Dritter Abschnitt. Nachwehen der Reformation (1549-1596).

Erstes Kapitel. Johann Christoph von Grüt, XXXIII. Abt (1549-1564).

(I-311) Abt Johann Christoph war der Sohn des geschwornen Unterstadtschreibers in Zürich, Joachim von Grüt, und der Veronika Schwarzmurer von Zug1. Joachim wirkte ehemals als Schullehrer in Rapperswil. Im Rathe zu Zürich war er einer der Wenigen, welche lesen und schreiben konnten, und zugleich der entschiedenste und gefährlichste Gegner Zwingli's. Wider diesen schrieb er eine Schrift: „Christliche Anzeigung, dass im Sakramente des Altars wahrlich sei Fleisch und Blut Christi – wider den schädlichen und verführerischen Irrthum Zwingli's zu Zürich“2. Die „Anzeigung“ ist eine Vorrede und ein Abriss der züricherischen Reformationsgeschichte; sie ist vom Geiste der Sanftmuth und Bescheidenheit durchweht und steht im grellen Gegensatze zu dem unbeugsamen und gewaltthätigen Charakter Zwingli's. Joachim von Grüt wich diesem tyrannischen Geiste aus und zog mit der Familie wieder nach Rapperswil, um dort ruhig die Kinder im wahren Glauben und in der Gottesfurcht erziehen zu können; denn er schreibt: „Es ward beschlossen, der Zwingli sollte seine Meinung und ich die (I-312) meinige in Geschrift stellen. Da jede gestellte Meinung verhört ward, redete Zwingli: Wenn mein (Joachim's) Rathschlag durchgehen sollte, wollte er auf der Kanzel öffentlich predigen und schreien. Also nahm ich meinen Rathschlag wieder zu mir und sagte: Ich will unausgeschrieen sein; denn ich sehe wohl, dass er wolle regieren und predigen und nicht leiden, dass Jemand anders rathe oder rede, denn so viel er sagt und ihm gefällt, und ich ging damit hinweg“3. – Aus den Früchten erkennt man den Baum. Alle Kinder Joachim's blieben der römisch-katholischen Kirche treu; die meisten derselben gingen in Klöster4 und zeichneten sich durch religiösen Sinn, Thatkraft und Ordnungsliebe aus, Eigenschaften, die sie für höhere Stellen empfahlen. Joachim unternahm später eine Pilgerreise nach Rom zu den Gräbern der Apostel, starb daselbst und wurde auf dem „Campo santo“, nahe bei der Peterskirche, begraben. Im Jubeljahre 1575 besuchte sein Enkel, Adam Heer, Abt in Einsiedeln, den Grabhügel des verdienten Mannes und schreibt darüber: „Morgens an dem hl. Weihnachtstage, hielten wir Messe in Campo santo auf dem Choraltare, in welcher Kirche unser leiblicher Grossvater, Joachim von Grüt, liegt, der ein Ritter und der Stadt Zürich Unterschreiber gewesen. Dieweil er aber sich des Zwinglischen Glaubens wollte zu bestreiten unternehmen, da er wohl wusste, dass er falsch sei, auch wider den Zwingli schrieb und diesen von seinem Vorhaben abzustehen ermahnte, was aber nicht fruchtete, hat man gegen ihn einen Unwillen gefasst, und er zog nach dem Ausspruch der hl. Schrift hinweg, schlug den Staub von den Füssen mit mehreren andern Adelichen“5. Die edle Mutter der oben erwähnten Kinder, Veronika Schwarzmurer, ging nach dem Tode ihres Mannes Joachim, zu ihrer Tochter Sophia nach Dänikon (Kt. Thurgau), wo sie in ihrer Krankheit 1564 von der jüngern Tochter, Meliora, Meisterin in Hermetschwil, besucht wurde6.

(I-313) Der drittgeborne Sohn dieser glaubenstreuen Eltern, Johann Christoph, kam, wie oben gesagt wurde, 1532 als Schüler nach Muri, trat am 15. Mai 1533 daselbst in's Noviziat und legte erst am 5. Febr. 1535 die hl. Profession ab. Im Jahre 1549 verwaltete er mit Lob das Amt eines Custos im Kloster7.

