm', Tüfel, nimm hin min Lib und Seel!“ (Argovia IV., 401).

  15. Gemeindearchiv Boswil, Urk. vom 28. Mai 1497.

  16. Er heisst in der Rechnung einfach „Here“. Suter mag ungefähr 50 Jahre die Pfarrei Boswil geleitet haben.

  17. Im Jahre 1503 sind diese Auslagen für diesen Kreuzgang specificirt: a. für die Trinkgelder („Letze“) 6 Schill. und 4 Haller; b. für die Sänger und den Sigrist 4 Schill.: c. für Kreuz-, Fahnen- und Sehellenträger 4 Schill.

  18. Pfarrlade in Boswil u. a. O. Wahrscheinlich wohnte er im Kloster, weil die Pfarrkirche nur 3/4 Std. von diesem entfernt ist.

  19. Archiv Muri in Aarau H, 3. N, 1 und H, 3. N, 2; Annales, p. 438. Zeugen sind: Herr Konrad Suter, Kirchherr zu Boswil; Herr Heinrich zum Thor, Leutpriester zu Muri, Ludwig Marti, Bürger zu Zofingen. Siegler ist: Herr Laurenz von Heidegg.

  20. Archiv Muri in Gries A. I. II., 4.

  21. Aus dieser Zeit finden wir dort als Pfarrer Johann Schertweg, Gregor Wolf von Waldsee, Johann Füxlin, Konventual Hugo Aklin (Pfarrlade Bünzen u. a. O.).

  22. Eidgen. Absch, II., 630.

  23. Neugart, Episcop. Const. II., 149.

  24. Pfarrlade in Wohlen; Archiv Muri in Gries.

  25. Archiv zur Schweizergeschichte II., 141.

  26. Leu, Lexikon, Bd. IX., 206, 207.

  27. So am 24. November 1463 Güter und Häuser in Wohlen (Archiv Muri in Aarau); die Herrschaft Wildegg (Leu, Lexikon, IX., 207).

  28. Archiv Muri in Aarau; Kurz und Weissenbach, Beitr. I., 447.

  29. Archiv Muri in Aarau; P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 538, 539.

  30. P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 539.

  31. Im Jahre 1693 sollen hievon noch Uberreste vorhanden gewesen sein (Eccles. p. 540).

  32. Urk., Rom, 1507 decimo Kal. Februarii.

  33. Die Urk. besiegelte Hug, Leutpriester zu Muri und Dekan des Kapitels Lenzburg-Mellingen (Arch. Muri in Gries A. III. IX., 2).

  34. Kurz und Weissenbach, Beitr. I., 497. – Der Leutpriester von Eggenwil durfte somit ausserhalb der Pfarrei wohnen.

  35. Kurz und Weissenbach, Beitr. I., 497.

  36. Joh. Sure lebte 1447 wahrscheinlich noch; denn am 6. Februar d. J. beschliessen die Tagherren: die Regierungen sollen weiters berathen, ob man den Abt von Muri gegen Hans von Sur schirmen oder diesen seinen Brief gebrauchen lassen wolle (Eidgen. Absch. II., 213).

  37. Admissionsurkunde vom 25. Dez. 1414 (Archiv Muri in Aarau Q, 4. O, 1, 3).

  38. Kurz und Weissenbach, Beitr, I., 447-449.

  39. P. Ans. Weissenbach, Annales, 431; Eccles., p. 501, 502.

  40. Acta Capituli Muri-Gries.

  41. Erzbisch. Archiv in Freiburg i. Br,

  42. P. Ans. Weissenbach, Eccles., p. 498, 499; Annales, p. 438; vgl. auch Schulbericht von Bremgarten von Plac. Weissenbach.

  43. Tegerfeld, Formelbuch, Bl. 286.

  44. Urk. vom 2. Aug. 1491 (Eccles., p. 499).

  45. S. oben, S. 232.

  46. P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 444.

  47. Daselbst, p. 444.

  48. Archiv Muri in Aarau.

  49. Archiv Muri in Gries A. I. II.

  50. Staatsarchiv Luzern: Kloster Muri.

  51. Daselbst: Kloster St. Urban und Kloster Muri.

  52. Urk. vom Samstag vor dem Palmsonntag 1457 (Archiv Muri in Gries A. I. II.). Darin erscheinen zwei Muri-Amtmänner in Sursee: Heinrich Schnyder und Ulrich Roter.

  53. Staatsarchiv Luzern und Aarau, Urk. vom 11. Aug. 1457.

  54. Copie im Archiv Muri in Gries.

  55. Tegerfeld, Formelbuch, Bl. 151.

  56. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  57. Geschichtsfreund III., 95, 96 u. a. O.

  58. Geschichtsfreund XX., 2, 4.

  59. Geschichtsfreund XX., 8 ff.

  60. Herr Johannes Fyrabend, Leutpriester in Sursee und Konventherr Georg Flecklin handelten im Namen des Abtes und Konventes in Muri (P. Aug. Stöcklin, Miscell. p. 277).

  61. Geschichtsfrd. XX., 8-10; Annales, p. 458, 459.

  62. Staatsarchiv in Luzern, Akten: Kloster Muri.

  63. Eidgen. Abschd. I., 230.

  64. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 458.

  65. Rathsbuch in Luzern; Annales, p. 458, 459.

  66. Archiv Muri in Gries A. III. I.

  67. Urk. vom St. Clemeustag 1453 (P. A. Stöcklin, Miscellanea p. 609-612; Eccl. p. 405). Schiedsleute waren: Bruder Wernher, Abt, und Bruder Ulrich Morgen, Grosskellner in Kappel; Heinrich zum Thor, Leutpriester in Villmergen; Heini Lüthard von Merischwand u. s. w.

  68. Urk. vom St. Matthiastag 1450 (Tegerfeld, Formelbuch, Bl. 260).

  69. Urk. vom 17. Dezember (P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 613-614).

  70. Urbar vom Jahr 1415, Auszüge im Archiv Muri in Gries A. III. I.

  71. P. Gregor Meng, Landkapitel Mellingen, S. 66, 67.

  72. Jahrzeitbuch und Nekrologium von Hermetschwil (Abschrift im Archiv Muri in Gries).

  73. Archiv des Klosters Hermetschwil. Schiedsleute waren: Nikolaus Gundelfinger, Vikar des Hofes zu Constanz; Matthäus Nithart, Propst in Zürich, und Rudolf von Cham, Bürgermeister der Stadt Zürich. Siegler: die drei Schiedsleute; Abt Ulrich; der Konvent in Muri; die Meisterin Agnes von Hermetschwil (hat kein eigenes Siegel); der Konvent in Hermetschwil.

  74. Archiv des Klosters Hermetschwil. Diesen Affix besiegelte im Namen der übrigen Schiedsleute Matthäus Nithart, Propst in Zürich.

  75. P. Gr. Meng, Landkapitel Mellingen, S. 68. Zufolge schwacher Andeutungen im Klosterarchiv Hermetschwil versahen Murikapitularen die Pfarrei bis ca. 1550.

  76. Archiv Muri in Aarau M. 3. A. 1.