Drittes Kapitel. Gerold I. Haimb, XLIII. Abt (1723-1751), II. Fürst.

Das Grab des ersten Fürstabtes von Muri hatte sich kaum geschlossen, so richteten die Kapitularen ihre Gedanken auf die Wahl eines andern Vaters. Der vielgenannte Nuntius Passionei, die Aebte von St. Gallen – Josef Rudolfi, von Einsiedeln – Thomas Angelicus Schenklin, und von Rheinau – Gerold II. Zurlauben, waren nebst dem erforderlichen Notar1 und den nöthigen Zeugen2 am 27. September 1723 in Muri vereinigt, um die angesagte Wahl zu leiten. Zufolge des Kapitelbeschlusses genügte für den Gewählten das absolute Mehr. Der Nuntius hielt an die versammelten Kapitularen eine treffliche Ansprache, welche später im Drucke erschien.3 Unter 27 Wählern4 erhielt Gerold Haimb die Stimmenmehrheit, und wurde am 24. Oktober unter Assistenz der Aebte von Rheinau und Fischingen vom Nuntius benedicirt.

Fürstabt Gerold I. erblickte am 24. Oktober 1678 das Licht der Welt im Städtchen Stühlingen im Schwarzwalde und erhielt in der hl. Taufe den Namen Johann Martin. Seine Eltern besassen dort das Wirthshaus zum „Hirschen“. Schon in den ersten Jugendjahren gab er Beweise der Liebe zu Gott und (II-178) des Eifers für die Erhaltung der Unschuld.5 Nach dem frühzeitigen Tode seines Vaters vermählte sich die Mutter mit dem Sekretär des Abtes von Rheinau, Heinrich Jost von Willisau, der bald in gleicher Eigenschaft in die Deutschordens-Comthurei nach Hitzkirch (Schweiz) übersiedelte und die Kinder seiner Frau zu sich nahm. So wurde dem jungen Haimb die Eidgenossenschaft zur künftigen Heimath.6 Den ersten Unterricht im Latein und in der Musik genoss er im Stifte Beromünster. Der Musiklehrer war streng, und die Gesangsweisen lernte der junge Haimb unter den Schlägen des Meisters.7 Von dort kam er zu den Jesuiten nach Luzern. Unter deren Leitung widmete er sich mit Erfolg der Rhetorik, Philosophie und Physik; die erlangten Kenntnisse der Musik verwerthete Haimb beim Gottesdienste in der Franziskanerkirche. Bei der 1696 in Luzern stattfindenden Bundeserneuerung mit Wallis gaben die Studenten unter der Leitung der Jesuiten eine theatralische Vorstellung zu Ehren der hohen Gäste. Unser Haimb hatte im Stücke „Der Friede“ die Hauptrolle und erweckte durch seinen Gesang und den meisterhaften Vortrag die Bewunderung Aller.

Nach Vollendung der humanistischen Studien wollte er in den Jesuitenorden treten, änderte aber den Entschluss und ging nach Muri, wo er 1699 die hl. Profession ablegte. Kaum hatte er die Theologie beendigt (1703), bestieg er schon die Lehrkanzel dieser hohen Wissenschaft,8 und tradirte nach drei Jahren auch die Philosophie.9 In den Kriegszeiten 1711-1713 besorgte er die Pfarrei Bünzen. Den schwer geprüften Pfarrkindern war er in diesen Tagen der Noth ein schützender und helfender Engel. Auf die Frage des Fürstabtes Placidus, ob man mit dem Pfarrer, P. Gerold, zufrieden sei, sagte ein Bauer aus Bünzen: „Sehr gut; aber lange wird er unser Pfarrer wohl nicht sein, denn er ist zu gescheid für uns.“ Und so war es. Der Abt ernannte ihn bald zum Subprior und zum Beichtvater der Klosterfrauen in Hermetschwil. Die Aebte der Schweizer-Benediktinercongregation (II-179) übertrugen ihm das Amt eines Sekretärs (1716), das er bis 1725 noch als Fürstabt versah. Das folgende Jahr 1717 wurde er zur Würde eines Stiftsdekans von seinem Abte erhoben. Nicht genug. Die Aebte der Congregation hatten ihm schon nach zwei Jahren die Inful eines Klosters zugedacht. Als Abt Maurus von Mariastein resignirt hatte, so versammelte sich die Congregation daselbst und berieth sich mit dem Bischof von Basel10 über die Oekonomie dieses Gotteshauses und über einen tüchtigen Coadjutor, den zugleich die Würde eines Abtes zieren sollte. Der Bischof und Konvent wünschten als Coadjutor den eben als Sekretär der Congregation anwesenden Dekan von Muri. P. Gerold trat aber vor die Kapitularen von Mariastein und beredete sie, von ihm abzustehen. Doch der Bischof von Basel war damit keineswegs zufrieden; er wollte den Hirtenstab ihm mit Gewalt in die Hände drücken. Umsonst, Gerold weigerte sich entschieden, ihn anzunehmen. Endlich sagte der Bischof: „Je nun, der P. Dekan gibt der glänzenden Mitra in Muri den Vorzug.“ – So war es; in Mariastein konnte er die Mitra ablehnen, in Muri musste er sie annehmen.

Fürstabt Gerold I. besass ein Herz voll Liebe, die sich auf Alle, selbst seine grössten Feinde erstreckte. Wer mit ihm in nähere Verbindung kam, musste ihn wenigstens hochschätzen. Aber kein Abt vor ihm war von grössern Sorgen gedrückt und von mehr Feinden und Neidern umgeben, als Gerold I.

Kaum war ihm der Hirtenstab übergeben worden, so erschienen die Abgeordneten der Landesherren von Zürich, Bern, Glarus und von den fünf katholischen Orten und verlangten die „Schutz- und Sesselgelder“. Diese mehrten sich von einer Abtwabl zur andern, indem, vom untersten Thürsteher dieser Tagherren der regierenden Stände angefangen, jeder irgend ein Ehrengeschenk von Muri zu erhaschen bemüht war. Wie ein böser Geist verfolgte aber unsern Abt der Berner Landvogt, Ludwig Müller,11 mit seinen zwei Gesellen, dem Landschreiber (II-180) Tinner, Sohn eines Fleischers in Glarus, und einem Juden, Hummel,12 aus Bolwil im Elsass. Dieser hatte sich im Kloster Mariastein katholisch taufen lassen, ging dann zum Protestantismus über und diente dem Landvogt Müller als ein williges Werkzeug, das Kloster Muri auf jede Weise zu quälen und Geld von den Aebten Placidus und Gerold I. zu erpressen. Als Mittel hiefür gebrauchte der Landvogt die Güterbereinigung, die er amtlich anbefahl, absichtlich in die Länge zog und bei entstandenen Grenzstreitigkeiten der zehentpflichtigen Güter dem Kloster unsäglichen Verdruss bereitete. Die Hauptschuld in dieser Sache fällt wohl auf die Regierung in Bern, welche diesen Mann zum dritten Male als Vogt in das erst jüngst eroberte Land schickte. Selbst Wurstenberger, der sonst mildere Gesinnung zeigte, scheute sich nicht, da er als Landvogt 1735 aus Bern nach Muri kam, bei den Maigerichten die Rechte des Klosters grell zu verletzen, indem er bei der Leistung des Huldigungseides die Worte „allerforderst einem Herrn Abte schwören“ eigenmächtig wegliess und den Unterthanen befahl, zuerst dem Landvogte und dann dem Abte zu schwören.13 Von den Landvögten, welche Zürich und Glarus nach 1712 in die Freiämter schickten, finden wir solche unbillige Handlungen nicht in den Chroniken Muri's verzeichnet.

