Achtes Kapitel. Die Collaturen.

Der Zudrang zu den Pfründen des Klosters Muri war in diesem Zeitraume zahlreich. Die Kapitalaren kamen daher oft in Verlegenheit, um aus den vielen Bewerbern die Pfründe dem Würdigsten zuzusprechen, zumal wenn einige derselben Empfehlungen hochgestellter Personen mitbrachten.1 Die Luzerner (II-241) Regierung wollte die Wahlfreiheit des Kapitels für die vier Surseerpfründen nur auf Kantonsbürger ausgedehnt wissen; wogegen Muri mit Erfolg seine Stimme erhob.2 Die Gewählten zeichneten sich grösstentheils durch ihre Kenntnisse, Thätigkeit und Charakterfestigkeit aus, wesshalb sie auch vielmals eine hervorragende Stelle in den Landkapiteln einnahmen.3 Verdienten auch Mehrere hievon in ihrer Handlungsweise Tadel, den sittlichen Anstand sehen wir bei ihnen nie verletzt.4 Die Predigten hielten sie fleissig, und die Vierherren in Sursee gingen auf den Wunsch des Collators in Muri willig in die entfernten Viertel der grossen Pfarrei und ertheilten den katechetischen Unterricht.5

Auf die Hebung der Volksschulen richteten die Aebte von Muri in dieser Periode ein besonderes Augenmerk. Die Bemühungen des Fürstabtes Bonaventura II., auf den Filialen der Pfarrei Sursee Volksschulen zu gründen, haben wir vernommen.6 Die schon bestehende Volksschule in Homburg für Katholiken und Protestanten unterstützte und hob das Kloster Muri nach Kräften.7 – In Wohlen wünschten viele Pfarrgenossen einen Frühmesser, der zugleich der Jugend Unterricht im Lesen und Schreiben ertheile. Der Abt in Muri und der Ortspfarrer pflichteten sofort dem edlen Unternehmen bei. Eine Sammlung von Haus zu Haus hatte hiefür schon begonnen, als die Bauern vernahmen, ein ehemaliger Leutpriester und Dekan in Wohlen, Jakob Letter von Zug,8 habe für eine Kaplanei in Wohlen 1000 Gl. gestiftet. Sie stellten die Sammlung sofort ein und eilten nach Muri. Dort erhielten sie aus Akten den Bescheid, dass Herr Letter wirklich eine solche Stiftung gemacht habe, aber unter der Bedingung, dass von den Kirchgenossen innerhalb festgesetzter Zeit das Fehlende für die Gründung einer Kaplanei herbeigeschafft werde. Das war jedoch nicht geschehen, und desshalb seien 700 Gl. nach Zug gekommen und nur 300 Gl. blieben für hl. Messen in Muri. Diese Mittheilung hatte die Boten und ihre Mitbürger so übel berührt, dass sie Frühmesse und Schule fallen liessen. Als der Fürstabt Gerold I. diesen Umschlag bei den Wohlem vernahm, so begab er sich persönlich zu ihnen, rief die Pfarrgenossen zusammen, bot ihnen als freiwillige Gabe 1000 Gl. an und forderte die Anwesenden auf, sich zu erklären, ob sie jetzt oder später bereit seien, das (II-242) Mangelnde zur Gründung einer Kaplanei zu ersetzen. Mit Befremden vernahm er jedoch die einstimmige Antwort: sie seien weder jetzt noch künftig bereit, das Mangelnde herbeizuschaffen; ihnen genüge ein Seelsorger. Demnach unterblieb auch die Dorfschule in Wohlen.9

