Sechstes Kapitel. Wiederherstellung der Klöster – Fortsetzung.

(II-324) Dem Muristifte, wie auch den übrigen Klöstern in der Schweiz würde die Zurückgabe und Selbstverwaltung der zeitlichen Güter wohl wenig genützt haben, wenn die Regierung den Konventen durch das Verbot der Novizenaufnahme den Nachwuchs versagt hätte. Das Hauptstreben unserer Mitbrüder ging desshalb dahin, mit den übrigen Gotteshäusern und Stiften Bittgesuche an die hohe Tagsatzung zu richten, junge Kräfte in den Verband aufnehmen zu dürfen. Zur Erreichung dieses Zieles entwickelte P. Meinrad Bloch die grösste Thätigkeit. Ihn unterstützten mit Kraft die Prälaten von Einsiedeln, Fischingen, Wettingen, der päpstliche Commissär Paul Steinach in Luzern, die Patres Januarius und Wolfen von Rheinau u. s. w. Der apostolische Nuntius Caprara, der wieder in die Schweiz gekommen war, legte gleichfalls für die Erhaltung der Klöster überhaupt und insbesondere für das Wohl der Benediktiner grossen Eifer an den Tag. P. Meinrad bat die Tagsatzung, dahin zu wirken: a) dass alle Kantone in der Eidgenossenschaft zufolge des ersten Artikels im Nachtrage der Vermittlungs-Urkunde die Rückgabe des Eigenthums der Klöster verordnen und die freie Selbstverwaltung ihres Eigenthums nach seinem ganzen Inhalte gestatten, b) dass sie die Existenz der Klöster öffentlich aussprechen und das Verbot der Novizenaufnahme für die ganze Schweiz beseitigen und c) das Verhäitniss der Klöster zu ihren Kantonen näher bestimmen.1 An der Spitze der für P. Meinrad's Ideen gewonnen Abgeordneten auf der Tagsatzung zu Freiburg stand Bannerherr Jauch von Uri. Ihm schlossen sich an Dolder und Reding vom Kantone Aargau, Anderwert von Thurgau, Kraus von Luzern und A. Selbst der Kt. Glarus versprach dem Kloster Muri seinen Beistand. Auch der Landammann der ganzen Eidgenossenschaft, d'Affry, arbeitete im Sinne P. Meinrad's. Abt Beat von Einsiedeln veranlasste nun mit P. Meinrad eine Versammlung aller Prälaten und Vorsteher der Schweizerklöster in Muri (am 7. Juni 1803) zur Besprechung der gemeinsamen Eingabe an die Tagsatzung. Der Fürstabt Beat erhielt dann von den Versammelten den Auftrag, als Prinzipaldeputirter die Angelegenheit der (II-325) Klöster bei der Tagsatzung in Freiburg zu betreiben. In dem Bittgesuche, das die Abgeordneten der Klöster in Muri unterzeichneten (Beat, Abt von Einsiedeln; P. Gregor Koch, Dekan von Muri; P. Benedikt Geugis, Grosskellner in Wettingen; P. Blasius Hauntinger, Sekretär des Klosters Rheinau;2 P. Ildefons Karpf von Engelberg),3 ward zunächst Hebung der Schulen in Aussicht gestellt. Um die Durchführung dieses Versprechens zu ermöglichen, entwarf P. Meinrad sogar einen Plan für eine unwesentliche Aenderung der innern Hausordnung in den Benediktinerklöstern, was ihm aber von denen, welche nur ein beschauliches Leben führen wollten, übel verdeutet wurde. Die Eingabe hatte gute Wirkungen. Im Hinblicke auf die Mediationsakte beschloss die Tagsatzung am 27. August: 1) kein Kanton ist befugt, die Rückstellung der Klostergüter zu verweigern; der Landammann der Schweiz ist desshalb beauftragt, diesem Punkte überall die Vollziehung zu verschaffen; 2) mit den Gütern selbst sei den Klöstern deren Genuss und Selbstverwaltung eingeräumt; hiebei bleibe den Kantonen jedoch unbenommen, selbe genau zu beaufsichtigen und sich von ihnen jährlich Rechnung geben zu lassen, die Entfremdung des Eigenthums zu verhindern und die Klöster zum Mittragen der öffentlichen Lasten und zur Hebung der Jugendbildung anzuhalten. – Die Frage wegen der Novizenaufnahme wurde verschoben; jedoch sei, heisst es weiter, den Regierungen jede Art der Säkularisation verboten.4 Gegen diese Beschlüsse legte der Abgeordnete von St. Gallen, Karl Müller-Friedberg, Verwahrung ein und erklärte, „dass er politischer Verhältnisse wegen das Gutachten und die Beschlüsse als ohne Bezug auf das Kloster St. Gallen erkennen müsse.“ Thurgau anerkennt laut der Mediationsakte die Zurückgabe der Güter, erklärt aber, dass jede weitere Ausdehnung und Erläuterung jenes Artikels ausser Befugniss der Tagsatzung liege.

