Achtes Kapitel. Muri’s Thätigkeit in der Reformation der Klöster in und ausserhalb der Congregation.

I. Muri’s Thätigkeit in der Reformirung der Congregations-Klöster.

Die Schweizer-Benediktiner entfalteten im 17. Jahrhunderte eine bedeutende Reformationsthätigkeit. Unsere Aufgabe ist es nicht, dieselbe nach allen Richtungen hin zu verfolgen. Wir beschränken uns auf diejenige, bei der Muri mitwirkend erscheint. Unser Konvent entwickelte hierin eine gleiche, wenn nicht verhältnissmässig grössere Thätigkeit, als St. Gallen und Einsiedeln.

Zunächst sollte dem beklagenswerthen Pfäfers ein besserer Klostergeist beigebracht werden. Nuntius Turriani hatte dieses zerrüttete Gotteshaus schon 1606 den Aebten der Congregation empfohlen. Die Abberufung des Nuntius nach Rom verzögerte die Heilung des kranken Körpers zu beginnen. Zwei Jahre später (1608) hielt es die Congregation für ihre Pflicht, Pfäfers dem Untergange zu entreissen und befahl dem Abte von Muri seinen Prior, P. Christoph Wetzstein, als Dekan dahin zu senden. Dieser stellte die Eintracht zwischen dem Abte und den Kapitularen wieder her. Jedoch (II-075) Wetzstein starb schon nach dreijähriger Wirksamkeit (10. Nov. 1611), hochgeschätzt als ein Förderer der klösterlichen Disciplin.1 Die Aebte der Congregation beklagten dessen Hingang um so mehr, weil die kaum vernarbten Wunden in Pfäfers wieder aufbrachen.2

Man hoffte, das Kloster werde sich selbst aufraffen. Doch vergebens. – Nuntius Alexander nahm daher im Jahre 1622 dort mit dem Abte Johann Jodok von Muri eine Visitation vor. Nach dieser glaubte die Congregation, auf die Abdankung des Abtes dringen zu müssen. Allein die Aebte gaben dem Wunsche der katholischen Schutzherren nach und schickten dahin zwei Muri-Kapitularen, P. Salomon Sigrist und P. Augustin Stöcklin, jenen als Dekan und diesen als Subprior. Sie erhielten ausgedehnte Vollmachten zur Einführung der klösterlichen Zucht und Hebung der Oekonomie. P. Salomon vollendete aber schon am 9. April 1623 die irdische Laufbahn.3 An seine Stelle kam nun der junge, talentvolle P. Augustin Stöcklin, der zugleich als Administrator die Oekonomie, unterstüzt von einem Konventualen des Klosters, P. Jodok Höslin, besorgte. An die Stelle Stöcklin’s kam als Subprior P. Roman Streber vom Muri-Konvente. Die zwei Mitbrüder, Augustin und Roman, vermochten bei aller Sorgfalt weder die innere Zucht noch die Oekonomie zu heben. Das wichtigste Hinderniss bot der Abt des Klosters selbst, Michael Saxer. Mit Einstimmung des Nuntius nöthigte ihn endlich die Congregation (1626) den Hirtenstab niederzulegen. Ihm folgte in der Abtwürde Jodok Höslin. Nach dessen Wahl eilten die zwei Kapitularen von Muri in ihr Mutter-Kloster zurück. Abt Jodok war ein trefflicher Mann. Jedoch der Hilfe beraubt und vom abgesetzten Prälaten Michael belästigt, vermochte er schwer, die Ordnung im Kloster aufrecht zu erhalten. P. Augustin Stöcklin war indessen Fürstabt von Disentis geworden. Er bekam im Jahre 1637 von der Congregation den Auftrag, wegen des abgesetzten Prälaten in Pfäfers Nachforschungen zu halten, und diesen dann, je nach Umständen, auch mit Suspension zu bestrafen. Das hatte gewirkt. Allein kaum war die Ruhe hergestellt, so starb noch das gleiche Jahr der würdige Abt Jodok Höslin zum grössten Leid der Congregation.4 Er hatte zum Nachfolger (II-076) Beda Fink, der in der Philosophie und Theologie ein Zögling des Klosters Muri gewesen war. Anfänglich schien er viel zu versprechen; allein bald war sein Lebenswandel schlimmer, als der des Abtes Michael. Ohne Vorwissen seines Kapitels resignirte er (1645) in Engelberg vor den Visitatoren der Congregation, irrte dann unstät in der Welt herum und beschloss endlich als 80jähriger Greis sein trauriges Leben 1691 in seinem Kloster Pfäfers.5 Nach Abdankung des Beda Fink wurde 1646 Justus Zink Abt von Pfäfers. Die Congregation, die ihm die Würde übergeben hatte, sah sich auch in diesem Manne getäuscht. Er stürzte das Kloster in Schulden und brachte es dem Untergange nahe. Im Jahre 1661 schickte die Congregation zu dessen Rettung P. Anton Kiefer von Beinwil, P. Joachim Müller von St. Gallen und P. Bonaventura Schreiber von Muri nach Pfäfers, um die Disciplin und Oekonomie zu beben.6 Die Congregation war aber diesmal genöthigt, die Schuld, wegen missglückter Reformation des Klosters Pfäfers, dem Nuntius beizumessen, indem er einem Italiener, dem Grafen Casati, der als spanischer Gesandte in Chur weilte, mehr Glauben schenkte, als den Aebten. Daher nahmen sich diese wieder ernstlich (1663) des unglücklichen Gotteshauses an. Muri sollte neue Versuche zu dessen Reformation machen. P. Fridolin Summerer wurde als Administrator mit den nöthigen Vollmachten dahin geschickt. Ihm halfen von seinen Mitbrüdern P. Bonaventura Schreiber und P. Bernard Huser; für diese kamen 1665 aus Muri P. Maurus Keller und P. Anselm Weissenbach. Den P. Maurus ersetzte im gleichen Jahre der kräftige P. Bonifaz Weber, der als Dekan das Innere leitete. Am 19. Oktober 1665 erreichte das Unglück in Pfäfers den höchsten Grad, da eine Feuersbrunst die meisten Gebäude des Klosters zerstörte. P. Fridolin hielt mit Hilfe der Congregation die Ordnung aufrecht und sorgte für das Nöthige. Als er 1667 zum Abt von Muri erwählt worden, musste er die Administration in Pfäfers nach dem Wunsche der Congregation eine Zeit lang fortsetzen. Der Dekan, P. Bonifaz Weber, leitete nun statt seiner die Geschäfte als Viceadministrator in Pfäfers, unterstützt von seinen Mitbrüdern P. Anselm und P. Fintan Rüssi. Jedoch in den Jahren 1668 und 1660 zogen sich die Muri-Konventualen allmählig zurück und überliessen die weitere Leitung dieses Stiftes dem Fürstabt von St. Gallen.7

