Zweiter Abschnitt. Muri's kurze Zeit des Friedens, letzter Kampf, Untergang und Wiederaufblühen in Gries.

Erstes Kapitel. Gregor Koch, XLVII. Abt (1810-1816).

(II-373) Die verwaisten Kapitularen von Muri bestimmten den 27. Februar (1810) für die Wahl eines neuen Oberhauptes. Dem Herkommen gemäss ersuchten sie sofort den apostolischen Nuntius, dem Wahlakte zu präsidiren. Der Kantonsregierung musste gleichfalls der Wahltag angemeldet werden. Bei der Wahl des Abtes Benedikt II. von Wettingen (1807) war ein Abgeordneter aus ihrer Mitte anwesend, und einen solchen scheute das Muri-Kapitel. P. Meinrad, der mit der Todesanzeige des verstorbenen Abtes nach Aarau ging, suchte aus allen Kräften das Erscheinen eines Regierungsabgeordneten für den 27. Februar zu verhindern. Auch der Nuntius wirkte im Sinne P. Meinrad's durch Briefe auf den Kl. Rath, indem er diesem durch Angabe des Wahlmodus zu verstehen gab, dass derselbe die Anwesenheit jedes Unbetheiligten streng verbiete. Die Regierung sah über diese Vorstellungen hinweg, ernannte in der Person des Regierungsrathes Baldinger einen Deputirten, gab ihm eine längere Instruktion in die Hände und schickte ihn am Vorabende des Wahltages unter dem Vorritt des Standesweibels in der Kantonsfarbe nach Muri.1

Der Wahl präsidirten nebst dem Nuntius die Aebte von Einsiedeln (Konrad IV.) und Rheinau (Januarius II.). Vor ihnen (II-374) erschienen 30 stimmfähige Kapitularen. Der Regierungscommissär kam vor Beginn der eigentlichen Wahl in die Versammlung, bestieg die für ihn bereit gehaltene Rednerbühne, sprach als Katholik zu den Wählenden über die Wichtigkeit dieses Tages und erklärte dann: er habe den Auftrag, sofort nach Eröffnung der Wahlverhandlungen die Versammlung zu verlassen und ausserhalb der Klausur das Ergebniss der Wahl abzuwarten. Baldinger entfernte sich, und – Gregor Koch, Dekan des Kapitels, wurde mit Einmuth zum 47. Abte erwählt. Den Fürstentitel hatte das Kapitel wegen Verlust der deutschen Herrschaften und aus andern Gründen beseitigt. Baldinger wurde sogleich von der getroffenen Wahl benachrichtigt. Er sprach sich später über den ihm zu Theil gewordenen Empfang in Muri sehr befriedigend aus, und übersandte dem P. Meinrad die vor den Wählern gehaltene Rede; – sie ist eines katholischen Staatsmannes würdig.

Am 22. März bestätigte der Fürstbischof von Constanz, Karl Theodor, den Gewählten mit einem die Exemption des Klosters verletzenden Ausdrucke.2 Dagegen protestirte Muri, veranlasst vom Nuntius, weil es, wie Rheinau, Engelberg und Fischingen zufolge der Exemption dem hl. Stuhle unmittelbar unterworfen.

Die Benediction vollzog, nachdem die Bestätigung geregelt war, der Nuntius selbst unter der Assistenz der Aebte von Einsiedeln und Rheinau am 6. Mai. Sie wurde mit grösster Feierlichkeit begangen; denn Abt Gregor war der Geistlichkeit wie auch den weltlichen Behörden und dem Volke lieb und werth. Die Regierung in Aarau „anerkennt ihn um so eher als Prälaten, weil sie diese Stelle in den Händen eines Mannes sieht, der sich durch seine frühern Verdienste um das Gotteshaus Ansprüche auf ihr Zutrauen erworben hat“. Die der Feier anwohnende Volksmenge sagte allgemein: „Einen günstigeren Prälaten hätten wir nicht bekommen können“.3 Weil das Kloster seit dem Verluste der niedern Gerichtsbarkeit keine eigene Polizei, wie ehemals, hatte, so sorgte der Bezirksammann, dem dieselbe jetzt unmittelbar unterworfen war, bei dieser und bei andern ähnlichlichen Feierlichkeiten für die Aufrechthaltung der äussern Ordnung. Zu diesem Zwecke waren fünf Polizeimänner (II-375) („Landjäger“) und 16 Mann von der Gemeinde Muri bestimmt Der Gemeinderath der Pfarrei hatte in der Kirche einen Ehrenplatz und erschien bei der Tafel. P. Beat Fuchs und Fr. Josef Keller besorgten die theatralische Vorstellung – die 6 Tagwerke. Der Abt Januarius von Rheinau verehrte dem gefeierten Prälaten zwei Oelgemälde, eines den Papst Pius VII., das andere den Abt Januarius selbst vorstellend. Die alte Freundschaft zwischen Muri und Rheinau wurde dadurch wieder neu belebt und durch gegenseitige Besuche stets lebendig erhalten. Nicht selten machten nach erfolgter Einladung mehrere Murikonventualen ihre Vakanzreise nach Rheinau und umgekehrt. So gibt Abt Ambros (1821) dem verdienten Abte Januarius zu Rheinau die schmeichelhafte Nachricht, dass die Muri-Fratres, heimgekehrt von der abgehaltenen Disputation in Rheinau, des Rühmens über die freundliche Behandlung daselbst nicht satt werden können.4

