Drittes Kapitel. Die aargauische Regierung beginnt den Kampf gegen die Klöster.

Die Julirevolution in Paris 1830 hatte auch in der Schweiz den Kampf gegen die katholische Kirche und ihre Institute wach gerufen. Die radicalen Regierungen von Bern, Zürich, Luzern, Solothurn, St. Gallen, Aargau und Thurgau schlossen im März 1832 das sogen. „Siebner Concordat“, dem die katholisch-conservative „Sarner-Conferenz“ im November desselben Jahres folgte. Während erstere Verbindung nebst dem schon 1831 gebildeten radicalen „Schutzvereine“ belassen wurde, erklärte die Tagsatzung am 12. August 1833 die „Sarner-Conferenz“ für aufgehoben. Vor allem liessen nun die Radikalen (II-398) im Gefühle ihrer Stärke die Hammerschläge auf die katholische Kirche fallen.

Muri hatte schon lange vorher ein unheimliches Wetterleuchten aus der Hauptstadt des Kantons Aargau wahrgenommen. Den ausserordentlichen Beiträgen von 14,000 Frk., welche Muri und Wettingen jährlich seit 1817 entrichten mussten, folgten bald die Verordnungen, dass die Klöster des Kantons Aargau über ihren Haushalt Rechnung ablegen und das Eintrittsgeld ihrer Novizen genau angeben sollen. Gleichzeitig wurden der protestantischen Bevölkerung durch Zeitschriften und Broschüren die Sätze als zweifellose Wahrheit beigebracht: die Kirchengüter seien Staatsgüter und schon die alten Eidgenossen hätten sie als solche angesehen;1 ferner: der Muri-Konvent nebst den übrigen Klöstern im Kanton Aargau seien Genossenschaften, welche die Schätze der Erde unnütz verprassen und für das Volkswohl nichts leisten.2 Die Gegenschriften des gelehrten Chorherrn Geiger in Luzern blieben unbeachtet.3

Das katholische Volk und seine Geistlichkeit erkannten noch nicht die Tragweite dieser radikalen Bestrebungen. Daher gelang es den Radikalen des Kantons Aargau nach zwei vorausgeschickten Volksversammlungen die gemässigte Regierung am 6. November 1830 sogar durch katholische Freiämtler zu stürzen und sich auf die ledig gewordenen Sitze zu schwingen.

Die neue Verfassung, welche am 6. Mai 1831 vom aargauischen Volke angenommen wurde, war der katholischen Kirche sehr ungünstig. Der § 21 erklärte alles Vermögen ohne Ausnahme (also auch das Kirchenvermögen) für steuerpflichtig, und hatte noch den Beisatz: „Der Grosse Rath bestimmt den jährlichen Beitrag der Klöster an die Staatsausgaben“. Auch billig denkende Protestanten fanden diesen Beisatz im Widerspruch zum § 10, der lautete: „Alle Staatsbürger sind gleich vor dem Gesetze“. Während alle frühern, zu Ungunsten der Klöster gemachten Verordnungen, betreffend besondere Staatsbeiträge, jährliche Rechnungsablegung und die Novizenaufnahme,4 in die neue Verfassung aufgenommen wurden, fand der Artikel XII der Bundesverfassung, Garantie der Klöster und Stifte, keine Berücksichtigung. Wenige Wochen vor der Abstimmung über besagte Verfassung, hielt am 13. April der Muri~Konvent Kapitel über die Aufnahme von 5 Novizen, welche alle Kantonsbürger (II-399) waren und am 1. Mai als die letzten in Muri die hl. Gelübde ablegten, nämlich: Fr. Benedikt Waltenspül, Fr. Philipp Jakob Käppeli, Br. Mathäus Gauch, Br. Michael Leibacher und Br. Leontius Füglistaller. Bei diesem Anlass ermahnte der Abt Ambros alle Konventualen nachdrucksam zu brüderlicher Eintracht, zur hl, Armuth, zum Gehorsam und zur Geduld im Hinblicke auf die kommenden Leiden.

