Fünftes Kapitel. Wiederherstellung der Klöster in der Schweiz.

In der helvetischen Republik bekämpften sich in den Jahren 1800-1803 vorzüglich zwei Parteien, die Patrioten (Franzosen) und die Föderalisten (Kaiserlichen), was den viermaligen Wechsel der Regierung und Verfassung zur Folge hatte. Diese politischen Wirren berührten auch den (II-313) neuen Kanton Baden. Im Juli 1802 sollte er durch eine Nationalabstimmung mit dem Kantone Aargau zu einem Kantone verschmolzen werden. Allein die Katholiken sträubten sich dagegen. Eine von 88 Gemeinden beschickte Versammlung zu Baden beschloss, „in einem Kanton Baden vereinigt zu bleiben und sich bei der Auflösung der helvetischen Republik selbständig eine Verfassung zu geben.“ In andern Gemeinden betonte man aber den Anschluss an Schwyz und wieder in andern an Zug; daher wurde nur eine provisorische Regierung ernannt. Die obern Freiämter neigten sich mehr nach dem Kanton Zug. Der Muri-Konvent kam sogar in den Verdacht, dass er die Volksstimmung in seiner Umgebung dahin lenke. Martin Schmid, Bruder unseres P. Leodegar und Mitglied der provisorischen Regierung in Baden, fragte wegen dieser Sache das Murikapitel an und eröffnete ihm zugleich, es sei der sehnlichste Wunsch der Regierung, Muri in ihrer Mitte zu haben und sie würde sich daher zu „allem Möglichem verstehen.“ P. Leodegar antwortete ihm aus Klingenberg, Kanton Thurgau, im Namen des Klosters: der Fürstabt wolle, dass die Religiosen von Muri sich in das Politische nicht einmischen und sich weder zur einen noch zur andern Partei schlagen. Dann bemerkte er ihm: die provisorische Regierung in Baden sei an der Einbüssung ihres Zutrauens in den obern Freiämtern selbst Schuld, indem sie solchen Männern ihr Vertrauen schenke, welche Freunde der alten (helvetischen) verhassten Regierung seien, wie einem Laubacher von Muri, Meyer und Koch von Villmergen und Andern; Zug handle viel klüger: es überlasse die Wahl der Beamten dem Volke, ohne dieselbe ihm aufdrängen zu wollen.1

Das Direktorium hatte die letzte Zeit seinen Sitz in Bern. Die Föderalisten, an deren Spitze Alois Reding von Schwyz stand, vertrieben es nach Lausanne. Reding eröffnete eine Tagsatzung, die aber nur kurze Zeit durch erzwungene und freiwillige Beiträge ihrer Anhänger das Bestehen fristete. In einem öffentlichem Aufrufe vom 8. Oktober 1802 bat dieselbe alle biedern Schweizer, alle Stifte und Korporationen „in so entscheidendem Augenblicke zur Unterstützung der gerechten Sache ihre Opfer dem wiedergebornen Vaterlande darbringen zu wollen.“2 – Diesem Aufrufe war Muri bereits zuvorgekommen. Fürstabt Gerold II. hatte aus Liebe zum Vaterlande und zur Erlangung irgend einer Hilfe für die bedrohten Muri-Herrschaften in Deutschland dem Alois Reding (II-314) 1000 Louisd'or zugeschickt.3 – Dem ersten Consul in Paris, Napoleon, war jedoch der Sieg der Föderalisten sehr missfällig. Er schickte daher seinen General Rapp mit 40,000 Mann in die Schweiz, liess die Führer der Föderalisten (Alois Reding, Hirzel, Zellweger u. s. w.) im November nach Aarburg abführen und befahl, dass Abgeordnete in der ganzen Schweiz gewählt werden, welche zu Paris unter seinen Augen über eine der ganzen Eidgenossenschaft zuträgliche Verfassung sich berathen sollten. Am 19. Februar 1803 wurde selbe unter dem Namen Mediations-Akte unterzeichnet. Der Kanton Baden war zufolge dieser Akte mit dem Kanton Aargau nebst Frickthal in Einen Kanton verschmolzen, – für die Katholiken bis heute die Ursache vieler Leiden!

