Zweiter Abschnitt. Muri kauft Herrschaften, erlangt den Fürstentitel. Fortbestand der strengen Ascese (1684-1776).

Erstes Kapitel. Placidus Zurlauben, XLII. Abt von 1684-1701., 1. Fürstabt von 1701-1723.

(II-138) Abt Placidus stammte aus dem berühmten adelichen Geschlechte der Zurlauben, das vom 16. bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts in der Stadt Zug blühte. Die Männer, die ihm entsprossen, waren ausgezeichnet im Staats- und Kriegswesen und glänzten durch ihre Gelehrsamkeit.1 Die (II-139) Eltern unseres Abtes, Beat Jakob Zurlauben2 und Maria Barbara Reding von Biberegg, wohnten in Bremgarten, weil der Vater die Landschreiberstelle in den Freiämtern bekleidete.3 Abt Placidus wurde am 13. August 1646 geboren und erhielt in der hl. Taufe den Namen Franz Dominik, weil der' Abt Dominik Tschudi sein Taufpathe war.4 Dieser Umstand mag auch den jungen talentvollen Jüngling bestimmt haben, Muri sich zum Studienorte zu wählen. Er fand dort treffliche Lehrer. Ihn zogen vor Allem die Redekunst und Poesie an. Letztere fesselte ihn sein ganzes Leben.

Die hl. Ordensgelübde legte der junge Zurlauben 1663 ab. Nach vollendeten Studien der Theologie, die er mit Auszeichnung gemacht hatte, bestieg er sogleich die Lehrkanzel. Dieselbe hatte er bis zum Eintritte in die Abtei inne. Placidus war voll Talent, aber klein von Statur. Seine Mitbrüder nannten ihn nur das „Placidl“, hatten ihm jedoch die Inful schon vorausgesagt. Als Frater ging er einmal mit ihnen auf den zum Kloster gehörigen Hof Senti und betrachtete dort mit Interesse die künstliche Einrichtung eines Bienenstockes. Mitten im Honigsaume zeigte sich scheinbar eine Mitra von Wachs, – alle anwesenden Mitbrüder riefen: „Das Placidl wird Prälat.“5 Durch sein gründliches Wissen, das er als Professor der Rhetorik, der Philosophie und Theologie an den Tag legte, wie auch durch seinen religiösen Geist, den er als Novizen- und Fraterinstruktor zu erkennen gab, hatte er die Herzen Aller gewonnen. Den Aebten der Benediktinercongregation waren seine Kenntnisse nicht verborgen geblieben, sie ernannten ihn desshalb 1680 zu ihrem Sekretär.

Am 9. März 1684 hatte Abt Hieronymus II. Troger das Zeitliche gesegnet: Schon fünf Tage darnach, am 14. März, war die Wahl eines neuen Prälaten. Dieselbe leiteten die Aebte von Rheinau und Engelberg, der Internuntius und der Dekan von Einsiedeln. Unter den 37 Stimmenden nahm der Name P. Placidus Zurlauben den 16. Rang ein. Ein (II-140) einziger Wahlgang genügte, um die Freude zu verkünden, dass diesem die Mehrheit der Kapitularen die Abtwürde zuerkannt habe.

Als Delegirter des apostolischen Stuhles ertheilte der Bischof von Constanz die Bestätigung und sein Weihbischof, Georg Sigismund, am 30. April die Benediktion.6 Die erste Handlung, die Placidus als Abt vollbrachte, war Gott und seinen Heiligen gewidmet. Auf den 1. Mai hatte er die Uebertragung der Reliquien des hl. Martyrers Benedikt in die Klosterkirche angeordnet. Am Vorabend hielt er die Pontificalvesper; am Tage selbst war eine feierliche Prozession, nach welcher im Vorhofe des Klosters auf einer Schaubühne das Leben und der Martyrtod des Heiligen (die Reliquien waren während des Schauspieles ausgestellt) dem Volke 3 Stunden lang vorgeführt wurde. Hierauf ging die Prozession durch den Klostergarten in die Kirche. Dort begann erst die Hauptfeier mit Predigt, Pontificalamt und Te Deum. Weil die Zeit aber weit vorgerückt war (½ 3 Uhr), so liess man unmittelbar auf das Te Deum die gesungene Vesper und Complet. mit Figuralmusik und den gewöhnlichen Ceremonien folgen.7

Wenige Tage nach dieser Feier, am 7. Mai, war Abt Placidus. mit dem Weihbischof Georg in der grossen, drei Stunden von Muri entfernten, Pfarrei Hitzkirch. Der Bischof weihte daselbst die neue Pfarrkirche und der Abt hielt darauf das Pontificalamt.8 Damals wurde es unter den Katholiken der Eidgenossenschaft zur löblichen Gewohnheit, die Gläubigen durch das Läuten aller Glocken am Samstage Abends zum Gebete für die armen Seelen im Fegfeuer aufzufordern. Wenige Monate nach der Rückkehr von Hitzkirch ordnete Abt Placidus dieses Läuten auch in Muri an, wo es noch heuer zum Troste der im Fegfeuer Leidenden fortgesetzt wird.

An der klösterlichen Zucht und Ordnung brauchte der junge Abt weder etwas zu ändern noch etwas beizufügen; sie war streng und wurde auch streng und genau beobachtet. Daher warf er sein besonderes Augenmerk auf die Leitung der äussern Geschäfte und auf die Oekonomie, die er auf jenen Grundlagen, die sein Vorgänger, Abt Hieronymus, gelegt hatte, fortführte. Die Wenigsten hätten aber geglaubt, dass Abt Placidus, der bis dahin grösstentheils auf dem Lehrstuhl gesessen, eine grosse Einsicht in die Oekonomie an den Tag legen würde. – Zunächst musste ihm der Kanzler ein genaues (II-141) Verzeichniss aller Einkünfte und Ausgaben, aller unbeweglichen Güter und der Klosterrechte abgeben; er selbst durchwanderte indessen alle Weinkeller des Klosters, alle Speisekammern, Gemächer, Stallungen und untersuchte die Fruchtbehälter und Arbeitsstätten, ja sogar die entlegensten und verborgensten Winkel. Auf dieser Wanderung fand er Einiges, was zu viel, Anderes, was zu wenig, hier einen Missbrauch, dort eine Veruntreuung oder Verabsäumung. Als ein guter Hausvater richtete er an diese ein Mahnwort, an jene eine Drohung, Verschiedenes verbesserte er, Anderes beseitigte er; vor Allem aber war er für treue Dienstboten und Aufseher besorgt, und diese mussten ihm dann über Alles Rechenschaft ablegen. In Folge dieser Wachsamkeit, Thätigkeit, Einhaltung strenger Ordnung entdeckte er die verübten Diebstähle, Betrügereien, Veruntreuungen und Vernachlässigungen bei den Arbeitern und Werkmeistern. Demnach wurde auch die alte Gesindeordnung nach den damaligen Zeitverhältnissen ungeändert und vorn Abte bestätigt.9

Sein Vorgänger, Abt Hieronymus, hinterliess in baarem Gelde 12652 Gl. und schon im ersten Regierungsjahre verrechnete Abt Placidus eine Einnahme von 30231 Gl. 32 Schill. gegenüber einer Auslage von 26642 Gl. 26 Schill.10 Dies war der Grundstock, aus dem durch Gottes Segen und des Abtes Fleiss jenes Vermögen erwuchs, worüber alle erstaunen, die von seinen vielen Wohlthaten an Unglückliche, Arme und Kirchen, von den Bauten, von den Ankäufen der Güter, Schlösser und Herrschaften in der Schweiz und in Deutschland, von den angelegten Kapitalien und der hinterlassenen Baarschaft Kenntniss erhalten.