Spätere Gesuche des Prälaten um Zulassung hoffnungsvoller Jünglinge zum Noviziate wies die Regierung unerbittlich zurück. Diese begann ihren Kulturkampf gegen die katholische Kirche und ihre Institute schon im Eingange des Jahres 1832 mit der Absetzung des Pfarrers von Wohlenschwil, Franz Jos. Stockmann, welcher eine Ehe im zweiten Grade der Verwandtschaft wegen Mangel der Dispens nicht einsegnen wollte und durfte. Fast gleichzeitig liess der Kleine Rath an sämmtliche Klöster des Kantons den Befehl ergehen, über ihr Vermögen und ihre Besitzungen besondere Inventarien zu machen.5 Die Konvente hielten sich genau an die beigegebene Vorschrift, konnten aber die Regierung nicht befriedigen. Diese ordnete im Jahre 1833 eine zweite Inventarisation nach einem vom ersten nur wenig abweichenden Formular an. Muri entsprach ihrem Wunsche gewissenhaft in kurzer Zeit. Wider alles Erwarten lies die Regierung dem Abte Ambros am 12. März 1834 folgenden Erlass zukommen: „Weil der Grosse Rath den Auftrag ertheilt hatte, ein genaues und wahrhaftes Inventar aller Klöster einzufordern, und wenn diese Eingaben nicht die erforderliche Vollständigkeit haben, solche Verzeichnisse unfehlbar von staatswegen aufnehmen und ihm, dem Grossen Rathe, zukommen zu lassen, und weil die uns diesbezüglichen Vermögensetats den grossräthlichen Forderungen nicht vollkommen Genüge leisteten, so finden wir uns verpflichtet, eine besondere Kommission niederzusetzen, bestehend aus den Herren Gerichtsschreiber Fetzer von Rheinfelden, Grossrath Zschokke6 von Aarau und Oberstatthalter Attenhofer von Zurzach, welche sich in kurzer Zeit bei Ihnen (in Muri) einfinden werden“. Diese drei trafen wirklich Ende März dieses Jahres in Muri ein, inventarisirten daselbst bei sechs Wochen und reichten dem Kloster für ihre Mühewaltung eine Rechnung von 4353 Frk. ein! Der ganze Konvent war ihnen sehr höflich begegnet und hatte ihnen jede Zuvorkommenheit erwiesen, und dennoch erhob Zschokke in der Grossrathssitzung vom 18. Dezember 1834 gegen das Kloster Muri schwere Anklagen: dasselbe trage (II-400) Schuld an der Trägheit und Ungebürlichkeit des Volkes daselbst; die Mönche treiben die Oekonemie nicht rationell; das Kloster könnte noch reicher sein! die Schulen werden von ihnen vernachlässigt u. s. w. P. Adalbert Regli, damals Kanzleidirektor in Muri, später Prälat, bewies ihm das Unbillige dieser Anschuldigungen. Zschokke wiederrief nicht und die Geschichte beschuldigte ihn und seine Anhänger nach der Klosteraufhebung in den fünfziger und sechziger Jahren mit scharfen Worten der falschen Anklage, indem der Staat und seine Pächter die Oekonomie trotz rationeller Betreibung der Landwirthschaft auf keinen grünen Zweig brachten.7

Zu diesen gehässigen Verläumdungen gesellten sich auch die Verdächtigungen der katholischen Prediger. Einer besondern Aufsicht waren von den Feinden der Klöster die Predigten des P. Maurus Köpfli unterstellt. Oefters wurde er vor die weltliche Behörde gezogen, um sich wegen derselben zu verantworten.8

Kaum hatten die radikalen Siebner-Concordatsstände den Boden für ihre Zwecke etwas geebnet, so versuchten sie auf das katholische Leben der ganzen Schweiz einen Hauptschlag. Sie traten am 20. Jänner 1834 zu Baden im Kanton Aargau zusammen und entwarfen 14 Artikel („Badener-Conferenz-Artikel“). Dieselben zielten auf gänzliche Unterjochung der katholischen Kirche. Daher sprach auch Papst Gregor XVI. in einer Encyclica vom 17. Mai 1855 sein verwerfendes Urtheil über sie aus. Die Bischöfe, die Seminarien und alle kirchlichen Erlasse sollen nach den Badener Beschlüssen der Landesherrlichkeit unterworfen sein; den Kantonen wurde die Befugniss zugesprochen: die Klöster und Stifte mit Steuern für Schulen und religiöse und milde Zwecke besonders zu belasten; die exempten Stifte der bischöflichen Gerichtsbarkeit wieder zu unterwerfen und die Abtretungen von Collaturen an kirchliche Behörden oder geistliche Corporationen zu verbieten; desgleichen solle dem Staate das Recht gewahrt bleiben, Lehrstellen zu besetzen und von der Geistlichkeit den Eid der Treue zu fordern.9