Dieses Streben nach einer guten Verfassung für die Eidgenossenschaft benützten die Muripatres Sebastian, Leodegar, Meinrad und Beat mit P. Wolfen Zelger von Rheinau, um die Klöster der Schweiz aus dem Sturme zu retten und ihnen eine politische Anerkennung zu verschaffen. Obigen Patres gesellten sich bei, Augustin Bloch, Abt in Fischingen und Bruder unseres P. Meinrad, Sebastian Steinegger, Abt in Wettingen, P. Benedikt Müller, Karthäuser in Ittingen, P. Hieronymus Brunner, Kapitular von Mariastein und Andere. P. Wolfen wusste die Staatsmänner der Urkantone für die Sache der Klöster zu gewinnen. P. Meinrad eilte schon im Frühjahr 1800 in der Absicht nach Bern, um die Mitglieder des Direktoriums für die Klöster im Allgemeinen und besonders für Muri günstig zu stimmen. Auch an den Erzherzog Karl richtete er ein Bittgesuch, er möchte sich für die Erhaltung des Klosters Muri verwenden. Beim Grossen Rathe der helvetischen Republik reichte er am 31. Juli 1800 eine umfassende Eingabe ein, worin er zeigte, dass Muri den neuen Staatseinrichtungen sich nicht widersetzt, die Verluste der Kostbarkeiten und Kapitalien geduldig ertragen, die niedere Gerichtsbarkeit aufgegeben und den Bürgereid ohne Widerstand geleistet habe; ferner beweist er, wie dieses Stift seit Jahrhunderten in den Zeiten der Hungersnoth (1639, 1772 u. s. w.) und in den Kriegsereignissen (1712, 1798 und 1799) dem Staate nützlich gewesen sei. – Dem Finanzminister Finaler schilderte er die schlechte Verwaltung in den Muri-Statthaltereien Klingenberg und Eppishausen, wie nicht weniger im Kloster Hermetschwil, seitdem die staatliche Verwaltung ihren Anfang genommen hatte. Mit Schultheiss Thürler in Luzern war P. Meinrad von jeher befreundet. Weil (II-315) jener in die Verwaltungsbehörde gewählt wurde, so unterbreitete dieser ihm mehrere Punkte zum Wohle der Klöster, damit selbe in den Sitzungen zur Berathung kommen, so z. B., dass die Kloster-Grundzinsen als wahres Eigenthum der Klöster erklärt werden. Bei der Reise nach Bern gewann P. Meinrad auch den Grossrath Heinrich Gschwend. Dieser gab ihm Winke, wie er seine Schreiben einrichten solle, und äusserte sich in einer Rückantwort (5. Nov. 1800) an P. Meinrad, dass es unter den Reformirten noch besser für die Klöster Denkende gebe, als unter den Katholiken. Selbst Müller-Friedberg von St. Gallen, dessen üble Gesinnung gegen die Klöster P. Meinrad wohl kannte, musste von ihm die Gründe für Beibehaltung derselben anhören. Zugleich arbeitete in Bern für die Erhaltung der geistlichen Korporationen Verwalter und späterer Landammann Franz Anton Wyrsch von Nidwalden, ein Verwandter des P. Wolfen.4 Den Wyrsch unterstützten Landammann Müller von Uri, Alois Reding von Schwyz, Peter Ignaz von Flüe von Obwalden, Anderwert von Thurgau,5 Frisching von Rümlang, Kt. Zürich, und die drei Luzerner, Rüttimann, Schultheiss Kraus und Moor. Selbst die Prälaten am Schwarzwalde traten diesem Bunde bei und halfen mit Rath und That. Auch der päpstliche Commissär in Luzern, Paul Steinach, war mit P. Meinrad im gleichen Sinne thätig, indem er ihm Rathschläge ertheilte, Mittheilungen machte und die Hilfe von Rom versprach.