Drei Tage nach dem Tode des Abtes Laurenz erschien der Prior von Muri, Johannes Honegger, mit dem Landvogt in den Freienämtern, Pfändler von Glarus, vor den Abgeordneten der VII regierenden Orte in Baden und meldete, dass der Abt von Muri gestorben sei und dass das dortige Gotteshaus die Freiheit besitze, innerhalb 10 Tage im Beisein der Äbte von St. Gallen, Einsiedeln, Rheinau und Engelberg einen andern Prälaten zu wählen; allein der Landvogt wendete dagegen ein: die Wahl dürfe ohne Vorwissen der regierenden Orte nicht vorgenommen werden8. Der Prior bat sodann die Tagherren, den Konventualen in der Wahl eines Abtes nicht hinderlich zu sein. Am 17. März9 waren die Hemmnisse beseitigt. Sieben Kapitularen schritten an diesem Tage in der Sakristei der Klosterkirche zur Abtwahl, nämlich: Johannes Honegger, Prior, Johann Christoph von Grüt, Custos, Joachim Schilling, Theodor Beringer, Matthias Walz, Heinrich Hubacher und Jakob Steiner10. Die Mehrheit der Stimmen vereinigte sich auf Johann Christoph von Grüt. Die Äbte der oben erwähnten Klöster, Diethelm, Joachim, Bonaventura und Bernard präsidirten dem Wahlakte und versahen das Amt der Stimmenzähler; Zeugen waren: Leonhard Gartenhauser, Comthur in Hitzkirch; Johannes Rappold, Leutpriester in Boswil und Dekan des Landkapitels Mellingen; Johann Waldmann, Vikar des Abtes von St. Gallen in Wil; Johannes Buecher, Propst in Fahr; als apostolischer Notar handelte Bovilli, Priester. Bei dieser Wahl sehen wir das erste Mal die Abgeordneten der VII regierenden Orte erscheinen. Aber sie waren keineswegs anwesend, um den feierlichen Akt zu beeinflussen, sondern nur als Schützer und Schirmer der freien Wahl, selbe gesetzlich zu machen, zu fördern und zu sorgen, dass die alten Gebräuche beobachtet werden11. Die (I-314) fünf katholischen Orte legten dann beim Bischof von Constanz eine Fürbitte in Betreff der Confirmationsgebühr für den Neugewählten ein, indem sie ihr Gesuch damit begründeten, dass das Gotteshaus beim letzten Kriege schwer gelitten habe, so dass, wenn nicht mit der Gnade Gottes die fünf Orte „Leib und Leben dargestellt hätten“, dasselbe zu Grunde gegangen wäre12. Am 9. Juli erfolgte die Bestätigung des neugewählten Abtes durch den Bischof Christoph von Constanz. Dieser benedicirte ihn dann auch am 18. August feierlich im Kloster Muri in Anwesenheit der frommen Mutter des Abtes, Veronika Schwarzmurer13.

Der Hauptzug im Leben des neugewählten Abtes ist Milde, welche der nöthige Ernst begleitete. Wohlthun und Unglücklichen beispringen und helfen war seine Freude. Im Jahre 1553 empfiehlt er bei der Regierung in Luzern einen Priester für eine Pfründe14 und am 21. Mai 1563 derselben Regierung einen Juden, der zum Christenthum übertreten wollte. Er schreibt unter Anderm: „Zu Lob Gottes des Allmächtigen, seiner geliebten Mutter Maria und aller himmlischen Chöre ... soll man machen, dass die Seele der Ungläubigen nach diesem vergängl. elenden Jammerthale auch die ewige Freud und Seligkeit erlangen möge“15. Noch wenige Monate vor seinem Tode empfiehlt er (11. Jänner 1564) wieder Luzern einen Wolfgang von Muri, der sich in Luzern als Steinmetz niederlassen wollte16. Seinen Ernst, den er mit dieser Milde verband, erkennen wir in der Handhabung der Zucht und Ordnung in den zwei ihm unterworfenen Konventen. Das Pfründwesen, das wieder die Schranken der Mässigung zu überschreiten drohte, wies er zu den gegebenen Bestimmungen zurück. Betrübende Vorgänge, die im zweiten und dritten Jahre seiner Regierung unter den Konventualen vorkamen17 , wovon wir später im Zusammenhang sprechen werden, haben ihn wohl zur Überzeugung gebracht, dass die bestehende Ordnung vierteljähriger Vertheilung des Einkommens unter den Konventualen im grellen (I-315) Widerspruche zur Regel des hl. Vaters Benedikt stehe. Hätte er nach dem Abschlusse des Concils von Trient die Inful von Muri erlangt, so würde er nicht ermangelt haben, die Umwandlung seiner Konvente nach dem Wunsche des hohen Kirchenrathes und an der Hand der heiligen Regel vorzunehmen. Zur Einhaltung besserer Disciplin im Kloster wird er auch das Amt eines Subpriors eingeführt haben. Indessen musste er zufrieden sein, die Ruhe im Kloster durch kluge Massregeln und mit Hilfe der katholischen Stände zu erhalten. Gerade diese Umsicht, die er hier an den Tag legte, erwarb ihm die Achtung und das Zutrauen bei Hohen und Niedrigen. Sogar nach Rom war hievon die Kunde gedrungen. Der hl. Stuhl ernannte daher den Abt Johann Christoph von Muri nebst dem Fürstabte Joachim von Einsiedeln als Commissär für die Einverleibung des ehemals selbständigen, jetzt tief heruntergekommenen Benediktinerklosters, St. Johann im Thurthal, mit dem fürstlichen Kloster St. Gallen (1555)18.