Kaum war die Benedictionsfeier vorüber, so vergass die aargauische Regierung nicht die für die Bestätigung eines neu gewählten Abtes von Muri im Jahre 1808 stipulirte Taxe – Frk. 840 – rechtzeitig einzufordern. Dem Kloster schien die Taxe zu hoch gestellt und es sandte wiederholt Bittgesuche an die Regierung für deren Minderung. In Anbetracht der Zeitverhältnisse und des Verlustes in Deutschland begnügte sich die Regierung wirklich (im Sept. 1811) mit 400 Frk., welche Summe sogleich ausbezahlt wurde.5 Was die acht alten Orte früher „Recognitionsgeld“ hiessen, das nannte jetzt die aargauische Regierung „Confirmationsgeld“.

Abt Gregor erblickte das Licht der Welt in Altwis, Pfarrei Hitzkirch Kt. Luzern, am 21. März 1747, machte seine Studien gröstentheils in Muri, legte am 26. April 1767 die hl. Profession ab und wurde am 22. Sept 1770 zum Priester geweiht. Bald übertrug ihm der Abt höhere Aemter im Kloster, wodurch er einen klaren Einblick in den Gang der Geschäfte erhielt. Am 30. Jän. 1787 bekam er die Würde eines Dekans im Konvente, die er mit vielem Lobe bis zum Eintritte in die Prälatur bekleidete. Hartmann, dem Commissär der helvetischen Republik, trat er 17U8 kräftig entgegen und hatte nachgehends (21. Jän. 1799) mit 5 andern Mitbrüdern von den Franzosen die Deportation zu erdulden.6 Dekan Gregor begab sich zu seinem Fürstabte Gerold II. nach Glatt am Neckar, während P. Bonaventura Weissenbach als Superior das Kloster Muri leitete. Nach dem Willen des Abtes übernahm er 1800 (II-376) die vakante Kaplanei in Homburg, Kt. Thurgau. Von da durfte er 1802 wieder als Dekan in sein geliebtes Kloster zurückkehren. Seine allseitige Thätigkeit wird mit Recht gerühmt. Die von ihm hinterlassenen Handschriften, wovon aber die französische Revolution eine bedeutende Anzahl verschlungen, geben hiefür Zeugniss.7

Er zählte bereits 63 Jahre als ihm die Inful auf das Haupt gesetzt wurde. Daher war ein starkes Eingreifen in die innern und äussern Angelegenheiten seines Klosters von ihm nicht zu erwarten. In der Abwehr angegriffener Klosterrechte entwickelte er jedoch eine ungewöhnliche Kraft. Zugleich bemerken wir an ihm eine sehr gewissenhafte und genaue Abwandlung der Geschäfte. Die innere religiöse Zucht und Ordnung wollte er streng beobachtet wissen. Ein Mitglied, das sich des geistlichen Verbandes unwürdig gemacht hatte, schnitt er unerbittlich von der klösterlichen Gemeinschaft ab. – Die Leitung der Klosterschule und den Unterricht der jungen Mitglieder übertrug er tüchtigen Männern, wie P. Ambros, P. Beat Fuchs, P. Josef Keller u. s. w. Im Jahre 1812 erschien ein P. Beat Waldvogel in Muri; er war im Kriegsjahr 1809 aus St. Georg in Villingen in die Schweiz gekommen, und versah die Professur am Gymnasium unseres Klosters zwei Jahre mit Lob. – Die theologischen Conferenzen und Disputationen in der Philosophie suchte er wieder einzuführen.8 Auch für die Aufstellung und Benützung der Bibliothek gab er Vorschriften und Befehle. Die Novizenaufnahme wollte Abt Gregor für sein Kloster erleichtern; allein die Regierung hemmte sein Bemühen, indem sie verordnete; dass für die Aufnahme eines Nichtkantonsbürgers in den Klosterverband die obrigkeitliche Bewilligung einzuholen sei.9