Der Mittelpunkt dieser nach Einem Ziele hinarbeitenden Männer blieb Muri, und ihre Haupttriebfedern waren P. Meinrad und P. Wolfen. Als letzterer von seinem Exil wieder nach Rheinau zurückgekehrt war, übermittelte er alle Briefe, die von Bern und andern Orten in dieser Angelegenheit an ihn gelangten, dem P. Meinrad, der mit P. Sebastian die Mittheilungen berieth und mit Hilfe des P. Beat die entsprechenden Antworten ertheilte. Einmal fügte P. Wolfen einer solchen Briefsendung die Bemerkung bei: „Muri ist in jeder Beziehung die stärkste Kraft, den verderblichen Absichten (der Klosterfeinde) entgegen zu arbeiten.“ Von dieser Thätigkeit der Benediktiner für die Restauration der Klöster in der Schweiz erhielt Papst Pius VII. Nachricht, desshalb richtete er bald nach seiner Erhebung auf den Stuhl Petri an die schweizerische Benediktiner-Congregation ein Schreiben (26. Aug. 1800), worin er einerseits (II-316) deren Beraubung beklagt, anderseits seine Freude ausdrückt über ihre Festigkeit im Glauben und über die Standhaftigkeit in Vertheidigung ihrer Rechte.6 Karl Theodor, Freiherr von Dalberg, seit dem 18. Juni 1800 Coadjutor von Konstanz, wurde um seine Befürwortung für diese Bestrebungen in Muri angegangen; allein er konnte für selbe weder gewonnen werden, noch wusste er ein Wort der Anerkennung zu sprechen. Commissär Müller in Luzern, ein Gegner der Klöster, hatte ihn davon abgehalten. Vor Allem war dem Dalberg die Exemption der Benediktinerklöster verhasst. Daher warf er viele Briefe, die aus dem Kloster Muri wegen des Hübscher-Handels an ihn gelangten, einfach in den Papierkorb, ohne sie einer Antwort werth zu halten. Noch grössere Abneigung gegen den Muri-Konvent hegte Dalberg's Generalvikar, Baron von Wessenberg. Indessen mussten Beide wider ihren Willen die Bestrebungen Muri's fördern helfen. Dalberg sandte nämlich als Fürstprimas von Deutschland den Generalvikar7 nach Bern (1801), um das Eigenthum und die Güter der katholischen Kirche zurückzufordern. Mit ihm verlangte auch die protestantische Geistlichkeit das Kirchengut heraus. Dalberg hoffte um so mehr, dass seinem Begehren entsprochen werde, weil er ein Freund Napoleons war und bei vielen Senatoren der helvetischen Republik in hohem Ansehen stand. Anderwert meldete sogleich das Begehren Dalberg's und der protestantischen Geistlichkeit dem P. Wolfen, mit dem Beisatze: „Wird diesen, was billig ist, ihre Bitte gewährt, so muss auch den Klöstern das Eigenthum zurückgegeben werden.“ „Aber die bereits günstige Stimmung der Tagsatzung für die katholische Kirche und ihre Klöster,“ schreibt er weiter, „möchte durch eine den 29. September (1801) angekommene Protestation des Fürsten von St. Gallen auf's Neue zernichtet werden; denn er verlangt nicht bloss Eigenthum, sondern auch Land und Leute zurück, d. h., alle Herrschaftsrechte, wie das Stift St. Gallen selbe ehedem hatte, und dagegen arbeiten Müller-Friedberg und die Regierung des neuen Kantons St. Gallen mit allen Kräften.“

