Zweites Kapital. Fürstabt Gerold II. als Emigrant in Deutschland. Seine Flucht bis nach Mähren.

(II-269) In Begleitung der Patres Benedikt Suppiger und Johann Evang. Borsinger1 eilte Fürstabt Gerold II. am 4. März 1798 dem Rheine zu und fand seinen Bruder, Abt Bernard von Rheinau, in Jestetten. Bedrohliche Bewegung der Bevölkerung rings um das Kloster Rheinau hatten auch diesen Abt zur Flucht bewogen. Die ersten Tage des Exils waren für Gerold II. sehr peinlich. Der Gedanke: „Ich bin ein Emigrant“, hatte ihn mächtig ergriffen; dazu kam die Ungewissheit, wohin er sich wenden sollte. Jestetten lag ihm zu nahe bei der Schweizergrenze und dem Schutze vieler „patriotisch“ gesinnter Bauern in Glatt wollte er sich auch nicht anvertrauen. In dieser Unentschlossenheit übersiedelte er am 15. März mit Abt Bernard auf die rheinau'sche Statthalterei Ofterdingen, die von der Schweiz etwas weiter entfernt und nahe bei der österreichischen Grenze war. Abt Gerold II. hatte die Ansicht, die Ehre seines Gotteshauses verlange es, seine Person den Franzosen nicht zu überlassen. Ofterdingen, sonst schön und angenehm und nicht weit von St. Blasien entfernt, vermochte ihn nur bis zum 9. Juni zu fesseln. Geschäfte beim schweizerischen Nuntius Gravina, der damals nahe bei Constanz auf dem Jagdschlosse Regne weilte, zogen ihn nach dem Kloster Petershausen am Bodensee. Von da machte er seine Ausflüge zum Nuntius und zum Fürstbischofe von Constanz, der in Mörsburg wohnte. Gerold II. setzte damals noch grosse Hoffnung auf die Hilfe des Kaisers und hegte auch die Absicht, in dessen Nähe sich zu begeben. Bereits waren ihm vom österreichischen Präsidenten von Summerau die nöthigen Pässe für eine Reise nach Wien ausgestellt. – Indessen gaben seine Mitbrüder in Glatt gute Berichte von der friedlichen Gesinnung seiner Unterthanen daselbst. Dies heiterte seine Seele auf, und er versprach dem Oekonom, P. Leonz, in 14 Tagen in Glatt zu sein.

In den letzten Tagen des Monats Juni reiste Abt Gerold II. (II-270) wirklich über Villingen zu seinen Mitbrüdern am Neckar. Allein die Furcht, dass Süddeutschland bald wieder zum Kriegsschauplatze werde auserkoren sein, war nicht unbegründet. Die Rastatter-Friedensunterhandlungen hatten sich zerschlagen, und so erklärte die französische Republik am 12. März 1799 Oesterreich den Krieg. Noch denselben Monat überschritt General Jourdan den Rhein und drang in den Schwabenkreis vor, während Massena von Graubünden aus gegen Vorarlberg manöverirte. Erzherzog Karl zog aber mit einem kräftigen Heere aus Oesterreich heran, schlug die Franzosen unter Jourdan am 21. und 25. März bei Ostrach und Ligtingen und warf sie über den Rhein zurück; brach bei Schaffhausen in die Schweiz ein, griff General Massena am 3. Juni bei Zürich an, nöthigte diesen zum Rückzuge und machte Miene, in der Schweiz die alte Ordnung wieder herzustellen. Allein er musste an den Mittelrhein hinunterziehen, und der russische General Korsakow, der für ihn Zürich besetzt hatte, wurde von den Franzosen daselbst geschlagen und Suwarow, der aus Italien bis in den Kanton Schwyz gekommen war, nach Graubünden gedrängt.

Abt Gerold II. hatte sogleich, als Jourdan den Rhein überschritten hatte, wieder den Wanderstab ergriffen. Er kam bis nach Wiblingen, einer Benediktinerabtei in Würtemberg, wo er die freundlichste Aufnahme fand. Am 24. April war er schon nach Glatt zurückgekehrt. Die Franzosen hatten indessen die Muri-Herrschaften nur vom 29. März bis 4. April auf ihrem Rückzuge berührt und in dieser Zeit 1022 Gl. von den Einwohnern erpresst. Am sogen. „Glatter-Galgen“ bestanden sie mit den nachrückenden Oesterreichern ein Gefecht, wobei ein Kriegsgeschoss in das Schloss Glatt einschlug.2 Zugleich hatten die Unterthanen von Glatt während der Abwesenheit des Abtes neuerdings ihre Klagen dem Oekonom, P. Leonz, vorgetragen. Im Einverständnisse mit den anwesenden Mitbrüdern und die Genehmigung des Abtes vorbehaltend, erliess er ihnen die Frohndienste ohne Entschädigung. Ergraute Männer weinten darüber vor Freude.

In der Schweiz stellte man bald nach der Abreise des Fürstabtes Gerold II. aus Muri an die Spitze der ganzen Eidgenossenschaft ein sogen. „helvetisches Direktorium“, das im Sinne der Revolution die innern und äussern Angelegenheiten leitete. Dasselbe schickte im Jänner 1799 sechs Murikapitularen über den Rhein ins Exil. Alle kamen nach Glatt. Die Räumlichkeit des Schlosses war jedoch für ein bequemes Zusammenwohnen zu beschränkt. Daher verliess der Fürstabt im Juni (II-271) d. J. Glatt und verreiste nach Klingenberg. Erzherzog Karl weilte gerade damals in Kloten (Kt. Zürich) an der Spitze der siegreichen Armee. Dahin strömten alle zusammen, welche etwas zu hoffen oder zu fürchten hatten. Gerold II. wollte jedoch nicht persönlich sich in dessen Lager begeben; er sah es aber gerne, dass seine in Muri noch zurückgebliebenen Mitbrüder eine Abordnung dahin sandten und ihn um den Schutz ihres Klosters anflehten. Erzherzog Karl versprach durch ein Handschreiben, das Kloster Muri zu schirmen.3 Schon vor der Niederlage der Russen bei Zürich war Fürstabt Gerold II. wieder nach Glatt zurückgekehrt. In Klingenberg tadelte er den Oekonom, dass er sofort beim siegreichen Vordringen des Erzherzog's Karl die alte Ordnung (die niedere Gerichtsbarkeit) daselbst und in Eppishausen neuerdings einführen wollte.4 In Glatt entriss ihm (am 13. Oktober) der Tod den geschätzten P. Leonz Beutler, der viele Jahre mit grösster Umsicht die Oekonomie geleitet hatte. Für den Verblichenen setzte Abt Gerold II. P. Basilius Hausherr als Oekonom und P. Martin Fassbind, der am 21. Jänner aus Muri deportirt worden war, als Pfarrer in Glatt.