Den Collaturen in Sursee musste Abt Gregor eine besondere Aufmerksamkeit schenken. Die Luzerner-Regierung verlangte 1811 zunächst, dass ihr der Tod eines jeden „Vierherrn“ in Sursee, wie auch die Besetzung einer jeden Pfründe daselbst angezeigt werde. Die Nottwiler, welche sich 1801 von Sursee getrennt hatten, wollten noch immer das Einkommen der „Vierherren“ aus dieser neuen Pfarrei ihrem Pfarrer zuwenden. Die Angelegenheit kam unter Abt Gregor vor das Gericht nach Luzern; allein die Nottwiler wurden abgewiesen. Unter den „Vierherren“ (II-377) selbst entstand ein Missverständniss wegen der von ihnen zu erfüllenden Pflichten. Nach alten Briefen hatte der Pleban oder Leutpriester in Sursee die Predigten allein zu versehen und bezog hiefür 26 Malter Korn. Jedoch nach dem von Luzern 1806 mit dem Bischof von Constanz abgeschlossenen, vom Papste aber verworfenen Concordate sollte die Last der Arbeiten, somit auch der Vortheil, nach Gebühr vertheilt werden. Um den Streit im Keime zu ersticken, gab Muri als Collator den Vierherren (1811), namentlich wegen Abhaltung der Katechesen, eine bestimmte Ordnung, die von der kirchlichen und weltlichen Behörde bestätigt wurde.

Generalvikar Wessenberg befahl (Juni 1810), die Installation der Regularpfarrer habe auf gleiche Weise, wie die der Säkularpfarrer zu geschehen. Muri glaubte dieser Verordnung nicht nachkommen zu müssen, weil die Regularpfarrer amovibel (absetzbar) und somit nur Pfarrvikare seien. Constanz blieb bei seinen Bestimmungen und fügte denselben nur nähere Erklärungen bei, nämlich: sie sollen zwar nach der vorgeschriebenen Form ihren Pfarrkindern vorgestellt werden, das Glaubensbekenntniss ablegen und den Eid der Treue und des Gehorsams leisten; allein der Investiturbrief, weil er vom Willen des Abtes abhängig, falle weg. Unser Konvent bewies zugleich dem Generalvikar, das Kloster habe das angedeutete Privilegium bezüglich der Installirung der Regularpfarrer schon seit dem XIV. Jahrhundert genossen, bat ihn sodann, er wolle das Stift nicht zwingen, mit andern Klöstern der Schweiz gemeinsame Sache zu machen und höhere Assistenz anzurufen, und endlich gab es ihm zu verstehen, er möge keine weiteren Verwirrungen und tiefer gehenden Unwillen unter dem Volke durch seine Neuerungen hervorrufen.10 Wessenberg hielt sich bei Beantwortung dieses Schreibens in ruhiger Fassung, nannte den Abt „Herr und Freund“ und bemerkte: dass er höfliche Vorstellungen jederzeit würdige; doch die bischöfliche Würde müsse er aufrecht erhalten zu deren Vertheidigung und Zurückweisung von Verunglimpfungen jeder Art er durch die hl. Pflicht berufen sei; Drohungen werden bei ihm niemals Eingang finden, seiner guten Sache und reinen Pflichterfüllung sei er bewusst. Schliesslich bewirkte Muri durch diesen Federkampf, dass die Installation eines Regularpfarrers nach constanzischem Rituale vom Abte oder dessen Deputirten vollzogen werden konnte.

