Sechstes Kapitel. Hieronymus II. Troger, XLI. Abt (1674-1684).

Hieronymus Troger ging im ersten Scrutinium als Abt von Muri aus der Wahlurne. Stimmende waren 28.1 Als Scrutatoren ernannte das Kapitel den päpstlichen Nuntius, Odoard Cibo, wie auch die Aebte von Einsiedeln und Rheinau.2 Der gelehrte Abt Augustin Reding von Einsiedeln hielt vor der Wahl eine lange und treffliche Rede an das Kapitel.3

Die Bestätigung sprach der Bischof von Constanz im Namen des päpstlichen Stuhles aus und der Nuntius, Odoard Cibo, benedicirte am 7. Oktober den Neugewählten. Mit der Zahlung des Recognitions- oder Schutzgeldes zögerte dieser. Die Tagherren der VII regierenden Orte liessen ihm daher aus Aarau einen Drohbrief zukommen. Endlich zahlte Abt (II-048) Hieronymus, und die Tagherren gaben ihm die Zusicherung, dieses Geld nicht zum zweiten Male von ihm fordern zu wollen!4

Abt Hieronymus II. war von dem hervorragenden Geschlechte der Troger und Imhof in Altdorf, Kanton Uri, entsprossen. Sein Vater, Kaspar Roman, war der vierte seines Geschlechtes, der 1627 und 1628 die Würde eines Landammanns in Uri bekleidete. Die Gemahlin dieses Kaspar Roman hiess Anna Maria und stammte aus dem Geschlechte der Imhof von Blumenfeld. Unser Abt Hieronymus war das älteste Kind der gottesfürchtigen Eltern.5 Seine Studien wird er im Kloster Muri gemacht haben. Im Jahre 1640 legte er die hl. Profession all. Nach wenigen Jahren seines Priesterthums übergab ihm Abt Dominik die Leitung der Pfarrei Homburg (1652).6 Bald musste er die Statthalterei vom Schlosse Klingenberg übernehmen; 1658 ernannte ihn Abt Aegid zum Prior in Muri. Dieses wichtige Amt hatte er bis 1674 inne.7

Das erste Augenmerk richtete der neugewählte Abt darauf, dass alle Mitbrüder fleissig und genau die Ordensregel und die Congregationssatzungen beobachteten. Daher ordnete er Privatvisitationen in den Zellen seiner Mitbrüder an; hielt öfters religiöse Ansprachen an den Konvent; drang nach der Anleitung der hl. Regel auf innere Abtödtung, die Demuth, den Gehorsam und die hl. Armuth; den Beichtvätern empfahl er mit Nachdruck das Studium der Moral. Die wegen der französisch-deutschen Kriege in den Zeiten Ludwigs XIV. flüchtigen Religiosen aus dem Elsass, Breisgau und Schwabenland nahm er mit Liebe auf; verbot aber seinen Mitbrüdern, unnütze Gespräche mit ihnen zu führen.