Die Novizenaufnahme war eine Lebensfrage für die Klöster, selbe aber zu einem Tagsatzungsbeschluss zu erheben, schien anfänglich fast unmöglich, weil die Regierungen der meisten protestantischen, wie auch die liberalen Regierungen katholischer und paritätischer Kantone grundsätzlich dagegen waren. Gleiche Schwierigkeit bot in dieser Sache das Zusammenwirken der (II-326) Klöster selbst. Je nach ihrer Stellung zu ihren weltlichen Behörden wollten oder konnten einige nicht mitgehen. Die Klöster in den Urkantonen, Zug, Freiburg, Solothurn und Graubünden bedurften keines Beschlusses der Tagsatzung, weil ihnen die Regierungen ohne solchen die Aufnahme der Novizen gewährten, den Klöstern aber in den überwiegend protestantischen Orten, wie in Zürich und Appenzell A./Rh., hätte die Mithilfe zu einem derartigen Beschlusse mehr schaden als nützen können. Allein die Klöster in paritätischen Kantonen, wie in Aargau, Thurgau, St. Gallen und Glarus, und die in Kantonen mit liberalen Regierungen, in Luzern und Tessin, mussten und konnten auf Erlangung eines solchen Tagsatzungsbeschlusses hinwirken. P. Meinrad begriff den Stand der Dinge wohl, forderte daher die Gotteshäuser dieser letztgenannten Kantone zur Einheit und Mithilfe auf und bat die Tagherren um diesbezügliche Anträge und ihre Zustimmung auf der Tagsatzung. Diese war im Juni 1804 in Bern versammelt. P. Meinrad eilte als Abgeordneter der aargauischen Klöster sofort dahin und arbeitete mit P. Benedikt Müller aus Ittingen, dem Bevollmächtigten der Klöster im Thurgau, für den angedeuteten Zweck. Der kräftige Landammann Jauch war wegen Krankheit nicht anwesend; statt seiner wirkten für die Klöster Landammann Wyrsch von Nidwalden und Karl Zay von Art, Kt. Schwyz.5 Eine Versammlung der Abgeordneten aus den katholischen und paritätischen Kantonen erzielte noch kein günstiges Resultat. Uri verlangte instruktionsgemäss in allen Richtungen, d. h. für alle confessionellen Rechte der Katholiken, Garantie. St. Gallen berief sich neuerdings auf seine Souverenität und wollte nur dem sich unterwerfen, was buchstäblich durch die Mediationsakte vorgeschrieben ist. Der Gesandte von Aarau lehnte das Eintreten ab, „nimmt seinen Hut und geht“; Thurgau (Anderwert) seufzt, denn sein Kanton ist auch „der gleichen Meinung, wie St. Gallen und Aargau“; Uri und Schwyz wurden „heftig“; „St. Gallen exkusirte sich und geht andern Geschäften nach“.6 Jetzt trat der päpstliche Nuntius ins Mittel und arbeitete für die Klöster. Er empfahl der Tagsatzung in