Die ausgedehnte Pfarrei Muri genoss dagegen 1735 das Glück, die erste Gemeindeschule zu erhalten. Bonaventura Suter, ein gottesfürchtiger Barbier in „Dorfmuri“, machte 1716 eine Stiftung von 1000 Gl. für eine solche Schule. Selbe sollte aber erst nach seinem Tode ihre Wirksamkeit beginnen. Das Testament sagt: der „Zucht- oder Schulmeister“ halte im Sommer und Winter Schule; er unterweise die Jugend in der christkatholischen Zucht, im Beten, Lesen und Schreiben, verrichte vor und nach der Schule ein Gebet, bestrafe die Nachlässigen und bete bei der hl. Messe den Rosenkranz vor.10 – Als Suter 1730 gestorben war, stritten seine Erben die Stiftung an. Der reformirte Landvogt, Johann Heinrich Marty von Glarus, sprach von den 1000 Gl. 700 Gl. den Erben zu, der Schule verblieben somit nur 300. Doch die Pfarrgenossen von Muri liessen die Schule nicht fallen. Sie kauften aus dem Reste der suter'schen Stiftung und aus dem Ueberschusse der Liebfrauen- und Barbarabruderschaft ein Schulhaus. Das „Muriamt“, das die ganze Pfarrei umfasste, übernahm es, für dessen Erhaltung zu sorgen und verpflichtete sich im Falle eines Brandunglückes, dasselbe wieder aufzubauen. Für die Fundation der Schule selbst schenkte das Kloster 2000 Gl., wofür dasselbe die Wahl des Schullehrers beanspruchte und ohne Widerrede erhielt. Im Jahre 1735 ernannte es den ersten Lehrer, Johann Maier, und so nahm die Dorfschule in Muri ihren Anfang. Zufolge eines spätem Uebereinkommens erhielt dieser „Schulmeister“ vierteljährig vom Fürstabte 25 Gl.; vom Kirchmaler, vom Pfleger, von der Rosenkranz- und Barbarabruderschaft bezog er je 2 Gl. 10 Schill. nebst andern kleinen Geld- und Brodspenden.11

Die Collaturen Muri's änderten im Verlaufe der Zeiten öfters ihren Charakter; die früher Regularpfründen waren, wurden Säkularpfründen, und umgekehrt. Die Pfarrpfründe von Lunkhofen hielt man bis 1718 für eine Regularpfründe; allein damals konnte der Konvent den Beweis hiefür nicht leisten, weil die Urkunde nicht gerade bei Handen war. Lunkhofen wurde daher vom Bischofe für eine Säkularpfründe erklärt.12 Für die regulare Pfarrpfründe Eggenwil tauschte Muri (II-243) 1698 die Kaplanei Biessenhofen im Thurgau ein und im Jahre 1718 für die in Wohlen die Pfarrei Glatt am Nekar. Besondere Bestimmungen regelten dann die Verhältnisse des Pfarrers in Glatt zum Bischofe von Constanz und dem Abte zu Muri; solche waren: der gewählte Pfarrvikar beobachte die Synodalstatuten; seine moralischen Vergehen bestraft der Abt in Muri; zur Uebernahme der Pfarrei hat der Vikar nur vor dem Bischofe eine Prüfung zu bestehen u. s. w.13 Diese Pfründe wurde seit 1718 bis zur Säkularisation der deutschen Herrschaften (1803) stets mit Murikonventualen besetzt.14 Gleichmässig wurden auch Bestimmungen für Eggenwil gemacht: dass beim Todfalle des dortigen Pfarrers weder der Abt in Muri noch der Bischof von Constanz das jus spolii anspreche, aber beiden seien ihre Rechte gewahrt; der vom Bischof approbirte Leutpriester erhält die Congrua und zahlt als Bauschilling 10 Gl. nach Muri.15 Die Kaplanei Biessenhofen ward nur von 1707 bis 1780 mit Kapitularen von Muri besetzt.16 Der Weltklerus, der im 18. Jahrhunderte sehr zahlreich war, empfand es jedoch übel, wenn der Abt von Muri sein Recht gebrauchte und die Regularpfründen von seinen Mitbrüdern besorgen liess. So erweckte unter demselben die provisorische Pastoration des P. Ambros Letter in Boswil vom Dezember 1690 bis März 1691 ein grosses Missvergnügen. Daher bewogen nur sehr wichtige Gründe den Fürstabt Gerold I., diese Regularpfründe von seinen Mitbrüdern seit 1727 besorgen zu lassen.17