Abt Justus Zink dankte endlich 1676 wie sein Vorgänger (II-077) ab. Die Kapitularen überliessen dann in Form eines Compromisses den Aebten in Einsiedeln und Muri und dem ehemaligen Abte Justus die Wahl eines neuen Prälaten, mit der Bedingung, dass alle drei Aebte in der Wahl einstimmig seien. Nun wollte dem damaligen Dekan von Pfäfers, P. Anton von Beroldingen aus dem Kloster St. Gallen, der Abt Justus seine Stimme nicht geben; der Abt von Muri wollte seinen Kapitularen, P. Bonifaz Weber nicht entlassen, und daher vereinigten sich endlich die drei Wähler auf den Dekan von Einsiedeln, P. Bonifaz Tschupp. Dieser erwies sich als ein ausgezeichneter Prälat; er tilgte die Schulden seiner Vorgänger, baute Kirche und Kloster vom Grunde aus und hinterliess bei seinem Tode einen Vorschlag von 40,000 Gl.8

Ebenso gefällig wie dem Kloster Pfäfers erwies sich Muri in der Hilfeleistung dem Stifte Disentis. Dasselbe war 1617 der Congregation beigetreten. In den Jahren 1622 und 1631 visitirten die Nuntien selbst dieses Kloster. Das erste Mal war Abt Johann Jodok von Muri als Gehilfe anwesend und das zweite Mal empfahl der Nuntius Scotto das tiefgesunkene Kloster dringend dem Abte von Muri.9 Die Congregation bestimmte daher 1632, Muri solle drei Kapitularen nach Disentis senden. Sofort kamen dahin: P. Augustin Stöcklin als Dekan und Administrator; P. Franz Letter als Subprior, und P. Gregor Feer als Moderator der Schule. Den Abt und die Mönche von Disentis vertheilte der Nuntius in die übrigen Klöster der Congregation. Dem Prälaten wurde Rheinau angewiesen, wo er auch am 3. Juni 1634 reuevoll starb.10 Die Kapitularen traten die Wahl eines Nachfolgers für diesmal dem Nuntius ab. Dieser befahl nun dem Prälaten Jodok von Pfäfers, sich nach Disentis zu begeben und dort den Dekan und Administrator, Augustin Stöcklin, Kapitularen von Muri, als Abt auszurufen. Den in Einsiedeln versammelten Prälaten zeigte dieser seine Wahl mit den bescheidenen Worten an: er fürchte die beleidigte Gottheit habe ihm die Sorge für Andere übertragen, weil er für sein eigenes Seelenheil nicht genügend gesorgt habe.11 Der Muri-Konvent entliess Augustin aus dem Verbande, weil er kanonisch Abt von Disentis geworden; aber er versprach zugleich, ihn wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen, wenn er ohne seine Schuld diese Abtwürde verlieren sollte. Die Benediktion erhielt er in Chur vom dortigen Bischofe, der ihn nach Disentis begleitete.