eindringlicher Sprache die Hinwegräumung aller und jeder Hindernisse, die der freiesten eigenen Verwaltung des Klostereigenthums, sowie der freien Aufnahme der (II-327) Novizen bis anhin in den Weg gelegt wurden. Nur für das Stift St. Gallen erhob der Nuntius, Testaferrata, beeinflusst von K. Müller-Friedberg, nicht mit gleicher Kraft seine Stimme. Den päpstlichen Gesandten unterstützte in erster Richtung der gelehrte Propst Göldlin in Beromünster, indem er in öffentlichen Zeitschriften das Novizenaufnahmsrecht der Klöster in einer Reihe von Aufsätzen besprach. Abt Gerold II. von Muri erstattete dem Nuntius (14. Juli 1804) den wärmsten Dank.7 Endlich machten am 26. Juli die katholischen und paritätischen Kantone, mit Ausnahme der Stände von St. Gallen, Aargau, Thurgau und Tessin bei der Tagsatzung nachstehenden Vortrag: „In Folge der Einladung des Herrn Landammann der Schweiz“ haben die Gesandten der katholischen und paritätischen Stände die Ehre, „der hohen Tagsatzung ein einmüthiges Resultat ihrer Conferenz (vom 25. Juli) vorlegen zu können: 1) Sämmtliche nachstehende Kantone verstehen sich als Maxim anzunehmen; keine Klöster in ihren Kantonen anders als in Folge eines besondern mit dem päpstlichen Stuhle abzuschliessenden Concordates aufzuheben; 2) die Novizenannahme durch keine solche Einschränkungen zu erschweren, welche die Fortpflanzung der Klöster gefährden könnte; 3) diese Maximen sollen ohne Ausnahme auf alle jene Klöster angewendet werden, die sich dem Staate und der Gesellschaft auf eine dem Geiste ihrer Stiftung angemessene Weise gemeinnützig zu machen geneigt und bereit sein werden.“ Diese Grundsätze waren unterzeichnet von den Gesandten der Kantone Uri, Sehwyz, Unterwalden, Luzern, Glarus, Zug, Freiburg, Solothurn, Appenzell I./Rh. und Graubünden; die Gesandten der Kantone St. Gallen, Aargau, Tessin und Thurgau, welche nach ihrer Instruktion Namens ihrer Regierungen sich nicht dazu verbinden konnten, erklärten, ihren Kantonsregierungen die Gutheissung und Genehmigung obstehender verabredeten Maximen mit allem Nachdrucke empfehlen zu wollen. Die Tagsatzung beschloss dann „im lebhaften Gefühle der Freude über diese vergnügliche Erledigung eines so wichtigen Geschäftes: „den Vortrag der löblichen katholischen und paritätischen Stände in das Protokoll und den Abschied aufzunehmen und den Landammann der Schweiz zu ersuchen, von dem ganzen Resultat der Verhandlung über die Klösterangelegenheit dem apostolischen Nuntius beförderlich Mittheilung geben zu wollen.“8