Die Bauten begann Abt Placidus im zweiten Jahre seiner Regierung. Die Stiftskirche und das Kloster erlitten in den Jahren 1685 bis 1699 mit Ausnahme des Chores und der Glockenthürme einen gründlichen Umbau. Die Auslagen hiefür erreichten die Summe von 157321 Gl.,11 die vielen Kirchengemälde und Fuhren zum Herbeischaffen der Materialien nicht eingerechnet. Beim Fundamentgraben zur Vergrösserung des Klosters stiessen die Arbeiter auf Menschengebeine; wahrscheinlich kamen sie zum alten Friedhof, der für die innerhalb der Klostermauern verstorbenen Dienstboten u. s. w. bis zum 16. Jahrhunderte benützt wurde. Im Herbste des Jahres 1686 war der Klosterbau theilweise vollendet und (II-142) erhielt vom Kapuziner Markus von Aviano, der im Rufe der Heiligkeit lebte, den Segen.12

Markus kam den 23. Oktober nach Muri. Der ganze Konvent empfing ihn beim Hauptportale der Stiftskirche und geleitete ihn bis zum Hochaltare. Er bestieg sofort die Kanzel und hielt an das herbeigeströmte Volk eine kurze Ansprache. Nach ertheiltem Segen nahm er im neuen Tafelzimmer eine kleine Erfrischung, segnete noch einmal das Volk und die Bauten, bestieg einen Wagen und fuhr nach Luzern.13

Den Plan für den Umbau der Kirche entwarf der Italiener Petini. Das Kapitel genehmigte ihn im Jahre 1694. Das folgende Jahr wurden die Mauern des Langhauses grösstentheils niedergerissen, um dem Baue die Kuppelform zu geben. Am 10. April legte man auf der Evangelienseite der Leontiuskapelle feierlich den Grundstein. Schon das folgende Jahr weihte der apostolische Nuntius, Michael Angelus Conti, die neue Kirche. Damals rühmte man diesen Bau im Renaissance-Stile als einen der schönsten in der Schweiz.14 Kardinal Garampi lässt sich über den Eindruck, den Kloster und Kirche von Muri im Jahre 1762 auf ihn machten, in folgenden Worten vernehmen: „Von Aussen erscheint das Kloster den Ankommenden gewaltig, majestätisch und man glaubt, es könne mit den grössten Klöstern der Schweiz wetteifern; tritt man aber in das Innere desselben, so ist es beschränkt und ohne grosse Ausdehnung. Ringsum stehen die Oekonomiegebäude, vom eigentlichen Kloster etwas getrennt. Auch die Kirche hat nur eine mässige Grösse. Uebrigens ist der ganze Bau nicht unansehnlich und in ihm Alles sehr reinlich gehalten.15

Uebrigens waren die Gypsarbeiten, welche der Baumeister in der Kirche reichlich anbringen liess, nicht haltbar. Schon im Jahre 1733 mussten sie einer gründlichen Renovation unterworfen werden. Jedoch die Gemälde, für den Hochaltar (nach den hohen Kirchenfesttagen verschiedene) von Anton Giorgioli verdienen alles Lob. Vergoldungen liess Abt Placidus im Uebermasse anbringen. Selbst der über dem Kuppelthürmchen (II-143) gestellte, acht Fuss hohe Engel strahlt im Glanze des Goldes. Der Umbau der Kirche nebst den neuen Altären und einer neuen Orgel kostete 27567 Gl.16

An die zwei besprochenen Hauptbauten schliessen sich kleinere an: 1. das sogenannte „Weiberhaus“, für weibliche Dienstboten und Gäste bestimmt; 2. die Bibliothek, die 1699 vollendet war;17 3. das Rüsthaus oder Zeughaus für die 6 kleinen Kanonen, welche in Gottesgab am Fichtelgebirge gegossen wurden, 39 Zentner wogen und sammt Fuhr und 100 Kugeln (750 Pfd. schwer) 596 Gl. kosteten;18 4. die Apotheke. Dem Abte Placidus verdankt die heute noch in Muri bestehende Apotheke ihren Anfang und spricht laut, dass diesem Prälaten ein warmes Herz für das Wohl des Nebenmenschen schlug und, dass er für dessen leibliche Bedürfnisse auf Jahrhunderte zu sorgen wusste; 5. der Pfarrhof in Hermetschwil; 6. der Murihof in Sursee; 7. das Schloss Klingenberg nach dessen Brande im Jahre 1695; dazu müssen wir noch rechnen die Kapelle im Kapitelhause, die vielen Beiträge als Patronus zu den Reparaturen der Kirchen in Villmergen, Wohlen, Boswil etc., die Erstellung und Restauration mehrerer Oekonomiegebäude (Kapf, Horwen u. s. w.), P. Leodegar Maier berechnete, dass einzig diese Bauten zweiten Ranges 36962 Gl. forderten.19

Noch grössere Summen verlangten die Ankäufe der Herrschaften in der Schweiz und in Deutschland, wodurch Muri's Besitz mehr als um die Hälfte höher stieg.