Während aber P. Meinrad mit seinen Helfern vorzüglich in Bern seinen Zweck erreichen zu können glaubte, richtete Fürstabt Pankraz von St. Gallen mit den zwei Fürstäbten Beat von Einsiedeln und Gerold II. von Muri sein Augenmerk nach Paris. Als P. Meinrad, um Gerold II. für seine Pläne zu gewinnen, nach Glatt reiste, sah es der dort weilende P. Johann (II-317) Ev. nicht gerne, weil er fürchtete, jener möchte den Bestrebungen der Fürstäbte mehr schaden als nützen. Allein der kluge Abt erkannte sogleich, dass es von grossem Vortheile sei, dass die Centralregierung in Bern, wie auch die übrigen Regierungen der Helvetik, für die Klöster gewonnen werden und erklärte sich mit den Bemühungen P. Meinrad's und seiner Freunde vollständig einverstanden. Dem Bunde der drei schweizerischen Fürstäbte trat auch der Fürstabt von St. Blasien im Schwarzwald bei. Diese vier Prälaten hielten einen Agenten in Paris, durch den sie dem ersten Consul eine bedeutende Summe Geldes zufliessen liessen. Gerold versprach nämlich durch ein Schreiben vom 30. Aug. 1801 aus Glatt für das „angedeutete Geschäft in Paris“ 40,000 Reichsthaler zu geben. Die Bittgesuche liessen sie entweder einzeln oder in Gesammtheit an Napoleon abgehen.8 Und fürwahr, diese Opfer der vier Prälaten und die Arbeiten P. Meinrad's waren nicht vergebens. Die Helvetik erliess nämlich im November 1801 das Amnestiegesetz. Dem zufolge erhielten alle geistlichen und weltlichen Personen, welche vom ehemaligen Direktorium oder seinen Commissären wegen politischer oder militärischer Vergehen oder „lediglich aus Staatsgründen“ deportirt, exilirt, inhaftirt oder in gewisse Bezirke eingegrenzt worden waren, ihre völlige Freiheit; sie waren nur gehalten innerhalb 14 Tage nach Betretung des vaterländischen Bodens dem Regierungsstatthalter durch ein Handgelöbniss den Gehorsam gegen die bestehenden Gesetze zu bezeugen. Das brachte den Emigrirten und Deportirten eine grosse Freude. Alle Muri-Patres, welche im Jänner 1799 über die Grenze geschickt worden, wollten sogleich heimeilen. Doch P. Meinrad warnte vor zu grosser Eilfertigkeit. „Eile mit Weile,“ ruft er seinen Mitbrüdern zu; „es ist noch nicht Alles gewonnen.“ – Der Erste von ihnen, P. Gregor Koch, kam um Neujahr 1802. Bei dessen Ankunft hörte das Superiorat des P. Bonaventura, der seine liebe Pfarrei Muri bald wieder pastoriren durfte, auf. Dem Dekane zur Seite stellte der Fürstabt Gerold II. den P. Meinrad als Subprior.

In der zweiten Hälfte des Monats Jänner (1802) hielt Fürstabt Beat von Einsiedeln den feierlichen Einzug in sein Kloster. Er war von Fahr hergekommen.9

Indessen war bis zur Einsetzung der Klöster in ihre vollen Rechte noch vieles zu thun. Daher legte P. Meinrad nach ausgesprochener Amnestie die Hände nicht müssig in den (II-318) Schoos, sondern arbeitete nur um so eifriger, bis das Ziel erreicht war. Um jedoch der von ihm geleiteten Bewegung mehr Ansehen, Kraft und Einheit unter den Aebten zu geben, ersuchte er seinen Bruder, Abt Augustin von Fischingen, an deren Spitze zu treten. Allein dieser wollte unter den Aebten der schweizerischen Benediktinercongregation keinen Zwiespalt hervorrufen und lehnte die Geschäftsleitung ab; zumal der Fürstabt Pankraz von St. Gallen noch immer die Subsistenz verlangte, d. h. die Unabhängigkeit von der Central- und Kantonalregierung, während P. Meinrad nur die Existenz, d. h. die Selbstverwaltung in der Oekonomie und die freie Novizenaufnahme anstrebte. Daher waren auch die Ansichten der Klöster und der einzelnen Konventualen vielfach getheilt, und diese edlen und mit vielen Opfern verbundenen Bestrebungen P. Meinrad's misskannten oft seine eigenen Mitbrüder. Den Schmerz über den Zwiespalt in der wichtigen Sache äusserten er und sein Freund P. Wolfen in Briefen. Unter Anderm schreibt P. Meinrad: „Man that von Muri aus, was man konnte; aber umsonst. Selbst die Prälaten wollen einander nicht verstehen. Jeder sorgt nur für sich!“ Indessen gab es viele Mitbrüder der schweizerischen Benediktiner-Congregation wie auch Religiosen anderer Klöster, die seine Bestrebungen anerkannten und ihn aufmunterten, mit Ausdauer die Arbeiten fortzusetzen. Briefe diesen Inhaltes kamen aus St. Gallen, aus Einsiedeln, Wettingen, St. Urban und andern Orten; P. Meinrad harrte aus, und seine schweren Bemühungen wurden endlich belohnt durch einen Brief Anderwert's aus Bern (17. Febr. 1802), welcher sagt: „Ich melde Ihnen zu Ihrer und meiner Freude: den 16. Februar ist die Zusicherung des Eigenthums für die geistlichen Korporationen in die Constitutionsakte aufgenommen worden.“ – Zugleich drückte der Berichterstatter den Wunsch aus, dass Jemand von Muri sofort nach Bern komme. – P. Meinrad wartete nicht lange; er selbst eilte zu Anderwert nach Bern. Der XXII. Artikel dieser Akte sprach den Klöstern zwar die niedere Gerichtsbarkeit ab; allein Muri liess sie gerne für immer fallen, weil das Eigenthum gesetzlich gesichert war. Sonach konnte unser Konvent schon im März d. J., mit Zustimmung der Kantonalregierung, die äussere und innere Verwaltung des Klosters übernehmen. Während dieser Verhandlungen trat eine Broschüre in die Oeffentlichkeit, welche 10 Einwürfe wider das Mönchthum zu beseitigen suchte.10