Man hat in neuerer Zeit den Tadel ausgesprochen, die fünf Pfarrvikare aus dem Murikonvente, als solche amovibel oder versetzbar, seien zu oft im vorigen Jahrhunderte gewechselt worden. – Es ist wahr, dass durchschnittlich alle 6 Jahre ein Pfarrwechsel eintrat. Allein desshalb wurde nie eine Klage vom Volke vernommen; und auch der Beweis kann nicht erbracht werden, dass die Pastoration der Murikonventualen damals schlechter als die anderer Pfarreien gewesen wäre. Fassen wir die Wirksamkeit der zwei Pfarrer in Boswil und Bünzen in den Jahren 1738-1740 ins Auge,18 wie auch den unerschrockenen Muth des P. Lanfrank Dreuttel, Pfarrers in Muri, zur Zeit einer pestartigen Krankheit (1746), so wird man gestehen müssen, die Murikapitularen haben die Pflicht eines (II-244) Pfarrers gut erfasst und erfüllt. P. Lanfrank hatte innerhalb 12 Monate von 2400 Einwohnern 193 die hl. Sterbsakramente gespendet und 170 Leichen (Kinder eingerechnet) zu Grabe geleitet. In diesem Elende hielt er eine Prozession zu den Reliquien des hl. Martyrers in der Klosterkirche, und von dem Augenblicke wurde kein Pfarrkind mehr von jener Krankheit ergriffen.19

Die Inhaber der Muripfründen konnten in geistlichen Angelegenheiten auf die Unterstützung des Collators rechnen. Im Jahre 1689 kamen von einigen Pfarrern Klagen nach Muri, dass viele junge Leute, welche zufolge kirchlicher und weltlicher Gesetze die sog. „Kinderlehre“ (den katechetischen Unterricht) bis zum 20. Altersjahre besuchen sollten, selbe vernachlässigen und die Ermahnungen und Drohungen ihrer Seelsorger nicht achten. Abt Placidus liess dann in jenen Pfarreien, in denen er zugleich die Zwingherrschaft ausübte, bekannt machen, dass künftig Alle, die ohne vernünftigen Grund von der „Kinderlehre“ wegbleiben, ein Pfund Geld als Strafe zahlen müssen.20 – In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nahm im Bisthume Constanz das Schatzgraben überhand. Dasselbe versuchten auch einige Pfarrgenossen von Muri (1743). Der Fürstabt Gerold I. übergab die Fehlenden dem weltlichen Arme, mit der Weisung, sie hart zu bestrafen.21 Aehnliche Strafen erhielten auch die, welche die Schreibekunst zu Pasquillen missbrauchten. Wurden öffentliche Spiele, welche die Aebte dem Volke sonst gerne gestatteten, für Excesse benützt, wie die Fastnachtfeuer und die Dorfspiele in Muri, so traten ihnen Verbote entgegen.22 Solche Erscheinungen veranlassten den eifrigen Fürstabt Gerold I. (1731), Jesuiten aus Bayern zur Abhaltung von Missionen nach Boswil zu berufen. Die reformirten Landesherren des untern Freiamtes (Zürich, Bern und Glarus) wollten selbe zwar hindern; konnten sie aber, weil sich die Pfarrkirche in Boswil wohl hart an ihren Grenzen, jedoch nicht auf ihrem Gebiete befand, keineswegs verbieten. Aus allen Gegenden strömten die Katholiken herbei und gingen zerknirschten Herzens nach Hanse. Bei der Hauptprozession betheiligten sich wohl bei 20,000 Gläubige. In der Mitte erblickte man den Fürstabt von Muri mit seinem ganzen Konvente. Alle Auslagen für diese Mission (168 Gl.) hatte das Kloster bestritten, und zugleich hatten mehrere Muripatres während der Missionszeit im Beichtstuhle ausgeholfen.23