(II-078) Als Fürstabt suchte Augustin die dem Kloster entfremdeten Rechte und Privilegien wieder heimzubringen. Allein das Volk von Disentis und den umliegenden Dörfern war hiermit unzufrieden, versammelte sich am 3. September 1634 und zog unter Trompetenklang, Gefahr drohend gegen das Kloster. Der Abt trat den Anrückenden unerschrocken entgegen und forderte, dass die Rathsherren abgesondert von der aufgeregten Menge sich versammeln. Diesen eröffnete er seine gesetzliche Wahl; erinnerte sie an den Gehorsam, welchen sie dem hl. Stuhle und der katholischen Kirche schuldig seien, und verlangte, dass sie das rasende Volk in die Schranken der Gesetzlichkeit zurückweisen. Die Rathsherren liessen sodann die Stimmfähigen zu einer Landesgemeinde zusammentreten. Dieselbe beschloss, 18 Punkte dem Prälaten zum Unterschreiben vorzulegen. Dieser erschien jetzt mitten in der Versammlung und hielt in romanischer Sprache, die er in wenigen Monaten erlernt hatte, an sie folgende Anrede: „Mein Volk, was hat dir das Kloster, oder besser gesagt, deine Mutter gethan? Denn dich hat es geboren, an seiner Brust ernährt und auferzogen. Welches Uebel hat es dir zugefügt? Ihr Alle habt unter den Fittichen dieser Mutter als Gotteshausleute Ruhe und Schutz gefunden; waret frei von jeder Abgabe bis auf die letzten Tage der Noth. Ihr hattet einen Abt, einen Fürsten des römischen deutschen Reiches, einen Wächter eures Lebens und der Besitzungen. Durch ihn empfinget ihr das Banner, Sigel und andere Privilegien für die ganze Gemeinde; durch ihn seid ihr aus den Höhlen der Ungethüme und aus den Stallungen der Hausthiere in das Licht des Ruhmes getreten, die ihr vorhin im Dunklen verborgen laget. Abgelöst vom römischen deutschen Reiche habt ihr mit Zustimmung des Klosters und durch seine Leitung und sein Ansehen den grauen Bund in’s Leben gerufen. Habt ihr somit die Freiheiten, die ihr heute geniesst, nicht mit Erlaubniss des Klosters erlangt? Gegenwärtig besitzt ihr mit dem Gotteshause gleiches Jagdrecht; ehemals war es aber nicht so, und wir im Kloster schweigen. Jetzt zahlt ihr den 15. Theil eurer Feldfrüchte; ehemals war es anders, und wir schweigen. Früher habt ihr dem Kloster von den Huben und Lehensgütern Ehrschatz, Fastnachthühner u. s. w. Abgaben bezahlt; das Alles durftet ihr aus Gnade ablösen, und wir schweigen. Früher erbte das Kloster die Hinterlassenschaft der Pfarrvikare der einverleibten Pfarreien: jetzt treten in dieselbe die natürlichen Erben ein, und wir schweigen. Früher leisteten die Bauern an gewissen Tagen Frohndienste; heute sind keine, und wir schweigen. Den Bewohnern dieses Landes (II-079) wurden ewige Zinsen erlassen, weil man ihnen bei simonistischen Abtwahlen, die Zinsbriefe herausgab, und wir schweigen. Das Gotteshaus trat dem Landrathe die Hälfte der Strafgelder ab, überliess ihm den Blutbann, übernimmt die Kosten der heimlichen Gerichte, und wir schweigen. Man bürdet dem Kloster den Landschreiber auf, und wir schweigen. Was hätte das Kloster noch mehr thun können? Was hat es unerfüllt lassen? Wollt ihr, wie die undankbaren Vipern, die Eingeweide eurer Mutter durchwühlen? …“12 Diese offene Sprache hatte die Hitze des Volkes gebrochen. Abt Augustin waltete seitdem unangefochten sieben Jahre lang in Disentis. Geringeren Muth als der Abt legten bei obiger Volksbewegung seine Mitbrüder aus Muri an den Tag. Sie eilten bald dahin zurück und klagten ihrem Abte, Johann Jodok, die traurige Lage in Disentis. Doch dieser tadelte ernstlich ihre nichtige Furcht und schickte sie wieder nach Disentis.13 Vor Allem war Abt Augustin bemüht, dass seinem Gotteshause vom Papst Urban VIII., wie auch von den Kaisern Ferdinand II. und III. die alten Privilegien bestätigt und neue Rechte verliehen wurden. Er fand Erhörung; jedoch musste er die kaiserliche Oberhoheit anerkennen. Andere Rechte, welche für das Kloster verloren gegangen, brachte er durch Klugheit und Ausdauer wieder heim. Bei allen diesen Mühen für sein eigenes Kloster fand er noch Zeit, zum Wohle des Klosters Pfäfers zu arbeiten und wissenschaftliche Werke zu schreiben. Jedoch zu früh erlag er den rastlosen Anstrengungen. Er starb am 30. Sept. 1641 und hinterliess den Namen eines Wiederherstellers des Klosters Disentis.14 Sein Nachfolger, Johannes von Sax, wollte das folgende Jahr (1642) zu einer Versammlung der Aebte nach St. Gallen gehen. Er kam bis Ragaz und fiel dort vom Schlage gerührt, todt vom Pferde. Im nahen Pfäfers fand er sein Grab. Die Congregation sandte nun den bescheidenen P. Adalbert Bridler, Konventual von Muri, zur Leitung der inneren Hausgeschäfte nach Disentis. Dieser gewann in kurzer Zeit die Liebe der dortigen Kapitularen. Am 8. Oktober ernannten sie ihn zu ihrem Prälaten. Seine Regierung währte bis zum Jahre 1655. Sie war für ihn mühevoll und reich an Kämpfen mit der Gemeinde Disentis. Der wichtigste war der wegen des Schirmrechtes. Abt Augustin vermochte den Streit niederzuhalten. Aber unter Abt Adalbert brach er mit Heftigkeit aus. Zwei Vermittlungen, wobei das (II-080) erste Mal (1643) P. Dominik Tschudi, Oekonom von Muri, mitwirkte, missglückten. Endlich gelang es (am 19. Juni 1648) den Aebten von Einsiedeln und Muri, wie auch Konradin von Castelberg, Landrichter in den obern Bünden, und Jakob Berchter, Altlandammann der Landschaft Disentis, eine dauernde Vereinigung zu erzielen.15 Diese äusseren Kämpfe, wie auch die Schwierigkeiten im Innern des Klosters brachten den sanften Abt Adalbert zum Entschluss, seine Würde in die Hände der Congregationsäbte niederzulegen. Ihr aufmunterndes Wort bewog ihn zur Ausdauer. Jedoch musste 1648 der Konvent von Disentis zum zweiten Male in die Klöster der Congregation vertheilt werden. Zu den schon vorhandenen Murikapitularen P. Roman, Dekan und P. Gregor, Subprior, kamen noch aus Muri P. Jodok Schnyder und P. Sebastian Rüti, welche den Abt kräftig unterstützten und langsam einen gut disciplinirten neuen Konvent heranbildeten. Aber mitten in den segensreichen Arbeiten starb der würdige Abt Adalbert (13. April 1655). Der junge Konvent überliess in seiner traurigen Lage die Wahl eines Abtes der Congregation. Diese ernannte P. Roman Strebel von Muri zum Administrator und befahl, die Kapitularen von Disentis möchten zuwarten, bis der hoffnungsvolle P. Adalbert von Medels aus Rom, wohin Abt Adalbert ihn zur Vollendung der theologischen Studien geschickt hatte, zurückgekehrt wäre. Der Wink wurde befolgt; der junge P. Adalbert wurde noch im Jahre 1655 zum Abte von Disentis erwählt, und unter dessen 40jähriger, segensreichen Regierung erlangte dieses tiefgesunkene Kloster einen Ruhm, der sogar den der best disciplinirten Klöster der Schweizer Congregation überstrahlte.16

Durch Kriege und die Reformation war auch das Kloster Beinwil, im Kanton Solothurn, Bisthum Basel, im 16. Jahrhunderte tief heruntergekommen. Die Disciplin dieses Klosters hoben meistens Einsiedeln und Rheinau. Mit dem berühmten Abte Fintan Kiefer, der 1648 den Konvent nach dem Wallfahrtsorte Mariastein versetzte, bei 1000 Irrgläubige zur katholischen Kirche zurückführte und die letzten Spuren jener Wiedertäufer, die einem gewissen David Georg in Solothurn anhingen, auslöschte, stand der Muri-Abt Aegid von Waldkirch in besonderer Freundschaft.17