Die St. gallische Gesandschaft sprach sich im Berichte an ihre Regierung über obige Sitzung höchst tadelnd und (II-828) verächtlich aus. Sie schreibt unter Anderm: „Klosterdeputirte von Muri, Wettingen, Karthause (Ittingen) betrieben die Machination mit den gewohnten Mitteln.“ – Vom päpstlichen Nuntius schreibt sie: Dieser habe auf einer besondern Conferenz auf den Gesandten (Müller-Friedberg) zu wirken gesucht; es sei aber auch umgekehrt auf den Nuntius gewirkt worden; am grellsten hätten sich bei dieser Klostergeschichte Schwyz und Unterwalden betragen.9

Karl Müller-Friedberg wollte um jeden Preis die Aufhebung des Klosters St. Gallen, und gebrauchte desshalb mit seinen Genossen auch die verwerflichsten Mittel10 (Vorenthaltung der Aktenstücke an die betreffenden Behörden, listige Gewinnung der im Auslande befindlichen Klostergüter für die Regierung u. s. w.). Abt Pankraz hatte wohl vor der Mediationsakte den Besitz der weltlichen Herrschaft noch angestrebt, aber seit dem Oktober 1803 liess er selbe entschieden aus seinem Programme fallen und verlangte nur die Wiederherstellung des Klosters. Das erhellt deutlich aus seinem Schreiben an den Hofrath Müller in Wien (20. Okt.): „In meinem Schreiben an den Kanton St. Gallen ist keine Spur von Ansprüchen auf die Landesherrlichkeiten, vielmehr muss man aus denselben das Gegentheil ersehen. So sind auch die meisten andern Vorwürfe beschaffen.“11 Durch seine Thätigkeit, durch die des Kardinal's Consalvi und des Papstes Pius VII.12 wurde die Säkularisation des Stiftes auf kurze Zeit vereitelt. Selbst der päpstliche Nuntius und sein Sekretär Cherubini, die sich von Müller-Friedberg hatten gewinnen lassen, waren seit 1804 für den Fürstabt Pankraz thätig. Mehrere aus dem geistlichen und weltlichen Stande schrieben und sprachen für die Erhaltung dieses Klosters, und auch die Kapitularen, welche die junge Regierung in ihr Netz bekommen, schlossen sich den treu gebliebenen Konventualen an und versprachen ihren Vorstehern den schuldigen Gehorsam. – Aber gegen List und rohe Gewalt vermag die geistige Kraft des Menschen nicht zu bestehen. Mit 36 (darunter waren 12 katholische) gegen 33 Stimmen wurde am 8. Mai 1805 die Aufhebung des altehrwürdigen Klosters St. Gallen ausgesprochen.13 Beinabe hätte im gleichen Kantone das Kloster (II-329) Pfäfers derselbe Schlag getroffen, weil es die Schulen nach den Staatsvorschriften nicht übernehmen konnte. Es entging der Auflösung nur, indem es sich verbindlich machte, einen jährlichen Beitrag von 2000 Gl. R. W. an den Staat zu entrichten.14 Aehnliche Bedingungen knüpften diejenigen Regierungen an die Gewährung der Novizenaufnahme, welche dieselbe den Klöstern ihres Kantons nur in Folge des Tagsatzungsbeschlusses gestatteten. So hatte St. Urban auf Begehren der Luzerner-Regierung ein Lehrerseminar zu übernehmen; das jedoch sowohl dem Konvente, als auch dem Kantone später zu grossem Nutzen gereichte. Das Stift Rheinau, welches durch die Vermittlungsakte dem protestantischen Kantone Zürich zugetheilt ward, wollte dem Begehren der Regierung, sich mehr an der Jugendbildung zu betheiligen, nicht entgegen kommen. P. Meinrad von Muri trat auf den Wunsch seines Freundes, P. Wolfen in's Mittel und vermochte die Konventualen sich für den Unterricht der Jugend bereit zu erklären. P. Wolfen dankte ihm dafür (12. Dezember 1806), indem er schrieb: „Ich weiss, was Sie mir und unserem Stifte bisher waren und noch sein können. Sparen sie doch keine Mühe, um unser noch immer in Gefahr schwebendes Kloster sicher zu stellen.“