(II-245) Trotz der oben erwähnten Epidemien stieg die Bevölkerung in den Dörfern zusehends. So wurden im Jahre 1750 in Muri 78 getauft und 58 segneten das Zeitliche; ähnlich war das Verhältniss in Boswil.24

Aber aus diesem schnellen Anwachsen der Bevölkerung und der veränderten Bodencultur (Anpflanzen der Erdäpfel u. s. w.) tauchten für den Collator in Muri manche Schwierigkeiten auf. Die Kirchgenossen glaubten nämlich, den Kartoffelzehent seien sie nicht zu geben schuldig, weil dieser Zehent in keinem Urbarbuche stehe. Daraus entstanden jene weitläufigen „Erdäpfelstreite“, welche das Kloster mit den Kirchgenossen von Muri, Boswil, Wohlen, Villmergen und Eggenwil führen musste.25

Die Nottwiler fühlten sich in Folge zugenommener Seelenzahl stark genug, eine eigene Pfarrei zu gründen. Sie standen zwar vorläufig von diesem Gedanken ab; allein Muri musste ihnen 1694 gestatten, ihren Kaplan mit den übrigen Pfarrgenossen von Sursee frei zu wählen, und es war zufrieden, das Präsentationsrecht behauptet zu haben. Jedoch hielten sich diese Kapläne wegen der ausgedehnten Pastoration für höher gestellt als andere ihres gleichen und nannten sich öfters in amtlichen Schreiben „Pfarrer“.26

Daher mussten die bischöflichen Visitatoren gebieten (1701), dass die Ehen nicht bloss in Nottwil, sondern auch in Sursee ausgekündigt werden, und der Collator von Sursee war 1731 genöthigt, die Nottwiler an die Beobachtung der Ostertaufbestimmung vom Jahre 1694 zu erinnern.27 – Die Bewohner von Diegelstein oder Dägelstein, einer Filiale der Pfarrei Sursee, wurden 1706 von Rathsherr Johannes Beck mit der Stiftung einer Kaplanei erfreut. Das Grundkapital, das der hochsinnige Mann auswarf, betrug 8000 Gl. Den Pfarrgenossen war die freie Wahl und Muri das Präsentationsrecht zugesprochen.28 So waren nun in der Pfarrei Sursee zehn verpfründete Geistliche: die vier Pfarrgeistlichen, auch „Vierherren“ genannt, welche Muri als ihren Collator anerkannten, nämlich der Leutpriester, und die drei Herren der Mutter Gottes-, der St. Johannes- und St. Nikolauspfründe, dann die vier Kapläne in der Stadt von der St. Katharina-, Allerheiligen-, St. Margarethen- und St. Anna- oder hl. Kreuzpfründe und endlich die zwei Filialkapläne zu Nottwil und Dägelstein. Die acht Priester in der Stadt und, wenn möglich, auch der Kaplan in Dägelstein (II-246) wurden von den bischöflichen Visitatoren 1731 zum gemeinschaftlichen Chorgebete verhalten. Von diesen erhielten sie zugleich den Auftrag, den Gottesdienst in Sursee nach Vorschrift zu halten und am Sonntage zur Aushilfe nicht in andere Pfarreien zu „laufen“.29 Obige Visitatoren wollten durch den Rath von Luzern dem Abte von Muri auch den Gedanken beibringen, er möchte die grosse Pfarrei Sursee so unter die Vierherren vertheilen, dass jedem derselben ein bestimmter Kreis zur Pastoration angewiesen werde. Allein dieser Vorschlag konnte nur bei einem freiwilligen Uebereinkommen der Vierherren unter sich eine praktische Verwendung finden.