Weil dieses Geschäft der Güterbereinigung sehr einträglich war, so ordneten dasselbe auch die katholischen Landvögte oft eigenmächtig in den obern Freiämtern an; besonders war der Schwyzer Landvogt, Reding, hierin in den Jahren 1725 und 1726 thätig, wesshalb das Sprichwort in jenen Gegenden entstand: „Alles bereiniget, bis auf die Krauselbeere!“14 Als die Klöster und Stifte Muri, Einsiedeln, Engelberg und Hitzkirch dagegen klagten, so antworteten einige Gesandten der katholischen Stände: „Der Nutzen davon sei eher einem katholischen als einem evangelischen Landvogte zu gönnen“, oder was dasselbe: wenn der Protestant die Klöster bestiehlt, so darf es um so mehr der Katholik.15

Zu den Leiden wegen der Güterbereinigung gesellten sich für den Fürstabt Gerold I. die Streitigkeiten wegen Hof und Wald Werwil in Bärenmoos in Bütikon, Pfarrei Villmergen;16 ferner die Angelegenheiten wegen der Mühle in Wohlen, die in einem Fallimente dem Kloster zufiel und auf Befehl der reformirten Stände Zürich, Bern und Glarus als Kauf in die (II-181) „todte Hand“ wieder feil geboten werden musste;17 dann die Misshelligkeiten wegen Bezug von Zehenten und Grundzinsen in den Aufbrüchen der Klosterwaldungen („Neugrüte“);18 der unerquickliche Handel wegen des Schlosses Hilfikon bei Villmergen, wobei Muri bei 12,000 Gl. einbüsste.19 Die Selenoder Jägerhöfe in Türmelon, Itenthal und Langenmatt in Muri standen von jeher unmittelbar unter dem Stabe des Abtes. Eine Konvertitin, Elisabeth Mäschlin aus Steckborn, schädigte das Kloster, indem sie dessen alte Rechte hinsichtlich der Appellationen bei Erbschaften muthwillig angriff.20 Im Jahre 1745 verlor Muri im Streite mit dem Landvogte der untern Freiämter das früher stets unangefochtene Jagdrecht.21 Das folgende Jahr wünschte der Kurfürst von Würtemberg, Karl Eugen, bei Fürstabt Gerold I. ein Anleihen zu machen. Die abschlägige Antwort aus Muri hatte ihn derart beleidigt, dass er dem Oekonom in Glatt jedes Ungemach bereitete.22 Dazu kamen die Zwiste mit der Gemeinde Bünzen wegen der Einzugsgelder, die Streite mit den Bürgern von Aristau, Buttwil und Geltwil wegen des Holzhaues und der Benutzung der Weidgänge, die Händel wegen des Tavernen- (Wirthschafts-) Rechtes und andere mehr. Einige derselben währten bis zum Jahre 1750. Der Chronist, P. Leodegar Maier, hat nachgerechnet, dass die von 1724-1749 geführten Prozesse für das Kloster eine Ausgabe von 26,674 Gl. zur Folge gehabt haben.23 Den grössten Schmerz bereitete aber dem liebenswürdigen Fürstabte die Entdeckung, dass diese zahllosen Händel sein erster Klosterdiener und Beamter, der Kanzler Johann Rudolf Kreuel, aus Bosheit vielmals veranlasst habe. Gerade auf Empfehlung P. Gerold's Haimb war dieser Kreuel unter Fürstabt Placidus zu dieser ehrenvollen Stelle gekommen; allein der Undankbare war seinem Gönner nie gewogen. Selbst als dieser die Fürstenwürde erlangte, und Kreuel in seiner frühem Stellung belassen wurde, wusste der Diener seinem Herrn und Wohlthäter kaum (II-182) ein freundliches Wort zu geben; ja seine Frechheit ging so weit, die Amtsgewalt zum Nachtheile des Klosters zu missbrauchen. Er wurde endlich der Unterschlagung von 4000 Gl. überwiesen, im Jahre 1747 desshalb bestraft und seines Dienstes verlustig erklärt. Der gleichzeitige Chronist, P. Leodegar, schreibt die vielen Streite, in die Muri damals verwickelt wurde, vorzüglich seiner Schuld zu, indem Kreuel die Bauern und Andere zur Verletzung der Klosterrechte treulos verleitete.24

In diesen vielen Leiden, die fortwährend auf das edle Herz des Abtes Gerold I. einstürmten, floss ihm aus zwei Quellen erquickender Trost zu: zunächst von den Mitbrüdern, mit denen er stets im ungetrübten Frieden lebte, und dann vom heiligen Gebete. Stunden lang lag er oft auf den Knieen vor dem heiligsten Altarssakramente und klagte Jesus seinen Kummer. Als die Wogen der Leiden im Jahre 1725 am höchsten gingen, verordnete er für das ganze Jahr, man solle monatlich einmal nachmittags 1 Uhr Predigt mit Rosenkranz vor dem Allerheiligsten halten. Am Ende des besagten Jahres erschienen unerwartet die Abgeordneten der drei reformirten Kantone Zürich, Bern und Glarus und bestätigten die Rechte des Klosters.25

Darin liegt auch die Ursache, dass Abt Gerold I. trotz der drückenden Sorgen den vielen ankommenden Gästen immer ein fröhliches Herz entgegen brachte und sie in heitere Stimmung zu versetzen wusste. Deren Mahl würzte er mit geistreichen Scherzen, die er ungezwungen wieder mit ernsthaften Gesprächen verband. Ihm war es ein Leichtes, die Gäste an sein Wort zu fesseln; sie drängten sich in seine Nähe und horchten mit Vergnügen auf das Mitgetheilte. Graf Trautmannsdorf, der kaiserliche Botschafter, schenkte ihm schon nach der ersten persönlichen Bekanntschaft das volle Zutrauen. Sein Nachfolger, der Marquis Pries, kam wiederholt mit Gemahlin26 nach Muri, wohnte 1735 mit Andacht den Ceremonien der Charwoche bei und war besonders gerührt, den Fürstabt am Gründonnerstage als Tischdiener seiner Mitbrüder zu sehen. Am Charfreitag erbat sich der Marquis die Ehre, den Armen das gewöhnliche Brod austheilen zu dürfen. Bei seinem Mahle wünschte er dasselbe Brod. Er bekam es und fand es sehr schmackhaft.