Die Katholiken des Kantons Aargau gaben der Regierung gegen diese Artikel auf gesetzlichem Wege ihr Missfallen zu erkennen. Auch Bischof Salzmann, den die radikalen Behörden in dieser Sache ganz bei Seite setzten, erhob im April 1835 seine Stimme. Die aargauischen Staatslenker behandelten ihn (II-401) aber unwürdig, warfen die Gegner der 14 Artikel in die Gefängnisse und terrorisirten die katholische Geistlichkeit und das Volk. Im November desselben Jahres hofften sie die Hauptklöster des Kantons (Muri und Wettingen) zernichten zu können. Die Aufforderung der Geistlichkeit zur Ablegung des Staatseides sollte als Mittel dazu dienen. Dem sollten noch andere Mittelchen als Mauerbrecher vorausgehen.

Muri und Wettingen hatten damals blühende Gymnasien, aus denen für Kirche und Staat viele tüchtige Männer hervorgingen. Abt Ambrosius erweiterte nach seiner Wahl sofort die Anstalt und war bereit, den Lehrplan nach dem Wunsche des Kantonsschulrathes einzurichten.10 Dieser beschloss daher, eine Abordnung aus seiner Mitte zu schicken, um den Schulprüfungen des Gymnasiums von Muri beizuwohnen.11 Im Jahre 1820 wurden die neuen Schulgebäude bezogen.12 Die Bezirksschule von Muri findet sich heute in denselben ganz behaglich. Nach einem vorhandenen Ausweis von P. Franz Sales Keust wurden im Schuljahr 1823/24 nicht bloss die rhetorischen Regeln nach der Solothurner Anleitung gelehrt und 6 Reden Cicero's erklärt, sondern die Schüler wurden auch in die Regeln der Poesie nach einem Wiener Lehrbuch, und in die Mythologie nach dem Lehrbuche von Solothurn, in die Eklogen und die Aeneide Virgils und in die Satyren und die Ars poetica des Horaz in der fünften und sechsten Klasse eingeführt.13 Hiemit wurden auch die Arithmetik, die Algebra, Geometrie und nicht weniger Geschichte und Geographie verbunden. Seit dem Jahre 1821 mussten die Schüler der dritten Klasse mit der griechischen Sprache beginnen.14 Im Jahre 1822 sammelte P. Augustin die nöthigen Materialien für die Naturgeschichte, um den Zöglingen dieselbe desto fasslicher zu machen.15

Für das leibliche Wohlsein der Schüler, deren Zahl bald über 40 stieg, war in Muri auf das beste gesorgt; das sittliche Betragen war zweckmässig überwacht, kurz: die Schule wurde in den 20ger und anfangs 30ger Jahren so geleitet, dass im Jahre 1824 in Folge einer durch Herrn Regierungsrath Suter und Dekan Hünerwadel von Lenzburg vorgenommenen Visitation dem Prälaten Ambrosius die Zufriedenheit des Kantonsschulrathes ausgesprochen wurde.

(II-402) Aber dem Geiste des Aug. Keller entsprachen diese Schulen nicht. Um sie todt zu schlagen, beschuldigte er die Professorren und Zöglinge der Unsittlichkeit16 vor dem Gr. Rathe, und dieser hob die Schulen in Muri und Wettingen, ohne die Angeschuldigten verhört zu haben, einfach auf. P. Augustin Kuhn, Präfekt der Klosterschule in Muri, nannte öffentlich die Keller'sche Angabe, soferne sie dem Kloster Muri gelten sollte, eine gemeine und böswillige Lüge.17 Weil A. Keller den Zweck erreicht hatte, nahm er das Brandmal eines Lügners stillschweigend hin, und leistete dadurch den Beweis, dass es eine Verkommenheit gebe, die keine Grenze kennt. In den eidgenössischen Rathsälen klagte er unermüdlich die Klöster des Müssiganges und der Trägheit an, namentlich in der Schule. Meine günstigen Leser mögen unten das zwölfte Kapitel zu Ende lesen und dann urtheilen, ob die Muri-Konventualen Männer des Müssiganges waren. Die Katholiken der Eidgenossenschaft wurden über diese Anschuldigungen Keller's empört, zumal die Schule in Mur! sich eines guten Klanges erfreute. Aber was half es; die Brüder der Loge hatten die Gewalt in ihren Händen. Die Dekrete, betreffend die staatliche Verwaltung der Klostergüter wie auch das Verbot der Novizenaufnahme lagen bereits vor und folgten bald dem Dekrete, das die Schliessung der Klosterschulen (am 7. November) anordnete, nach.