Wie er die klösterliche Ordnung zu wahren bestrebt war, so eiferte er gleichfalls für die Ausschmückung der Kirchen und die Vermehrung der äussern Pracht beim öffentlichen Gottesdienste. Durch ihn wurde der nördliche Thurm der Klosterkirche im Jahre 1558 im gothischen Stile gebaut19 und mit der grossen Glocke ausgestattet20.

Den im romanischen Stile gebauten Seitenthurm unterwarf er einer Renovation. Die Sakristei im Kloster bereicherte Abt Joh. Christoph mit einer kostbaren Inful und einem silbernen, schön gearbeiteten Speisekelch. Aus seiner Regierungszeit stammen auch zwei Gemälde auf Holz, welche Doppelflügel eines schmucken Altars im Kloster waren, – ein sprechender Beweis von dem religiösen Sinne des Abtes Joh. Christoph und von seiner Liebe zur Kunst. Der rechte Flügel hat den hl. Christoph, den hl. Martin, Bischof, und den hl. Vater Benedikt; der linke die hl. Katharina, die hl. Barbara und die hl. Elisabeth im frischen Colorit21. Andere Bauten, die er innerhalb und ausserhalb der Klostermauern aufführte, waren mannigfach. Sie trugen gewöhnlich sein Wappen, einen schwarzen Baumstrunk, mit abgehauenen (I-316) und im Brande befindlichen Ästen, auf gelbem Felde22.

Wie für das Haus Gottes, so sorgte Abt Christoph auch für die Ökonomie. Dem Kloster Engelberg erwies er sich gefällig, indem er die Murizehenten zu Neuenkirch mit dem Engelbergereinkommen zu Küssnach am Zürichersee zu vertauschen bereit war23.

Trotz der grossen Auslagen für die eben berührten Bauten waren die Geldvorschüsse des Klosters Muri stark genug, um bedeutende Güterankäufe zu machen. In Sursee erwarb er einen Kornzehenten von 16 Malter um 1030 Luzerner Gulden. Es ist jener Zehent, den Rathsherr Johann Has in Luzern 1491 von den Trüllerey in Aarau gekauft hatte. Ebenso brachte dieser Abt die Mühle in Winterswil um 3500 Gulden an sein Gotteshaus und einen Theil des Baldeggerzinses24. Gegen unbillige Geldanforderung des Rudolf Stapfer von Bremgarten schützten ihn und sein Kloster (1552-1553) die Landesherren25. In wenigen Jahren hatte er Vieles im Geistigen wie im Materiellen für das Kloster gethan26. Im gleichen Geiste wirkte seine Schwester Meliora, Meisterin (1553-1599) in Hermetschwil. Leider erreichte dieser edle Prälat kaum das fünfzigste Altersjahr. Die Krone des Himmels erlangte er am 23. September 1564. Das ist der letzte Abt für Muri aus der Stadt Zürich, aus der wenigstens vier an die Spitze unseres Konventes berufen worden27.

Johann Christoph liegt vor dem Altare der 14 Nothhelfer begraben, wo später die Kapelle des hl. Martyrers Leontius gebaut wurde28. Seine Grossmutter, die über 110 Jahre alt wurde, war ihm 8 Monate früher, am 8. Jänner, in die Ewigkeit vorausgegangen29.


  1. Im Jahre 1544 erscheint ein Herr Jos. Schwarzmurer in Zug; P. Aug. Stöcklin gibt dann auch das Wappen dieser Schwarzmurer an (Miscell., p. 197).

  2. Arch. für die Reformationsgeschichte II., 493. Eman. Haller sagt in seiner Bibliothek der Schweizergeschichte III., N, 236: „Der Ort des Druckes ist nicht angezeigt“. - Stadlin (Kt. Zug, Bd. III., 834) bemerkt: die Schrift sei in Tübingen gedruckt worden. Allein Weller's Repertorium syngraphium der deutschen Literatur, im I. Vrtl. XVI., Nr. 8423, behauptet, sie sei in Freiburg i. Br. bei Johann Wörlin 1525 erschienen: denn dieses erhelle aus den beigegebenen Wappen des Druckers.