Die aargauische Regierung hatte zwar nicht, wie die von St. Gallen, den Tagsatzungsbeschluss hinsichtlich der Klöster grell verletzt, jedoch zögerte sie mit dessen Vollziehung. Der Nuntius liess sie daher durch den schweizerischen Landammann daran erinnern. Zugleich schickten die Klöster Muri und Wettingen, wie auch die vier Konvente der Frauen dieses Kantons im Frühjahr 1805 eine Deputation, an deren Spitze P. Meinrad stand, nach Aarau, um die Novizenaufnahme von der Regierung zu erbitten. Am 16. April berichtete P. Meinrad nach Muri, was jeder der von ihm besuchten Regierungsräthe über die Angelegenheit gesprochen habe. An die Gewährung der Bitte hätten sie fast alle in verschiedenen Conferenzen folgende Bedingungen geknüpft: a. Muri soll ein Priesterseminar errichten oder sich überhaupt um die Jugendbildung mehr annehmen; b. eine freiwillige Abgabe (don gratuit) von 6000 Fr. jährlich an den Staat zahlen und dessen Wohl nach Kräften befördern; c. der Zehentablösung laut Vermittlungsakte ihren Gang lassen und sich einer guten Oekonomie befleissen. Gleichzeitig war P. Meinrad in Aarau und in Baden bemüht, die Abneigung mehrerer selbst katholischer Regierungsräthe gegen die Gymnasien und die Philosophie in Klöstern zu beseitigen und den Konvent von Wettingen, wo er vom 21. bis (II-330) April weilte, für Hebung der Schulen zu stimmen. Am April sehen wir P. Meinrad wieder in Muri. Er fand dort ein Schreiben des Nuntius vor, welcher dem Konvente unter Strafe der Exkommunikation verbot, ohne sein Wissen mit der Regierung von Aarau zu unterhandeln. Diesen Umschlag der Dinge bei der Nuntiatur, die kurz vorher in einem Schreiben an die Regierung von Aarau sich mehr als willfährig bezüglich der Klöster gezeigt hatte, bewirkte der Abt von Wettingen, der, unzufrieden über das Entgegenkommen der Abgeordneten15 in Aarau, sogleich nach Luzern zum Nuntius geeilt war. Um den guten Eindruck, welchen die von P. Meinrad gemachten Anerbietungen auf die aargauische Regierung gemacht hatten, durch Verschiebung einer definitiven Erklärung der betreffenden Konvente nicht zu verwischen, musste der Nuntius sogleich eine klare Einsicht in die Lage der Dinge bekommen. Die Patres Meinrad und Ambros eilten daher den folgenden Tag nach Luzern und setzten die Verhandlungen auf den Conferenzen in Aarau dem apostolischen Nuntius umständlich auseinander. Als dieser sie angehört hatte, rief er voll Begeisterung aus: „Ihr müsst dieses Opfer bringen; ihr müsst auch den Jugendunterricht übernehmen, und könnt nicht einmal das Priesterseminar von der Hand weisen, weil die Bedürfnisse dieses Kantons es verlangen.“ Für die Uebernahme des letztem war Muri minder geneigt, weil es dadurch die Exemption und die Klosterdisciplin gefährdet glaubte. Der Nuntius wollte aber in seinem Eifer diese Bedenken durch eine päpstliche Bulle beben. Mittlerweile hatte das Kapitel in Muri die Seminarfrage und die wegen des freiwilligen Beitrages von 6000 Fr mit Ernst erwogen und also sich ausgesprochen: man solle wegen des Seminares und der 6000 Fr. der Regierung eine „gemessene“ Vorstellung machen. Kaum war P. Meinrad von Luzern zurückgekehrt, so fasste er das Schreiben im Sinne des Kapitelbeschlusses ab und sandte es den 26. April nach Aarau. Regierungsrath Reding, ein Mann gutkatholischen Sinnes antwortete ihm am 1. Mai im Auftrage der Klostercommission: „Die kluge Sprache,“ sagt er, „die in ihrem eingereichten Schreiben herrscht, ist mir Bürge, dass Ihr Herz und Ihre Vernunft Ihnen Alles und mehr sagen; als ich Ihnen über den im Wurfe liegenden Gegenstand nach dem Wunsche der Kommission zu sagen vermöchte … Ich bin beauftragt, Euer Hochwürden zu beschwören, dass Sie doch allen Ihren Einfluss anwenden, um Ihren würdigen Abt und das Kapitel zu vermögen, das Opfer von 6000 Fr. zu bringen, und solche (II-331) als einen freiwilligen Beitrag zu den Schul- und Armenanstalten anzubieten. Dieses werde auf die Herzen unfehlbar wirken.“

P. Meinrad's Ueberzeugungsgabe musste sich jetzt im Kreise seiner eigenen Mitbrüder erproben, und – sie hat sich bewährt. Abt und Kapitel erklärten sich bereit, für die Erlaubniss freier Novizenaufnahme 6000 Fr. jährlich für die angedeuteten Zwecke zu zahlen.