Allein die Föderalisten, welche den geistlichen Korporationen diese Zugeständnisse gemacht hatten, unterlagen schon (II-319) im April d J. den Centralisten, und so waren die Errungenschaften der Klöster wieder in Frage gestellt. Doch Muri verzagte nicht; es suchte seine Rechte bei dieser, wie bei jener Partei geltend zu machen.11 Da wieder die Föderalisten zu siegen schienen, nahm Napoleon die Angelegenheiten der Schweiz am Ende des besagten Jahres in die Hand und anerkannte in der neuen Verfassung (Mediations-Akte), die unter seiner Leitung von den Abgeordneten der Schweiz in Paris gemacht wurde, die Klöster. Den nichtkatholischen Staatsmännern, welche gegen die Klöster eiferten, soll er bei dieser Gelegenheit bemerkt haben: wenn sie dieselben auch für nichts anderes ansehen könnten als eine Art Opernanstalten für die Leute des Gebirges, so möge man sie bestehen lassen; übrigens gehörten sie den Katholiken und wären diesen lieb.12 – Der letzte Abschnitt der Mediationsakte enthält nämlich Bestimmungen über die während der helvetischen Regierung als Nationalgut erklärten Besitzungen. Darin ist zugleich ausgesprochen, dass den Klöstern ihre Güter zugestellt werden sollen.13

Für die einzelnen 19 Kantone der Schweiz mussten besondere Verfassungen entworfen werden. Die Commissionen wurden hiefür schon in Paris bestellt, und Napoleon wählte die Präsidenten. – Die aargauische Commission hielt am 12. März 1803 ihre erste Sitzung. Die Zuschrift, welche sie an sämmtliche Kapitels- und Stiftsvorstände ergehen liess, athmete den Geist des Friedens und der Versöhnung. Der Weltklerus wird darin aufgefordert, „das, Volk nicht nur ernstlich und aufrichtig zur Ruhe und Eintracht zu ermahnen, … sondern auch die bisanhin gereizten Gemüther zu besänftigen.“ Diese Mahnworte erweckten unter der katholischen Bevölkerung, die sich den Protestanten gegenüber in der Minderheit sah, Unzufriedenheit. Das Kloster Muri schickte sich jedoch in die neuen Verhältnisse, vertraute auf die Klugheit und Einsicht der Regierung und suchte eine günstige Stellung derselben gegenüber zu gewinnen. Oben erwähnter Commission zur Entwerfung einer Verfassung gab der bischöfliche Commissär Spengler zu Ehrendingen im Namen aller Landkapitel des neuen Kantons Aargau zu allfälliger Berücksichtigung bei den Berathungen einige Wünsche der Geistlichkeit ein, so z. B. der Staat möge dem öffentlichen Gottesdienste seinen besondern Schutz angedeihen lassen, das Eigenthum der Kirche und dessen Selbstverwaltung gegen jeglichen Angriff sicher stellen, auf (II-320) entsprechende Erziehungs- und Bildungsanstalten Bedacht nehmen u. s. w.

Mehrere der eingereichten Wünsche fanden sofortige Erhörung, andere trugen den Keim für spätere Entwiklung in sich.

Der neue „Grosse Rath“ des Kantons Aargau constituirte sich am 15. April 1803. Daraus ging der „Kleine Rath“ hervor, der gute Elemente, wie einen Reding, Schmid, Fetzer, Karg, Attenhofer etc. in sich enthielt. Dieser Rath suchte mit Ernst das Wohl des Landes, ordnete auf den 8. September ein allgemeines Bet-, Buss- und Dankfest und auf den 12. d. Monats die Huldigungsfeier an.14

Rengger hatte schon am 25. März in einer Sitzung der Regierungs-Commission sich zu Gunsten der Stifte und Klöster ausgesprochen und erwähnt, wie verderblich denselben und dem Staate die Klosterverwaltungen gewesen seien. „Die Verwalter,“ sagt er unter Anderm, „suchten nur ihre Säcke zu füllen, liessen aber die Güter und das Vermögen der Klöster zu Grunde gehen.“