(II-081) Dem Kloster Engelberg, das in der Reformationszeit zwei Pfarreien im Berner-Oberland verloren hatte, gab Muri schon in den 70ger Jahren des 16. Jahrhunderts einen Abt. Bei seinem Eintritte in die Congregation beklagte es sich über den Abgang tüchtiger, gelehrter Männer. Muri schickte ihm zur Hebung der Disciplin und Förderung der Wissenschaften geeignete Religiosen. P. Salomon Sigrist arbeitete zu diesem Zwecke seit 1613 mehrere Jahre in Engelberg. Abt Johann Jodok von Muri hatte noch 1626 die innere Ordnung nicht gänzlich zum Durchbruche gebracht und die Oekonomie in bedenklichen Zuständen gefunden. Daher bemerkte der Nuntius, dass gerade Pfäfers und Engelberg den Eidgenossen Anlass geboten haben, von allen in ihrem Bereiche liegenden Klöstern Rechenschaft über ihre Oekonomie zu verlangen. Die Congregation trat mit Schärfe gegen den Abt Benedikt Keller auf; sie suspendirte ihn und drohte mit Absetzung.18 Weil dies wenig fruchtete, so schickten die Visitatoren den Prior von Muri, P. Benedikt Lang, nach Engelberg, um sich über den Stand des Klosters besser zu informiren. Die eingegebenen Berichte bewogen die Congregation wie auch den neu angekommenen Nuntius, dem Abte von Engelberg die Abdankung anzubefehlen (1626).19 Dem Abte Benedikt Keller folgte der fromme Placidus Knüttel, der Engelberg glücklich leitete.20

Hiermit haben wir die Reformationsthätigkeit des Klosters Muri innerhalb der Congregation erschöpft. Sehen wir, was dasselbe ausserhalb derselben in dieser Beziehung leistete.

II. Muri reformirt Frauenklöster inner- und ausserhalb der Schweiz.

Die schweizerische Benediktiner-Congregation zog in den Kreis ihrer Wirksamkeit auch die in der Eidgenossenschaft befindlichen Frauenklöster. Schon 1615 hatte der Nuntius die Klöster zu St. Andreas in Engelberg und zu Seedorf im Kanton Uri der Congregation empfohlen.21 Weil er aber in dieser heiklen Angelegenheit das grösste Zutrauen unserm Abte Johann Jodok schenkte, so erhielt der Muri- Konvent ein neues und ausgedehntes Feld seiner Thätigkeit. (II-082) Zu seinen Gehilfen in der Reformirung der ihm anvertrauten Frauenklöster bezeichnete Abt Johann Jodok im Jahre 1623 den erfahrenen und ernsthaften P. Hieronymus Wahler, und nach dessen Tode (3. Dez. 1639) den klugen P. Placidus Pöschung, welche die Nuntien zu diesem Zwecke mit den nöthigen Vollmachten ausrüsteten.

Die Versetzung des Klosters St. Andreas in Engelberg hatten die Aebte der Congregation dem dortigen Männerkloster für die Gewährung der Bitte, in die Congregation auf genommen zu werden, zur Bedingung gemacht. Durch Vermittelung des Nuntius und der Regierung von Obwalden waren die Frauen nach Sarnen gekommen. Kaum hatten sie da ihren Sitz aufgeschlagen, geriethen sie mit dem Abte in Engelberg in Streit (1615-1619).22 Der Nuntius beauftragte unsern Abt Johann Jodok, eine Vermittlung zu versuchen. Auch die Obwaldner-Regierung, welche den Frauen gewogen und im Baue des neuen Klösterleins sehr verhilfiich war, und die Frauen wünschten Johann Jodok in dieser Sache als Vermittler,23 und beredeten zugleich den Nuntius, dass er dem Kloster Muri die Visitation dieses Gotteshauses übertrage. Dies erfolgte wirklich 1617. Jedoch übernahm Muri die Visitation ohne Beeinträchtigung der Rechte des Abtes und Konventes Engelberg.24 Abt Johann Jodok sandte von Hermetschwil zwei Frauen in das neue Kloster St. Andreas in Sarnen. Darunter war Maria Elisabeth Cysat, die mit grösster Klugheit und Milde die Klausur und die übrige klösterliche Ordnung einführte, und dann wieder in ihr Mutterkloster zurückkehrte, wo sie Priorin wurde und 1676, über 80 Jahre alt, starb.25 Die Visitation zu St. Andreas in Sarnen besorgten die Aebte von Muri bei fünfzig Jahre. Besonders heilsam wirkte Abt Aegid. Er gab den Frauen (1658) eine treffliche Tagesordnung in 25 Artikeln26; dann veranlasste er die Frauen, dass sie ihrem Kaplane ein besonderes Haus bauten, und dass die Wiese, Mürg genannt, zur besseren Beobachtung der Klausur mit Mauern umgeben wurde.27 Bei jeder neuen Abtwahl in Muri (II-083) richtete der Nuntius im Auftrage der Frauen zu St. Andreas, wie auch die Obwaldner-Regierung an den Neugewählten die Bitte, dieses Kloster geistig ferner zu besorgen.28 Dem nach Obwalden zur Visitation der Frauen kommenden Muri-Prälaten schenkte die Landesbehörde stets eine besondere Aufmerksamkeit.29 Die letzte Visitation hielt Muri in Sarnen 1666. Nach dem bald darauf erfolgten Tode des Abtes Aegid überliess der Nuntius die Leitung der Frauen zu St. Andreas wieder dem Kloster Engelberg. Johann Stolz, Kaplan und Beichtvater der dortigen Frauen, und der Bischof von Constanz arbeiteten besonders, dass Engelberg in die alten Rechte in Betreff des Klosters zu St. Andreas eintreten konnte. Der neugewählte Abt von Muri, Fridolin Summerer, schrieb am 3. Juli 1667 der Aebtissin zu St. Andreas: er habe mit Freuden vernommen, dass die alten Streitigkeiten zwischen den beiden Gotteshäusern, Engelberg und Sarnen, beigelegt seien, indem der Abt zu seinem Rechte und die Klosterfrauen zu Ruhe und Trost gekommen. Seien sie aber von Muri auch getrennt, so bleibe er und sein Konvent doch immer in Liebe und Freundschaft mit ihnen verbunden.30

In Stans, dem Hauptorte des Halbkantones Nidwalden, begannen im Jahre 1621 die Tertiarinnen den Bau ihres Klosters und liessen es 1626 vom Constanzer-Weihbischof zur Ehre der hl. Klara einweihen. Der Nuntius unterstellte dieses Gotteshaus sogleich der Visitation des Abtes von Muri. P. Hieronymus, der Stellvertreter des Abtes Johann Jodok, ging daher öfters nach Stans. Er war es, welcher der Maria Ancilla Leu, die im Rufe der Heiligkeit starb, am 13. Mai 1625 die hl. Profession abnahm.31