Der Tod des Leutpriesters Johann Franz Britschli in Sursee (1722) störte das sonst friedliche Verhältniss zwischen dem dortigen Stadtrath und dem Kloster Muri. Jener hatte das Siegel- oder Obsignationsrecht bei der Hinterlassenschaft des Verstorbenen gebraucht; Muri liess aber das Stadtsiegel abreissen. Darüber beschwerte sich der Rath bei der Landesregierung in Luzern und bestellte gleichzeitig von sich aus, ohne Anfrage beim Collator in Muri, den Pfarrverweser. Allein Abt Placidus nahm diesem die Schlüssel weg und wandte sich ebenfalls klagend nach Luzern. Der Landesregierung kam diese Angelegenheit erwünscht, um die Municipalitätsrechte des aufstrebenden Landstädtchens Sursee zu zerstören und in ihre Hände zu spielen. Am 29. April liess sie daher den wohlberechneten Spruch ergehen: dass Muri das Recht habe, beim Tode eines Leutpriesters zu obsigniren und den Pfarrverweser oder Vikar zu stellen, bis ein neuer Leutpriester gewählt ist; allein die Regierung von Luzern behalte sich als Landesregierung das Recht vor, bei der Leutpriesterei in Sursee gleichfalls zu siegeln. Die Stadt Sursee und Muri hatten somit den Handel verspielt. Ja, die Regierung von Luzern dehnte bald (1733) das Siegelrecht sogar auf die übrigen Vierherren aus, zumal weil einer dieser Vierherren selbe durch Predigten beleidigt hatte und in Schulden war.30 Als der Säckelmeister von Luzern wegen dieser Obsignation das erste Mal nach Sursee kam, so gerieth die ganze Stadt in Bestürzung. Der Rath erwirkte durch demüthiges Bitten bei der Regierung nur das, dass er künftig in deren Namen die Sieglung in Sursee vornehmen durfte.31 In ihrem Unmuthe brachten die Surseer eine Menge Klagen bei dem Bischofe von Constanz und dessen Visitatoren gegen ihre Geistlichkeit vor. Sie wurden alle als unbegründet zurückgewiesen, nur der Sakristan erhielt einen scharfen Verweis, (II-247) dass er Weibspersonen zur Bedienung der Priester im Chore und in der Sakristei gebrauche.32

Endlos waren die Zwiste in Lunkhofen wegen der Zehenten und Abgaben an die dortige Pfarrpfründe. P. Leodegar Maier sagt daher: „Durchgehen wir die Akten von Lunkhofen, so werden wir kaum einen Landstrich finden, der Muri mehr Mühe und Verdruss bereitet hätte, als Lunkhofen; du möchtest es wohl das Land der ewigen Streitigkeiten nennen.“ „In jener Pfarrei“, schreibt er weiter, „sind fünf Zehentherren: der Abt von Muri als Patron der Pfarrkirche, der Abt von Wettingen wegen seines Maierhofes, die Pfarrkirche in Bremgarten, die Abtissin in Frauenthal und endlich das Chorherrenstift zu Luzern.“33 Von diesen Streitigkeiten in Lunkhofen erwähnen wir nur den Noval- oder Rütizehentstreit, den Muri von 1686 bis 1734 vor dem Magistrate in Zürich zu führen hatte,34 den Streit wegen des Maierhofes in Unterlunkhofen (1717-1719),35 die Zehentstreitigkeiten in Jonen (1701 und 1715), wobei wegen der Grenzen auch die politischen Behörden von Zürich und Bremgarten betheiligt waren.36