Zuvörderst war das Augenmerk des klugen Prälaten darauf gerichtet gewesen, die mit Zinsen auf 17212 Gl. sich belaufende Klingenbergerschuld zu tilgen. In die erste Reihe der Käufe trat sodann im Jahre 1693 die kleine, aber alte Herrschaft Sandegg im Kanton Thurgau. Sie gehörte den Jesuiten in Constanz und wurde von ihnen dem Abte um 7636 Gl. überlassen. Er berechnete aber, dass er wegen Renovationen und Verbesserungen an Land und Hof in wenigen Jahren für diese Herrschaft 13 365 Gl. ausgegeben hatte. Im alten Schlossthurme soll der hl. Pirmin gewohnt und von da aus die Insel Reichenau cultivirt haben. Zu dieser Herrschaft gehörte auch das ehemalige Klösterlein Blümlisfeld (Campus flosculi). Die Herrschaft war ein Lehen des Klosters (II-144) Reichenau, hatte das Jagd und Zwingrecht, wie auch Sitz und Stimme auf der allgemeinen Versammlung der Zwingherren von Unter- und Oberthurgau.20

Nahe bei Sandegg befand sich die Herrschaft Eppishausen. Sie gehörte den Herren Bernhausen. Die Abgeordneten der fünf katholischen Kantone wünschten sehr, Abt Placidus möchte sie käuflich an sich bringen. Am 24. Jänner 1698 wurde die Herrschaft wirklich um 50 000 Gl. für Muri gewonnen.21 Sie bestand nebst dem Schlosse und dem dazu gehörigen Grundbesitze aus mehreren Höfen. Der wichtigste davon war Biessenhofen mit einer Kirche und Kaplaneipfründe, deren Collatur dem Bischofe von Constanz gehörte. Abt Placidus bewog diesen wegen der Collatur zu einem Tauschvertrage, vermöge dessen die Pfarrei Eggenwil säkularisirt und Biesenhofen regularisirt wurde und Muri darüberhin noch 200 Scudi zahlte. Die Spolienrechte erklärten beide Parteien für erloschen; sollte Muri aber die Herrschaft Eppishausen verkaufen, so treten die Pfründen von Eggenwil und Biesenhofen in die alten Rechtsverhältnisse zurück. Dann löste der Abt noch vom Bischofe einige diesem zukommende Lebensrechte und Gerichtsbarkeiten ab, wesshalb künftig die Appellationen aus der besagten Herrschaft nur mehr an den Abt von Muri gingen. Die Zinsen und Lehen, welche dem Kloster St. Gallen gehörten, wurden gleichfalls abgelöst. Mit den Ablösungs- und Ehrengeldern und den Ausgaben bei der Abnahme des Huldigungeldes zahlte Muri für die Herrschaft Eppishausen 71506 Gl. Die Huldigung fand am 2. Juni 1698 statt; hiezu erschienen in schönster Ordnung 160 eidleistende Männer. Die Entgegennahme der Huldigung beehrten mit ihrer Gegenwart: Beat Jakob Zurlauben, Bruder des Abtes und Landvogt im Thurgau; Rüeplin, Landamman von Thurgau; dann Abgeordnete der umliegenden Herrschaften, mehrere Pfarrer und darunter auch zwei Prädikanten reformirter Confession. Die eidleistenden Männer waren festlich gekleidet, mit Degen, Flinten und Lanzen bewaffnet und vom Amtmanne angeführt.22

Nach erhaltenem Fürstentitel erwarb Muri sogleich Besitz und Rechte auf deutschem Boden. Der Fürst von Fürstenberg, dessen Rechte über Schlösser, Dörfer und Städte an den (II-145) Quellen der Donau, bei Möskirch, im Klettgau, im Thale der Künzig und am Bodensee grössere Ausdehnung hatten, als die Grafen von Hohenzollern und die Markgrafen von Baden-Durlach, war im Jahre 1702 wegen des haaren Geldes in Bedrängniss. Muri lieh ihm 22,500 Gl. in klingender Münze. Dafür verschrieb er dem Kloster das volkreiche Dorf Riedeschingen in der ehemaligen Landschaft Baar, nördlich von Stühlingen im Amte Blumberg. Die Pfarrei wurde dem Abte und Konvente mit hohen und niedern Gerichten übergeben, jedoch so, dass bis zur Auslösung der Schuld die Fürsten von Fürstenberg den Gerichtsstab im Namen des Klosters führen, und das Jagd- und Forstrecht zwischen Muri und den Fürstenbergern getheilt sei, und bei Erledigung der Pfarrei die Fürstenberger drei Priester vorschlagen, woraus Muri einen als Pfarrer dem Bischofe von Constanz präsentirt.23 Am 8. Juni trat Muri feierlich in den Besitz dieses Dorfes. Abgeordnete von Fürstenberg und Muri kamen in die Pfarrei.24 Sie begrüssten einander vor dem Hauptportale der Pfarrkirche, wiesen die Beglaubigungsbriefe vor und traten in die Mitte des Dorfplatzes. Den anwesenden Riedeschingern eröffneten sie dann die Ursache ihrer Ankunft: dass nämlich ihr künftiger Herr der Fürstabt von Muri und sein Kapitel seien, jedoch mit dem Vorbehalte aller ihrer Rechte und Gewohnheiten. Der Notar entband jetzt die Riedeschinger des geschworenen Eides an die Fürstenberger bis zur Einlösung des Unterpfandes und forderte sie auf, den Eid der Treue dem Abte und Kapitel in Muri zu schwören. Nach Zusicherung einer väterlichen Behandlung und ihrer alten Gebräuche schworen alle Riedeschinger vom 15. Altersjahre und darüber mit ihrem Dorfschulzen an der Spitze die Treue. Muri bestellte als seinen Verwalter über das Dorf25 den Amtmann von Blumberg, Herrn Thomsin.

Seitdem verflossen nur wenige Jahre und Muri gelangte unten am Neckar oberhalb Rottenburg, nicht ferne vom Städtchen Sulz, in den unbeschränkten Besitz der Herrschaft Glatt, welche zum Neckar-Reichsritterkanton am Schwarzwalde gehörte. Der Kauf kam nach zweijähriger Unterhandlung mit dem Baron von Landsee am 14. Oktober 1706 zum Abschlusse und hatte eine Ausgabe von 77 592 Gl. für das Kloster zur Folge.