Der kaiserliche Agent in Mailand, Kränzlin, gebürtig von (II-183) Menzingen, Kt. Zug, war wegen des ausgebrochenen Krieges im Jahre 1736 in seine Heimath gekommen. Abt Gerold I. lud ihn nach Muri ein, um den Jahrtag der Stifterfamilie des Hauses Habsburg mitzufeiern. Die Pracht des Gottesdienstes machte einen mächtigen Eindruck auf Kränzlin. Sogleich theilte er diesen seinem Herrn, Kaiser Karl VI., in den schmeichelhaftesten Ausdrücken mit. Nicht lange, und der Fürstabt erhielt aus Wien folgendes kaiserliches Handschreiben: „Mir ist zu vernehmen gekommen, was Gestalten Ew. Andacht sich in allen Vorfallenheiten mit wahrem patriotischem Eifer und auch gegen Mich und Mein Erzhaus mit besonderer distinguirter Ergebenheit von Zeit an dero Vorstehung bisher betragen habe. Da nun Mir das Beste der Eidgenossenschaft und diese für meinen Dienst auch behegende Zuneigung sehr lieb zu vernehmen war; als habe Ich in der gnädigsten Zuversicht, dass Ew. Andacht also fernerhin in diesem dero Betragen fortfahren werden zum Kennzeichen meines hierab geschöpften gnädigsten Wohlgefallens ihnen hiemit gegenwärtiges Handschreiben durch Meinen Generalwachtmeister, Freiherrn von Niederöst, einhändigen und sie anbei versichern lassen wollen, dass ich Ihnen und Ihrem Mir ohnedem als einem von Meinen Vorfahren gestifteten Gotteshause besonders geliebten Stift mit kais. und königl. Gnaden jederzeit besonders wohl beigethan und verbleiben werde. Wien, den 3. Juli 173 6. Karl.“27

General Franz Anton Niederöst stammte aus Schwyz. Sein Vater, Franz Leodegar, war 1702 Landammann des Kts. Schwyz, kam nach Wien, wurde dort in den Adelstand erhoben, erhielt ein angeworbenes Regiment in den österreichischen Waldstätten am Rhein und starb 1711.28 Die Verdienste des Vaters hatten dem Sohne Josef Franz Anton das Aufsteigen zu höhern Würden in Oesterreich erleichtert. Fürstabt Gerold I. glaubte den vielen Auszeichnungen, die er vom kaiserlichen Hofe in Wien erhalten hatte, eine kleine von Muri beifügen zu sollen, indem er Franz zu seinem Erbtruchsess ernannte. Die feierliche Einführung in dieses Amt fand am 8. Februar 1725 im Refektorium des Klosters statt. Den Ort der Feier zierte ein Bild Kaiser Karl's VI. Niederöst erschien vor dem Fürstabte und dem versammelten Konvente, hielt an dieselben eine Ansprache und bat um das Ehrenamt. Der Abt pries den Bittsteller, erwähnte lobend dessen Verdienste um das Kloster und ertheilte ihm das Amt. Sofort musste er den Vasalleneid ablegen, was er knieend vor einem Bilde des Gekreuzigten that. Niederöst dankte für die erhaltene Würde und eine rauschende Musik (II-184) beschloss die Handlung.29 Bei seinem Tode, der 1746 erfolgte, hinterliess er keine männliche Nachkommen; daher übertrug Fürstabt Gerold I. das Amt eines Erbtruchsessen 1748 dem Freiherrn Jos. Anton Bruno Rüpplin von Käffikon, Kämmerer des hl. Stuhles. Als Rath des Bischofs von Constanz schwor er zu Mörsburg am 28. März d. J. den Eid der Treue.30 Sein Tod erfolgte am 3. Mai 1757.31 Das Marschallamt war durch den Tod des Fidel Zurlauben 1731 ledig gefallen. Fürst Gerold I. belehnte hiemit den in Frankreich dienenden General Placidus Zurlauben.32

Mit dem französischen Botschafter in der Schweiz, der in Solothurn residirte, trat Abt Gerold I. im Jahre 1733 in ein freundschaftliches Verhältniss. Bei dem polnischen Erbfolgekriege, der zwischen Oesterreich und Frankreich ausgebrochen war, fürchtete Abt Gerold für die Muri-Besitzungen am Nekar und beauftragte seinen Konventualen, P. Leodegar Maier, den französischen Botschafter für deren Schutz anzugehen. Für dessen Zusicherung sandte ihm Fürst Gerold zur Dankbarkeit einen stattlichen Eber.33

König Friedrich Wilhelm I. von Preussen, bekannt wegen seiner Vorliebe zu riesigen Gardisten, richtete im Jahre 1738 an unsern Fürstabt eine von Liebe und Zuneigung überfliessende Zuschrift, worin er die Bitte vorbrachte, der Abt möchte einem seiner Unterthanen in Dettingen (am Nekar) gestatten, in die Garde des Königs einzutreten. Gerold I. gab die Einwilligung dazu nur aus dem Grunde, weil der Mann bereits das Handgeld genommen und weil der König versprochen hatte, dem „grossen“ Manne nach Ablauf der Dienstzeit sogleich die Entlassung zu geben.34

Dasselbe Jahr unternahm Abt Gerold I. mit zwei Mitbrüdern35 eine Reise nach Kempten, um die in Muri angeknüpfte Freundschaft mit dem dortigen Fürstabte, Anselm Reichlin von Meldegg,36 zu erneuern. Die klösterliche Disciplin blühte damals in Kempten mehr als zu andern Zeiten unter den vom hohen Adel entsprossenen Konventualen.