Am Ende des Jahres 1799 verliess Erzherzog Karl die kaiserliche Armee und an seine Stelle kam in dem Schwabenkreise Kray, der mit Suwarow Italien von den Franzosen befreit hatte. Mit dem Scheiden Karl's waren auch die Siege von den Fahnen der österreichischen Armee am Rheine gewichen. Die Franzosen drangen 1800 über den Schwarzwald, siegten bei Mösskirch und warfen Kray bis Ulm zurück. Fürstabt Gerold II. vermochte kaum mit dem Prälaten von Rheinau am 6. Mai über Hechingen, Zwiefalten und Wiblingen den französischen Schaaren zu entfliehen und nach Augsburg zu gelangen. Bei seiner Ankunft waren die dortigen Klöster St. Ulrich und Afra u. a., ja die ganze Stadt mit flüchtigen Fürsten, Prälaten und andern Herren aus den vorderösterreichischen Ländern und aus der Schweiz angefüllt. Gerold II. hatte ausser dem Kutscher und Leibdiener nur den heitern P. Johann Evang. Borsinger als Begleiter bei sich.5 Den zwei Aebten von Muri und Rheinau schloss sich der Fürstabt von St. Blasien an, welche sodann in zwei vierspännigen Kutschen die Reise bis Freising fortsetzten. Der dortige Fürstbischof von Schrafenberg hatte bereits den Abt von Rheinau eingeladen. Der Empfang war herzlich und der bischöfliche Palast bot den drei Prälaten und ihren Begleitern genügende Unterkunft. Allein (II-272) Abt Gerold II. scheute die fürstliche und reichbesetzte Tafel, liebte das Einfache und die klösterliche Ordnung und eilte desshalb in das nahe gelegene Benediktinerkloster Weihenstephan (13. Mai). Die brüderliche Aufnahme daselbst vermochte das gebrochene Herz des Abtes zu heben. Die anstrengende Reise, der Schrecken, der ihn plötzlich in Glatt wegen der schnell anrückenden Franzosen erfasste und der drückende Kummer hatten seine Gesundheit merklich angegriffen. Mehrere Tage musste er das Bett hüten; seine Gefährten machten indessen Ausflüge in die nahe gelegenen Kirchen, Klöster und Paläste und bewunderten deren Kunstschätze.

Feldzeugmeister Kray musste dem französischen General Moreau auch Ulm räumen. Die zwei Prälaten von Muri und Rheinau nahmen desshalb die zuvorkommende Einladung des Fürstbischofes von Freising, nach Berchtesgaden6 zu kommen, gerne an. Sie verliessen am 18. Juni Weihenstephan, berührten Landshut, wo sie die Höhe des Kirchthurmes bewunderten, und kehrten im Kloster St. Veit ein. Der Prälat daselbst, Cölestin, der sehr leidend war, empfing sie liebevoll. Der Abt von Wiblingen mit zwei Begleitern und P. Rupert von Villingen waren als Flüchtlinge bereits dort einquartirt. Den folgenden Tag verliess das Bruderpaar frühzeitig St. Veit, um nach Altöttingen, der berühmten Gnadenkapelle, zu kommen. Am 21. Juni beteten die bedrängten Prälaten mit Andacht vor dem Bilde der seligsten Jungfrau, reisten jedoch noch am selben Tage weiter und erreichten am gleichen Abende Salzburg, wo sie von den Mitbrüdern gütig aufgenommen wurden. Die Schätze der Wissenschaft und Kunst, die Gegenstände der Andacht und Erbauung, die bezaubernde Aussicht auf der sogenannten „Stadtlaterne“ versetzten sie in eine heitere Stimmung. Fürstabt Gerold II. glaubte sich in die heimischen Länder der Schweiz versetzt. Drei Benediktiner aus Einsiedeln, welche in Salzburg als Gäste weilten, erfreuten sein Ohr durch ihren urkräftigen Schweizerdialekt. Aber „fort“ hiess es nach dem Mittagessen, „fort“ über die Salzach den Gebirgen zu, um noch Abends den Fürstbischof Konrad von Freising in Berchtesgaden zu begrüssen. Dieser empfing die Flüchtlinge wieder ebenso herzlich, wie in Freising. Die Gesellschaft, in welche sie eintraten, bestand aus Fürsten, Grafen und Baronen, welche mit dem Titel „Excellenz“ angesprochen wurden.7 Die Zimmer (II-273) strahlten von Gold und Silber und die Tafel war stets von den schmackhaftesten Speisen besetzt; die Unterthanen, bei 9000 Seelen, voll Treue und Liebe zu dem Fürstbischofe, waren fromm und arbeitsam. „Während der 30 Tage meines Aufenthaltes“, schreibt P. Joh. Ev., „fand ich sie offenherzig und uneigennützig, mit heiterem Blicke, freudiger Miene und wahrer christlicher Zufriedenheit. Ihre Religion ist, wie ihre Berge, gross und stark; ihre Gottesfurcht ist ungeheuchelt und kommt aus Ueberzeugung. Sie lieben und ehren die Geistlichen, und sehen es als eine Gnade an, das Kleid des Priesters, wenn er zum oder vom Altare geht, zu berühren, oder von ihm in ihren Häusern mit Weihwasser besprengt zu werden … Der Gedanke an ihren Fürsten scheint übrigens der Lieblingsgedanke der Berchtesgadener zu sein, bei jeder Gelegenheit erzählen sie dem Fremden, wie glücklich sie sich schätzen, seine Unterthanen zu sein.“ – Die Aussicht schildert P. Job. Ev. als reizend; die nahen Gebirge seien von lustigen, Gemsen belebt; die frische Luft erquicke den Altersschwachen und den Ermüdeten; der See, die künstlichen und natürlichen Cascaden, die Buchten, Wälder und Felswände, die Fischteiche und Jagdreviere, die Schlösser und ihre Anlagen gewähren einen feenhaften Anblick. „Der Fürstbischof ist leutselig und herablassend gegen Jedermann, besorgt für das allgemeine, wie besondere Wohl der Unterthanen; er ist ein wahrer Vater des Vaterlandes; tief in die Herzen seiner Unterthanen ist der Name Josef Konrad eingegraben.“