Bezüglich des Seminars geschah im Schreiben aus Muri an die Regierung nur unter dem Ausdrucke „Unterrichtsanstalten für die Jugend“ Erwähnung, weil dasselbe im Kapitel auf grossen Widerstand stiess. Indessen wollte der „Kleine Rath“ durchaus in die Gesetzesvorlage für den „Grossen Rath“ die Uebernahme des Priesterseminars als Bedingung für die Novizenaufnahme eingerückt wissen. Muri musste es geschehen lassen, und so erst gewährte nach hitziger Debatte der „Grosse Rath“ am 29. Mai 1805 den Klöstern des Kantons die Aufnahme junger Mitglieder. Die Einleitung des Gesetzes lautet: „Der Präsident und die Räthe des Kantons haben in der ebenso gerechten als wohlthätigen Absicht das Dasein dieser religiösen Körperschaften zu schützen und mit der Wohlfahrt des Staates und des Volkes immer mehr zu verbinden, für nöthig erachtet, den Fortbestand derselben und ihre Verhältnisse zum Staate gesetzlich zu bestimmen.“ Demnach folgen in 17 Paragraphen die Verordnungen und Bedingungen, welche sind: alle Klöster sollen nach ihrer Lage, ihren Verhältnissen und Kräften sich für Religion, Staat und Gesellschaft nützlich machen und zwar sowohl „mittels der wissenschaftlichen Kenntnisse ihrer Ordensmitglieder als mittels ihres Vermögens zur Vervollkommnung der Lehrunterrichts- und Armenanstalten beitragen; die Beiträge dürfen aber niemals zu einem andern Zwecke als zu Schul-, Lehr- und Armenanstalten verwendet werden.“ Daher sollen (§ 4) „aus diesen Beiträgen der Klöster auch vorzüglich die Schulen in den katholischen Gemeinden unterstützt und vervollkommnet und überdiess noch in dem katholischen Theile des Kantons und an einem hiezu schicklichen Orte eine Gymnasialanstalt nach einem auszuarbeitenden Plane errichtet, wie auch zu Gunsten jener Jünglinge, die sich dem katholischen Priesterstande weihen wollen, ein Seminarium und zwar im Stifte Muri, eingeführt, daselbst ein vollständiger Kurs gegeben und zu diesem Ende örtliche Einrichtung dieser Anstalt von Seite des Kl. Rathes, einverständlich mit den Vorstehern des gedachten Gotteshauses mit möglichster Beförderung angeordnet werden.“

„In der gleichen Absicht verfügen wir auch (§ 5), dass zur Ausbildung der Jünglinge, die sich im weltlichen Stande einem höhern Berufe zu widmen gedenken, ein gemeinschaftliches (II-332) Lyceum errichtet und auf demselben die dem weltlichen Stande vorzüglich nützlichen, höheren Wissenschaften gelehrt werden sollen.“

„Die Beiträge der bestehenden sowohl, als der … eingehenden Klöster sollen vorzüglich zu diesen wohlthätigen Zwecken … zu Bildung gemeinnütziger Armenanstalten angewendet werden.“

„Diese Beiträge … werden entweder von ihrem eigenen Anerbieten von Uns angenommen, oder auch auf einen bestimmten Vorschlag des Kl. Rathes festgesetzt.“

Dem gemäss wird der Fortbestand ausser dem schon bewilligten Kapuzinernoviziate16 nachfolgenden Klöstern gesetzlich zugesichert: a. dem Benediktinerstifte Muri; b. dem Bernardinerstifte Wettingen; c. dem Frauenkloster Fahr und d. dem Frauenkloster Hermetschwil.17

Während Muri als Beitrag für Schul- und Armenanstalten jährlich 6000 Fr. zahlen musste, hatte Wettingen jährlich 5000 alte Fr. zu entrichten. Dieser Ansatz blieb mit einigen Abänderungen (Erhöhung oder Verminderung) bis 1817, wo er für Muri auf 4000 und für Wettingen auf 3000 alte Fr. herunterstieg, nach 18 Jahren aber, 1831, sprang dieser Beitrag plötzlich auf 11,000 alte Fr.; für Muri ging er nach 4 Jahren (1835) auf 16,200 und das letzte Jahr (1840) sogar auf 21,640 alte Fr. empor. Somit erreichten die Extrabeiträge Muri's an den Staat von 1805-1841 die ansehnliche Summe von 286,840 alte Fr.18 An die Kriegs- und Vermögenssteuer, die von 1825-1826 für den ganzen Kanton 1,324,424 a. Fr. betrug, zahlte das Kloster Muri 70,070 a. Fr., somit fast den 16. Theil der ganzen Steuer bei einer Bevölkerung von beinahe 200,000 Einwohnern. Seit dem Jahre 1831 verpflichtete man auch die armen Frauenklöster Fahr, Hermetschwil, Gnadenthal und Maria Krönung zu Extrastaatsbeiträgen.