(II-146) Die Herrschaft sollte eine Zufluchtsstätte in Kriegszeiten und eine Zierde für den kürzlich an Muri gekommenen Fürstentitel sein. Zu ihr gehörten drei Schlösser, wovon das grösste mitten im niedlichen Glatthälchen an einem umfangreichen Teiche liegt und sich einer reizenden Lage erfreut. Die Pfarrei Glatt, welche katholisch, aber nicht volkreich ist, kam sammt der Collatur ganz nach Muri; hingegen von der meistens protestantischen Pfarrei Dürenmettstetten, die jetzt zum Königreich Würtemberg gehört und auf einem lichthellen Hügel liegt, nur die Hälfte, die andere Hälfte war dem Kloster Alpirsbach zuständig. Glatt ist sehr fruchtbar an Obst und Getreide und reich an Waldungen. Die ehemaligen Weinberge waren damals schon verschwunden; dagegen trieb man die Viehzucht mit Vorliebe, besonders wurden viele Schafe gehalten. Das Fischrecht in dem Flüsschen Glatt und im Nekar kam zum Theile nach Muri; auch mussten jene, welche die Glatt für das Holzflössen benützten, der Herrschaft einen Zoll entrichten. Zu ihr gehörte auch das höhere und niedere Gericht mit „Stock und Galgen“ sowohl in Glatt, als auch im Flecken Dürenmettstetten, ferner das Jagd- und Marktrecht, die Metallgruben über und unter der Erde und ein Bad mit einer Schwefelquelle. Wie in Eppishausen und Riedeschingen nahm Muri auch in Glatt die Huldigung der neuen Unterthanen entgegen; dazu erschienen von Muri P. Laurenz Büeler und Herr Johann Karl Weissenbach, Amtmann in Eppishausen.26 Am 1. September 1711 liess Muri sich die Herrschaft Glatt wie auch die Mitherrschaft in Dettingen von den Freiherren von Landsee bestätigen. Die Urkunde besiegelte die Wittwe Maria Jakobea, Freifrau von Landsee, geb. Pappus von Tratzberg, dann Johann Josef, Freiherr von Landsee und Lothar Karl Friedrich von Landsee für sich und seinen Bruder Franz Anton. Dieses Aktenstück erwähnt auch die Frühmesserpfründe in Glatt, die Muri zufällt; ferner spricht es auch dem Kloster das Ernennungsrecht der Kaplaneipfründe zu Dürrenmettstetten, einen Antheil hoher und niederer und malefizischer Obrigkeit im Flecken und Banne eben genanten Ortes und endlich den sechsten Theil an der Herrschaft hoher und niederer Gerichte, Malefiz ausgenommen, im Dorfe Dettingen zu.27 Der Kauf der vollen Herrschaft Dettingen erfolgte erst im Jahre 1729 unter Fürstabt Gerold I.

(II-147) Inzwischen hinein fällt (1708) der Ankauf der Herrschaft Diessen mit Dettlingen, welche mit der schon erworbenen Herrschaft Glatt und mit der 1729 hinzukommenden Herrschaft Dettingen ein zusammenhängendes Ganzes bildete. Johann Albrecht Schenk, Freiherr von Stauffenberg, war es, der den Besitz sammt allen Rechten um 65540 Gl. dem Kloster Muri überliess. Dieser Herrschaft kam das Fischrecht im Neckar bis auf eine Stunde Weges zu und Jagd im Zwinge und weit herum in freier Bürst. Hiezu musste jeder Bauer einen Hetzhund und jeder Taglöhner ein Hetzhündlein halten. Ferner gehörten zur Herrschaft die Pfründe und der Kirchensatz zu Diessen, aber so, dass die Herrschaft einen Pfarrer nach Belieben ernennen, präsentiren und wieder absetzen kann, und dieser nur in Bezug auf die Ausspendung der hl. Sakramente vom Bischofe visitirt werden darf; endlich waren ihr die niedern und hohen Gerichte in Diessen und die hohen und niedern Gerichte mit Ausnahme der Blutbannes im Dorfe Bittelbronn, wie auch 780 Morgen Waldungen, der Heidenhof und Reben im Affenthal (Rheingebiete) und bei Horb zuständig.28 Den Wein vom Affenthale mussten die Dettlinger um eine bestimmte Entschädigung über den Pass Kniebis nach Diessen führen. Die Bewohner der Herrschaft leisteten am 17. Okt. 1708 in Gegenwatt der Abgeordneten von Muri, P. Luitfrid Egloff, Dekan, und des Kanzlers des Fürstabtes den Huldigungseid. Das Schloss Diessen, jetzt im Zerfalle, liegt auf einem Felsen mit entzückender Aussicht in's Neckarthal.29

Gleichzeitig mit Diessen wurde das Rittergut Oberstad, mit einem Schlosse, am Untersee, gegenüber von Eschenz im Kanton Thurgau, für Muri angekauft. Fürstabt Placidus erstand es 1711 um 8335 Gl. Die Burg gewährt eine freudige Aussicht auf den See, den Rhein und die nahe und ferne gelegenen Rebgelände.30 Sie sollte bei entstandenen Kriegen als Zuflucht dienen.

Für die zwei Rittergüter Egelstall (Egelsthal) und 2/8 von Mühlen (Mülheim), im Neckarthal nicht ferne von Rottenburg, zahlte Muri im Jahre 1715/17 dem Freiherrn Wolfgang Ludwig von Grünthal eine Summe von 36827 Gl. Die zwei letztgenannten Herrschaften wurden jedoch 1729/38 unter Fürstabt Gerold I. an die Edlen von Rauner wieder verkauft.31

Die Herrschaft Dettensee, zwei Stunden von der Herrschaft Glatt entfernt, lag auf einem Plateau am rechten (II-148) Ufer des Neckar von Waldungen umgeben. Das Schloss, jetzt abgetragen, war ein stattlicher Bau. In dessen Nähe befänden sich zwei Judenhäuser. Die Bewohner derselben genossen den Schutz des jeweiligen Burgbesitzers; hiefür zahlte aber jede Familie 12 Gl. 30 Krz. Indessen belästigten die Insassen dieser Häuser wegen ihrer bösen Lebensart häufig die Gerichte.32 Die Schlosskapelle des hl. Cyriacus war eine Filiale der Pfarrei Nordstetten.33 Muri zahlte für dieses Reichsgut, wozu die höhere und niedere Gerichtsbarkeit gehörte, nach Abschluss des Kaufes (31. Dez. 1715) 44,587 Gl. den Freiherren Keller von Schleitheim. Diese Herren geriethen aber mit dem Fürsten von Portia, weil sie als ehemalige Besitzer beim Verkaufe des Reichsgutes Dettensee nicht angefragt wurden, und die höhere Genehmigung nicht eingeholt ward, in Streit, wobei Muri jedoch wenig behelligt wurde.34

Indessen machte Graf von Grävenitz, würtembergischer geheimer Conferenzrath, im November 1720 beim Direktorium die Anzeige, es sei beim Verkaufe der Güter von Diessen, Dettlingen und Bittelbrunn die höhere Erlaubniss nicht eingeholt worden, daher sei der Kauf nichtig, es trete die Reluition oder das jus retractus ein. Allein Fürstabt Placidus richtete ein „Allerunterthänigstes Bitten“ an den Kaiser Karl VI. (16. Aug. 1721), er wolle den schwäbischen Ritterkanton am Neckar und Schwarzwalde, falls er sich wegen des Kaufes obiger Güter an ihn wenden sollte, aus dem Grunde abweisen, weil er selbe schon vor 13 Jahren rechtmässig durch Kauf an sein Stift gebracht habe, also bereits vor 9 3/4 Jahren das Einlösungsrecht (jus retractus) erloschen sei.35 Das Direktorium des genannten Ritterkantons scheint keine Versuche gemacht zu haben, den Kauf umzustürzen; ebenso wenig gelang es, die Herrschaft Egelsthal dem Kloster Muri zu entreissen.36

Rechnen wir zu den neun Herrschaften, die Abt Placidus in der Schweiz und in Deutschland an das Stift Muri gebracht hatte, noch den dritten Theil des lmnauer Zehents, nicht ferne von Glatt, um 2750 Gl., und den Ankauf des Geisshofes zwischen Bremgarten und Lunkhofen37, so findet P. Leodegar (II-149) Maier, dass diese Erwerbungen eine Ausgabe von 363,450 Gl. forderten. Aber dessenungeachtet konnte der Fürstabt Placidus noch 110,000 Gl. bei verschiedenen Herren im deutschen Reiche, wie bei den Fürsten von Fürstenberg u. s. w. anlegen.