Grosses Vergnügen fanden die hohen Gäste an den religiösen und profanen Schnitzarbeiten der Berchtesgadener, die damals auf alle Märkte Europas gingen. „Ganze Jagden, wie auch Kutscher mit den Pferden waren so fein gearbeitet“, schreibt er weiter, „dass sie durch ein Nadelöhr passiren könnten“. Aber mitten in diesen erquickenden Ausflügen in die umliegenden Dörfer, die Gebirge und Wälder, kam den 30. Juni wie ein Blitz vom heitern Himmel die traurige Nachricht, München sei von den Franzosen eingenommen. Aus Klingenberg wurde gleichzeitig der Tod des Mitbruders und dortigen Oekonom's, Bonifaz Ganginer, gemeldet. Der Kriegslärm währte für diesmal nicht lange, da nach 14-Tagen ein Waffenstillstand (am 15.Juli) abgeschlossen wurde. Die Ausflüge wurden dann wieder fortgesetzt und fanden ihre Ausdehnung bis nach Salzburg. Den staunenden Flüchtlingen konnte man immer neue, Merkwürdigkeiten zeigen. Endlich hiess es (8. Sept.), auch der verlängerte Waffenstillstand habe zu keinem Frieden geführt, und die Feindseligkeiten werden im Donauthale wieder beginnen. Mit Schmerzen verliessen Abt Gerold II. und P. Johann Ev. den grossmüthigen Fürstbischof und das liebgewonnene (II-274) Berchtesgaden am 9. September. Den folgenden Tag fanden sie bei den Benediktinern in Lambach Erholung und Erquickung. Dort hatten der Abt von Salmensweil und P. Karl Müller von Einsiedeln8 bereits gastliche Aufnahme gefunden. Ersterer lag, vom Schlage getroffen, krank darnieder – In Lambach bewunderte P. Job. Ev. die grosse Kupferstichsammlung (über 70,000 Stücke) des kunstfertigen P. Kolomann Fellner. Jedoch minder günstig sprach er sich über die innere Klosterdisciplin aus, welche durch Kaiser Josef II. sehr gelitten hatte. „Alle Kapitularen sind in Pension gesetzt: der Prälat erhält 600 Gl. und die übrigen Konventualen je 300 Gl.“ „Jeder“, schreibt er weiter, „bezahlt sein Kostgeld, kauft die Kleider und die übrigen Lebensbedürfnisse etc. selbst. Sie tragen lange und meistens gepuderte Haare. Selbst ein Noviz, mit dem ich auf dem Billard gesprochen, hatte seine langen und gepuderten Haare, zugespitzte Schuhe und einen nett anpassenden Habit. Den Habit vertauschten die Konventualen Nachmittags gewöhnlich mit einem Weltpriesterrock. Sie halten in der Nacht keinen Chor und beten während des Tages nur die Vesper und Complet gemeinsam de plano (ohne Gesang).“ Schon am 11. September verliessen die Flüchtlinge Lambach. Ihre Kutschen konnten sich aber im Klosterhofe kaum zwischen den aufgestappelten Hafersäcken (bei 80,000 Metzen) hindurchwinden. Noch am gleichen Abende erreichten sie die alte Benediktiner-Abtei Kremsmünster. Der mathematische Thurm oder die Sternwarte hatte die Aufmerksamkeit der Ankömmlinge zuerst auf sich gelenkt. Der Aufenthalt in diesem Kloster währte bis zum 17. Dezember. – Auf einem Ausfluge nach Linz fanden P. Johann Ev. und P. Blasius, der Begleiter des Abtes von Rheinau, mehrere Schweizer, wie Maienfisch, Sohn des Marschall Maienfisch von Kaiserstuhl, Füsslin, Ott und Feer von Zürich, welche im englischen Solde standen. In Enns sprachen sie mit dem Präsidenten von Summerau, der die 1799 für den Fürstabt Gerold II. ausgestellten Wienerpässe für giltig erklärte. Den Fürstabt von St. Blasien, der sich in Freising vom Muriabte trennte, besuchten die zwei Patres im Städtchen Steyer, wo er schon über zwei Monate in einem Gasthause wohnte. In Kremsmünster verwendeten sie mehrere Tage, um die dortigen Kunstschätze zu bewundern. Sie sahen eine goldene Monstranz im Werthe von 70,000 Gl., kostbare Pektoralien, eine reichhaltige Gemäldesammlung, die Kupferstichsammlung und das Naturalienkabinet. Als sie in die Bibliothek eintraten, erstarrte ihnen das Wort in dem Munde. Ohne die 9000 Doubletten umfasste sie 60,000 (II-275) Bände. Das Münzkabinet zählte 2000 Stücke. Am 24. September war grosse Tafel, bei der der englische Gesandte Wickham und dessen Gemahlin, eine Kaufmannstochter aus Genf, Theil nahmen. Kremsmünster besuchten während dieser Zeit noch andere hohe Würdenträger. Am 1. Oktober erschien Kardinal von Rohan mit seiner Nichte, Prinzessin Charlotte von Rochefort. Er besuchte den Bischof Rene von Dijon, der schon vier Jahre als Emigrant in Kremsmünster weilte. Aus Niederösterreich und Ungarn berührten viele Offiziere, welche nach Baiern zur Armee zogen. dieses Kloster; darunter war auch General-Feldmarschall Graf von Meerfeld. Er hatte sich beim Friedensschlusse von Campio Formio betheiligt, Die Franzosen hatten bereits München erreicht. Am 1. Dezember hörte man in Kremsmünster den Kanonendonner. Allein erst am 15. Dezember trafen sichere Nachrichten ein von der unglücklichen Schlacht der Oesterreicher bei Hohenlinden und von dem Heranbrausen der Franzosen.