Im Oktober 1812 empfing Muri vom Bischof von Constanz die Verordnungen bezüglich der Vakaturfälle von Pfründen, mit der Verpflichtung, denselben nachzuleben.11 Sie lauten: (II-378) a. Wird durch den Tod eine Pfründe ledig, so bezieht der Dekan das Einkommen eines Monats und sorgt während dieser Zeit für selbe; b. ist die Pfründe mehr als einen Monat vakant, so fällt das ganze Einkommen der Vakatur der Unterstützungskasse zu.

Im folgenden Jahre schloss der Kanton Aargau mit dem Bischofe von Constanz ein besonderes Concordat ab, das beste, welches seit langem in der Schweiz zwischen einer paritätischen Regierung und einem Bischof zu Stande gekommen.12 Dasselbe verbreitet sich in vier Abschnitten zunächst über die Art der Pfründeverleihung, Aufstellung einer Prüfungscommission, von der die Säkular- und Regulargeistlichen das Competenzfähigkeits-Dekret haben müssen; ferner über zweckmässige Benützung aller einfachen Beneficien zum Besten der Seelsorge und des Schulwesens; dann über Versorgung verdienter und invalider Seelsorger und Pfarrer, wofür besonders Zurzach ausersehen wurde,13 wie auch über die Unterstützung armer Seminaristen, welche der Kantonsregierung aufgebürdet wird, endlich über die Anstalt für die Correction fehlerhafter Priester, welche man mit einem Kloster oder Stifte, das die Aufsicht oder Leitung dieser Unglücklichen übernehmen sollte, zu verbinden gedachte. Dieser letzte Punkt kam nie zur Verwirklichung, und den drei andern Punkten nahm die Staatsbehörde später das innere Leben, die katholische Grundlage.

Dieses Concordat umfasste auch die bischöfliche Verordnung vom Oktober 1812 bezüglich der Pfründevakaturen. Desshalb erhob die Regierung bei den katholischen Bezirksverwaltern, also auch bei denen von Muri (1827) Reklamationen, dass die Vakaturgefälle bei ledig gewordenen Pfründen nicht laut Concordat für den Unterstützungsfond eingehen. Der damalige Abt Ambros erhielt den Auftrag, alle Todesfälle von den Pfründeinhabern der Muri-Collaturen, die sich in den Jahren 1812-1827 ereigneten, einzureichen. In der Eingabe über die Pfarrer von Muri ist bemerkt: der „Todtenmonat“ sei anfänglich von den Dekanen ohne Rücksicht auf das Concordat verschieden gefordert worden; erst später forderte ihn der Dekan gemäss dem Concordate. Der Grund dieses Verfahrens möchte in den Instruktionen, die Generalvikar Göldlin von Rom erhielt, liegen. Diese besagten nämlich: er soll „auf keine Weise die dalbergischen Uebereinkommen mit irgend einer Regierung beachten oder anerkennen.“14

(II-379) Auf politischem und kirchlichem Gebiete zeigten sich in den Jahren 1810-1816 bedeutende Veränderungen, wie in ganz Europa so auch in der Schweiz. Mit dem Falle Napoleons hatte die von ihm der Schweiz gegebene Verfassung ihr Ende erreicht (1814); die katholische Schweiz löste sich vom Bisthume Constanz ab (7. Okt. 1814); der Congress in Wien erhöhte die Zahl der Schweizer-Kantone auf 22 und genehmigte ihre neue Verfassung (1815). Der Konvent in Muri erhielt über alle innern und äussern Veränderungen genaue Berichte durch den apostolischen Nuntius, den Generalvikar Göldlin u. A. Namentlich unterhielt der letztgenannte mit P. Meinrad Bloch und P. Leodegar Schmid eine lebhafte Correspondenz, in welcher er ihnen die Leiden und Verunglimpfungen, die seiner Person reichlich von den Zeitungen15 zu Theil wurden, mit der grössten Offenheit mittheilte. Am 18. Mai 1816 schrieb er an P. Leodegar „Ich danke Ihnen für Ihre freundschaftlichen Anzeigen. Das „Missfallen“ (Displicuisse) habe ich vorgesehen. – – Ich kenne die Lage. Man hätte gerne einen Mann von liberalen Grundsätzen an der geistlichen Behörde. Nun leider zeigt mein Pastoralschreiben – „nur alten Schlendrian von apostolischen Sanktionen, Kirchenvätern, alten Kirchenliturgien“ etc. Darum schreien die Regierungen wegen verletzten Placetum … Bitten Sie Gott für mich und die Diözesankirche. Der Sturm wird zu seiner Ehre sich gewiss legen.“ – Am 5. Juni schrieb er an denselben: „Für mich soll es zur Ehre und zum Troste sein, jenen beigezählt zu werden, „die würdig gehalten wurden, für den Namen Jesu Schmach zu erdulden“. Die Angriffe, welche Regierungen und Andere gegen mich machen, geben mir die Ueberzeugung, dass es nothwendig war, einen Pastoralbrief (am 11. Nov. 1815) zu erlassen“.16