Auch mit andern hohen Würdenträgern stand Gerold in freundschaftlicher Verbindung. An deren Spitze steht der Nuntius in der Schweiz, Passionei. Dieser war 1714 als päpstlicher Gesandte beim Friedensabschlusse in Baden an der Limmat, und wohnte bis zu seiner Ernennung als schweizerischer Nuntius in Solothurn, dann residirte er in Luzern. Seit dem Jahre 1720 gewann er aber Muri so lieb, dass er zwei- bis dreimal im Jahre dahin kam, mehrere Tage, ja Wochen lang dessen Gastfreundschaft genoss, da die geistlichen Exercitien machte und öfters bischöfliche Funktionen (Ertheilung der Priesterweihe etc.) vornahm. Er ging sogar mit dem Gedanken um, die Nuntiatur von Luzern nach Muri zu verlegen;37 allein das Kapitel lehnte diese Ehre ab und Passionei wählte desshalb Altdorf im Kt. Uri zu seinem Sitze (1726). Dort feierte er im Jahre 1730 die Thronbesteigung des Papstes Clemens XII. auf das Feierlichste, lud Fürstabt Gerold I. von Muri dringend dazu ein und erbat sich P. Leodegar Maier als Ceremoniar und mehrere seiner Konventualen als Sänger. Am folgenden Tage erhielt Passionei aus Rom die Ernennung als Nuntius in Wien, wozu unser Fürstabt ihm sogleich gratulirte. Bei dieser Gelegenheit gab der Nuntius dem Abte die Zusicherung unverbrüchlicher Freundschaft. Der Papst berief diesen gelehrten Nuntius im Jahre 1745 endlich nach Rom und schmückte ihn mit dem Purpur. Kaum war er dort angekommen (8. Mai), so richtete er ein Schreiben an den damaligen Nuntius in der Schweiz, Acciajuoli, worin er unter Anderem schreibt: „Sie können nicht glauben, welche Freude ich empfand, als Sie mir von der trefflichen Klosterordnung in Muri Nachricht gaben, von der gesunden Luft, die man da einathmet, um nichts zu sagen von der Gesellschaft des würdigsten Prälaten, die über Alles geht. Auf meinen vielen Reisen in Deutschland habe ich keinen so würdigen Religiosen, der mehr für die klösterliche Zucht eifert, als den Abt von Muri gefunden. Ich sage das ohne Furcht, den übrigen etwa zu nahe zu treten. Haben Sie Gelegenheit, ihn zu sehen oder ihm zu schreiben, so lassen Sie ihm wissen, dass ich stets an ihn denke und ihn im Geiste umarme, und dass ich das grösste Vergnügen hätte, die zwei Patres Leodegar und Anselm an den Schwellen der Apostelfürsten zu sehen.“38 Im Jahre 1747 besorgte der Kardinal die Ablassbulle für die Säkularfeier des hl, Leontius in Muri.39

(II-186) Aehnliche Liebe zu unserem Abte Gerold I. äusserte auch in einem Schreiben nach Muri Kardinal Firrao, früher ebenfalls Nuntius in der Schweiz. Jener hatte nämlich diesen gebeten, er möchte einem Kleriker, von Beroldingen, die Aufnahme in das Collegium germanicum in Rom erwirken. Die Bitte des Abtes hatte den gewünschten Erfolg.

Den Nuntius Philipp Acciajuola wusste Gerold I. bei dessen erstem Besuche in Muri (1745) so zu fesseln, dass er die Tage, die er damals in Muri verlebte, zu den schönsten seines Lebens rechnete. Später kam er oft ohne Prunk und ohne grosse Begleitung nach Muri, machte in der Charwoche die hl. Ceremonien mit, stellte sich unter den Gehorsam des Dekans und war dem Kloster zu jedem Dienste bereit.40 Es war sein grösstes Vergnügen,41 die Säkularfeier des hl. Leontius in Muri (1747) mit seiner Gegenwart zu beehren. – Wenige Tage nach dieser Feier erschien in Muri, begleitet vom Fürstabte Laurenz von Disentis, Kardinal Quirinus, Bischof von Brescia und Bibliothekar des Vatikans, ein Mann von seltenem Wissen und eine Zierde des Benediktinerordens, dem er angehörte. Zwei Tage erfreute sich unser Kloster seiner Anwesenheit. Die Reise des Kardinals ging über Fahr nach Zürich, wo er beim Bibliothekar Heidegger Bücher kaufte. Er durchging dessen Kataloge, fand auch Vertheidigungsschriften der katholischen Religion, worüber der hohe Kirchenfürst seine Verwunderung ausdrückte. Der Buchhändler bemerkte ihm, dass er um Züricher Geld Alles feil bieten dürfe, „wenn nur kein neuer Prophet komme.“ Auf die Frage des Kardinals, wessen Religion er sei, entgegnete er keck: „Ich bin ein Ketzer“. Quirinus lächelte und nannte ihn im Verlaufe des Gespräches stets seinen lieben Ketzer („il mio caro eretico“).42 Von Zürich wandte sich der Kardinal nach St. Gallen, von da über Pfäfers und Disentis wieder nach Italien. Aus Brescia schrieb er bald nach seiner Rückkehr an die Aebte der schweizerischen Benediktiner-Congregation, und dankte ihnen für die gastliche Aufnahme in ihren Klöstern. Der Murichronist schildert ihn als einen Mann von hohem Wuchse, mit röthlichem in die Länge gezogenem Antlitze, als einen Feind des Umgangsceremoniels, der mit Allen vertraulich, leicht zum Lachen geneigt, fromm und wohlthätig war. Muri verehrte er später seine hochgeschätzten Werke.43 Er war es, der die „wissenschaftliche Gesellschaft der Benediktiner in Deutschland“ (Societas literaria Germano-Benedictina) (II-187) ins Leben rief, wobei aber die Benediktiner der Schweiz sich nicht betheiligten.44 – Nebst diesem Kardinal besuchte auch der General der Kapuziner, Hartmann Hiltprandt, ein geborner Tiroler, auf seiner Visitationsreise am 30. März 1731 das Kloster Muri. Sein Begleiter schrieb in das Tagebuch, dass sie dort „mit aller Lieb und Höflichkeit beherbergt“ worden seien.45 Endlich kam Gerold I. auch in freundschaftliche Beziehung zu Abt Beda in Marienberg (Tirol), welcher für die gastliche Aufnahme in Muri (1747) und die Unterstützung, die er daselbst gefunden, sich sehr dankbar bezeigte.46

War Abt Gerold I. auch nicht der oben erwähnten Gesellschaft der gelehrten Benediktiner Deutschlands beigetreten und hatte er auch keine Werke geschrieben, so liebte er doch die Wissenschaften und gab nicht selten Anlass, dass die Werke anderer Gelehrten in die Oeffentlichkeit kamen. Es schmerzte ihn tief, dass sein Plan, die Gründung einer Akademie in Muri, nicht verwirklicht wurde. Die wissenschaftlichen Arbeiten seiner Mitbrüder, Leodegar Maier und Fridolin Kopp, förderte er nach Kräften. Mit dem gelehrten Dr. Iselin in Basel, der vorzüglich nach Muri-Handschriften in zwei Foliobänden die geschätzte Chronik von Aegid Tschudi herausgab,47 unterhielt er eine lebhafte Correspondenz in lateinischer Sprache48 und bereicherte gerade durch dessen Vermittlung die Muri-Bibliothek mit so vielen der besten Werke, dass der 1697 neugebaute Bibliotheksaal im Jahre 1745 erweitert werden musste. Einzig im Jahre 1741 konnte der Bibliothekar 115 Werke, meistens in Folio, den schon vorhandenen beizählen.49 Gerold I. las die neu angekauften Werke sehr fleissig und wusste zur Unterhaltung der Gesellschaft das Gelesene trefflich zu verwerthen.50