Die Bücher der Bibliothek benützten die Konventherren fleissig; daher bestimmte der Abt, dass Jeder selbe ordnungsgemäss wieder zurückstelle.8 Die für den Statthalter in (II-049) Klingenberg und den Pfarrer in Homburg gemachten Satzungen erneuerte und vermehrte er, und bemerkte im Eingange: Muri habe die Herrschaft nur zur Ehre Gottes und zum Heile der Seelen angekauft; desshalb sollen die Mitbrüder die katholische Religion bestmöglich pflegen und erbaulich, vertraulich und gottesfürchtig mit Katholiken und Andersgläubigen umgehen. Ueber das Hausgesinde sollen sie fleissig wachen, und es vom Spielen, Trinken, und sündhaften Reden abhalten. „Man strebe zum Heile und zur Wohlfahrt der Untergebenen dahin, _dass zur Winterszeit in Homburg ein geeigneter Dorfschulmeister zum Unterrichte der Jugend in den nöthigen Kenntnissen, in der Katechese und in den guten Sitten angestellt werde; die Nichtkatholiken sollen von der Schule keineswegs ausgeschlossen sein; jedoch nöthige man sie nicht zur Anhörung der katholischen Lehre.“9 Endlich bemerkt er: die ausserhalb des Klosters weilenden Mitbrüder sollen stets der hl. Regel und der religiösen Uebungen eingedenk sein. – Zur innern Disciplin, welche seit dem Abte Johann Jodok Singeisen unablässig ihrer Vollendung entgegen geführt wurde, legte Abt Hieronymus den Schlusstein, indem er im Dormitorium die Jungen von den Alten ausschied und für die Konventualen besondere Beichtväter bestellte u. s. w.10 Um seinen Mitbrüdern und dem Volke ein lebendiges Beispiel der Gottseligkeit vor Augen zu führen, liess er den im Rufe der Heiligkeit lebenden Kapuziner, P. Markus von Aviano,3 am 8. September 1681 nach Muri kommen. Auf der steinernen Treppe des Friedhofes der Pfarrkirche hielt dieser an 10,000 Gläubige eine Ansprache und verband hiermit die Erweckung der theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe sammt Reue und Leid, was einen solchen Eindruck auf die Anwesenden machte, dass ein lautes Schluchzen entstand. Er segnete die Menge und entliess sie im Frieden. Hierauf ging er in das Kloster. Der Abt begrüsste ihn an dessen Eingang und bat ihn für sich und (II-050) seine Mitbrüder um den Segen. P. Markus erhob die Augen gegen den Himmel und sprach: „O seligste Jungfrau, o Mutter der Barmherzigkeit, o Maria, Mutter der Gnaden! Du hast mir noch keine Bitte abgeschlagen; ach, bitte für diese Diener Gottes, dass sie alle, als deine Kinder, der ewigen Herrlichkeit theilhaftig werden! Es geschehe, es geschehe, – es wird geschehen.“ Im Oktober (23.) 1686 kam dieser hochgefeierte Mann zum zweiten Male nach Muri.11

Mit dem Eifer für die Erhaltung des inneren religiösen Lebens verband Abt Hieronymus auch die Sorge für die Ausschmückung der Gotteshäuser. Das Kloster und seine Kirche liess er mit schönen Gemälden, kostbaren Brustbildern der Heiligen, neuen Altären zieren und diese mit eisernen Gitterwerken umgeben. Zugleich erhielt er aus den Katakomben Roms (1683) einen zweiten Leib eines heiligen Martyrers Benedikt.12 Den zwei Thürmen der Klosterkirche gab er fünf neue Glocken. Die Gebrüder Rossier aus Lothringen hatten sie in Muri selbst gegossen. Darunter war die grosse Glocke bei 100 Ztr. schwer.13 In den Pfarrkirchen zu Muri, Bünzen und Eggenwil erstellte er neue Altäre; für den Bau der Pfarrkirche in Sachseln gab er 100 Gl. und für den Bruder-Klausen-Altar daselbst, welchen die Klöster der schweizerischen Benediktinercongregation bauen liessen, seinen betreffenden Theil.14 Galt es, eine kirchliche Feier zu erhöhen, so fand er sich stets dafür bereit. Im Jahre 1677 ging er in seine Heimath, nach Altdorf, zur Translationsfeier des heiligen Martyrers Maximus.15 Bei dieser Gelegenheit führten die Urner zu Ehren des Heiligen und des Abtes ein religiöses Schauspiel mit Gesang in 2 Akten auf.16 In Zug war er bei der Grundsteinlegung des Kapuzinerklosters (1675) und bei der Translationsfeier des hl. Martyrers Pius im Frauenkloster Maria Opferung (1676). Bei der Einweihung der Jesuitenkirche in Luzern pontificirte Abt Hieronymus daselbst (1677).17 Zum selben Zwecke sehen wir ihn auch in Hitzkirch (1679) und öfters entweder als Visitator oder wegen Leitung der Wahl einer Äbtissin im Frauenkloster Eschenbach.18 In Muri (II-051) führte er das Läuten zur Todesangst Jesu am Donnerstag und das am Freitag ein.19 Im Unglücke leistete er grossmüthige Hilfe.20

Die Rechte des Klosters vertheidigte Abt Hieronymus mit Kraft und Klugheit, Das sehen wir besonders im langwierigen Nottwiler-Handel, wovon später die Rede sein wird. Als die Kapelle in Schenken bei Sursee gebaut wurde, wollte er die Rechte Muri’s urkundlich gewahrt wissen.21 Der Streit mit dem Bischofe von Constanz wegen Zahlung der Annaten in Constanzeroder Kaiser-Gulden fand eine schnelle Erledigung (1683).22