An den Abt Gregor schrieb der apostolische Nuntius Testaferrata öfters über kirchliche Angelegenheiten. So meldete er im J. 1814: er habe am 29. Januar in Basel mit dem österreichischen Minister Metternich über kirchliche Angelegenheiten der Schweiz gesprochen, zugleich habe er ihm Vieles über Muri, als einem habsburgischen Stifte, mitgetheilt und dasselbe seiner Gewogenheit empfohlen; den folgenden Tag sei er bei Kaiser Franz selbst gewesen und habe sich über den gleichen Gegenstand verbreitet. Diesem sei die Stiftung Muri's gut bekannt, und er habe versprochen das Seinige zu thun, (II-380) namentlich der Regierung von Aargau gegenüber, deren „Grundsätze prekär und klosterfeindlich“. Auf Metternich's Wunsch habe er (Nuntius) sofort ein schriftliches Memorie wegen Muri verfasst, welches derselbe mit grösster Zufriedenheit entgegen nahm.

Die thätige Verwendung des Nuntius für die Klöster der Schweiz bewirkte, dass die katholischen Stände bei den Berathungen der neuen Verfassung in Zürich (seit dem 6. April 1814) desto kräftiger für deren Erhaltung einstanden. Die Gefahr für selbe schien um so grösser zu werden, weil die Aliirten nach ihrem Einzuge in Paris (1814) der entzweiten Eidgenossenschaft zu verstehen gaben, sie wünschten die Vereinigung der XIX Kantone, mithin auch die des Kantons St. Gallen, der aus den Besitzungen des Klosters St. Gallen erwachsen war. Sein letzter Fürstabt, Pankratius, war von Wien her bis nach Frankreich dem Kaiser Franz I. ins Lager nachgeeilt und hatte ihn um Anerkennung seiner Rechte gebeten. Allein dieser ertheilte ihm nur gute Rathschläge: er solle sich „wehren“ und in der Schweiz selbst eine Partei schaffen. Pankraz, wie auch die übrigen Klöster der Schweiz befolgten diesen Rath. Der Fürstabt kam den 30. März nach Muri und liess von da aus an die XIII alten Kantone, seine ehemaligen Verbündeten, ein Schreiben für die Wiedereinsetzung in seine Rechte ergehen. Die Rückantwort des Standes Zürich trug aber schon die Ueberschrift: „An den gewesenen Abt des ehemaligen Stiftes St. Gallen“. Von den Protestanten war das Schlimmste zu befürchten, und dies um so eher, weil die österreichischen und russischen Sprecher (Lebzeltern und Capo d'Istria) dem Fürstabte Pankraz bei seiner Durchreise nach Frankreich in Zürich offen erklärten: die Protestanten wollen das Stift nicht mehr aufkommen lassen.17

Die alten Kämpen für Erhaltung und Wiederherstellung der Klöster in der Schweiz traten wieder in's Feld: von Muri – P. Meinrad Bloch und P. Leodegar Schmid; von Rheinau – P. Wolfen Zelger. Sie durften aber ihre Bestrebungen mit der Thätigkeit des Fürstabtes Pankraz nicht zu enge verbinden, um die übrigen Klöster der Schweiz, anstatt zu retten, nicht mit St. Gallen, dessen Untergang bereits in der Diplomatie beschlossen war, dem Verderben entgegen zu führen. Pankraz unterstützte sein Schreiben an die XIII Stände durch persönliche Besuche ihrer Abgeordneten in Zürich. Gleiches thaten Zelger, Bloch und Schmid. An diese Männer richteten zuvörderst die Abgeordneten des Standes Uri (Landammann Bessler, Arnold und Lussi) schon im Jänner und Februar Schreiben, worin sie ihnen die (II-381) Gefahr der Klöster schilderten. P. Wolfen, damals Vicestatthalter in Mammern, entwickelte sofort mit seinem Bruder, Landammann Zelger von Nidwalden, u. A. eine ungewöhnliche Rührigkeit. P. Meinrad stand mit Landammann Karl Burger von Glarus in Verbindung und entwarf, im Einverständnisse mit P. Wolfen und mehreren katholischen Abgeordneten in Zürich, Eingaben an die Kantonsregierungen und an die Tagsatzung in Zürich. Dem österreichischen Sprecher daselbst übermittelte Muri ein besonderes Schreiben und bat ihn um seinen Beistand. Der Nuntius, der persöhnlich den Verhandlungen der Tagsatzung beiwohnte, erfüllte nach allen Richtungen hin seine Pflicht. Vor der Eröffnung der Debatten über die Klöster gab er noch (7. Mai) eine Note für deren Erhaltung ein.