  3. Arch. für die Reformationsgeschichte II., S. 494.

  4. Makkabäus war regulirter Chorherr in Kreuzlingen; Theodos, Mönch in Wettingen; Johann Christoph, Mönch und Abt in Muri; Theophil, Amtmann in Pfirt und Vater der Veronika von Grüt, Abtisssin in Dänikon (1608-1617); Sophia, Abtissin in Dänikon (1548-1579); Meliora, Meisterin in Hermetschwil; Dorothea, Klosterfrau in Frauenthal (P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 149); Adam Heer, Abt in Einsiedeln (1569-1585), war sein Enkel (Stadlin III., 334).

  5. Archiv für die Reformationsgeschichte II., 493. P. Anselm Weissenbach sagt in seinen Annalen (p. 520) von Joachim v. Grüt: „erat religionis orthodoxe cultor ac defensor acerrimus, qui Zwinglium gravissime oppugnavit“. Vgl. Murus et Antem. IV., 77.

  6. Archiv der Frauen in Hermetschwil. - Ein Herr Baron von Grüt überbringt 1701 am 20. Nov. vom Kaiser Leopold dem Abte Placidus Zurlauben das Placet für die Erhebung in den Fürstenstand nach Muri und bekam hiefür das Erzkämmereramt von letzterem (Arch. Muri in Gries A. I. IV, 21).

  7. Archiv Muri in Gries A. I. I. IV.

  8. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  9. P. Ans. Weiss. (Eccles., p. 189) hat den 12. März.

  10. Annales, p. 518; P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 137; Archiv Muri in Aarau A, 1, E.

  11. P. Ans. Weissenb., Annales, p. 519, schreibt von dieser Wahl: „Antequam ulterius procederetur, ibidem exposuerunt (Legati VII Cant.) et dixerunt, nullam ob aliam causam se esse missos, quam ut animadverterent, ne inter electores discordia, fraus ... interveniret, quantum et quoad eos se in hujusmodi electione aliter intromittere nollent, nec impedire eam, sed eandem electionem rite, legitime fiendam, promovere et procurare deberent, nulla quaque in re præjudicari vellent“.

  12. Eidgen. Abschiede, Bd. IV., S. 66.

  13. Archiv Muri in Gries A. I. I. IV. Joh. Christoph schrieb selbst: „1649, XV. Kal. Sept. Agapiti, hic sumpsi benedictionem“.

  14. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  15. Daselbst.

  16. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  17. Staatsarchive Sarnen und Luzern.

  18. P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 191; Annales, p. 523.

  19. Bei der Renovation dieses Thurmes 1661 fand man in dessen Knopf eine Urkunde folgenden Inhaltes: „Turris ista constructa est sub nostro Reverendissimo Domino Johanne Christophoro de Gruth ex Tiguro, Abbate, et Domino Rudolpho Wicht, Priore, Domino Johanne Schilling, D. Heinrico Hubacher, D. Mathia Walz, D. Hieronymo Frei, D. Johanne Brunner, D. Alexandro Schneider, D. Michaele Luchsinger, D. Johanne Schumacher, D. Ludovico Studer, omnibus conventualibus“ etc.

  20. Diese Glocke ist bei 60 Zentner schwer, wurde 1679 in den südlichen Thurm versetzt und hat die Inschrift: „Festa colo, defunctos deploro, fulgura frango“ (P. Ans. Weissenb, Eccles, p. 193).

  21. Kapelle im Collegium zu Sarnen.

  22. Alte Speicher sind jetzt noch vorhanden; doch die Fischteiche in Hasli, die Christoph dort anlegte, sind verschwunden.

  23. Conferenz in Engelberg am 20. Mai und in Muri am 6. Juli 1555 (Eidgen. Abschiede, Bd. IV., 1, 1, S. 1238 und 1242).

  24. P. Ans. Weissenb., Eccles., p. 193; Annales, p. 533, 535.

  25. Eidgen. Abschiede, Bd. IV., 1, e, S. 854.

  26. Murus et Antem. IV., 77.

  27. „Felices Muri, quod tantum caput (Johann Christoph.) haberent et felices, quod inde (nämlich Zürich) haberent, unde postea nec sperare alterum valeant“ (Murus et Antem. IV., 76).

  28. P. Aug. Stöcklin, Miscell., p. 290.

  29. P. Ans. Weissenbach, Annales, p. 535.