Wegen seines grossen Eifers für die Ehre Gottes und in Rücksicht der Klugheit, die er an den Tag legte, wählten ihn die Aebte der Congregation zu ihrem ersten Visitator (1680), welche Ehre keinem Muri-Abte später zu Theil wurde.23

Nach dem Programme, das er vor seiner Wahl zum Abte dem Kapitel vorgelegt hatte, vertheilte er wirklich die Arbeiten im Kloster, damit die Einzelnen nicht von deren Last erdrückt würden. Die Vorschriften für die, welche Aemter im Kloster inne hatten, bestätigte er entweder, oder passte sie den Zeitverhältnissen an.24 Ein besonderes Augenmerk richtete er auf eine gute und geordnete Oekonomie. Daher ertheilte er dem Statthalter weitläufige Vorschriften, erweiterte dessen Vollmacht und bestimmte, dass er dem Abte monatlich Rechnung ablege. Zu wichtigen Güterbereinigungen gab er ihm auch einen anderen Konventualen bei.25 Haben seine Vorgänger Grund und Boden, Zinsen und Zehenten erworben, so bewirkte Abt Hieronymus, dass diese Güter einträglicher und nutzbringender wurden, obgleich die Abgaben der zinspflichtigen Bauern oft sehr mässig waren.26

(II-052) Die gut geleitete Oekonomie setzte ihn nicht bloss in den Stand, Kirchen zu restauriren und auszuschmücken,27 profane Bauten zu besorgen,28 Abgebrannte zu unterstützen,29 Landverbesserungen vorzunehmen, neue Güter (um mehr als 5000 Gl.) anzukaufen, sondern er vermochte noch von der Klingenberger-Schuld 32,975 Gl. abzuzahlen, dass somit dem Nachfolger nur mehr 15,462 Gl. zu tilgen blieben, die er um so leichter abtragen konnte, weil Abt Hieronymus ihm noch 12,652 Gl. in Baarem hinterliess und die Oekonomie geregelt und einträglich gemacht hatte.30

Mitten in diesen Mühen traf ihn am Vorabende des heiligen Vaters Benedikt 1681 der Schlag. Aerztliche Hilfe und angewandte Bäder in Pfäfers retteten ihn vorläufig von den traurigsten Folgen des Anfalles. Unermüdet arbeitete er noch drei Jahre für seine Mitbrüder und für das Wohl des Volkes. Im Jahre 1684 befiel ihn eine scheinbar leichte Krankheit. Doch bald wurde sie bedenklich und am 9. März 10 Uhr Abends verschied er ruhig im Herren im 61. Altersjahre. Seine Leiche ruht an der Seite seiner Vorgänger in der St. Leontiuskapelle.31

Mit vollem Rechte setzte der Konvent die wenigen aber vielsagenden Worte auf seinen Grabstein: „Abbas Hieronymus cultus Dei et Sanctorum insignis propagator requiescat in sancta et aeterna pace.“ Abt Hieronymus, ein grosser Beförderer des Dienstes Gottes und der Verehrung seiner Heiligen ruhe im ungetrübten und ewigen Frieden! Dieser Abt bildet den würdigen Abschluss der Reihe jener Prälaten, welche Muri zu hoher Blüthe gebracht hatten. Nahe steht er dem grossen Abte Johann Jodok; glänzender erscheint Abt Dominik durch seine wissenschaftliche Bildung; gewandter in den Geschäften sind die Aebte Bonaventura und Fridolin, liebenswürdiger ist Abt Aegid; aber im Eifer für die Mehrung der Ehre Gottes und in der Begabung, Ordnung zu schaffen und zu handhaben mag dem Abte Hieronymus kaum Abt Johann Jodok gleichgekommen sein. Den Grabeshügel des Abtes Hieronymus umstanden 44 Mitglieder,32 wozu noch drei Novizen kamen.33


  1. Annales, p. 767. Die 4 letzten waren Fratres.

  2. Damit Alle durch den Eid der Verschwiegenheit gebunden wären, wollte das Kapitel keinen Präsidenten wählen.

  3. Arch. Muri in Gries A. I. IV., 21. Notar: P. Aegid Effinger; Zeugen: P. Desiderius Schuler von Einsiedeln und P. Maur Göldlin von Rheinau (Annales, p. 767). Die Scrutatoren, der Notar und die Zeugen erhielten an Ehrengeschenken 387 Gl. 10 Schill. (Eccles., p. 266).