Als erste Frau Mutter erscheint M. Klara Gut von Stans. Sie hatte vor der Vollendung des Klosters in dortiger Pfarrkirche die hl. Profession in die Hände des Nuntius abgelegt und nach 50 Jahren (1667) erneuerte sie dieselbe vor dem Muri-Abte, Fridolin Summerer. Ihr Tod erfolgte im 91. Altersjahre am 9. Februar 1669.32 Die Muri-Aebte leisteten den Schwestern in Stans besondere Dienste, indem sie ein Landesgesetz, das ihnen beschwerlich schien, zu mildern suchten, und dann, wie den Frauen zu Sarnen, auch diesen angemessene Statuten ertheilten,33 welche der Nuntius bestätigte. (II-084) Nach dem Tode des Abtes Fridolin Summerer (1674)34 wünschten die Tertiarinnen von Muri befreit zu werden.[^II_04_1a] Der Nuntius entsprach ihrer Bitte und empfahl sie den in der Nähe befindlichen Kapuzinern.35

Ein anderes Tertiarinnenkloster hatte Muri im Kanton Uri zu besorgen. Dieses wurde unter dem Namen „zu den hl. Engeln“ im Jahre 1608 in Attinghausen gegründet. Nach seinem ersten Brande verpflanzte es sich als „Oberes Heiligkreuz“ nach Altdorf. Seit wann und wie lange Muri das Geistliche dieses Gotteshauses zu besorgen hatte, ist nicht bekannt.36 Am 22. Mai 1694 brannte es zum zweiten Male ab. Wegen seiner Disciplin wurde es sehr gerühmt.37 Gegenwärtig steht dieses Klösterlein unter der Leitung der Kapuziner.

In der Nähe des genannten Gotteshauses wurde das alte Lazaristenkloster in Seedorf 1559 in ein Benediktinerfrauenkloster umgewandelt. Abt Johann Jodok von Muri übernahm dessen Leitung 1618 und schickte mehrere Jahre P. Hieronymus Wahler als Visitator dahin. Er bewog (1620) die Aebtissin Clara zur Abdankung,38 ordnete die Oekonomie, beruhigte die unzufriedenen Frauen, verbot die ungeziemenden „Badefahrten“, bestellte die Kapuziner als ihre Beichtväter u. s. w.39 Eine Barbara Muheim erlernte in Hermetschwil das Orgelspiel und wurde daselbst für Seedorf eingekleidet. Abt Johann Jodok erbat 1631 vom Nuntius für den jeweiligen Pfarrer in Seedorf die Erlaubniss, zweimal in der Woche die hl. Messe in der Klosterkirche lesen zu dürfen. Später (1640)40 kamen diese Frauen zu Einsiedeln, unter dessen Obsorge sie heute noch stehen.41

(II-085) Das dritte Tertiarinnenkloster, das Muri von 1623 bis 1657 leitete, war St. Anna im Bruch in der Stadt Luzern. P. Benedikt Lang führte, beauftragt vom Abte Johann Jodok, zu allgemeiner Zufriedenheit 1625 die Klausur ein.42 Auch hier traten wie in Stans und Altdorf die Kapuziner an Muri’s Stelle.

Maria Opferung bei der St. Michaelskirche in Zug war das vierte Tertiarinnenkloster, das Muri längere Zeit zu besorgen hatte. Seit ältesten Zeiten erscheint es als ein Haus der Beghinen. Im Jahre 1606 bauten sie sich ein neues Klösterlein und nahmen die Regel des dritten Ordens des hl. Franziskus an. Abt Johann Jodok von Muri besorgte, ersucht von der Landesbehörde, die Visitation seit 1611, und sie blieb bei Muri bis 1785. Zur Einführung der Reform berief Johann Jodok zwei Schwestern vom Kloster Wonnenstein, Kanton Appenzell. Bei seiner Visitation am 13. Jänner 1612 stellte er nach dem Wunsche der Frauen Maria Scholastica an die Spitze der Genossenschaft. Von den vielen Diensten, die Muri innerhalb der 174 Jahre diesem Gotteshause erwies, erwähnen wir die Hilfe, die Abt Gerold I. demselben in seiner Armuth wegen eingetretener Viehseuche – in kurzer Zeit fielen 70 Stücke – im Jahre 1737 zu Theil werden liess,43 er rettete die Frauen durch seine Geldspenden vom Untergange; ebenso führte er, nach dem Willen des Papstes, (1744) die Klausur ein und zahlte das Sprachgitter.44 Abt Gerold II. legte endlich die Oberaufsicht über dieses Klösterlein in die Hände des Nuntius,45 der sie den Kapuzinern übergab.46 Zur Dankbarkeit schickten die Nonnen längere Zeit die sogenannten „Lichtmesskerzen“ nach Muri.47

In Bremgarten, 2 Stunden von Muri entfernt, war gleichfalls ein Haus der Beghinen, welches die Regel des dritten Ordens des hl. Franziskus annahm. Im Jahre 1623 bauten die Nonnen ein Kloster zur hl. Klara. Abt Johann Jodok legte am 27. April 1625 feierlich den Grundstein zu der Klosterkirche. Das Geistliche und die Visitation besorgten (II-086) die Franziskaner aus der Strassburger-Provinz. Im Jahre 1630 wollte der Nuntius die Visitation dem Muri-Kloster übergeben, was Abt Johann Jodok aber glücklich ablehnen konnte.48

Fast gleichzeitig mit Maria-Opferung erhielt Muri auch die Besorgung der Cistercienserinnen zu Frauenthal. Allein schon 1632 unterstellte sie der Nuntius wieder dem Gotteshause Wettingen, obwohl die Regierung von Zug wünschte, dass Muri die Visitation fortsetzte. Wettingen erfüllte seine Aufgabe und brachte die Reform bei den Frauen zur Annahme.49 Mit Frauenthal trat Muri um diese Zeit in eine engere geistige Verbindung, wornach sich der Muri-Konvent verbindlich machte, dass jeder Priester für eine verstorbene Nonne eine hl. Messe lese; dagegen leisten die von Frauenthal für die abgeschiedenen Muri-Konventualen entsprechende Gebete. Dieses Uebereinkommen wurde 1661 erneuert.50 Eine gleiche Verbrüderung ging Muri unter ähnlichen Bedingungen 1655 mit den Benediktiner-Nonnen in Fahr ein, welche dem Kloster Einsiedeln unterstellt sind.51