Aehnlichen Zehentstreiten begegnen wir auch in den Collaturen von Boswil und Bünzen, nur sind sie von geringem Belange.37 Das Einkommen des Pfarrers in Boswil war laut vorhandenen Urbaren bedeutend. Freilich war seine Arbeit gross, weil er an Werktagen auch die Kranken der Pfarrei Bünzen versehen musste, da an diesen Tagen der dortige Pfarrer ins Kloster zurückkehrte. Der Fürstabt Fridolin II. hatte dem Pfarrer von Boswil 1757 einen geräumigen Pfarrhof bauen lassen; daher arbeiteten die Pfarrgenossen von Bünzen dahin, dass ihr Pfarrer anstatt im Kloster im nahen Boswil seine Wohnung habe. Bevor sie aber zu diesem Ziele gelangten, verständigten sich beide Nachbarpfarreien 1771 wegen einer Frühmesse in Boswil, die ein Pater aus dem Kloster Muri alle Sonn- und Feiertage künftig hielt.38

Waltenschwil, eine Filiale von Boswil und 3/4 Stunden von ihrer Mutterkirche entfernt, ernannte das folgende Jahr auf eigene Kosten einen Frühmesser. Der Pfarrer in Boswil beauftragte ihn 1775, die Kinder daselbst im Katechismus zu (II-248) unterrichten, mit der Weisung, dass diese in Boswil eine Prüfung ablegen sollten.39

In Bünzen gewann die St. Annabruderschaft immer mehr an Ansehen, zumal da sie 1734 mit Reliquien der hl. Mutter Anna aus Rom erfreut wurde.40

Die Pfarrgenossen von Hermetschwil, welche mit den dortigen Klosterfrauen die gleiche Kirche benützten, beschwerten sich wegen Abhaltung des Gottesdienstes (1690). Der Abt von Muri vermittelte als Collator, indem er bestimmte: der Pfarrgottesdienst hindere die Klosterfrauen in ihren klösterlichen Uebungen nicht; vom Opfer der Begräbnisse bezieht die Hälfte der Pfarrer; das Kloster erhöht dessen Einkommen; die „Abkurung“ geschehe aber in Gegenwart der Abtissin oder ihrer Stellvertreterin.41 Muri hatte auch am Heiligkreuzkirchlein des Siechenhauses zu Bremgarten bestimmte Rechte, die der dortige Magistrat bestritt. Im Jahre 1704 wurde diese Misshelligkeit ausgeglichen, indem Muri diese Rechte der Stadt und dem Pfarramte daselbst überliess.42

In der grossen Pfarrei Villmergen beschlossen die Bewohner der Filiale Büttikon (1696) eine Kapelle zu bauen, da unter ihnen die Ueberlieferung noch lebte, dass im ehemaligen Schlosse der Edlen von Büttikon eine solche gewesen sei. Anglikon, gleichfalls eine Filiale der Pfarrei Villmergen, ahmte das Beispiel der Büttiker im Jahre 1744 nach und erstellte aus eigenen Kosten eine Messkapelle.43 Endlich erhielt diese Pfarrei noch eine dritte Kapelle im Jahre 1770, nämlich die Schlosskapelle in Hilfikon, welche Franz Viktor Baron von Roll, Schultheiss von Solothurn und Herr von Hilfikon, erbaute, woselbst er zugleich mit seiner Gemahlin Margaretha, geborne von Besenwal, auch ein Beneficium für einen Priester stiftete. Laut Urkunde führte er den Titel Schlosskaplan, bezog den Bodenzins auf den Herrschaftsgütern, war bestellter Aufseher über Leute und Schloss und führte zugleich als Verwalter die Rechnungen.44 Der Krieg von 1712 hatte den zwei Muripatronatspfründen und der Pfarrkirche in Villmergen grossen Schaden verursacht, den grösstentheils das Kloster tragen musste.