Wenden wir uns jetzt zu den Auslagen für den Kirchenschmuck. Viel besprochen ist die Monstranz, welche Abt Placidus um 17,500 Gl.38 bei Hans Jakob Läubli in Schaffhausen (1704) anfertigen liess, ferner der silberne Tabernakel für den Hochaltar der Klosterkirche. Diesen machte Goldschmid Staffelbach von Sursee in drei Jahren (1701-1704) ohne den Aufsatz, welchen Johann Hermann Ott von Schaffhausen verfertigte. Für den besagten Tabernakel kamen 1585 Unzen Silber in Verwendung. Die Rechnungen, welche beide Meister eingaben, erreichten die Summe von 5000 Gl.39 Zählen wir dazu die Auslagen für die vielen Paramente, die jährlich angeschafft wurden, die drei kostbaren Ornate, welche er zu verschiedenen Zeiten von Mailand kommen liess, zwei goldene Kelche, das goldene Ciborium u. s. w., so haben wir die Summe von 52,061 Gl.40 Bringen wir noch in Anschlag den Schaden, den Muri wegen des Religionskrieges vom Jahre 1712 erlitt und der nach Berechnungen des Abtes selbst sich auf 100,000 Gl. beziffert, dann die 24,761 Gl., welche die Erhebung zum Fürstenstande forderte, 5000 Gl., die der Abt als Grundkapital für den Konvent anlegte, und endlich 5000 Gl.41, die er für Ankauf der Feuerspritzen, für Oekonomiegebäude und für Ankäufe von Gütern geringem Werthes verausgabte, so gelangen wir mit P. Leodegar Maier zu einer Gesammtsumme von 851,985 Gl. Erstaunenswerthe Zahlen, wenn auch die Regierung des Abtes 39 Jahre währte. Man beachte hiebei auch, dass in genannter Summe keineswegs die Auslagen für den Bedarf des Konventes und die Leitung der Oekonomie eingezählt sind, ebenso nicht die vielen Wohlthaten, die Abt Placidus nahe und ferne spendete und die einzelnen Stiftungen, die er in verschiedenen Orten machte.

Bei all' seinem genauen und fleissigen Aufzeichnen über die Einnahmen und Ausgaben finden wir keine Rechnung über gespendete Wohlthaten, indem er den Grundsatz streng beobachtete: „Die Linke soll nicht wissen, was die Rechte gibt.“ (II-150) Daher waren wir genöthigt, damit der Leser eine annähernde Summe der gespendeten Wohlthaten sich selbst bilden kann, eine diesbezügliche Sammlung aus zufälligen Aufzeichnungen Anderer vorzunehmen. Die Rechnungen des Ökonoms in Muri sagen, dass die jährlichen Almosen, die nur er auf Befehl des Abtes Placidus vertheilte,42 sich auf 80-100 Gl. beliefen. Im Jahr 1694 verordnete der Abt, jeden Freitag sollen im Kloster 12 Arme gespeist und jedem noch 4 Schillinge beigegeben werden; zur Zeit der Theurung 1699 speiste das Kloster um Pfingsten bei 3000 Unglükliche von jeder Konfession43; die Abgebrannten in Rottwyl erhielten 1696 für ihre Kirche 56 Gl.44; den Abgebrannten in Stans spendete Abt Placidus (1713) 200 Gl. und denen von Art (1719) 100 Gl.; für die Gemälde und Altäre in Disentis gab er (1710) 1500 Gl.; für die Pfarrkirche in Ursern zahlte er das Hochaltarblatt (1714), ebenso zahlte er einen Altar für die Kirche Maria-Schnee auf dem Rigi (1717)45, für das Gotteshaus in Fislibach und viele andere Kirchen46; für die Kapelle in Wiliägeri liess er 1721 einen Tabernakel machen47; den Franziskanern in Luzern schenkte er Glasgemälde; auf seiner letzten Reise (1722-1723) nach Klingenberg und Sandegg verabreichte er an Almosen 235 Gl. Als die Regierung von Nidwalden die wegen des Krieges (1712) von Muri geliehenen 2000 Gl. auf Verlangen des Abtes (1717) zurückzahlte, so liess er „eine nahmenhafte Summe nach“, wofür die Regierung ihm den schuldigen Dank aussprach.48 Nur bei geringem Fleisse für die Sammlung ähnlicher Vergabungen könnte man deren Zahl verdoppeln. Doch gehen wir auf die Stiftungen über. Für die Kapelle in Stansstad machte er drei Stiftungen oder vielmehr Schenkungen, eine von 200 Gl., die andere von 700 Gl. und die dritte von 1000 Gl. sammt Zinsen.49 Verbindlichkeiten sind der Kapelle vom Abte keine auferlegt worden. In die Kapelle des Sommerhauses Horw auf dem Lindenberg stiftete er einen Jahrtag und im Frauenkloster Wurmspach ein Salve Regina (1718).50

Wer die Menge dieser für das Kloster nicht immer gerade nothwendigen Auslagen durchliest, denke aber nicht, (II-151) dass Abt Placidus dem Kloster eine Schuldenlast von Millionen werde hinterlassen haben. Im Gegentheil, das nach seinem Tode aufgenommene Inventar meldet uns: an baarem Gelde seien bei ihm gefunden worden 134,425 Gl., die nach Abzug der laufenden und anderer Schulden bloss auf 86,172 Gl. zurückgingen; dafür waren die Kapitalien mit den ausstehenden Zinsen auf 183,749 Gl. angewachsen. Dazu kamen die reichlichen Vorräthe an Früchten und Wein in Muri, Bremgarten, Sursee, Thalwyl und in den Herrschaften, die Ausstände auf der Kanzlei (2000 Gl.) und die vielen Kleinodien von Gold und Silber (Ringe, Pektoralien etc.).51