Die in Muri gesammelten Bücherschätze lockten nicht wenige gelehrte Männer dahin. Im Jänner 1733 erschienen (II-188) die St. Blasianer, an deren Spitze der berühmte Marquart Herrgott stand. Er benützte Bibliothek und Archiv zur Beleuchtung des habsburgischen Stammes.51 Fünfzehn Jahre später besuchte Calmet, die Zierde der Benediktiner damaliger Zeit, in Begleitung des P. Maximin Knöpflin unser Gotteshaus. In seinem Diarium, das er 1756 in Einsiedeln drucken liess, schreibt er über Abt Gerold I. von Muri: „Der Fürst ist ein Mann, ausgezeichnet durch Unbescholtenheit des Lebens, Beobachtung der klösterlichen Satzungen, Klugheit und Bescheidenheit, der Jedermann durch sein liebevolles Benehmen werth ist. Im Kloster herrscht ein reger Eifer für die Wissenschaft, die der liebevolle Abt sorgsam pflegt und befördert.“ Schliesslich rühmt Calmet noch die freundliche Aufnahme und Bewirthung in Muri.52

Von den Werken der Liebe, die Fürstabt Gerold I. vielfältig verrichtete, lassen wir ihn selbst sprechen: „Ueber die Almosen halte ich keine Rechnung. Nie liess ich einen, der mich um eine Wohlthat anging, mit leeren Händen von mir geben.“ Abt Gerold's I. bekannte Güte zog die Armen aus den entferntesten Dörfern nach Muri und selbe umlagerten buchstäblich seine Thüre. Den Dienern, welche über Hilfsbedürftige, die oft zum zweiten Male unter der Menge sich herandrängten, empört waren, sagte er freundlich: „Seht ihr, warum sie kommen! Hätten wir ihnen das erste Mal genug gegeben, sie wären nicht zum zweiten Male gekommen.“ Zu Ehren des hl. Martin, den er sich im Wohlthun zum Vorbilde wählte, gab er jährlich zwölf Armen eine volle Kleidung; Hausarmen schickte er oft die besten Speisen von seiner Tafel zu und gewährte ihnen Unterstützung bis zum Ende ihres Lebens.53

Die Gaben, die er für Kirchen und öffentliche Zwecke (Brücken etc.) spendete, übertreffen an Grösse und Zahl die aller seiner Vorgänger. P. Leodegar Maier hat berechnet, dass er bis zum Jahre 1749 allein 25 Altäre in verschiedenen Kirchen der Schweiz und Deutschlands auf seine Kosten erbauen liess. Die Klosterkirche in Mariastein erhielt durch ihn eine stilgerechte Kanzel;54 die Pfarrkirche in Dettingen am Nekar baute er freiwillig aus Güte und Liebe zu Gott und zahlte alle Kosten,55 wofür die Kirchgenossen ihm beute noch danken. Arme Klöster in der Schweiz, in Deutschland und Italien und selbst in Palästina (II-189) nahmen gerne in ihren Bedrängnissen die Zuflucht zum Abte von Muri und erfreuten sich gewöhnlich ansehnlicher Gaben.56 Kardinal Corradini liess im Jahre 1733 ein besonderes Dankschreiben dem Abte Gerold I. aus Rom zukommen für die 225 Gl. Unterstützung an das verarmte Kloster Subjaco, der Wiege des Benediktinerordens.57 Brand- oder Wasserbeschädigte trugen jährlich mehrere tausend Gulden vom Kloster Muri hinweg.58 Dem Abte von Engelberg schenkte er zum Wiederaufbau des im Jahre 1729 abgebrannten Klosters 1200 Gl. und verpflegte fünf Konventualen vier Jahre lang unentgeltlich.59 Das 1744 abgebrannte Kloster Ettal in Bayern bekam 550 Gl.; Herr Reding von Burg im Thurgau 187 Gl.; die vom Wasser beschädigten Rheinfelder (1748) 150 Gl.; die abgebrannten Surseer bei 1013 Gl. Einzig im Jahre 1745 überstiegen dergleichen Gaben die Summe von 2107 Gl.60 Der Fürstabt von Disentis, Bernard Frank von Frankenberg, gründete 1750 in Sondrio (Veltlin) ein Konvikt für Studirende. Muri unterstützte ihn mit 625 Gl.61 Den Kapuzinern war Abt Gerold I. stets bereit, die reichhaltigsten Wohlthaten zufliessen zu lassen. Zu Ehren des seligen Nikolaus von Flüe, dessen Grabstätte in Sachseln er im Jahre 1741 andächtig besuchte, legte er 315 Gl. in den Opferstock.62

Während Abt Gerold I. zur Ausschmückung fremder Gotteshäuser reichliche Gaben spendete, vergass er keineswegs die seiner Sorgfalt besonders unterstellten Kirchen. Der Eifer für das Haus Gottes schien diesen Prälaten zu verzehren. Zwar hatte ihm sein Vorgänger hinsichtlich der Kostbarkeit der Kirchenzierden die Siegespalme abgewonnen; allein in Bezug auf deren Zahl mag Gerold I. den Abt Placidus übertroffen haben. Zur Ausschmückung der Klosterkirche und der dem Kloster einverleibten Pfarrkirchen und Pfrundhäuser hat er selbst von den Jahren 1724-1749 eine Ausgabe von 89,552 Gl. verrechnet; dieser Summe waren aber die Auslagen der 5000 Kilo schweren Glocke für die Klosterkirche (gegossen 1750) nicht beigezählt. (II-190) Sie wurde von den Roziers aus Lothringen gegossen.63 Ein Johann Schalk, Goldarbeiter in Schaffhausen, hatte für Muri damals viele Arbeiten zu liefern. Die Bossard aus Baar, Vater und Sohn, bauten für die Klosterkirche eine neue Orgel und reparirten die schon vorhandenen.64 Das noch in dieser Kirche bestehende und viel gelobte Gitterwerk hat Abt Gerold I. zum Urheber.65 Der Hochaltar daselbst wurde von ihm neu geformt und reichlich vergoldet.66

Die Verehrung des hl. Martyrers Leontius, dessen Gebeine in Muri ruhten, suchte der fromme Kirchenfürst auf jede Weise zu erhöhen. Den Pilgern, deren Zahl zum Grabe des Heiligen sich stets vermehrte, bot er Gelegenheit, ihre Beichten ablegen zu können. Die vielen Gebetserhörungen liess er fleissig sammeln und beglaubigen. Die erste Säkularfeier der Uebertragung der hl. Reliquien hielt er am 4. September 1747 mit grösster Pracht. Während eines ganzen Jahres wurden im Kloster auf dieses Fest Vorbereitungen gemacht. Um 3 Uhr in der Frühe besagten Tages begann die Feier; bei 6000 Gläubige legten ihre Beichten ab und die hl. Communion wurde noch um 2 Uhr Nachmittags gespendet; die 10 Altäre in der Stiftskirche und die 3 in der Pfarrkirche waren bis 1 Uhr von Messe lesenden Priestern ohne Unterbrechung besetzt. Den Glanzpunkt der Feier bildete die Prozession; die ersten Würdenträger der Kirche und des Staates nahmen an derselben Theil, und die anwesende Volksmenge schätzte man auf 40,000; es war ein Tag der Freude für die ganze katholische Schweiz.67