Mittags den 17. Dezember verliess Abt Gerold II. Kremsmünster, den Sitz der Künste und Wissenschaften. Ihn begleitete der Gastgeber, der Prälat dieses Stiftes. Am 20. Dezember erreichten sie das Benediktinerstift Mölk an der Donau. Den folgenden Tag ging die Reise nach Göttweig, 4 Stunden von St. Pölten. Dort traf Gerold II. wieder mit seinem Bruder, dem Abte von Rheinau, der von Lambach dahin geeilt war, zusammen. Auch der Abt von St. Blasien war dahin gekommen. Erzherzog Karl stand wieder an der Spitze einer Heeresabtheilung und befand sich mit seinem Hauptquartiere in St. Pölten. Dieser wollte die Donaubrücke abtragen lassen. Daher mussten oben genannte Prälaten schon am 26. Dezember aus Göttweig verreisen, um über dieselbe nach Mähren fliehen zu können. Sie eilten dann mit ihrem Gefolge über Krems und Hagendorf bis nach Graveneck. Ausserhalb Krems schloss sich ihnen der Prälat von St. Mergen mit seinem Begleiter P. Johannes an. Bereits waren die vier Prälaten bei dem Schlosse Graveneck vorbei gefahren, als der Schlossverwalter mit der höflichen Anfrage erschien, ob sie nicht im Schlosse Nachtquartier nehmen wollten. Während sich jene entschuldigten, es seien ihrer zu viele, kam der Graf von Bräuner selbst und wiederholte die Einladung. Er zählte die Priester, fand deren acht und sagte nach kurzem Bedenken: „Nun kommen Sie, meine Herren, ich werde Sie schon besorgen“. Nachdem er die nöthigen Anstalten getroffen hatte, reiste er noch selben Abend nach Wien. – Der Weg von Graveneck bis Stadeldorf war mühevoll. Der Fürstabt von St. Blasien fuhr den nächsten Tag seine neue Kutsche fast zu Schanden. Sie legten bis Mittag nur vier Stunden zurück. In Stadeldorf wollte sich die Gesellschaft (II-276) theilen. Sie klopften an verschiedene Thüren und baten um ein Mittagsmahl. Doch ihr Bemühen war vergebens. Endlich gingen P. Johann Ev. und P. Blasius zum Ortspfarrer, Joh. Ev. Marik, einem ehrwürdigen lieben Greis. Dieser zeigte sich sofort bereit, Alle aufzunehmen. „Mein ganzes Haus“, sagte er, „steht Euch zu Diensten; ich will Euch geben, was ich habe“. – „Mit vielem Dank“, entgegneten diese, und eilten davon. Sogleich erschienen die vier Prälaten sammt ihren vier Begleitern, den Dienern und Kutschern. Den alten Mann erschreckte gar nicht die Menge der Gäste. In ehrerbietiger Stille, mit liebreichster Miene und zusammengeschlagenen Händen bewillkommte er die vier Aebte; endlich entschuldigte er sich mit seinem Logie und bat, die Gnädigen Herren möchten mit seiner Kost und seinem guten Willen Vorlieb nehmen. Mittag war bereits vorüber. Die Jungfrau Haushälterin kochte eine Milchsuppe, machte eingeschlagene Eier und eine Mehlspeise („Kratzete“). Der Wein war etwas jung. Die acht Priester setzten sich zu Tische in dem patriarchalischen Palaste und speisten vergnügt. Nach vollendetem Gastmahle hiess es: „Was fangen wir an? wir haben noch zwei Stunden Tag, einen schlimmen Weg, und wir werden auf den Abend ein schlechtes Quartier und kalte Zimmer antreffen; in Gottes Namen, wir bleiben hier!“ – „Schon genug, wenn wir nur dieses warme Speisezimmer ebenfalls zu unserm Nachtquartier gebrauchen dürfen.“ - „Allerdings“, sagte der Pfarrer, „mir ist nur Leid, dass ich Sie nicht besser bedienen kann“. Jetzt wählte Jeder ein Plätzchen, um sein Brevier in der Stille beten zu können. Gegen 7 Uhr war Nachtessen. Eine grosse Schüssel voll Milchsuppe und eine andere Schüssel voll Mehlsuppe, weich gesottene Eier, eine Mittelspeise und endlich noch eine Mehlspeise kamen auf den Tisch. Nach vollendeter Mahlzeit dankten Alle Gott. Nachdem sich der Pfarrer ins Bett begeben hatte, begann der liebevolle Ehrenstreit zwischen den zwei Fürstäbten, welcher von Beiden das Gastbett benützen sollte. Der von St. Blasien sagte zum Fürstabte von Muri: „Euer Liebden sind Unser Herr Senior; Sie haben Ruhe nöthig; Sie müssen diese Nacht im Bette schlafen“. – Der von Muri entgegnete aber: „Euer Liebden sind ein kränklicher Herr; Sie haben Ihre besondern schwächlichen Gesundheitsumstände; Sie haben also noch vielmehr Ruhe und Schlaf nöthig“. Endlich nach langem Hin- und Herreden setzte sich der Fürstabt von Muri zunächst am Ofen auf einen Sessel und sagte: „Hier werde ich diese Nacht ausruhen!“ So hatte der Streit ein Ende. Der Fürstabt von St. Blasien benützte das Gastbett; der Abt von Rheinau setzte sich neben den Fürstabt von Muri gleichfalls in einen Sessel; der Abt von St. Mergen breitete seine Hirschhaut über (II-277) den Boden aus, machte aus seinem Ueberrocke ein Kopfkissen und schlief; die drei Begleiter der Aebte bis auf den P. Blasius von Rheinau hatten die besten Winkel im Speisezimmer, die ihnen noch übrig blieben, aufgesucht. P. Blasius suchte sich mit den Kammerdienern und Kutschern in den Reisewagen vor der Winterkälte zu schützen.