Wir haben noch zwei Cistercienser-Frauenklöster in der Eidgenossenschaft zu erwähnen; welche Muri mehr oder minder im Geistlichen zu besorgen hatte, Rathhausen und Eschenbach im Kanton Luzern. Diese zwei Gotteshäuser standen sonst unter der Cistercienser-Abtei St. Urban. Allein 1597 übergab der Nuntius den Beichtstuhl in den zwei Klöstern den Jesuiten und 1601 auch das Visitationsrecht. Als St. Urban in der Zahl der Mitglieder und in der Disciplin erstarkt war, wünschte es die volle Besorgung der zwei Genossenschaften wieder zurück. Die Nuntien wollten jedoch ihre Verfügungen nicht ändern und die Jesuiten den Beichtstuhl nicht aufgeben. Daher entstand zwischen St. Urban und der Nuntiatur jener Streit, der in den Jahren 1622 bis 1655 währte, die Nonnen in den zwei Klöstern und den hohen Rath in Luzern in zwei Parteien spaltete, in denselben sogar die Eidgenossenschaft, Frankreich und Rom verwickelte und (II-087) oft hitzige Entgegnungen veranlasste.52 Muri wurde zwar wenig in diesen beklagenswerthen Zwist hineingezogen. Nur wurde 1641 vom Abte von St. Urban unser Prior, P. Placidus Pöschung, als Visitator neben zwei Anderen vorgeschlagen, dem aber der Nuntius wohl nicht gewogen war, indem er ihn als einen Mann, der in der Visitation keine Praxis habe, bezeichnete, während er doch viele Jahre mit gutem Erfolge Frauenklöster visitirt hatte.53 Ferner wird Muri ausnahmsweise, wie auch die Kapuziner,54 in der Zeit des hitzigen Streites manchesmal, wenigstens den Beichtstuhl in den zwei Klöstern versehen haben; denn im Jahre 1649 erlässt Abt Dominik Tschudi an beide ein kräftiges Mahnschreiben, indem er sie zur Ordnung und Zucht aufforderte.55 Bestimmt wissen wir aber, dass der Nuntius im Jahre 1670 den Abt Fridolin von Muri beauftragte, den Beichtstuhl der zwei Frauenklöster zu übernehmen, und ihm einen oder mehrere Patres als Beichtväter zu bezeichnen, damit er sie mit den nöthigen Vollmachten ausrüsten könne. Muri scheint jedoch nur den Beichtstuhl in Eschenbach übernommen zu haben, während den in Rathhausen St. Urban erhielt. Seitdem gingen aus unserem Gotteshause an den Beichttagen immer 2 Patres dahin bis zum Jahre 1698. War die Wahl einer Abtissin vorzunehmen, so leitete dieselbe der Prälat von Muri. Nach 28 Jahren übergab der Muri-Konvent die Nonnen des Klosters Eschenbach dem Abte von St. Urban. Die Frauen von Eschenbach spenden in ihrer Chronik dem Muri-Kloster grosses Lob wegen der trefflichen Leitung im Geistigen und Materiellen.56 Zugleich trat Muri mit den beiden Konventen in eine Gemeinschaft der „guten Werke“ ohne bestimmte Verbindlichkeit.57

Folgen wir noch der Thätigkeit Muri’s in der Reformirung der Frauenklöster über die Grenze der Schweiz – nach Berau, einem Stifte von Benediktinerinnen im Schwarzwalde, das dem Kloster St. Blasien unterworfen war. Abt (II-088) Bonaventura I. schickte aus dem Frauenkloster Hermetschwil M. Ludwina Guomann als Priorin dahin, damit sie das Kloster im Innern reformire. Diese erfüllte die Aufgabe zu voller Zufriedenheit und kehrte still, wie sie gekommen, wieder in ihre Mutterzelle zurück.58

III. Muri fördert die Disciplin in ausländischen Männerklöstern.

Die Schweizer-Benediktinerklöster erhielten ihre geistige Anregung aus Belgien und Lothringen; die süddeutschen Stifte des hl. Benediktus hinwieder aus denen der Schweiz. Benediktiner-Aebte Deutschlands baten oft direkt die Schweizer-Congregation um Hilfe für die Reformirung ihrer Konvente. Hieher gehört zunächst das alte, hoch berühmte Stift Fulda. Während durch Jahrhunderte in diesem Gotteshause nur Männer vom Adel Aufnahme fanden, wurden da im Anfange des XVII. Jahrhunderts auch Jünglinge aus dem Bürgerstande zur hl. Profession zugelassen. Weil diese für die Reform günstig gestimmt waren und die Schweizer-Congregation ihre Unterstützung hiefür versprochen hatte (1635)59, so kamen die jungen Mönche nach St. Gallen und wurden in die klösterliche Zucht eingeführt. Abt Johann Jodok von Muri sorgte als erster Visitator der Congregation, dass ihnen der Geist des hl. Benediktus auf die beste Weise beigebracht wurde. Die Mehrheit der Fuldaer-Kapitularen wollte jedoch das alte Statut, Aufnahme nur Adeliger, nicht aufgeben. Die Angelegenheit kam nach Rom. Abt Johann Jodok unterstützte das Schreiben der unadelichen Fuldaer-Mönche mit kräftigen Worten. Allein diese wurden abgewiesen, und so die Einführung einer nachhaltigen Reform auf viele Jahre hinausgeschoben.60