(II-333) Mit diesen Opfern wurde die Novizenaufnahme von den Klöstern im Kt. Aargau erkauft. P. Leodegar Schmid, Konventual von Muri, betrachtete obiges Dekret demnach in einem Schreiben an seinen Bruder, Mitglied des Gr. Rathes, als eine Wohlthat für die Klöster. „Wenn das,“ schrieb dieser ihm zurück, „so möge er es der politischen Lage verdanken. Die Freiämter stimmten sehr dafür, die reformirten Rathsherren jedoch dagegen. Die zwei Klöster Muri und Wettingen werden durch dieses Gesetz gewinnen. Was die Einrichtung eines Lyceums betrifft, so scheint mir, es käme weniger auf den Ort, als auf die Grundsätze und den Willen der Disponirenden und Vollziehenden an.“ Derselbe schrieb an den gleichen das vorhergehende Jahr: „Es ist um alle Klöster geschehen. Die Anerbietung freiwilliger Gelder wird wenig nützen; man will einmal die Klöster nicht; früher oder später wird es zu deren Aufhebung doch kommen.“19

Im Juni 1805 erklärten die Abgeordneten des Kt. Aargau auf der Tagsatzung, warum ihre Regierung dem letztjährigen Concordate rücksichtlich der Klöster nicht beigetreten sei: „Im Gefühle für ihre religiösen Pflichten, aus schuldiger Rechnung für den wahren Wohlstand ihrer Untergebenen, in dem Wunsche endlich, so viel an ihr liegt, zu allem beizutragen, was die Eintracht in dem allgemeinen Vaterlande befestigen kann, habe indessen dieselbe durch ein besonderes Gesetz die Existenz der Klöster in dem Kantone auf eine Weise zugesichert, welche hoffentlich den Wünschen aller katholischen Kantone entsprechen werde.“ Dann überreichten sie dem Präsidenten die Gesetze vom 29. Mai. Die hohe Tagsatzung gab ihre Zufriedenheit zu erkennen.20

Muri glaubte sich am meisten durch das ihm zugemessene Priesterseminar belastet. Propst Göldlin in Münster, mit Muri gut befreundet, suchte durch wichtige Gründe die Kapitularen zu dessen Uebernahme zu bestimmen; allein P. Leodegar Schmid schrieb und arbeitete dagegen. Göldlin citirte aber den hl. Bischof Martin von Tours, der gleichfalls ein solches Priesterseminar gehabt habe. Zugleich bietet er den Konventualen aus seiner Bibliothek einschlägige Werke zum Gebrauche an und spricht die Ueberzeugung aus, dass in Muri sicher ein besserer Weltklerus gebildet würde, als in dem von Dereser, einem erklärten Josefiner, in Luzern eröffneten Priesterseminar. Die Worte dieses gelehrten Mannes und die Bitten P. Meinrad's blieben unbeachtet, Abt und Konvent baten den Nuntius, dass (II-334) er ihnen zur Abwendung dieser Last verhilflich sei. Testaferrata erklärte sich, obwohl er P. Meinrad vor wenigen Monaten zur Uebernahme dieses Opfers aufgefordert hatte, bereit, nach Aarau zu eilen, um nach dem Wunsche der Mehrheit des Kapitels daselbst zu arbeiten. Den Zweck erreichte er um so leichter, weil die Protestanten dem Priesterseminar in Muri grundsätzlich entgegen waren.21 Mit diesem liess die Regierung auch die Gründung eines Lyceums in Muri fallen.

Noch im gleichen Jahre (19. Dezember) eröffnete Muri sein Noviziat. Der Bruderkandidat Jodok Johann Strebel von Buttwil hatte dasselbe bereits 1797-1798 bis auf wenige Monate gemacht. Mit Erlaubniss des Nuntius wurde das zweite abgekürzt und ihm am 25. Februar 1806 der Name Jakob gegeben. Sogleich meldeten sich sieben Candidaten, unter welchen der talentvolle Keller war, der sich später als P. Josef bemerkbar machte. Mit fünf andern jungen Männern legte er am 31. März 1807 zur Freude des Klosters die hl. Profession ab.22 Das gab dem Konvente frisches Leben und neuen Muth; die alten Arbeiten im Archive und in der Bibliothek wurden wieder aufgenommen, der Unterricht fleissig fortgesetzt, Zucht und Ordnung genau beobachtet und die Tagzeiten fröhlich gesungen. Jene Konventualen, welche durch die französische Revolution deportirt worden, waren entweder in die stillen Mauern des Klosters zurückgekehrt oder hatten auf Pfarreien und Herrschaften ihre Verwendung gefunden.23

Empfindsam drückte auf die Oekonomie der Verlust der deutschen Herrschaften.