Auch geringem Bauten, wie den Wohnungen der Beamteten auf den Herrschaften und den Oekonomiegebäuden, schenkte Abt Gerold I. seine Aufmerksamkeit. Bis zum Jahre 1749 hatte er für selbe die nicht unbedeutende Summe von 127,437 Gl. ausgegeben, und zwar für die untere Burg in Klingenberg 11,678 Gl. und für die neue Burg in Dettingen 14,537 Gl. Zur Hebung der Fabrik in Nekarshausen baute er mehrere Häuser.68

Die Grundsätze, welche die Aebte Hieronymus und Placidus für die Oekonomie aufgestellt hatten, blieben stehen, und jedes Jahr lieferte für deren Vortrefflichkeit neue Beweise. Die Ankäufe (II-191) von Grundstücken stehen an Zahl und Bedeutung denen seines Vorgängers nach, sind aber immerhin beachtenswerth. Für die Rittergüter Egelstall und Mühlen (oder Mülheim), die er im Jahre 1729 an Herrn Rauner veräusserte,69 kaufte er die Ritterherrschaft Dettingen,70 nahe bei Glatt am Nekar gelegen. Die Ausgaben für sie beliefen sich von 1726-1737 auf 112,375 Gl. Die ganze Herrschaft umfasste mit dem Hofe zu Priorsberg über 1007 Juchart; dazu gehörte die höhere und niedere Gerichtsbarkeit, das Gruben- oder Bergregal, der Zoll im Nekar von den Flössen, die Collatur der Kaplanei u. s. w.71 Die Erhaltung der katholischen Religion fiel bei diesem Kaufe stark in die Wagschale. Jedoch der Grundsatz: „Der Herr des Landes ist auch Herr der Religion“, hatte seit dem westphälischen Frieden bei Katholiken wie Protestanten am Nekar glücklicher Weise viel von seiner Schärfe verloren. Fürstabt Gerold I. war der wahren Toleranz nie zu nahe getreten. Die Bewohner von Egelstall und Mühlen waren in der Mehrheit Protestanten, aber wir haben kein Beispiel, dass ein Unterthan von Muri wegen der Religion seine Heimath hätte verlassen müssen.

Der Fürstabt von Muri besass nun mit Dettingen ein abgerundetes, aus sanft ansteigenden Hügeln bestehendes Ländergebiet im Umfange von 8-9 Stunden, das er als souveräner Herr mit den hohen und niedern Gerichten regierte. Dazu fügte er das innerhalb dieser Grenzen befindliche kleine Rittergut Nekarshausen (1743). Dasselbe hatte 300 Juchart Waldungen, eine Gesundquelle, Färbereien und Tuchfabriken. Der ehemalige Besitzer, Baron Schütz, forderte dafür 53,075 Gl.; die höhere und niedere Gerichtsbarkeit war hiemit einbegriffen.72 – Weil der Abt den Blutbann nicht selbst in diesen Herrschaften ausüben wollte, so belehnte er damit einen Herrn aus der Umgebung. Zuerst führte das Schwert im Namen des Fürstabtes von Muri Albert von Stauffenberg. Nach dessen Tode präsentirte Abt Gerold I. 1729 dem Kaiser Marquard, den Sohn des eben genannten Albert. Zur Leitung dieser Belehnungen und anderer Geschäfte hatte Muri jetzt einen Agenten in Wien.73

(II-192) Die deutschen Herrschaften leiteten seit 1747 drei Kapitularen von Muri als Statthalter, die in Glatt, in Dettensee und Diessen-Dettingen wohnten; später genügten zwei. Alle diese Statthalter, welche bis 1803 daselbst wirkten, waren treffliche Oekonomen, einige, wie P. Fintan Guntlin, sogar ausgezeichnete. Sie machten oft ganze Länderstrecken urbar, und so wurde Nekarshausen zur einträglichsten Herrschaft. Daselbst wies Abt Gerold I. den Anhängern von Jakob Schmidlin von Wohlhusen, welche die Luzerner Regierung wegen Basler-Pietismus ausgewiesen hatte, Wohnungen an.74

Sehr vortheilhaft für die Oekonomie war die geometrische Vermessung der Güter, welche zuerst der kluge P. Fintan Guntlin in den deutschen Herrschaften durch Anton Beyler vornehmen liess. Dieser Geometer kam im Jahre 1745 auch nach Muri und begann im Auftrage des Abtes Gerold I. die Marchbereinigung und Vermessung der Muribesitzungen in Lunkhofen.75 – Erwähnenswerth dürfte noch sein, dass von Abt Gerold für das Kloster eine Feuerspritze mit allen nöthigen Apparaten um 979 Gl. (1736) angekauft wurde.76

Unter diesen mühevollen Arbeiten hatte der allgemein geachtete Fürst das 70. Altersjahr erreicht. Ihn erfreute ein blühender Konvent, dessen Senior er war.77 Selbst alle Prälaten der Schweizer Benediktinerklöster, deren Visitator er viele Jahre gewesen, begrüssten ihn als ihren Senior. Die letzten Jahre seines Lebens waren ruhiger nach aussen, indessen mehrten sich die körperlichen Leiden. Doch in allen Drangsalen war das heiligste Altarssakrament sein Trost, vor dem er täglich mehrere Stunden lang kniete. Jesus liess ihm in Folge dessen auch ausserordentliche Gnaden zu Theil werden.78 Das letzte, was er zur Ausführung brachte, war ein Werk der Pietät gegen die Stifterfamilie. Zur Erinnerung an dieselbe (II-193) liess er ein Denkmal in die Stiftskirche setzen mit dem Motto: „Juste et Pie“.79 Um Weihnachten 1750 ergriff ihn eine schwere Krankheit, der sein Leben aber erst am 26. Februar 1751 zum Opfer fiel. Zwei Monate harter Leiden benützte er zu voller Reinigung seiner Seele. Oefters berief er die Konventualen an sein Krankenbett und ermahnte sie zur Liebe Gottes und des Nächsten und zur fleissigen Beobachtung der klösterlichen Satzungen. Wenige Tage vor seinem Ende hielt er noch eine rührende Ansprache an dieselben. „Sehet, meine theuersten Mitbrüder,“ sprach er mit gebrochener Stimme, „seht, es naht die letzte meiner Stunden. Habe ich Jemanden von Euch durch Werke oder Worte beleidiget, so verzeiht mir um des bittern Leidens unseres Herrn Jesu Christi willen. Lebet wohl! – haltet fest an der Regel, und die Regel wird Euch erhalten! – Seid einig in der Wahl des Nachfolgers! – Die Pflege für die Armen empfehle ich Euch besonders! – Bin ich gestorben, seid meiner am Altare eingedenk! – Sorget für die treuen Diener!“80 – Von jetzt an liess er sich nur mehr „Frater Gerold“ nennen. Sein Tod war der Tod des Gerechten; Fürstabt Gerold's Hingang wurde von Allen beklagt.81 Sein Leben währte 72 Jahre und 4 Monate; 27 Jahre und 5 Monate hatte er als Fürstabt regiert, Innerhalb dieser Zeit sah er 37 seiner Mitbrüder in das Grab sinken, während 39 die hl. Profession in seine Hände ablegten. Unter ihm erreichte im Jahre 1746 der Konvent in Muri die höchste Zahl der gleichzeitig lebenden Mitglieder, 50. Sein Grab erhielt folgende Inschrift: „Gerolden, seligsten Andenkens, dem erhabensten Fürsten des heiligen römischen Reiches, dem hochwürdigsten Abte dieses Klosters und würdigsten Senior, dem ehemaligen Visitator der Schweizer Benediktiner-Congregation, dem muthigsten Vertheidiger der wahren Religion, dem vollendeten Muster der klösterlichen Zucht, dem vorzüglichen Eiferer für das Haus Gottes, der Fundgrube des umfassendsten Wissens, dem Mäcenas der Wissenschaften, dem Liebling der Fürsten, dem Ernährer der Armen, Ihrem besten Vater haben die trauernden Söhne die gerechten Pflichten der Ehre, der Liebe und Dankbarkeit am Dreissigsten seines Begräbnisstages, am 31. März 1751, gezollt.“