Die Pfarrkirche in Homburg war alt und baufällig geworden. Fürstabt Fridolin II. erbarmte sich des armen Volkes, liess die Kirche abbrechen, und auf der sogen. „Hofburg“, wo *(II-249) noch Ueberreste des alten Schlosses waren, grösstentheils auf seine Kosten eine neue erstellen. Diese wurde 1784 durch einen Brand zerstört, und Fürstabt Gerold II. baute eine neue im Renaissancestile.45

In den deutschen Herrschaften. genoss Muri ausser in Glatt auch die Patronatsrechte in Dettingen und Diessen. Die Pfarrgenossen in Dettingen erfreute Fürstabt Gerold I. im Jahre 1730 durch den Bau der Pfarrkirche und Fürstabt Bonaventura im Jahre 1765 durch den Bau des Glockenthurmes. Dieser kostete 1930 fl.46 Der Schlosskaplan in Diessen genoss seit der Reformationszeit Pfarrrechte und besorgte die Filialkapellen von Dettlingen und Bittelbrunn. Ein Pfarrvikar in Diessen wurde wegen des Eides, den er nach Uebung seinem Grundherrn geleistet hatte, von seinem Kapitelsdekane sehr getadelt. Dies gab Anlass zu einem weitläufigen Streit (1765-1766) zwischen Constanz und Muri wegen der Visitation. Der damalige Oekonom in Diessen und Dettingen, P. Gerold Maier, hatte im Namen des Klosters den Zwist mit Dekan Erath in Unterthalheim zu führen; er fand in Deuring, Generalvikar von Constanz, einen Vermittler.47

In dieser Herrschaft wurde im Jahre 1744 ein Dieb wegen wiederholten Kirchenraubes zum Tode verurtheilt. Schon hatte der Unglückliche die hl. Sakramente empfangen, um bald den letzten Gang zu machen. Wegen Fahrlässigkeit der Wache konnte der Verurtheilte entweichen und eilte bei hellem Tage unter grossem Geschrei der ihn verfolgenden Bauern auf das Pfarrhaus in Dettingen zu. Der Pfarrvikar öffnete ihm die Thüre und entriss ihn den Händen der Verfolger. Damit der Flüchtling aus dem vermeintlichen Asyle nicht entkomme,48 liessen die Richter den Pfarrhof zuerst mit 50, dann mit 100 Mann umstellen und sandten sofort eine Abordnung nach Constanz, mit der Anfrage, ob der bereits zum Tode Verurtheilte das Asylrecht des Pfarrhauses geniessen könne. Nach drei Tagen erfolgte die Antwort: „Ist der genannte Pfarrhof dreissig Schritte von der Pfarrkirche entfernt, so kann sich der Flüchtling des Asylrechtes nicht erfreuen“. Der Pfarrvikar lieferte am gleichen Tage den Unglücklichen aus; die Richter verkündeten ihm noch einmal auf offenem Platze das Todesurtheil, und der Scharfrichter that sofort seine Pflicht mit dem Schwerte.49

(II-250) So erfreulich der Eifer ist, der sich beim Collator wie beim Volke in Erstellung der Kirchen und Gründung der Pfründen zeigt, so schmerzlich berührt uns die Erfahrung, dass in diesem Zeitraume der ernste, kirchliche Sinn im Bauwesen, in der Ausschmückung der Kirchen und in der Musik immer mehr zurückgedrängt und dem Auge und Ohr zu viel profane Nahrung geboten wurde. Aus dem Grunde musste auch der gothische Schmuck, die Glasgemälde, die Fenstermasswerke, das kostbare Getäfel, womit die alte Pfarrkirche in Muri geziert war, im Jahre 1753 der weissen Tünche und den hellen Farben weichen.50 In Glatt suchten die Murikonventualen den Gottesdienst zuerst durch Choralgesänge zu heben; allein bald trat an dessen Stelle die Figuralmusik.51

Erhebend ist es jedoch wieder, zu vernehmen, dass um das Jahr 1700 in den verschiedenen Pfarreien die Waisenanstalten ihren Anfang nahmen. Sie hatten entweder ihre besonderen Kapitalien oder Einkünfte in Naturalien. Der gelehrte Stiftsdekan, P. Benedikt Studer, gab im Jahre 1738 dem Waisenfonde der Pfarrei Muri 900 Gl.52 Für die „armen Leute“ in Beinwil waren 5 Mütt etc. Korn nebst Anderm gestiftet.53