Viele wünschen wohl, die Quellen zu vernehmen, aus denen diese Schätze dem Kloster zuflossen. Die erste Quelle war nach Andeutung des Abtes selbst der Segen Gottes; zweitens der Fleiss und das Verständniss, womit er jedes noch so kleine Einkommen immer reichlicher zu machen wusste. Nach vorhandenen Schriften notirte er sich jährlich die Einkünfte der einzelnen Quellen, und wenn einige sparsamer flossen, so spürte er sogleich den Ursachen nach, die er dann sorgsam beseitigte. So heisst es z. B. auf einem hinterlassenen Papiere; „1. Sursee. Der Amtmann ist treu; Vorschlag 148 Malter; die Collekta für Luzern schadet dem Kloster 2000 Gl.; Verleihung der Zehenten; Missbräuche, Mass und Gewicht; Verbesserungen. 2. Das Amthaus in Bremgarten; Umänderung der ganzen Hausordnung; Abschaffung der Missbräuche. 3. und 4. Die Amtshäuser in Muri und Thalwil brachten gleich Anfangs Ueberschüsse. 5. Die Herrschaft in Klingenberg ist erträglich, wenn gewisse Punkte vom Oekonom beobachtet werden. 6. Sandegg ist klein und wirft nur einige hundert Gl. ab. 7. Eppishausen gibt 2 %. 8. und 9. (Ueber die Herrschaften Glatt und Diessen und die Pfandherrschaft Riedeschingen machte er keine besondern Bemerkungen). 10. Die Kanzleigefälle waren anfänglich in Unordnung; deren Gülten stiegen in den Jahren 1684-1703 von 40,995 Gl. auf 54,000 Gl. Ferner bespricht er 11. Spolia et Redemptiones der Hochw. Herren Beneficiaten; 12. die Collaturen; 13. die Zehenten und den Ehrschatz; 14. Ein- und Abzug von Leuten in den Aemtern; 15. friedschätzige Güter; 16. Appellationen und Bussen; 17. Fruchterlös von den Kornspeichern; 18. Ertrag des von ihm in Muri eingeführten Wochenmarktes; 19. Brodverkauf; 20. Weinverkauf und Wirthshausrechte; 21. Ertrag der Ziegelhütte; 22. Immobilien; 23. Mobilien; 24. Pferdehandel (er hatte 20 Jahre Glück im Pferdehandel und sagt am Ende der Bemerkung: „Deo Gratias“); 25. Opferstock in den Kapellen; 26. (II-152) Kirchenrechnungen; 27. Lehenhöfe zu Wettingen, Thalwil, Esch u. s. w.; 28. die Hammerschmiede in Boswil; 29. die Mühlen in Beinwil, Althäusern u. s. w.52

Vermöge des Reichthumes, welcher unter Abt Placidus ans den oben angeführten Quellen eine bedeutende Höhe er reicht hatte, trat Muri dem Staate gegenüber etwas mehr in den Vordergrund, ohne jedoch die friedlichen Beziehungen zu ihm zu verändern.

Kaum hatte Placidus die Abtwürde erlangt, so erinnerten ihn die Landesherren nach angebrachter Gratulation einfach an die Entrichtung der üblichen Recognitionsgelder. Der neugewählte Abt zahlte die zur Uebung gewordene Abgabe und die Regierungen verabfolgten den Schirmbrief für das Kloster mit folgenden Worten: „Sie haben das begehrte und willig erlegte Recognitionsgeld dankmüthig acceptirt zu dem Ende, dass sie das Gotteshaus beständig schützen und das alles thun wollen, was demselben zum Guten und nach Anleitung obliegender Schirmspflichten gedeihlich sein möge.“53

In der Eidgenossenschaft gab immer noch die Stimmenmehrheit der Stande auf den Tagsatzungen den Ausschlag. Das wurde von den reformirten Ständen Zürich, Bern u. s. w., welche grössere Gebiete und Bevölkerung hatten, übel empfunden. Der Versuch, über die katholischen Stände, welchen mehr Stimmen zur Verfügung standen, die Oberhand zu gewinnen, misslang im Jahre 1656. Luzern, der grösste katholische Stand, fürchtete, die Katholiken werden den zahlreichem und reichern Reformirten endlich doch unterliegen, wenn sie es versäumen würden, den Staatsschatz zu vermehren. Nach dem Vorgange Frankreichs und anderer katholischer Regierungen glaubten darum die patrizischen Familien von Luzern berechtigt zu sein, die Immunität der Kirche antasten und die Güter der Geistlichkeit gleichmässig wie anderes Gut besteuern zu dürfen, um so dem Staate zur Vertheidigung der Religion reichlichere Hilfsquellen zu eröffnen. Die apostolischen Nuntien der Schweiz erhoben umsonst dagegen ihre Stimme. Ein Mitglied der Luzerner Regierung, Felix Balthasar, schrieb sogar ein Buch „De Helvetiorum juribus circa saera“, worin er nachweisen wollte, die katholischen Regierungen der Eidgenossenschaft erfreuen sich besonderer Rechte bezüglich der Kirche.54

Muri bekam das Herbe dieser Grundsätze bald zu fühlen. Die Luzerner Regierung schrieb im Jahre 1691 für den ganzen Kanton eine Collekta aus, die den Schein einer milden Sammlung haben sollte. Allein weil sie nach dem Ertrage der Kirchengüter (II-153) bestimmt war, so hatte sie den Charakter einer Steuer. Abt Placidus merkte dies sogleich und weigerte sich, etwas zu geben, weil dadurch die Immunitätsrechte verletzt werden. Die Regierung glaubte dieser Anschuldigung dadurch zu begegnen, indem sie für eine solche Collekta von Rom die Erlaubniss zu erlangen trachtete. Abt Firmian, Protektor der schweizerischen Congregation in Rom, machte jedoch den hl. Stuhl aufmerksam auf das Verfängliche des Bittgesuches. Das zu Gunsten der Regierung ausgefertigte Breve war aber bereits an den Nuntius nach Luzern abgegangen, als Firmian diese Vorstellung beim hl. Stuhl machte. Ein Gegenbefehl aus Rom konnte die Veröffentlichung des Breves verhindern; dann ersuchte der Nuntius die Regierung, mit der Collekta Einhalt zu thun, bis nähere Aufschlüsse in der Sache von Rom eintreffen. Allein Luzern sah über diese Inhibition hinweg und forderte unter Androhung einer Strafe von 100 Gl. vom Muriamtmann in Sursee die Verabfolgung der Collekta.55 Das Kapitel in Muri verbot ihm die Zahlung und nahm die Verantwortlichkeit auf sich. Indessen wusste Luzern den neu angekommenen Nuntius, von Asti, zu gewinnen. Dieser erwirkte von Rom die Erlaubniss, dass auch von den Kirchengütern in diesem Kantone dürfe eine „freiwillige“ Collekta erhoben werden. Die Regierung beseitigte jedoch das Wort „freiwillig“ und masste sich das volle Besteuerungsrecht der Kirchengüter an.56 Sofort befahl sie dem Muriamtmann in Sursee, den 40sten Theil aller Murieinkünfte im Kantone von den Jahren 1691 und 1692 zu zahlen. Diesem Gewaltsakte widersetzte sich Muri. Aus dem Grunde und wohl auch wegen des noch fortwährenden Nottwiler Streites liess die Regierung ein Ausfuhrverbot ergehen, welches unser Stift am schwersten traf.