Die zwei ersten Fürstäbte in Muri, Placidus und Gerold I., waren in ihren natürlichen Anlagen ganz verschieden; aber beide sind in dem Ziele, das sie anstrebten, gross. Placidus (II-194) war von kleiner Statur, röthlichen Antlitzes und von festgebauter Brust; Gerold erfreute sich eines hohen, schlanken Wuchses, schritt mit Würde einher und hatte ein blasses Aeussere. Im Auge des Abtes Placidus glühte das Feuer des denkenden und des gebornen Herrschers; Gerold's Auge athmete nur Liebe und lenkte damit die Herzen. Beide waren treffliche Redner:82 Placidus zog durch seine Logik, geistreiche Zusammenstellung und dogmatische Schärfe an; Gerold gewann die Zuhörer durch die Wärme des Ausdruckes, durch Liebe und milde Beurtheilung, die der Ernst begleitete. Beide waren gross in ihrem Wirken: Placidus mehr nach aussen, Gerold mehr nach innen; jener legte sein Wissen in Druckschriften nieder, dieser belehrte und erbaute mündlich und ermunterte Andere zum Schreiben.83


  1. P. Joachim Letter, Prior von Rheinau.

  2. P. Benedikt a Castorf, Kapitular von St. Gallen, und P. Gregor Lusser, Kapitular von Einsiedeln.

  3. Acta apostolicæ Legationis Helveticæ; Tugii typis Franc. Leontii Schell, 1729. Der Nuntius wählte den Text: „Ego justitias judicabo“ (Psalm 74, 4), und forderte die Votanten auf, in der Stimmung zur Wahl zu schreiten, als müssten sie vor den Richterstuhl Gottes treten.

  4. Ausser diesen waren noch 5 Fratres, 5 Laienbrüder und 2 Novizen in Muri.

  5. Im väterlichen Hause erschienen nicht selten Soldaten, welche spielten, fluchten und tanzten. Bei deren Anblicke suchte der kleine Johann Martin im Sommer das Weite und im Winter verbarg er sich in einem Winkel des Hauses und weinte über deren Sünden (P. Leod., Annales I., 9).

  6. Ein leiblicher Bruder trat in den Kapuzinerorden und erhielt den Namen Marian.

  7. „Sub asperrimo magistro principia et scalam musicæ vapulando didicisse …“ (Annales).

  8. Seine ersten Zuhörer waren die Fr. Fr. Fintan Guntlin, Cölestin Kaufmann, Placidus de Vigier; Fr. Cölestin Hermann von St. Trutpert, später Abt desselben Klosters, und Herr Placidus Gurmann, Sohn des Huri-Kanzlers.

  9. Der Chronist Muri's, P. Leodegar Maier, schätzte sich glücklich, P. Gerold Haimb in der Theologie und Philosophie als Lehrer gehabt zu haben.

  10. Mariastein oder Beinwil war nicht exempt; daher hatte der Diöcesanbischof in dessen Angelegenheiten ein wichtiges Wort zu sprechen.

  11. Müller war ehemals Schaffner des in der Reformation aufgehobenen Kanonikatsstiftes in Zofingen, Rathsherr in Bern, Landvogt in den untern Freiämtern in den Jahren 1719-1721, 1723-1725 und 1727-1729, dem Weine und der Unsittlichkeit ergeben und ein Verschwender des Geldes. Die Regierung musste ihn endlich wegen vieler Ungerechtigkeiten und Schulden vor Gericht laden; Müller ergriff die Flucht, erschien bald wieder in seiner Vaterstadt Bern, verfiel in die grösste Armuth und starb elendiglich unter dem Namen „Muoshafen-Schaffner“ (Annales P. L. M. I., 6191 620). Gegen Muri hatte Müller als Landvogt wie ein Tyrann gehandelt.

  12. Vgl. Annales von P. Leod. M.

  13. P. Leod. M., Annales II., 164.

  14. P. L. M., Annales II., S. 7 u. a. O.

  15. Eidgen. Absch. VII., 1, 961, 962.

  16. P. L. M., Annales I., 789-800.

  17. Eidgen. Absch. VII., 1, 1049, 1050; P. L. M., Annales I., 917-927.

  18. Der Streit währte in den Jahren 1727-1729 und kostete dem Kloster 5128 Gl. nebst den Sitzgeldern von 40 Louisdor.

  19. Der Nuntius Passionei drängte den Fürstabt Placidus in den Jahren 1722-1723, das Schloss von dem Freiherrn von Zweiern entweder zu kaufen oder demselben auf Bürgschaft des Landammanns Püntener von Uri 32,000 Gl. zu leihen. Das Kapitel wählte das letztere. Muri sah aber bald, dass die 32,000 Gl. gefährdet seien, unterhandelte 1731-1732 mit Püntener und begnügte sich endlich mit 22,000 Gl. und schenkte die Zinsen (Annales II., 32-48, 76-80).

  20. Staatsarch. Luzern; Annales II., 321-337.

  21. P. L. M., Annales II., 552.

  22. Ann. II. 647-649.

  23. Annal. II., 872.

  24. Annales II., 568-586; Muri-Archiv in Aarau F, 10. – Aus dieser Zeit mögen die Sagen vom sog. „Stiefeliriter“ bei Muri stammen.