Den folgenden Tag waren Alle, trotz häufiger Störung im Schlafe, gesund und heiter. Mit Ausnahme des Abtes von Muri lasen die Priester die hl. Messe. Zum Frühstücke gab es Suppe und Kaffee. Aber wie lautete die Rechnung? – Der Pfarrer wollte durchaus nichts annehmen. Man legte ihm sechs Brabanter-Thaler auf den Tisch. Endlich sagte er: „Einen davon will ich zum ewigen Andenken dieses Tages behalten“. Die übrigen Thaler gaben die Prälaten als Trinkgeld.

Der Wagen, den der Fürst von St. Blasien in Steyer um 500 Dukaten kaufte, musste in Stadeldorf reparirt werden, und Abt Gerold II. theilte fortan seinen Wagen mit jenem. An diesem Tage (28. Dez.) kamen die Reisenden bis Hellobrunn. Sie stiegen beim „Schwarzen Adler“ ab und wurden sehr gut bewirthet. Den 29. Dezember waren sie in Jetzelsdorf auf der Post. Wenige Stunden vorher war gerade die 20jährige Tochter der Frau Wirthin gestorben. P. Johann Ev. trat zur Leiche, betete bei derselben und tröstete die umstehenden Geschwister. Nachmittag ging die Fahrt über die mährische Grenze über den Fluss Taja, und Abends 7 Uhr war die Kreisstadt Znaim, der äusserste Punkt ihrer Reise, erreicht. Die Stadt wimmelte von Flüchtlingen aus Wien und Oberösterreich. Die Gesellschaft musste sich desshalb trennen. Der Fürst von St. Blasien und der Prälat von St. Mergen fanden bei den Dominikanern ein Quartier; die Aebte von Muri und Rheinau konnten mit Noth beim „Schwarzen Bären“ zwei Zimmer bekommen. Die zwei Priester mit den Dienern erhielten in der Gaststube Nothbetten. Am 30. Dezember erbarmten sich die Dominikaner auch der Aebte von Muri und Rheinau. Diese mussten für ca. 40 Stunden Aufenthalt im Gasthause, für sechs Personen und acht Pferde 161 Gl. zahlen. „Wir entwischten also“, bemerkt P. Joh. Ev., „in der Frühe ganz in der Stille diesen groben Bärentatzen“. – „Die Kirche der Dominikaner“, schreibt er weiter, „ist ziemlich schön; hat eine gute Orgel; ist eigentlich die zweite Pfarrkirche in der Stadt und erfreut sich des schönsten figurirten Gottesdienstes. Das Klostergebäude ist prächtig angefangen worden, konnte aber wegen Mangel an Geld nicht vollendet werden. Ehemals waren über 30 Patres; jetzt sind noch 12 und diese nicht alle brauchbar. Sie haben zwar die Erlaubniss, Novizen aufzunehmen; allein Niemand meldet sich. Dasselbe Loos haben die Väter Kapuziner. Unter den 5 noch lebenden (II-278) Priestern können kaum noch zwei im Weinberge des Herrn arbeiten. Indessen wäre die Ernte der Seelen gross. In der Stadt allein zählt man bis gegen 8000 Menschen, ohne was vom Lande zu den frommen Ordensgeistlichen kommt. Ich habe es gesehen, wie andächtig und lernbegierig das Volk ist, wie es von Morgen früh bis auf Mittag abwechselnd dem Gottesdienste beiwohnt, fleissig die hl. Sakramente empfängt und mit grösster Andacht beim Tische des Herrn erscheint. Man muss in Ober- und Unterösterreich seit 20 Jahren erbärmlich mit den Stiften und Klöstern gehauset haben. In dem aufgehobenen Kloster Brugg, welches nur 1/4 Stunde von Znaim entfernt ist, waren 90 Religiosen; 50 davon auf der Seelsorge und die übrigen arbeiteten nach ihrem Berufe im Kloster. Am Feste des hl. Apostels Matthäus kamen kaiserliche Commissäre ins Stift und riefen alle Kapitularen zusammen. „Nun, sind Sie alle versammelt, meine Herren!“ hiess es. „Ja“, war die Antwort. Dann sprach der Obercommissär Kastnitz: „Se. Majestät der Kaiser haben das Stift der Herren Kanoniker des hl, Augustin in Brugg aufgehoben. Von nun an sind Sie also aufgehoben! – Haben Sie mich verstanden, meine Herren!“ – „Ja“. – Und so hatte der ganze Prozess ein Ende. Man forderte die Schlüssel, setzte Jedem seine Pension an, und die traurige Auflösung war abgeschlossen.“

„Das XVIII. Jahrhundert geht nun“, schreibt P. Johann Ev. weiter, „zu Ende und dieses letzte Jahr (1800) war voll des Schreckens. Ganz Schwaben, Bayern, Salzburg, Oberösterreich und ein Theil von Unterösterreich ist in den Händen der Franzosen. Ja wäre Prinz Karl, dieser wahre Schutzgeist Oesterreichs, nicht noch Mitte Dezember zur Armee gekommen, so würde Moreau und sein siegendes Heer das neue Jahr in Wien und Laxenburg gefeiert haben. Jetzt haben wir Waffenstillstand und hoffen ganz zuverlässig den Frieden. Während acht Monate dieses Jahres leben wir als Emigranten in fremden Landen. Heute sind wir in Mähren, in Znaim, 202 Stunden von Glatt und 236 von unserm lieben Stifte Muri entfernt!“

Am 1. Jänner 1801 machte P. Johann Ev. die Neujahrsvisiten bei den Prälaten und beim Kreishauptmann von Znaim.