Aber Beispiele ziehen an. – Auch die übrigen katholischen Stände wollten nach dem Vorgehen Luzerns solche Collekten von den Kirchengütern erbeben. Dagegen trat nun die schweizerische Benediktinercongregation in ihrer Gesammtheit auf und richtete zur Wahrung ihrer Immunität diesbezügliche Bitten und Vorstellungen an die einzelnen Stände, an den Nuntius und an den hl. Stuhl.57 Der Streit währte bis 1700. Für dieses Jahr kündigte Papst Innocenz XII. den Jubelablass aus. Zur (II-154) Gewinnung desselben trat Abt Placidus von Muri in Begleitung seines Mitbruders P. Hieronymus Pfyffer, Jakob Stierli, Pfarrer in Beinwil, Jakob Schnyder, Muriamtmann in Sursee, und eines Dieners zur Besorgung der Pferde, am 6. Oktober 1699 seine Romreise an. Papst Innocenz XII. hatte vorhin dem Murikapitel gnädigst Dispens ertheilt, dass im Falle des Ablebens des Abtes auf dieser Reise das Wahlrecht nicht dem hl. Stuhle, wie die Canonen verlangen, zufalle, sondern ihm ungeschwächt verbleibe.58

Während dieser ganzen Römerreise wurde täglich in Muri eine hl. Messe für den Abt gelesen und die Laienbrüder beteten abwechselnd täglich für ihn einen hl. Rosenkranz. Gleichzeitig machten auch zwei Konventualen vom Kloster St. Gallen eine solche Reise nach Rom.59

Der zweite Grund, wesshalb Abt Placidus diese Reise unternahm, war das oben berührte Besteuerungsgeschäft der Kirchengüter durch die weltlichen Behörden. Wohl hatte er in der Weltstadt mehrere Kardinäle, welche den Papst ein Breve zum Schutze der Kirchengüter zu erlassen beredeten, gewonnen, allein derselbe erkrankte bald darnach, starb in wenigen Monaten und alle Bemühungen des Abtes waren desshalb vergebens. Dieser hatte indessen Neapel besucht, die entzückende Lage der Stadt geschaut, war auf den Montecassino gestiegen und vor dem Grabe des hl. Vaters Benedikt auf den Knieen gelegen und dann über die Alpen zu seinen Mitbrüdern heimgepilgert. Am 19. Jänner 1700 wurde er in Muri vom Konvente feierlich empfangen.

Uebrigens war diese Reise des Abtes nicht die erste nach Italien gewesen. Bereits war er vor zwei Jahren nach Varallo und Mailand gepilgert. In Varallo besuchte er den hl. Berg (sacro monte) und betrachtete in den 46 hl. Kapellen das Leben und Leiden Jesu Christi, welches in kunstreichen Schnitzfiguren dargestellt ist; hier besuchte er das Grab des hl. Karl Borromäus, der für die Erhaltung der katholischen Religion Grosses geleistet und der Wallfahrt in Varallo durch seinen öftern Besuch einen besondern Aufschwung verliehen hatte. In Mailand kaufte der Abt bei dieser Gelegenheit den Silberstoff für den in Muri später häufig genannten „Blumenornat“.60

Weil Abt Placidus das gewünschte Breve von Rom gegen die Besteuerung der Kirchengüter nicht erhielt, so zahlte Muri der Regierung von Luzern die Collekta. Sie kostete einzig im Jahre 1702 dem Kloster 300 Malter Getreide. Fast noch (II-155) empfindsamer war für Muri die neue wegen Kriegsgefahr erlassene Verordnung: die übrige Frucht des Klosters Muri in Sursee solle ein ganzes Jahr unberührt bleiben.61

Bevor dieser Streit zwischen Muri und Luzern vollständig ausgetragen war, wurde Abt Placidus für sich und seine Nachfolger vom Kaiser Leopold I. mit dem Fürstentitel beehrt. Luzern versagte unter allen eidgenössischen Ständen am längsten (von 1701 bis zum 23. Juni 1705) die Anerkennung dieser Würde. Ja die Regierung belästigte sogar ihre Unterthanen mit dem Verbote, den Abt Placidus von Muri wo und wie immer mit dem Titel eines Flirten zu beehren.62 Der Stadtrath in Sursee, wie auch die Stiftsherren im Hofe zu Luzern und die in Münster erhielten von ihr sogar besondere diesbezügliche Weisungen. Jedoch die herannahenden Gefahren des Toggenburger Krieges stimmten Luzern milder gegen unser Kloster. Abt Placidus bot diesem Stande mit gleicher Zuvorkommenheit seine Hilfe an, wie den übrigen katholischen Ständen. Diese Grossmuth bewog Luzern, Abt Placidus als Fürst anzuerkennen und die Collekta künftig fallen zu lassen.


  1. Geschichtskundige wollen die Zurlauben von den Freiherren von und zum Thurn (Kt. Wallis) bei dem Dorfe Nieder-Gestele, daher auch von Gestelenburg genannt, abstammen lassen. Balthasar, ein Sohn des Anton von Thurn, des Mörders des Bischofs Widschard (Guichard) von Sitten (1375), soll landesflüchtig den Namen Zurlauben angenommen haben und ein Enkel von diesem sei aus Uri nach Zug gekommen (1488). Oswald Zurlauben zeichnete sich schon in den Schlachten bei Novarra (1513) und Marignano (1515) als Hauptmann der Znger aus, und trug in der Schlacht bei Kappel (1531) wesentlich zum Siege der Katholiken bei. Sein Sohn Anton kämpfte, 62 Jahre alt, mit Muth bei Blaville in Frankreich (1567). Ein Konrad Zurlauben erhielt von Ludwig XIV. im Jahre 1682 zur Belohnung seiner Dienste zwei Herrschaften in Oberelsass und um dieselbe Zeit wurde sein Vetter Beat Jakob mit der Herrschaft Weilerthal belehnt, die der König 1697 zur Grafschaft erhob. Der letzte Sprosse dieses Geschlechtes ist Beat Fidel Anton Dominik Baron von Zurlauben von Thurn und Gestelenburg, gestorben am 13. März 1799. Von ihm lassen sich 48 Werke aufzählen, wozu noch die 400 Foliobände seiner handschriftlich hinterlassenen Arbeiten und Mittheilungen kommen (Kantonsbibliothek in Aarau; Anzeiger f. Schweiz. Alterthumsk. Jahrg. XXII., S. 205).