Im Anschlusse an die Mediations-Akte überliess dann auch der „Kleine Rath“ am 3. Mai den Klöstern und Gotteshäusern des Kantons Aargau die freie Verwaltung ihrer Güter. „Mit Vergnügen,“ sagt er bei der Begründung dieses Beschlusses, „haben wir uns bei dieser Gelegenheit erinnert, dass die in der Schweiz befindlichen Abteien, Klöster und Gotteshäuser bei ihrer ehevorigen selbstüberlassenen Verwaltung immerhin durch eine nach weisen Grundsätzen eingerichtete und mit ausgedehnten Kenntnissen im Fache der Landwirthschaft und mit vieler Geschicklichkeit geführten Oekonomie sich ausgezeichnet und hauptsächlich dadurch ihren Vermögensbestand in Aufnahme gebracht haben.“ – Diese Worte der Regierung scheinen aus dem Berichte des Verwalters Bless geschöpft zu sein, der zufolge einer Anfrage über die Oekonomie der Mönche in Muri Folgendes einsandte: „Sie (die Mönche) verstehen das Hauswesen gut; eine lange Erfahrung hat sie belehrt. Sie verdienen wegen ihres aufrichtigen Benehmens, wovon ich als Verwalter Zeugniss geben darf, auch das volle Zutrauen der Regierung. Trotz der Abwesenheit vieler Mönche hat der Konvent noch Männer genug, welche die Oekonomie zu leiten im Stande sind.“ Bless hatte hier vorzüglich P. Meinrad Bloch im Auge, dem er während seiner öftern Abwesenheit die Leitung der Tagesgeschäfte in Muri überliess und brieflich die volle Zufriedenheit aussprach.15

(II-321) Demnach erhielten die Verwalter der aargauischen Klöster den Auftrag, ihre Rechnungen bis zum 15. Mai abzuschliessen, ein Doppel derselben der Verwaltungskammer in Aarau und das andere Doppel den betreffenden Vorstehern der genannten Klöster (Muri, Wettingen, Hermetschwil, Gnadenthal, Fahr und Maria~Krönung) zu übergeben. Diese hingegen sollen dem „Kleinen Rathe“ ein neues vollständiges Inventar über ihr ganzes bewegliches und unbewegliches Vermögen einsenden, jährlich eine, genaue Rechnung über den Aktiv- und Passivstand desselben führen und ihm zur Einsicht und Prüfung vorlegen.16

Muri reichte schon am 16. Mai sein Inventar der hohen Regierung ein, indem es das am 26. Jänner 1802 amtlich aufgenommene Inventar diesem zu Grunde legte. Ihm zufolge konnte Muri mit Ausschluss der deutschen und der im Kanton Thurgau befindlichen Besitzungen und nach Abzug der vorhandenen Schulden von 118,554 Fr. noch ein Aktivvermögen von 2,041,484 Fr. aufweisen.17 Die jährlichen Einnahmen beliefen sich bis zum Jahre 1816 nach einer Durchschnittsrechnung auf 150,000 Fr.; die Ausgaben dagegen stiegen auf 115,000 Fr., so dass, ungeachtet der ausserordentlichen Staatsbeiträge von 6000 Fr. jährlich und der gewöhnlichen Almosen von 4-5000 Fr., ein Jahresvorschlag von 30-35,000 Fr. dem Kloster verblieb. Die Einnahmsquellen waren 1805 für das Kloster: a) Rechnungssaldo Fr. 45,455; b) Kapitalzinsen Fr. 24,186; c) Grundzinsen Fr. 16,964; d) Zehnten Fr. 17,441; e) Fruchtverkauf Fr. 4371; f) Fleischverkauf Fr. 8,151; g) Gewerbe Fr. 2,750; h) Viehverkauf Fr. 37128; i) Verschiedenes Fr. 3,036.