Vor den in Rheinau 1650 versammelten Aebten unserer Congregation erschien der Prior des Klosters Reichenau, Markus Grieser. Er führte gegen seinen Oberherrn, den Bischof von Constanz, Klage, dass er den Kapitularen von Reichenau nicht den nöthigen Unterhalt zukommen lasse und ihnen die alten päpstlichen und kaiserlichen Freiheiten vorenthalte. Die Gründe, welche den Prior bewogen, gerade an die Schweizer-Congregation mit seinen Klagen sich zu wenden, kennen wir nicht; allein dieser Schritt wurde ihm sehr übel gedeutet. Der Bischof erklärte ihn (II-089) aller Aemter verlustig; Andere wollten ihn sogar des Hochverrathes anschuldigen, als gehe sein Streben dahin, sich vom deutschen Reiche loszusagen. Die Congregation vertheidigte wirklich am 12. Mai 1650 beim Kaiser Ferdinand III. den Prior. In Folge dessen wurde dieser vom Bischofe wieder in Gnaden aufgenommen und in seine Aemter eingesetzt.61 In Anbetracht der von der Congregation gemachten Vorstellungen achtete der Bischof das Uebereinkommen mit den Reichenauer-Mönchen künftig auch besser.62 Jetzt überliessen sich aber diese Religiosen einem ungebundenen Lebenswandel (1656). Der Nuntius der Schweiz suchte sie auf bessere Bahnen zu bringen. Er bediente sich zu dem Ende des kräftigen und klugen Muri-Abtes, Bonaventura Honegger. Ihr Bemühen wurde mit guten Erfolgen gekrönt.63

Das alte Stift Murbach im obern Elsass hatte Leopold Wilhelm, Erzherzog von Oesterreich, bis zu seinem Tode (1662) geleitet. Die dortigen Kapitularen wählten dann P. Columban von Andlau, Konventualen von St. Gallen, zu ihrem Prälaten. Dieser richtete bald nach Uebernahme der Abtei in Murbach die Bitte an den Abt Aegid von Muri, er möchte den Murbacher-Konventualen, P. Benedikt Kempf von Angreth, in sein gut disciplinirtes Gotteshaus aufnehmen, damit derselbe sich die klösterliche Ordnung und die kirchlichen Ceremonien besser aneigne. Die Bitte fand Erhörung; für ihn ging dann der Muri-Kapitular, P. Bonifaz Weber, nach Murbach. Abt Columban hatte mit Hilfe des eifrigen P. Bonifaz die Reform glücklich durchgeführt. Allein jetzt wurde Murbach dem Bisthum Strassburg einverleibt. Der Bischof Franz Egon, aus dem Hause der Fürsten von Fürstenberg, behandelte Murbach wie eine Präbende. Dem Abte Columban liess er eine jährliche Pension auszahlen.64 Zwar bewirkte er auf einer Reise nach St. Gallen und Einsiedeln (1666), dass die zwei Klöster Murbach und Luders mit der Schweizer-Congregation auf 10 Jahre vereinigt wurden, und dass die Visitatoren unserer Congregation auch nach Murbach kommen durften; aber den Ausschluss der Unadelichen in den zwei ihm unterworfenen Klöstern wollte er (II-090) aufrecht erhalten wissen.65 Daher, wenn die Vereinigung mit unserer Congregation schon erneuert wurde, konnte doch die Reform keine feste Wurzeln fassen.66

Aehnlich wie in Fulda, standen die Verhältnisse im Kloster Kempten. Nur Edelgeborene fanden dort Aufnahme. Das Stift verband sich auf kurze Zeit mit der schwäbischen Congregation wie auch mit der von Lothringen. Endlich nahmen 1664 die Aebte der Schweizer-Congregation dieses Gotteshaus auf sieben Jahre in ihre Verbindung auf. Sie schickten P. Christoph von Schönau, Profess in Einsiedeln, als Superior nach Kempten, damit er unabhängig vom Abte den Konvent leite. Dann gingen Mitglieder dieses Klosters in die Schweizer-Klöster, um die Ordensdisciplin sich anzueignen. P. Otto von Rietheim befand sich zu dem Zwecke längere Zeit in Muri.67 Bernard Gustav, Markgraf von Baden, wurde 1660 katholisch, legte in Fulda die hl. Profession ab, bestieg68 daselbst den fürstabtlichen Stuhl 1671, wurde Administrator von Kempten und dann (1672) Kardinal. Dieser hochbegabte Kirchenfürst bat die Schweizer-Congregation zunächst für Fulda um Hilfe. Das Kloster Rheinau, mit dem der Kardinal in näherer Verbindung stand, schickte in Folge dessen zwei treffliche Männer zur Grabstätte des hl. Bonifacius.69

Im Jahre 1672 kam der Kardinal und Abt nach Kempten und beschied die Aebte von St. Gallen, Muri und Rheinau zu sich70 und verlängerte die Verbindung Kemptens mit unserer Congregation. Das folgende Jahr schickte er, selbst verhindert, seinen Stellvertreter, P. Christoph von Schönau, zur Versammlung der Schweizer-Aebte nach Rheinau. Wie vor 25 Jahren eine Generalcongregation des Benediktinerordens in Deutschland angestrebt wurde, so griff diesen Gedanken Kardinal Bernard Gustav wieder auf; doch ohne Erfolg. Leider starb der für alles Gute begeisterte Kardinal schon 1677 im 46. Altersjahr, und die mit Ernst in Angriff genommenen Reformen kamen in Fulda und Kempten wieder in’s Stocken.71


  1. Tractatus de Congregat., p., 171; Annales, p. 581, 588. „Vir regularis disciplinae studiosissimus“.

  2. Annales, p. 588, 589.

  3. Annales, p. 607, 608.

  4. Annales, p. 649.

  5. Egb. Fr. von Mülinen, Helv. sacra I., 114; Annales, p. 649.

  6. Annales, p. 734.

  7. Annales, p. 736-738, 744, 748-775.

  8. Annales, p.772, 773; Egb. v. Mülinen, Helvetia sacra I., 114.

  9. Correspondenzen zwischen den Nuntien und dem Abte Johann Jodok (Arch. Muri in Gries A. VI. III).

  10. Annales, p. 641.

  11. Arch. Muri in Gries A. VI. III.

  12. Diese Rede wurde bald nach der Versammlung niedergeschrieben und nach Muri geschickt (Annales, p. 641-643, 652-653; Arch. Muri in Gries A. VI. III.).