  2. Er hatte zwei Gemahlinnen, Maria Barbara von Reding und dann Maria Margaretha Pfyffer, mit denen er 22 Kinder zeugte. Von diesen traten ausser unserm Abte folgende in das Kloster: Gerold II., Abt in Rheinau; M. Euphemia, Abtissin in Dänikon; M. Dorothea, Klosterfrau in Frauenthal und postulirte Abtissin in Wurmsbach; M. Cäcilia, Klosterfrau iu Feldbach; P. Ludwig, Religios in Wettingen (Arch. Muri in Gries A. L. IV.).

  3. Annales I., 686.

  4. Arch. Muri in Gries A. I. IV. Ulrich Hohenegger, Schultheiss in Bremgarten, vertrat bei der Taufe die Stelle des Abtes.

  5. Annales I., p. 732.

  6. Annales P. Ans. W., p. 789-791.

  7. Annales P. Ans. W., 791, 792.

  8. Annales, 792, 793.

  9. Arch. Muri in Aarau.

  10. Arch. Muri in Gries, Compendium B, 91, 98; Anzeiger für Schweiz. Altertumnskunde, Jahrgg. 1885, S. 169.

  11. Hier, wie auch in allen folgenden Rechnungen, sind Luzerner Gulden zu fast 2 Fr. gemeint.

  12. Annales P. Ans. W., p. 799.

  13. Marco d'Aviano war am 2. September bei der Erstürmung Bnda's, reiste zum Kurfürsten Philipp Wilhelm von der Pfalz nach Heldelberg, hielt dort eine Mission, kam über Muri nach Luzern, schlichtete im Auftrage des Nuntius Cantelmi eine Kirchenangelegenheit in Freiburg i. U. und kehrte über den Gotthard nach Italien zurück (Lechuer, Leben der hl. Kapuziner, Bd. III., 416, 417; Annales, 798, 799).

  14. Heute wünscht man, die alte Murikirche stünde noch. – Einlässlicheres über den Kirchen- und Klosterbau in Muri wird Dr. Otto Markwart bringen.

  15. Diarium peregrinationis Germanicae, Belgicae, Gallicae Jos. Garampii, quod in secretioribus Tabulariis Vaticanis Romae asservatur.

  16. Annales I., 100-102.

  17. Annales I., 130.

  18. Annales I., 127 und 276. Diese Kanonen, welche nur zu kirchlichen Feierlichkeiten und Festen des Klosters verwendet wurden, raubten später die Franzosen und gebrauchten sie in der Schlacht bwi Zürich (Arch. Muri in Aarau F, III).

  19. Annales I., 738, 739.

  20. Annales I., 42-46; Eidgenössische Abschiede VII., 1777. – Die 52 Stiftmessen der zum Schlosse gehörenden Kapelle las der Kaplan von Mannenbach.

  21. Vgl I. A. Puppikofer, Thurgau, Beiträge zur vaterl. Gesch., I. Heft. Die Herrschaft wollte 1697 ein Herr von Salis kaufen (Eigen. Absch. VI., 1770).

  22. Annales I. 113-121.

  23. Annales I., 229-235.

  24. Von Muri kamen P. P. Laurenz Büeler und der Kanzler des Abtes, Gumann.

  25. Die Auslagen für diese Besitzergreifung beliefen sich für Muri auf 280 Gl.

  26. Annales I., 300-302. – Glatt war ehemals in den Händen der Familie Nennegg und zwar schon seit dem Jahre 1290. Nach deren Erlöschen am Ende des 17. Jahrhunderts kam die Herrschaft an die Herren von Landsee. P. Leodegar Schmid suchte einen Stammbaum der Familie Neunegg anzufertigen (Arch. Muri in Gries D, l. II., 1, 2).

  27. Arch. Muri in Gries, D, 1. I.; l Malefiz-Blutgericht.

  28. Horb ein Städtchen am Neckar, 1 ½ Stunde vou Diessen entfernt.

  29. Annales I., 351-354; 364, 365.

  30. Annales I., 403.

  31. Acta Cap.; Annales I., 551 seq., 943.

  32. Gegenwärtig befinden sich über 100 Juden in Dettensee gegenüber von ca. 270 Katholiken und wenigen Protestanten.

  33. Dettensee wurde erst 1790 zur Pfarrei erhoben (Fürstl. Arch. Sigmaringen, Abth.: Muri.)

  34. Fürstliches Arch. Sigmaringen, Abtheilung: Kloster Muri.

  35. Arch. Muri in Gries.

  36. Annales I., 640, 652.

  37. Dieser Hof wurde aber bald für die Eichmühle in der Pfarrei Beinwil eingetauscht.

  38. Vgl. Anzeiger für Schweizer. Alterthumskunde, 1884, S. 53.

  39. Annales I., 262. Dieser Tabernakel ist heute noch in der Klosterkirche zu Muri; er wurde aber bei der Aufhebung des Stiftes (1841) der ablösbaren Figuren beraubt.

  40. Compendium Arch. Mur., B, 103, von P. Leod. Maier; Anzeiger für schweiz. Alterthumskunde, Jahrg. 1885, S. 120.

  41. Annales I., 104.

  42. Arch. Muri in Aarau.

  43. Hauschronik von Muri.

  44. Rückgaber, Gesch. von Rottwil II. 303.

  45. Anzeiger für Schweiz. Alterthumskunde Jahrgg. 1885, S. 170.

  46. Arch. Muri in Gries; Geschichtsfrd. XV, 135. Dem Maler Steiner gab er noch besonders 100 Gl.

  47. Stadlin, III. Band, S. 39.

  48. Rathsprot. von Nidwalden XXIV., 400.

  49. Staatsarch. in Nidwalden (Räthe- und Landleuteprotok. von den Jahren 1709 und 1710).

  50. Arch. Muri in Gries; Annales.

  51. Arch. Muri in Gries; Compend. Arch. Mur. B, 105-107.

  52. Arch. Muri in Gries A. I. IV.

  53. Arch. Muri in Gries; Compend. Arch. Mur., C, S. 192.

  54. Segesser Rechtsgesch. IV., 590, 591.

  55. Acta Capituli.

  56. Schon die Instruktion einer Abordnung des Rathes von Luzern nach Rom in dieser Angelegenheit enthielt einen Widerspruch: „Die Abordnung soll vom hl. Vater direkt die Steuerbewilligung als eine Gnade verlangen; sollte man aber auf diesem Wege nicht zum Ziele kommen, so behalte man sich vor, sich selbst schadlos zu halten“ (Segesser, Rechtsgeach. IV., 550).

  57. Annales I., 813, 817, 818.

  58. Annales I., 131.

  59. Annales I., 131; Arch. Muri in Gries A. 1. IV.

  60. Arch. Muri in Gries A. I. III.

  61. Annales I.. 239-241.

  62. Annales I., 237 u. a. O.