Weil die Landesregierung in den untern Freiämtern protestantisch war, mussten die Kirchenrechnungen vor dem Landvogte derselben abgelegt werden und zwar in Bünzen für die fünf Muricollaturen Wohlen, Villmergen, Boswil, Bünzen und Eggenwil. Diese Rechnungsablegung wurde dann mit einer Mahlzeit beschlossen. Das Gesuch des Fürstabtes Bonaventura II. bei den eidgenössischen Tagherren, die Rechnung mit andern Sachen in Bremgarten zu verbinden, wurde abschlägig beschieden, nur fügten die Tagherren zur Abschaffung von Missbräuchen und unnützen Kosten Bestimmungen bei.54


  1. Die Regierung von Obwalden empfahl 1702 für die Pfarrei Lunkhofen einen v. Flüe (Arch. Muri in Gries).

  2. Annales II., 1, 2.

  3. Akten der Landkapitel Mellingoen und Bremgarten etc.

  4. Vgl. Annales von P. Leod. Maier und die betreffenden Pfarrladen.

  5. Annales in Gries.

  6. S. oben, S. 208.

  7. Arch. Muri in Gries.

  8. Er war von 1639-1674 Pfarrer in Wohlen.

  9. Annales II., 261-264.

  10. Pfarrlade Muri; Arch. Muri in Aarau (Copialbuch G. I., S. 43).

  11. Pfarrlade Muri.

  12. Annales I., 610.

  13. Arch. Muri in Aarau B, 75; Pfarrarchive in Wohlen, Eggenwil und Glatt.

  14. Arch. Muri in Gries D. I. VI.

  15. Kurz und Weissenbach, Beiträge, S. 500 ff.

  16. Turgovia sacra II., S. 139 ff.

  17. Pfarrlade Boswil und Arch. Muri in Gries.

  18. Vgl. oben, S. 234.

  19. Annales II., 610.

  20. Arch. Muri in Gries A. I. I.

  21. Annales II., 418-420.

  22. Annales I., 322-325.

  23. Annales II., 3-6.

  24. Annales II., 1023; Taufbücher der Pfarreien.

  25. Arch. Muri in Aarau; Weissenbach, Schulprogramme.

  26. Arch. Muri in Gries.

  27. Geschichtsfrd, XXVIII., 76 ff.

  28. Stadtarch. Sursee.

  29. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  30. Staatsarchiv Luzern, Akten: Kloster Muri.

  31. Staatsarch. Luzern; Annales I., 687-674 u. a. O.

  32. Arch. Muri in Aarau, Copialbuch O. III., 364.

  33. Annales I., 713-721.

  34. Staatsarch. Zürich; Arch. Muri in Aarau I, X, I.

  35. Arch. Muri in Aarau. Er hat bei 90 Aktenstücke.

  36. Arch. Muri in Aarau I, 1. I, 1-12.

  37. Pfarrarchiv Boswil und Bünzen; Arch. Muri in Aarau.

  38. Gemeindearch. Bünzen und Boswil.

  39. Arch. Muri in Aarau.

  40. Annales II., 127.

  41. Arch. Muri in Gries A. III. IV.

  42. Murus et Antemurale III., 101, 102.

  43. Vgl. Gr. Meng, Landkapitel Mellingen, S. 95, 96; Annales II., 633.

  44. Arch. Muri in Gries A. III. IX.

  45. Arch. Muri in Gries A. III. IX.

  46. Pfarrarch. Dettingen.

  47. Annales II., 90; Arch. Muri in Gries A. I. III.

  48. Vgl. Segesser, Rechtsgesch. IV., 685.

  49. Annales II., 445-446.

  50. Pfarrlade Muri. Diese Entfernung der Kunstwerke kostete den Pfarrgenossen 1909 Gl.

  51. Annales II., 128.

  52. Arch. Muri in Gries A. III. I.

  53. Arch. Muri in Aarau.

  54. Eidgen. Abschiede VII, 2, 897.