  4. Der Sekretär, Jakob Balthasar, erwähnt in der Quittung vom 12. Dezember 1674, dass der Abt wiederholt an die Zahlung erinnert werden musste. Der Muri-Kanzler, Weissenbach, überbrachte das Geld, und davon erhielten: Zürich und Luzern je 118 Gl.; Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus und Zug je 112 Gl.; der Landvogt 150 und der Landschreiber 98 Gl. Total: 1044 Gl. (Staatsarchiv Luzern).

  5. Der Zweitgeborene war P. Meinrad Troger, Konventual in Einsiedeln; der Dritte, Emanuel, Ritter und Hauptmann; der Vierte, Johann Jakob, Hauptmann und Landschreiber in Mendrisio. Dieser schenkte 90.000 Gl. dem Spitale in Mailand; daher ist sein Portrait daselbst (Mittheil. von Hauptmann Karl Leonhard Müller).

  6. Er war daselbst der erste Pfarrer aus dem Kloster Muri.

  7. Vgl. Annales und Acta Capituli.

  8. Annales, p. 769 und Acta Cap.

  9. „nec excludantur acatholici filii; ad catholica tamen dogmata non urgeantur“ (Arch. Muri in Gries). Dieselbe Toleranz übt heute noch das Kloster Muri-Gries an der öffentlichen Lehranstalt in Sarnen (Schweiz).

  10. Acta Capituli (1681).

  11. S. unten 2. Abschnitt, 1. Kaptl. Vgl. Annales, p. 784, 785 und 798, 799.

  12. Eccles., p. 269, 271; Annales, p. 771-781.

  13. Annales, p. 781. Diese Glocken kosteten bei 10,000 Gl.

  14. Annales, p. 769. Die Regierung von Obwalden sprach dem Abte Hieronymus ihren Dank aus (Staatsarchiv Obwalden).

  15. Annales, p. 769. Die Regierung von Obwalden sprach dem Abte Hieronymus ihren Dank aus (Staatsarchiv Obwalden).

  16. Arch. Muri in Aarau F, 14. Das Stück ist in deutschen gereimten Versen.

  17. Annales, p. 774.

  18. Das. 779, 780.

  19. Acta Capituli Mur. (1681).

  20. Annales, p. 780. Die Reuss hatte 1677 und 1679 die Dämme durchbrochen, zu deren Wiederherstellung gab er bei 2000 Gl.

  21. Eccles., p. 456.

  22. Annales. p. 786.

  23. Tractatus de Congregationibus; Eccles., p. 273. Das Jahr 1676 daselbst möchte unrichtig sein.

  24. Solche Würdenträger im Konvente waren: Prior, Subprior, Oekonom (Statthalter), 2 Professoren der Theologie, Moderator oder Aufseher der Studenten, Vestiar, Custos und Untercustos, Cantor und Subcantor, Kornherr, Küchenmeister und Grosskeller (Acta Cap.).

  25. Acta Cap.; Staatsarch. Luzern (Güterbereinigung in Sursee).

  26. So gab nach dem Bereinignugsbuche vom Jahre 1681 ein Bauer, der 2 Häuser, 13 Mannwerk Wiesland und 35 Juch. Ackerland besass, nur 1 Pfd., 3 Schill., 1 Vrtl. Kernen und 1 Mltr. und 1 Mütt Hafer (Staatsarch. Luzern).

  27. Eccles., p, 269.

  28. Bau eines Speichers in Villmergen um 385 Gl., der des Fraterstockes im Kloster. Verbesserung zweier Fischteiche, Bau mehrerer Oekonomiegebäude (Eccles., p. 272, 273).

  29. Das 1677 abgebrannte Kloster in Attinghausen in Uri erhielt 100 Gl., die Abgebrannten des Fleckens Einsiedeln 100 Gl. (Das.).

  30. Eccles., p. 267, 273.

  31. Eccles., p. 274.

  32. 37 Kapitularen und 7 Brüder.

  33. Syllabus Abbatum et Confr.