  1. Muri hatte in diesem Sinne fast an alle 19 Kantone der Eidgenossenschaft Schreiben ergehen lassen.

  2. Dieser unterzeichnete zugleich für die Klöster St.Gallen, Fischingen, Kreuzlingen, Ittingen und St. Katharinathal.

  3. Arch. Muri in Gries A. VII. XI.

  4. Bannerherr Jauch hatte im obigen Sinne bei der Tagsatzung die Anträge gestellt (19. Aug.) und Landammann Wyrsch gab unter dem 26. August dem P. Meinrad Bloch umständlichen Bericht über die Commissionalanträge.

  5. Arch. Muri in Gries A. VII. XI. – K. Burger, Karthäuser in Ittingen, spricht in einem Briefe vom 10. Juni 1804 seine Beruhigung für die Klöster aus, weil P. Meinrad Bloch von Muri deren Angelegenheit besorge.

  6. St. Gallischer Gesandtschaftsbericht an den „Kleinen Rath“ (Baumgartner II., 136 ff.).

  7. Arch. Muri in Gries A. VII. XI.

  8. Auszug aus dem Protokoll der Tagsatzung vom 26. Juli 1804.

  9. Baumgartner II., 138-142.

  10. Daselbst, S. 136 ff.

  11. Baumgartner II., 55.

  12. In einer Denkschrift an Napoleon legte er diesem die Erhaltung der Schweizerklöster im Allgemeinen und im Besondern die des Klosters St. Gallen ans Herz.

  13. Baumgartner II., 197-200.

  14. Konvention vom 22. März 1805,

  15. Den P. Meinrad begleitete P. Ambros Bloch, der später (1816) Abt von Muri wurde.

  16. Dekret vom 8. Mai 1804 (Aeltere aarg. Gesetzessammlung I., 380).

  17. Die zwei Frauenklöster Gnadenthal an der Reuss und Maria Krönung in dem Stadtgebiete Baden sollten laut dieses Dekretes aufgehoben werden. Allein die Existenz von Gnadenthal wurde später durch namhaften Vermögensbeitrag des Klosters Wettingen gesichert, und das Klösterlein in Baden liess die Regierung zufolge eines frühern Dekretes vom 3. Mai 1803 bestehen. – Das Damenstift Oelsberg im Frickthale, welches unter Oesterreichs Regierung durch Kaiser Josef in der Weise nahezu säkularisirt wurde, dass nur die Abtissin Gelübde abzulegen hatte, die Stiftsfräulein aber in bürgerlicher Kleidung erscheinen, austreten und heirathen konnten, sollte nach dem Dekrete vom 29. Mai 1805 in eine Erziehungsanstalt für die weibliche Jugend umgeschaffen werden; 1839 wurde das Stift aufgehoben und erhielt seitdem mehrere Zweckbestimmungen.

  18. Arch. Muri in Aarau, Rubrik „Allerlei“.

  19. Arch. Muri in Gries A. IV. XII.

  20. Auszug aus den Abschieden des Jahres 1805.

  21. Wohl znm Glücke des Klosters; denn sonst wäre die Leitung dieses Seminars ohne Zweifel dem P. Viktor Keller aus St. Blasien mit seinem liberalen Anhange von der Regierung übertragen worden (Arch. Muri in Gries A. IV. XII.).

  22. Matthäus Glatthaar von Rottweil, dem die hohe Regierung aus Gnade in Muri einzutreten gestattete, verliess während des Noviziates das Kloster.

  23. So wurde P. Martin Fassbind 1800 Pfarrer in Glatt und P. Johann Ev. Borsinger Statthalter in Klingenberg.