Die zwei Aebte von Muri und Rheinau wünschten eine Zufluchtsstätte in Raigern, einem Benediktinerkloster in Mähren, 12 Stunden von Znaim, zu finden. Dahin sandten sie den 2. Jänner einen besondern Boten mit ihrem Bittgesuche. Der Prälat von Raigern, Othmar, antwortete eigenhändig, indem er meldete: „Eine besondere Gnade wird mir zu Theil, zwei Hochwürdigste, im Elende herumwandernde Brüder als Gäste aufnehmen zu können. Nur ein einziger Umstand hindert mich, Hochselben vollkommen nach meinem Willen zu entsprechen. (II-279) Die k. k. Hofkammer sammt Gefolge von Wien hat im Falle einer Auswanderung meine Zimmer auf der Prälatur in die Miethe genommen. Da indessen der Waffenstillstand eingetreten ist, so bin ich dermalen ganz frei und meine Prälatur steht zu dero Diensten. Müsste aber unglücklicher Weise eine Abänderung getroffen werden, so habe ich 3 Stunden vom Stifte eine Residenz, wo mehrere geräumige Zimmer vorhanden sind. Da nun Hochselben diese meine Residenz nach Dero Belieben offen steht, so erwarte ich Sie täglich.“

Dieses freundliche Schreiben brachte der Bote noch denselben Tag nach Znaim. Allein Fürstabt Gerold II. hatte keine Lust, weiter zu reisen, vielmehr wollte er möglichst bald nach dem lieben Göttweig zurückkehren. Und in der That, das Brüderpaar verliess mit seinen Begleitern am 7. Jänner Znaim, und war am 9. Abends auf demselben Wege, den sie hergekommen, glücklich dort angekommen. Der Fürst von St. Blasien blieb noch in Znaim und ging später nach Wien, in der Hoffnung, sein persönliches Erscheinen am kaiserlichen Hofe könnte für sein Stift am Schwarzwalde beim Abschlusse des Friedens nützlich sein. P. Johann Ev. Borsinger war gleicher Ansicht und konnte es schwer verwinden, dass sein Fürstabt nahe bei Wien vorbeifuhr und nicht ebenfalls seine Schritte in die kaiserliche Hofburg lenkte. Allein dieser war seit 1799 zu einer andern Ueberzeugung gelangt; er sah, dass nicht Kaiser Franz in Wien den Frieden diktire, sondern Napoleon in Paris, der auf keine Fürbitte, komme sie von Rom oder Wien, horche. Die Geschichte hatte die Richtigkeit dieses Raisonnements bestätigt. Der Abt von St. Blasien gab viel Geld in Wien aus (Gerold II. musste ihm sogar unter die Arme greifen), erhielt viele artige Bescheide und – hatte nichts erreicht.

Die Muri-Flüchtlinge gewannen Göttweig lieb und blieben daselbst bis zum 23. Mai. P. Johann Ev. beschreibt dessen Lage, seine Geschichte, wobei er das berühmte Göttweiger-Chronikon nicht vergisst, und berührt auch die Schätze der Kunst und Wissenschaft, die Bauten und andere Merkwürdigkeiten in der Umgebung. Am 11. Februar kam er in die Propstei Herzogenburg, gestiftet 1112 von Bischof Ulrich I. von Passau.9

Der Friede von Lüneville zwischen Oesterreich und Frankreich (II-280) kam den 9. Februar 1801 zum Abschlusse. Der Extracourier brachte am 16. Februar die Artikel nach Wien. Als P. Johann Ev. dieselben in den Zeitungen las, schrieb er in sein Tagebuch: „Wie in einem Spiegel sehe ich von Weitem die betrübte Lage unserer Herrschaften in Schwaben. Grosser Gott, ist es so dein Wille, dass die Fürsten dieser Erde über uns gebieten! Es geschehe, o Herr, Dein Wille! In der Schweiz hat man unsere Stiftsgüter geraubt, sechs Kapitularen ins Ausland verwiesen; jetzt kommen vielleicht die Herren Fürsten von Sigmaringen, von Hechingen oder unser mächtiger Nachbar, der Herzog von Würtemberg, und jagen uns vom Eigenthum in Schwaben. „Geht im Frieden!“ wird es heissen, „der Herr möge für Euch sorgen!“ – Ja, ja, auf Dich, o Herr, habe ich gehofft, ich werde in Ewigkeit nicht zu Schanden werden.“ – Diese Ahnungen gingen fast buchstäblich in Erfüllung. Den Fürstabt Gerold II. hatten die Friedensartikel so ergriffen, dass er mehrere Tage das Bett hüten musste. Der Abt von Göttweig suchte ihn dadurch zu trösten, dass er ihn einlud, mit seinem ganzen Konvente nach Göttweig zu kommen.

In diesem Kloster war mehrere Wochen hindurch ein beständiges Hin- und Herwogen von Reisenden, von heimziehendem Militär und von zurückkehrenden Flüchtlingen. Unter vielen hohen Gästen erschien auch General Feldmarschall Graf von Baillet La Tour, der 1799 Schaffhausen einnahm. Auch der Prälat von St. Mergen, der frühere Reisegenosse des Abtes Gerold II., kam von Znaim nach Göttweig und kehrte von da freudig in sein Kloster zurück.