Die für den Entwurf der Bundesurkunde aufgestellte Commission erkannte sofort die Nothwendigkeit und Billigkeit, den Klöstern im Allgemeinen die Garantie, welche Napoleon als Vermittler ihnen gegeben, durch den Bund zu erneuern und bleibend zu sichern. Sie brachte desshalb nach vorausgeschickter Motivirung folgenden Antrag zur Abstimmung den Tagherren: „Wenn man die Klöster auch nicht aus religiösem Gesichtspunkte betrachtet, so fordert doch die Gerechtigkeit, sie über ihren Fortbestand und die Sicherheit ihres Eigenthumes zu beruhigen. Selbst die Mediationsakte hat diesen rechtlichen Fortbestand anerkannt, da sie ihnen die Güter zurückgab. Die Commission hat sich dabei zu dem einfachen und gerechten Grundsatze vereinigt: Der (canonische) Fortbestand der Klöster und Kapitel und die Sicherheit ihres Eigenthumes, soweit es von den Kantonsregierungen abhängt, sind gewährleistet. Ihr Vermögen ist gleich anderm Privatgut den Steuern und Abgaben unterworfen“.

Das Wort „canonisch“, welches Uri besonders dem Artikel beigegeben wissen wollte, wurde bei der Abstimmung (7. Sept.) gestrichen; die übrigen Worte des Commissionalantrages fanden als XII. Artikel in der Verfassung mit Mehrheit der Stimmen Aufnahme. Der Wienercongress genehmigte ihn, und so erhielt am 7. August 1815 derselbe von allen Abgeordneten der 22 zu einer schweizerischen Eidgenossenschaft constituirten Kantone die Unterschrift.18 In Wien und in der Schweiz wünschte man desshalb vorzüglich die Aufnahme dieses Artikels in die Bundesakte, weil die mit den Bischöfen abgeschlossenen Concordate (II-382) gegen die Begierlichkeit des Radikalismus zu wenig Sicherheit boten. Die Geschichte liefert seit 1841 hiefür traurige Belege.

Für Muri, das sich in einem Kantone mit vorwiegend protestantischer Bevölkerung befand, war dieser Artikel der Bundesakte von hoher Bedeutung. Abt Gregor sprach desshalb dem apostolischen Nuntius, dem P. Wolfen Zelger u. A. den wärmsten Dank aus.

Indessen blieb dieser Abt der Diplomatie möglichst ferne; desto lieber und sicherer bewegte er sich auf dem Gebiete der Oekonomie. Der Besitz des Klosters Muri hatte unter Abt Gerold II. eine starke Einbusse erlitten. Abt Gregor suchte den Ausfall durch den Ankauf der obern Illau am Lindenberg, nicht ferne vom Kloster, zu decken; dazu kamen kleinere Parzellen von der untern Illau. Die Gesammtkaufssumme war bei 30,000 Gl.19 Würtemberg's Edelmuth und Gerechtigkeitssinn (1813) hatte die Seele des Abtes hoch erfreut.20 Den Kampf mit dem fürstlichen Hause Hohenzollern-Sigmaringen wegen der von diesem in Besitz genommenen vier Herrschaften Muri's und wegen des Kapitals von 57,000 Gl. wollte er nicht aufnehmen.21 Dagegen sorgte er für einen trefflichen Amtmann in Sursee, dessen Wahl dem Kapitel zustand. Hiebei wurden folgende Ceremonien beobachtet: Der Klosterschreiber führte nach der Abstimmung den Gewählten (es war ein Attenhofer) in den Versammlungsort der Kapitularen. Der Abt erlaubte ihm, die früher schriftlich vorgebrachte Bitte noch mündlich vorzubringen. Attenhofer sprach, wie ein Augen- und Ohrenzeuge dem Schreiber dieser Zeilen mittheilte, mit Begeisterung. Dann wurde ihm die Wahl sofort eröffnet. Der Glückliche sprach einige Worte des Dankes und leistete den Eid der Treue vor einem Crucifixe. Auch bezeichnete er dem Konvente einen Bürgen und zog sich zurück.