Der in der Mediationsakte ausgesprochene Grundsatz: Grundzinsen und Zehenten sind loskäuflich, gab den Rechnungsführern und Oekonomen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts am meisten zu schaffen. Die Regierungen hatten oft zahllose Fragen zu beantworten über die ablösbaren Gegenstände, die Bedingung der Ablösung, über die Mittelpreise u. s. w; Die aargauische Regierung bestimmte den Mittelertrag der Güter im Jahre 1804 nach den Erträgnissen der Jahre 1774-1787 und erklärte zugleich den grossen nasssen, trockenen, wie auch den unveränderlichen und fixen (II-322) Zehenten, den Grund- und Bodenzins und alle Gerechtigkeiten für loskäuflich. Zehentherren wie Zehentpflichtige waren im Allgemeinen der Ablösung der Zehenten entgegen. Daher verbreitete man, um das Verwerfliche dieses Staatsgesetzes darzuthun, Broschüren unter dem Volke,18 die aber nur geeignet waren, die Unzufriedenheit in dieser Sache zu vermehren, ohne den Gang der Dinge im mindesten aufzuhalten. Nicht selten entstanden bei diesen Ablösungen Streite und zahllose Reklamationen, unter deren drückender Last namentlich die Oekonomen des Klosters Muri viel zu leiden hatten.19

Bald überliessen auch Regierungen anderer Kantone dem Kloster Muri die freie Verwaltung seiner Besitzungen, so Luzern für die in Sursee und Thurgau für die in Klingenberg und Eppishausen. Die zwei Muri-Konventualen in Klingenberg und Homburg leisteten sodann den Eid auf die neue Thurgauer-Verfassung. Die kleinen Herrschaften Sandegg und Eppishausen daselbst brachten Muri keinen Vortheil; daher gebot die Klugheit deren Verkauf (1806)20 Die Regierung von Zürich liess dem Murikonvent die Verwaltung seiner Besitzungen in Thalwyl und Meilen unbehelligt; daher half er diesen zwei Gemeinden auch die vorhandenen Kriegsschulden zahlen.

Von den Kirchenschätzen, welche die helvetische Regierung aus Muri nach Aarau und später nach Bern schleppen liess, stellte die dortige Kantonsbehörde grossmüthig zurück, was noch vorfindlich war. So restituirte Direktor Nägeli am 12. Jänner 1804 Naturhistorisches; er glaubt aber, Muri werde davon Vieles verloren haben. Der Konvent übersandte ihm ein Verzeichniss der Kostbarkeiten (Kelche, Münzen, Siegel, Bücher etc.) zu, welches Hartmann seiner Zeit für das Direktorium angefertigt hatte; allein Nägeli meldete hierauf, dass trotz fleissigen Aufsuchens die Nachlese sehr sparsam ausgefallen sei. Stapfer, Präsident der Liquidation in Freiburg i./U. hatte nach dem christlichen Grundsatze: „Jedem das Seine zukommen zu lassen,“ Muri sogar aufgefordert, ihm ein Verzeichniss der vom Kloster enthobenen Schätze einzusenden. Es geschah ohne Verzug. Bald erhielt P. Gregor, Dekan, von ihm folgende Aufschlüsse: Die von Muri nach Aarau transportirten Kostbarkeiten seien in die Schatzkammer gelegt worden; von den 450 Louisd'or im Baarem kamen 350 zum (II-323) täglichen Hausgebrauche wieder nach Muri zurück; die Effekten wanderten mit dem Schatzamte nach Luzern; die Silbergeräthe, Gold- und Silberstoffe, erhielt auf Befehl der Regierung das Münzamt in Bern, welches mit den restirenden 100 Louisd'or 43,418 Fr. 82 Rp. daraus bezog. Die vorfindlichen Bücher, wie Scheuchzer etc., wurden nebst Anderm nach Muri zurückgeschickt; aber sehr viele von hohem Werthe blieben aus, darunter auch der Katalog der Bibliothek, welcher nirgends entdeckt werden konnte. Von den 50,000 Gl., welche in Ursern lagen und von den Konventualen dem Commissär Hartmann treulich angegeben wurden, erhielt der Nationalschatz nur einen Theil. Ein aus Silberfäden gemachtes Velum, das nach Stans gerettet wurde, kam wieder nach Muri zurück; hingegen die Druckerpresse, welche nach Zürich wanderte, war nicht mehr zu erhalten. Zufolge Anfrage antwortete Präsident Dolder am 20. Jänner 1805 aus Aarau: diese Presse, ohne besondern Werth, sei im Revolutionssturme mit denen von Wettingen und Einsiedeln vermischt, herumgeschleppt und „verschmissen“ worden, so dass hievon nichts mehr vorfindlich ist. Von den 6 kleinen Kanonen und 12 Katzenköpfen, welche die Franzosen wegnahmen, kehrten 1805 noch 3 Kanonen und 10 Katzenköpfe im Werthe von 93 Fr. nach Muri zurück. Das Kloster bezahlte für deren Transport aus Bern 66 Fr. Das reichhaltige Münzkabinet wurde über die Hälfte geleert; von 1717 Stücken, welche nach Bern und Freiburg wanderten, konnten noch 500 heimgebracht werden. Andere Kostbarkeiten kamen erst nach Jahrzehenten wieder nach Muri, wie ein elfenbeinernes Crucifix 1817. Dieses hieng 1793 im Zimmer des Fürstabtes Gerold II. in einem mit schwarzen Sammet ausgeschlagenen und einer Goldrahme gezierten Tableau. Die zwei Culturhelden, Ronka und Hartmann, traten in das Zimmer, rissen den kunstvoll geschnitzten Christus aus dem Tableau und warfen ihn ihrem Genossen Stadelmann zu. Dieser schenkte das Bild später in seiner langwierigen Krankheit in Luzern seinem Hausherrn als Entschädigung für die sorgfältige Pflege. Im Hungersjahre 1817 kam der letzte Besitzer in Geldnoth und ersuchte den Pfarrhelfer Staffelbach, das von ihm hochgeschätzte Kunstwerk zu kaufen. Dieser erstand es sofort und verehrte es nach Muri.21 Die Verluste der deutschen Besitzungen werden wir später im Zusammenhange melden.