  13. Arch. Muri in Gries.

  14. Annales; p, 652-653.

  15. Arch. Muri in Gries A. VI. III.

  16. Annales, p. 706; Egb. von Mülinen, Helvetia sacra I., 78. Abt Adalbert wurde 1680 zweiter Visitator. Er starb 1696.

  17. Arch. Muri in Gries A. VI, IV.

  18. Annales, p. 620, 621, 624.

  19. Egb. von Mülinen Helv. sacra I., 84. Abt Benedikt starb 1639 an der Pest.

  20. Annales, p. 625. „Vir justus et rectus.“

  21. Tractatus de Congregat., p. 174.

  22. Arch. zu St. Andreas in Sarnen und Arch. Muri in Gries.

  23. P. Aug. Stöcklin, Miscell. p. 357. Im Obw. Staatsprotokoll lesen wir: „Die Landsgemeinde habe beschlossen, der Landamman (Joh. Wirz) soll gegen Muri reiten und mit dem Prälaten wegen des Spanes, den sie wegen der Klosterfrauen mit dem Abte von Engelberg haben, reden.“

  24. Staatsarchiv Obwalden.

  25. P. Anselm, der Annalist Muri’s, kannte sie und bezeichnete sie als „helleuchtenden Spiegel der Vollkommenheit“ (Annales, p. 771).

  26. Arch. zu St. Andreas.

  27. Staatsprotokoll Obwalden XVI., 106.

  28. Acta Capituli 1654; Arch. Muri in Gries A. VI. XI.

  29. Staatsprot. Obwalden XVI., 754 u. a. O.

  30. Arch. Muri in Gries A. IV. III.

  31. P. Laurenz Burgener, Hdschr. II., 31.

  32. Nekrologium des Frauenklosters in Stans.

  33. Arch. Muri in Gries F. I.

  34. Dieser Abt hielt bis 1671 alljährlich selbst die Visitation in Stans: dann schickte er seinen Prior (Arch. Muri in Gries, Diarium dieses Abtes).

  35. Egb. Fr. von Mülinen, Helvetia sacra II., 240, 241.

  36. Annales, p. 607; Conceptbücher vom Abte Johann Jodok (Arch. Muri in Aarau V. 1-3). Die Regierung von Uri empfiehlt 1619-1621 ihre zwei Klöster (Seedorf und zu den Engeln) dem Abte von Muri.

  37. Annales (P. Leod. Maier) I., 69.

  38. Diese Aebtissin kam nach dem Wunsche des apost. Nuntius Scoti nach Hermetschwil (Arch. Seedorf; Jahrbuch für die schweiz. Gesch. XII., 292).

  39. Arch. Muri in Aarau V., 1-3 u. T, 1.

  40. Muri’s Verzichtbrief vom 2. Sept. 1640; Einsiedeln’s Annahme 1640, Brief hiefür vom 23. Okt. 1642 (Arch. Seedorf und Staatsarch. Uri).

  41. Arch. Muri in Aarau V., 1-3 u. T, 1.

  42. Annales, p. 680; Egb. Fr. von Mülinen, Helv. sacra. II., 236.

  43. Geschichtsfreund XV., 223-240.

  44. Annales (P. Leod. Maier) im genannten Jahre.

  45. Schon Fürstabt Bonaventura II. wollte 1773 die Visitation abgeben (Arch. Muri in Gries).

  46. Egb. Fr. von Mülinen, Helv. sacra II., 243.

  47. Arch. Muri in Aarau B-O, 11.

  48. Arch. Muri in Gries A. IV. I, 9. Das Klösterlein musste 1779 wegen der drückenden Schulden aufgelöst werden (Egb. Fr. von Mülinen Helv. saera II., 225). Einige dieser armen Schwestern starben im Kloster Hermetschwil (Hermetschwiler-Chronik).

  49. Stadlin, Kanton Zug, Band II., 53.

  50. Arch. Muri in Aarau B-O, 3; Acta Capit. Murensis.

  51. Die Fratres und Brüder beten für eine Verstorbene von Fahr wie auch für eine solche von Frauenthal einen Psalter. Die Klosterfrauen hingegen lassen für jeden verstorbenen Muri-Konventualen drei Seelenämter halten und beten durch 30 Tage die Seelenvesper. Diese gegenseitige Verbindlichkeit wurde 1771 erneuert (Arch. Muri in Aarau B-O, 5-10; Acta Cap.).

  52. Theod. von Liebenau, Jahrbuch für Schweizer. Gesch, XI., 171-225.

  53. Jahrbuch für Schweiz. Gesch. XI., 179. Das Kloster Eschenbach hätte Muri schon das Jahr 1620 visitiren sollen (Arch. Muri in Aarau V., 1).

  54. Jahrb. für Schw. Gesch, XI., 198.

  55. Arch. Muri in Gries A. VI. XV., 12.

  56. Mittheilung aus diesem Kloster.

  57. Annales, p. 757; Annales I. (P. Leod. M.), p. 122, 123; Egb. Fr. von Mülinen, Helv. sacra II., 101; Arch. Muri in Aarau B, 3. O, 9-12. Mit Rathhausen trat Muri schon 1663 in die Gemeinschaft der guten Werke (B. 3. O, 9).

  58. Annales, p. 718.

  59. Damals standen gerade Muri und Rheinau an der Spitze der Congregation.

  60. Tractatus de Congregationibus, p. 183 bis 185.

  61. Arch. Muri in Gries A. VI. XIV.

  62. Tractatus de Congreg., p. 190, 198.

  63. Vgl. oben S. 34, 35; Archiv Muri in Gries A. VI. XIV.

  64. Abt Columban verwendete diese Pension für kirchliche Zwecke und machte 1693 mit 15,000 Gl. eine Stiftung für Convertiten (Ildefons von Arx, Gesch. III., 189).

  65. Annales, p. 746; Tractatus de Congregationibus, p. 199; Acta Capituli Murens.; Correspondenz des P. Fridolin Summerer, Sekretär der Congregation mit dem Murbacher-Kapitular P. Leodegar Martini.

  66. Tractatus de Congreg., l. c.

  67. Annales, p. 738; Tractatus de Congreg., p. 198.

  68. Studien des Benediktiner Ordens, IV. Jahrgang., Bd. II., 369 ff.

  69. Tractatus de Congreg., p. 199. Muri hatte ebenfalls Hilfe zugesag; scheint aber keinen Kapitularen nach Fulda gesandt zu haben (Annales, p. 760).

  70. Diese Aebte waren die drei Visitatoren der Schweizer-Congregation.

  71. Tractatus de Congreg., p. 199; vgl. Dr. Räs, die Convertiten, Bd. XI., S, 456 ff.