Die gute Wirthschaft war für Muri um so nothwendiger, weil die Anforderungen des Staates für materielle Beiträge, namentlich seit 1813, immer höher stiegen. Die Kriegssteuern erreichten bis 1816 wegen der Grenzbesetzungen und der Durchzüge der aliirten Armee fast jährlich im Kantone Aargau die Summe von 200,000 Frk., woran das, Kloster Muri im J. 1813 Fr. 5829; 1814 Frk. 1500; 1815 Frk. 22923 und im J. 1816 Frk, 11457 zu entrichten hatte. Dazu kommen die gewöhnlichen Kantonssteuern und die Kriegssteuern in den Kantonen Luzern, Zürich und Thurgau. Die Regierung von Luzern berechnete das Muri-Guthaben in ihrem Kantone (1815) 176,500 Frk. und forderte hievon 529 Frk. Kriegssteuer. In diesem (II-383) Jahre schenkte zugleich das Kloster Muri dem durchziehenden Luzerner Militär alle Aufmerksamkeit, wesshalb die Regierung dem Abte ein besonderes Dankschreiben übersandte.22 Den Bestrebungen für Hebung der Landkultur bot Gregor gerne seine unterstützende Hand. So nahm er fünf Aktien zu 200 Fr. für die Linthcorrection.23 Die schon früher erwähnten ausserordentlichen Beiträge für die Schulen und Armenanstalten mussten gleichfalls ohne Verzug gezahlt werden. Am 13. November dieses Jahres kam der Konvent in ein grosses Unglück, indem nahe beim Kloster die sogenannte „Schafscheuer“ mit 16,000 Korn- und Roggengarben und vielem Futter u. s. w. verbrannte. Der Abt bat die Regierung, sie möge ihm den noch schuldigen ausserordentlichen Beitrag von 9000 Fr. in Rücksicht dessen nachlassen. Das Gesuch war vergebens. Zudem war das Zusammenströmen Hilfsbedürftiger in den Jahren 1815-1817 ungewöhnlich gross; man zählte einzig um Unterstützung bittende Studenten im J. 1815 – hundertvierzig. Die abgebrannte Scheuer musste aufgebaut werden; sie kostete 2771 Gl. und die Anschaffungen von Futter und Geräthschaften stiegen auf 3424 Gl. Die Wirkungen des Missjahres 1816, in dem es bis zum Ende September stets regnerisch war, traten 1817 in den grellsten Farben einer Hungersnoth auf.24 Der Konvent, welcher die Folgen der ungünstigen Witterung voraussah, fasste schon im August 1816 den Entschluss, Speise und Trank beim Regulartische zu vermindern, um den Armen desto reichlicher mittheilen zu können.25

Der Hinblick auf das kommende Elend verzehrte rasch die wenigen Kräfte des greisen Abtes. Am 29. Sept. 1816 las er das letzte Mal die hl. Messe. Den folgenden Tag machte sich ein Schlaganfall bemerkbar; er empfing daher noch bei vollem Verstande in Anwesenheit des Konventes die hl. Sterbsakramente. Nach einer kurzen Krankheit entschwebte, am 3. Oktober in der Nacht, seine Seele zum ewigen Richter. P. Leodegar schrieb in sein Tagebuch: Abt Gregor war „ein wahrhaft liebevoller, vielleicht nur zu gütiger Vater“. Die Leichenrede hielt am Dreissigsten Weissenbach, Professor in Solothurn, und wählte zur richtigen Bezeichnung des Charakters den Text: „Um seiner Treue und Sanftmuth willen heiligte ihn der Herr“.26 Die Demuth des Hingeschiedenen duldete (II-384) nicht, dass ein Maler seine Gesichtszüge bei Lebzeiten auf die Leinwand brachte. Daher hat das Epitaphium in Muri von ihm kein Porträt. Seine Mitbrüder gaben der Gedenktafel folgende Inschrift in lateinischer Sprache: „Wanderer bleib stehen und lies! Von Jugend auf der Tugend und Wissenschaft ergeben, legte der Verblichene im 20sten Altersjahre die hl. Gelübde ab, als Mönch tadellos, Gott und den Menschen gehorsam, bekleidete er jedes, auch noch so schwierige Amt mit solcher Klugheit, dass er den Obern zur Zierde, den Untergebenen zum Troste und Allen zum Muster diente; einstimmig zum Abte erwählet, war er der liebvollste Vater der Armen, wie auch der Seinen, der treueste Nachfolger Christi und gewann durch seine Bescheidenheit, Milde und Liebe für sich die Herzen aller. Nachdem er schon längst sich nach der Auflösung gesehnt, die nach seinem Verlangen zu spät, nach dem der Bewohner von Muri aber zu früh kam, verschied er ganz im Herrn versunken, wie er gelebt, im 70. Altersjahre, im 50. seiner Profession, im 47. seines Priesterthums und im 7. seiner Regierung“.27