  1. Arch. Muri in Gries A. IV. XII.

  2. Huber, Gesch. des Stiftes Zurzaeh, S. 201 ff.

  3. Castell, Generalzahlmeister der „gemeinen eidgenössischen Truppen“, dankte dem Kloster unter dem 23. Oktober.

  4. Vgl. Familienarchiv des Landammann Dr. Jakob Wyrsch in Buochs.

  5. Anderwert, nachgehends die Seele der thurgauischen Regierung, stand mit P. Benedikt Müller, später Prior in Ittingen, und mit dem Kloster Fischingen in guten Beziehungen und er rühmte sich später, dass er zur Besteuration der Klöster Vieles beigetragen habe (Mittheil. von P. Bern. Gyr).

  6. Arch. Muri in Gries A. I.

  7. Bei dieser Gelegenheit lernte von Wessenberg den Commissär Müller von Luzern persönlich kennen.

  8. Arch. Muri in Gries.

  9. Mehrere Briefe schildern den Triumphzug weitläufig. Eine Inschrift lautete: „Exspectatus adest, quem vota precesque precarunt“.

  10. Ohne Druckort, 165 Seiten.

  11. Arch. Muri in Gries A. VII. IX.

  12. Dr. Johann Bumüller, Weltg., IIl., 343.

  13. Aeltere aargauischs Gesetzessammlung, Bd. I., S. 22.

  14. J. Huber, Geschichte des Stiftes Zurzach, S. 204.

  15. Arch. Muri in Gries.

  16. Aeltere aargauische Gesetzessammlung I., 37. Das Dekret für die Kapuziner im Kt. Aargau erfolgte am 18. Mai 1804. Die frickthalischen Kapuzinerklöster zu Laufenburg und Rheinfelden machten, weil ihre Anzahl zu gering, von diesem Dekrete keinen Gebrauch; die Mitglieder gingen grösstentheils in andere Klöster über.

  17. Arch. Muri in Aarau S, 2. Ueber die Besitzungen im Kt. Thurgau gab Muri der Regierung in Aarau besondere Rechnung; Gebäulichkeiten zählte Muri im Kt. Aargau und Luzern 94, die einen Werth von 298,000 Frk. hatten; der Viehtstand belief sich auf 181 Btück.

  18. Dgl. war: Die Zehntpflicht vor dem Richterstuhl des Gewissens, von Walafried Greser (pseudonym).

  19. Die Gemeinde Wohlen war die erste, welche im Dezember 1804 mit dem Begehren der Zehentablösung nach Muri kam (Arch. Muri in Gries A. V).

  20. Eppishausen kaufte ein Herr Häfeli (Arch. Muri in Gries A. IV. IX.).

  21. Arch. Muri in Gries A. IV. VIII.