Die Gesundheit des Abtes Gerold II. hatte sich indessen zwar gebessert; allein die aus der Schweiz und von Glatt kommenden Briefe waren nicht geeignet, die gedrückte Stimmung zu erheitern. Die Heimreise musste daher weiter hinausgeschoben werden. In der Zwischenzeit wünschte P. Johann Ev. Wien zu sehen. Der Fürstabt ertheilte ihm bei günstiger Gelegenheit die Erlaubniss. Der Aufenthalt daselbst dauerte nur 4 Tage (14.-18. April). Diese kurze Zeit wusste er trefflich auszunutzen. Er besuchte auch nebst andern Hochgestellten den Reichsagenten von Matt.

Am 23. Mai erfolgte die Abreise von Göttweig. Fürstabt Gerold II. und P. Johann Ev. waren voll des Dankes für die Liebe und Sorgfalt, die ihnen vom dortigen Stifte zu Theil ward. Drei Monate lang hatten sie die Gastfreundschaft genossen und mussten einzig die Auslagen für die Pferde bezahlen. Muri wird dem Kloster Göttweig diese brüderliche Zuvorkommenheit nie vergessen. Um 3 Uhr Nachmittag waren die zwei Emigranten im Stifte Mölk, das P. Johann Ev. die „Königin aller Benediktiner-Klöster“ (II-281) nennt. In St. Florian bewunderten sie die grosse Orgel mit 85 Registern und 7880 Pfeifen, die unterirdische Gruft, in die auch Papst Pius VI. hinuntergestiegen, die reichhaltige Bibliothek und die sehenswerthe Bildergallerie. Auch den Prälaten von Kremsmünster, der indessen viel von den Franzosen gelitten hatte, besuchten sie auf ihrer Heimreise und dankten ihm für die gastliche Pflege. Daselbst sprach P. Johann Ev. zum zweiten Male mit dem Präsidenten von Summerau, der über die Tragweite des abgeschlossenen Lüneviller-Friedens noch nicht im Klaren war. Der Fürstabt Mauriz von St. Blasien,10 der ebenfalls in Kremsmünster sich befand, las unserm Mitbruder die Denkschrift, welche er dem Kaiser überreichte, vor und hoffte, sie werde von Wirkung sein. Papst Pius VII., den er um Hilfe anflehte, versprach ihm mit seinem ganzen Ansehen und seiner apostolischen Macht beizustehen; aber dieser bemerkte zugleich dem Fürstabte, er möge ihm die Mittel und Wege. angeben, wie er ihn unterstützen könne.

Von da ging die Reise rasch über Berchtesgaden, Weihenstephan, St. Ulrich in Augsburg bis Wiblingen. Hier schickte Abt Gerold II. einen Eilboten nach Glatt ab mit der Anfrage, ob die Franzosen dort abgezogen, ob volle Sicherheit für seine Person und ob die Brücke bei Neckarshausen hergestellt und brauchbar sei? Die Mitbrüder konnten dem Boten günstige Antwort ertheilen. Zwei derselben, P. Basilius und P. Leodegar, eilten dem geliebten Vater bis Zwiefalten entgegen und begrüssten am 17. Juni um 4 Uhr Abends den Ersehnten. Den folgenden Tag machte der Fürstabt in Hechingen bei der Fürstin von Hohenzollern einen Besuch und übernachtete in Haigerloch, das noch 3 Stunden von Glatt entfernt ist. Bis zum Dörflein Fischingen kamen den 19. Juni der Schultheiss und die Vorgesetzten nebst Berittenen von Glatt ihrem Fürsten, Gerold II., entgegen; dann erschien mit Thränen in den Augen der Haushofmeister des Abtes, Franz Reck, auf einem schönen Falken und begrüsste den Herrn; unten am Schlosse paradirte das Glatter-Militär in bester Uniform. Eine grosse Volksmenge, darunter Knaben und Jungfrauen mit Blumen und Kränzen geziert, begleiteten ihren lieben Herrn ins Schloss. Dort lagen beim Aussteigen des Fürsten im Schlosshofe Sängerinnen auf den Knieen, streuten Blumen und sangen ein rührendes Bewillkommungslied. Vater und Söhne, Fürst und Unterthanen begrüssten einander auf das Herzlichste. Es war ein Tag der reinsten Freude für den 73jährigen Greis nach so vielen trüben (II-282) und traurigen Tagen. Das „Hosanna“ und „Kreuzige ihn“ – sind oft einander so nahe!

Während der nächsten vier Monate, die Gerold II. in Glatt zubrachte, kamen hohe und niedere Herren, die ihn zur glücklichen Heimkunft beglückwünschten. Unter diesen finden wir zuförderst Anton Alois Meinrad, Fürst von Hohenzollern. Aus Muri erschien P. Meinrad Bloch, Vicesuperior, mit Herrn Leodegar Faller. P. Johann Ev. benützte jeden Augenblick, um den Gastgebern in Baiern und Oesterreich den schuldigen Dank schriftlich auszudrücken. Von Bedeutung ist das vom Fürstabte Gerold II. selbst abgefasste Schreiben (30. August 1801) an den Erzherzog Karl, worin er das Stift Muri, als ein habsburgisches, seiner besondern Huld empfiehlt. Er schreibt: „Dem Helden Germaniens, dem Retter Deutschlands, dem Beschützer der Kirche wirft sich die schweizerische Abtei Muri, das erste und älteste Denkmal Habsburg-Lotharingischer Frömmigkeit, zu Füssen, ihn um ihre Erhaltung zu bitten. Nur ein Wort von Euerer königlichen Hoheit, und das Grabmal Hochdero Durchlauchtigsten Ahnen ist von der ihm drohenden Auflösung gerettet …“11 Erzherzog Karl antwortete aus Wien unter dem 13. September mit den Worten: „Besonders lieber Herr Abt! Ich habe Ihr Schreiben vom 30. August erhalten und sage Ihnen für die darin gegen mich geäusserten Gesinnungen meinen verbindlichsten Dank. Ich werde mit Vergnügen jede Gelegenheit ergreifen, wo ich im Stande sein werde, etwas für das Beste Ihres Klosters zu thun. Mit dieser Zusicherung verbinde ich jene meiner vorzüglichen Werthschätzung – Ihr wohlaffectuirter Karl.“