Das Condolenzschreiben der Kapitels Münster, abgefasst vom Generalvikar Göldlin, preist ebenfalls die Milde (mansuetudo) und Güte des Abtes Gregor. Das sogenannte „Todtenalmosen“ (Geldspenden bei der Leiche) stieg bei dem Fürstabte Gerold II. auf 900 Gl. und bei Abt Gregor auf 40 Louisd'or.


  1. Arch. Muri in Gries A. I. IV. – P. Meinrad hatte in Aarau viele Vorurtheile beseitigt, was zur Folge hatte, dass die Instruktion für Baldinger loyal ausfiel.

  2. Statt „auctoritate apostolica delegata“ gebrauchte er nur die Worte „auctoritate ordinaria“.

  3. Tagebuch des P. Leodegar Schmid.

  4. Arch. Muri in Gries.

  5. Arch. Muri in Gries A. I. IV. – Die Staatskanzlei quittirte am 24. Sept. 1811.

  6. Siehe oben 302 ff. und 317 ff.

  7. Vorhanden sind noch: a. Tagebuch von 1751-1761, bearbeitet nach P. Sebastian Müller's Schriften; b. Tagebuch („Diarium“) vom Jahre 1786 (nur wenige Blätter); c. Auszug von der Muri-, Boswiler-, Bünzner- und Beinwyler-Offnung, d. Monita in Capitulo hebdomadario publice habita 1787-1794 und 1802-1804; e. Predigten und Exhortationen; f. Considerationes piae pro deliberantibus de certo vitae statu; g. Correspondenzen (Archiv Muri in Gries).

  8. Acta Capituli.

  9. Daselbst.

  10. Hindeutung auf die Aufhebung der Feiertage etc.

  11. Arch. Muri in Gries.

  12. Die Unterzeichnungen geschahen im Juni und Juli 1813.

  13. Aufgehoben am 17. Mai 1876 durch ein Grossrathsdekret des Kantons Aargau (Huber, des Stiftes Zurzach Schicksale, S. 42).

  14. Brief vom 21. Mai 1816 an P. Leodegar vom Auditor (Arch. Muri in Gries A. IV, I.).

  15. Die Aargauer-Blätter, der Schweizerbote, St. Galler-Erzähler, Das Lausanner-Blatt, die Allgemeine Zeitung etc. leisteten hierin ihr Möglichstes.

  16. Arch. Muri in Gries A. IV. II.

  17. Baumgartner, Gesch. des Kts. St. Gallen II., 309.

  18. Repertorium der eidgen. Tagsatzung II., 700-702; Arch. Muri in Gries A. VII. XI.; Die Katholiken des Aargau's und der Radikalismus, S. 17.

  19. Staatsarch. Aarau, Kloster Muri.

  20. S. oben, S. 342.

  21. S. oben, S. 336 ff.

  22. Arch. Muri in Gries B. III. V.

  23. Daselbst A. IV. VI.

  24. Im Früling 1817 kosteten in Muri ein Malter Korn 50-60 Gl. In Zürich zahlte man für 1 Brod von 5 Pfd. 1 Gl. 12 Schill. Als die Ernte kam, fiel der Fruchtpreis plötzlich, was die Wucherer nicht wenig in Verlegenheit brachte.

  25. Acta Capituli.

  26. Eccles. 45, 4.

  27. S. Epitaphium in der Klosterkirche zu Muri.