  25. P. L. M., Annales II., 15, 16.

  26. Sie war eine geborne von Kagenegg; ihre Schwester hatte einen Baron von Thurn zum Gemahl (Annal. II., 159, 160).

  27. P. L. M., Annal. II., 183, 184.

  28. Leu, Lexikon XIV., 135, 136.

  29. Annales II., 512-514.

  30. Annales II., 678 ff.

  31. Annales II., 692-695.

  32. Annales II., 711-727.

  33. Annales II., 103, 104.

  34. Annales II., 265, 266.

  35. P. Fridolin Kopp und P. Anselm Frei.

  36. Beide Freunde wurden im gleichen Jahre und gleichen Monate mit der Abtwürde geschmückt (Annal. I., 674, 712, 713).

  37. Annales I., 631.

  38. Annales II., 515-517.

  39. Annales II., 666-667.

  40. Annales II., 512-514.

  41. Annales II., 678 ff.

  42. Annales II., 692-695.

  43. Annales II., 711-727.

  44. Ziegelbauer I., 140-187. Die wichtigsten Mitglieder waren: Fürstabt Engelbert von Kempten, P. Aug. Oalmet, Abt Placidus von Scheyern, Abt Thomas von Melk, P. Hieronymus Petz, P. Marquart Herrgott u. s. w.

  45. „Das Vaterland“, Luzern, 1888, Nr. 201.

  46. Annales II., 699 und 751-755. Abt Johann Bapt. Murr hatte 1705 unter Assistenz des Fürstabtes von Muri in Luzern vom Nuntius die Benediktion erhalten (Annal, I., 281).

  47. Vgl. Vorrede der Ausgabe vom Jahre 1734.

  48. Handschrift in der Bibliothek Gries.

  49. Annal. II., 355, 356.

  50. „ut non nisi docte ac pie loqueretur, non nisi juste et pie viveret“, schreibt P. Leod. (Annal, I., 21). Vgl. Abt Gerold's Lob in Epistola dedicatoria der Explicatio Ceremoniarum ecclesiasticarum.

  51. Vgl. Genealogia Diplom., 3 Foliobände u. s. w., Annal. II., 95, 96.

  52. Annal. II., 764.

  53. Annal. I., 18-20.

  54. Annal. II., 112.

  55. Damit für seine Nachfolger daraus keine Pflicht erwachse, liess er sich einen Revers ausstellen (Annales II., 309).

  56. Im Jahre 1732 spendete er den Ursulinerinnen in Freiburg i. B., den Benediktinern in Thierbach im Elsass und zweien Kirchen 2284 Gl.; zugleich erhielten dasselbe Jahr die Franziskaner in Jerusalem 63 Gl. und ein Fürst auf dem Berge Libanon 31 Gl. u. s. w. (Annal, II., 56, 57).

  57. Annal. II., 110, 111.

  58. Geschichtsfreund der V Orte XXXI., 246.

  59. Geschichtsfreund der V Orte XXXI., 246.

  60. Annal. II., 564, 565 u. a. O.

  61. Annal. II., s. genanntes Jahr.

  62. Annal. II., 350. – Die Regierung von Obwalden hatte dem Fürstabte im Jahre 1733 Reliquien des Seligen zukommen lassen. Dem Ueherbringer derselben verehrte der Fürstabt eine „Tabakbüchse“ etc. (Staatsarch. Obwalden, Protok. XXXIII, 88).

  63. Vgl. Annal. II., 884 ff. Anzeiger für Schweiz. Alterthumskunde, Jahrgang 1885, S. 170. – Diese Roziers hatten noch viele andere Glocken im Klostergarten für die umliegenden Pfarreien gegossen (Das.).

  64. Annal. II., 988 ff. Die Klosterkirche hatte 3 grössere und 1 kleine Orgel.

  65. Das kunstvolle eiserne Gitterwerk aus der Zeit Gerold's I. möchte von Christian Abt in Bünzen gemacht worden sein (Arch. des Rigiklösterleins).

  66. Peusch und Maler Johann Nikolaus Spiegel arbeiteten an demselben (Dss.),

  67. Annal. II., 663-693. – Den Festbericht liess der Abt im Drucke erscheinen.

  68. Annal. II., 878-883.

  69. Zum Abschlusse dieses Verkaufes reiste der Fürstabt incognito nach Augsburg (Annal. I., 943).

  70. Darüber verfügte damals Freiherr Georg Wilhelm von Specht von Bubenheim im Namen der Söhne, die selbe von ihrer Mutter, einer Wertnauerin, ererbt hatten (Annal. I.; 820 ff.).

  71. Annal. II., 81-92, 865.

  72. Annal. II., 401-405.

  73. Zur Vermeidung grösserer Auslagen war die Belehnung durch den Kaiser an folgende Vorschriften gebunden: a. musste der Tod des letzten Lehenträ.gers bescheint werden; b. der vom Fürstabte als Nachfolger Bezeichnete musste von der gleichen Familie sein; c, dieser Bezeichnete hatte auch selbst um die Belehnung nachzusuchen; d. der Agent musste bevollmächtigt sein, um für den Unterlehensträger in Wien den Eid schwören zu können (Annal. I., 945-947).

  74. Schmidlin wurde nebst Andern in Luzern enthauptet und dann mit seinen Büchern verbrannt (Annal, II., 652-654).

  75. Annal. II., 561 ff.

  76. Annal. II., 193.

  77. Im Jahre 1748 bereitete ihm der Konvent eine unerwartete Freude. Bei seiner Rückkehr von Sursee, wohin er sich wegen der Rechnungsablegung begeben hatte, empfing ihn derselbe mit Geschützesdonner, Musik, Sinnsprüchen und schwungvollen Reden, worin sie den Zweck der Feier ihm kund thaten.

  78. P. Leodegar, der Chronist, spricht als Augenzeuge von zwei auffallenden Gebetserhörungen (Annal. II., 814, 815).

  79. Annal. II., 1002, 1003; vgl. Vindiciæ Actorum Murensium, denen S. 241 ein Kupferstich dieses Cenotaphiums beigegeben ist.

  80. Annal. I., 25.

  81. Vgl. die Condolenzschreiben (Arch. Muri in Gries).

  82. Jede dieser Eigenschaften hatte der Annalist mit einer Stelle aus der bl. Schrift oder aus einem hl. Vater oder mit einem Verse belegt, z. B.: „Qui fecerit et docuerit, hic Magnus vocabitur.“ – „Disciplina in claustro nulla sine scientia.“ – „Ars sua cuique Deo, sed non satis una Geroldo; Maximus in multis artibus ille fuit.“ Vgl. Annal. I., 29 ff. – Seite 177, 5. Zeile von unten lies 1678 satt 1673.

  83. P. Fridolin Kopp, P. Leodegar Maier u. s. w. (vgl. Arch. Muri in Gries A. I. III.).