Der Grund, wesshalb Abt Gerold II. sein Schreiben an Erzherzog Karl und nicht an den Kaiser richtete, mochte der sein, weil jener seit dem 9. Jänner 1801 nicht bloss wieder an der Spitze der Armee stand, sondern auch Präsident des kaiserlichen Hofkriegsrathes war. In letzterer Eigenschaft hing er allein vom Kaiser ab und verhandelte mit ihm ausschliesslich.12 Ein fernerer Grund obigen Schreibens dürfte sein, weil der Konvent früher eine Abordnung in das Lager des Erzherzogs nach Kloten geschickt hatte.13

In diesen Tagen wurde die Pfarrei Diessen ledig, indem Urban Hellstem wegen Altersschwäche und Erblindung von der Pastoration zurücktreten musste. Für ihn ernannte Muri Michael (II-283) Rattler als Seelsorger, der vom Ordinariate in Constanz sofort die Bestätigung erhielt. Er leistete dann vor dem Fürstabte und den in Glatt anwesenden Kapitularen (P. Johann Ev., Subprior, P. Gallus Beutler, Oekonom in Diessen, und P. Leodegar Schmid) den Eid der Treue, worin er (ad beneficium manuale curatum in Diessen promotus) die ihm anvertraute Pfarrei (parochiam) nach seinem Vermögen zu leiten verspricht. Der Pfarresignat erhielt in Dettingen von Abt Gerold II. eine anständige Wohnung.

In der zweiten Hälfte des Monats November kamen freudigere Berichte aus der Schweiz. Altlandammann Müller, Landammann Alois Reding, Frisching, Rimling und Andere meldeten, dass alle Deportirten und Emigranten frei ihre Heimath wieder betreten dürfen. Dies fiösste den exulirten Murikonventualen frisches Leben und neuen Muth ein. Der Fürstabt wies ihnen Wirkungskreise an und sorgte, dass sie so bald als möglich in ihre Bestimmungsorte kamen. P. Gregor Koch, der seit dem Tode des P. Bonifaz die Oekonomie in Klingenberg leitete, sollte wieder als Dekan nach Muri zurückkehren, statt seiner verreiste P. Johann Ev. als Oekonom nach Klingenberg. Dort vollendete er (am 21. Jänner 1802) sein werthvolles Tagebuch, das er mit den Worten schliesst; „Nun sind es eben heute drei volle Jahre seit jenem unvergesslichen Tage, an dem man uns gegen acht Uhr in der Frühe das Deportationsdekret vorlas und Nachmittag zwei Uhr von dem lieben Muri abführte. Drei harte, kummer- und kreuzvolle Jahre für alle meine lieben Herren Mitbrüder! – Für mich aber, wenn ich aufrichtig reden soll, waren es drei eigentliche Rekreationsjahre, da ich in einem Jahre mehr gesehen und erfahren hatte, als in den dreissig vorhergehenden; aber Alles ist Eitelkeit über Eitelkeit, ausser Gott lieben und ihm allein dienen!“

Richten wir jetzt unsere Blicke nach Muri und vernehmen wir die Leiden und Kämpfe, unter denen die zurückgebliebenen Konventualen in diesen bedrängten Tagen seufzten.


  1. Dieser hinterliess einen einlässlicheren Bericht von den Reisen des Abtes und legte ihm beim Scheiden von Muri folgende Worte in den Mund: „VaLete, Confratres! eXVL a MVrIs eXIbo, breVI eXVLtans reDibo“ (Arch. Muri in Gries).

  2. Arch. Muri in Gries.

  3. Arch. Muri in Gries A. I.

  4. Arch. Muri in Gries.

  5. Reisebericht des P. Joh. Evang. Borsinger (Arch. Huri in Gries).

  6. Der Fürstbischof war zugleich Propst in Berchtesgaden.

  7. Diese Excellenzen waren: Franz Xavier, Graf von Dietrichstein, aus Steiermark; Josef, Freiherr von Rechbach, Consistorial- u. Regierungsrath, aus Kärnten; Joh. Nep. Franz, Graf von Wickza, Consistorialrath, aus Tirol; Franz, Graf von Berchem, aus Bayern; Leopold, Freiherr von Möller, Regierungsrath, aus Schwaben u. s. w.

  8. Geb. zu Näfels 1774, Subprior und Dekan in Einsiedeln, starb daselbst am 18. März 1853.

  9. Zur Ehre der Schweiz vernimmt er, dass der 47. Propst von Herzogenburg, Leopold a Planta, aus der Schweiz stamme, indem dessen Vater Hugo Theoderich des römisch-katholischen Glaubens wegen mit seiner Gemahlin, einer Edlen von Hirnheim, sein Vaterland verliess und nach Herzogenburg übersiedelte, wo Leopold 1691 geboren und 1721 Propst des Stiftes wurde. Die Hausgeschichte rühmt ihn als einen ernsthaften, klugen und beredten Mann. Sein Tod erfolgte am 29. Aug. 1740.

  10. Abt Mauriz starb am 16. Nov. 1801 im Benediktiner-Stifte St. Peter auf dem Schwarzwalde plötzlich am Bchlagflusse.

  11. Arch. Muri in Gries.

  12. Arch. Muri in Gries.

  13. S. oben S. 271.