Diese Gewaltsakte waren begleitet von Drohbriefen, welche dem Abte Ambrosius zugeschickt wurden, und worin sich ein grimmiger Hass gegen ihn und sein Gotteshaus kundgab. Sogar an den Wänden der Klostergänge fand man Zettel, worauf die Worte standen: „Ich schwöre diesem Orte einen blutigen Untergang.“ Daher drangen die Mitbrüder in den geliebten Vater, das Kloster zu verlassen. Die Abreise des P. Reginbold Reimann in das wieder hergestellte Kloster Ottobeuern, wohin er zur Aushilfe gesendet wurde, bot dazu einen guten Vorwand.18 Der tief betrübte Prälat verliess am 6. November Muri und begab sich zunächst nach der Herrschaft Klingenberg im Kt. Thurgau. Dahin folgte ihm P. Beat Fuchs, sein Sekretär. Nach wenigen Wochen übersiedelte Abt Ambros, weil Thurgau ihm zu wenig Sicherheit bot, nach Engelberg, wo (II-403) er bei seinen Mitbrüdern eine freundliche Aufnahme fand und während seines dreijährigen Aufenthaltes von der Obwaldner-Regierung treulich geschirmt wurde.

Am 20. November kam die Kunde nach Muri, dass ein Truppenaufgebot bevorstehe, weil am 24. dieses Monats die katholischen Seelsorger zur Eidesablegung vor die Bezirksämter geladen waren. Beim Bezirksamte in Muri erschienen 23 Priester, worunter 7 Patres aus dem Kloster Muri waren. Alle verweigerten den Eid, weil das Gesetz die Beifügung jeder Klausel untersagt hatte. Darüber war beim katholischen Volke grosse Freude. Auch in andern Bezirken, mit Ausnahme des josephinisch gesinnten Frickthales, verweigerten fast alle Geistlichen den Staatseid. Von den 130 Seelsorgern des Kantons waren 112 Eidverweigerer. Darüber gerieth der Grosse Rath in Zorn und liess schon am 27. November Truppen bis zu den Klöstern Muri und Hermetschwil vorrücken, während sich die Berner, Züricher, Solothurner und Luzerner an den Grenzen des Kantons aufstellten und auf den Befehl zum Vorrücken warteten. Die aargauische Regierung wünschte eine Erhebung des katholischen Volkes, um die Klöster mit Waffengewalt zu zernichten. Doch das Volk blieb ruhig. Das Bataillon Rothpletz näherte sich am 27. November mit einer ganzen Batterie groben Geschützes und brennenden Lunten dem Kloster Muri. Der Stab nebst 114 Mann und 31 Pferden wurde im Kloster einquartirt; die Offiziere geberdeten sich wie die Herren des Ortes und luden, wen sie wollten zu Tische; selbst viele Soldaten verliessen ihre Quartiere bei den Bauern und machten es sich im Kloster bequem, so dass dieses am 28. und 29. Nov. wenigstens 400 Mann zu speisen hatte. Klagen, die man darüber beim Commando vorbrachte, fanden taube Ohren. Zwar wagten die Fremden nicht, die eigentliche Klausur zu betreten, aber es gab andere schlimme Anzeichen genug, welche die ohnehin bestürzten Gemüther noch mehr ängstigten. Man bemerkte allerlei verdächtiges Gesindel, Manns- und Weibspersonen, vorzüglich aus dem protestantischen Aargau, welche, meistens mit Säcken versehen, sich in den Gängen und Gärten des Klosters herumtrieben und es offenbar auf Plünderung abgesehen hatten. Durch einen anonymen Brief aus Aarau und durch eine von Bremgarten eingelangte Anzeige erfuhr man ferner, dass die Hauptfeinde einen geheimen Plan zur gänzlichen Zerstörung des Klosters und zur Ermordung seiner Bewohner ausgeheckt hätten, der in der Nacht auf den 30. Nov. ausgeführt werden sollte. In das Kloster eingeschlichene Männer seien beauftragt, aus den obern Stockwerken Schüsse auf die vor dem Kloster versammelten Soldaten abzufeuern, damit diese in der Meinung, die Mönche hätten auf sie geschossen, (II-404) gegen das Kloster anstürmten und es mit Feuer und Schwert zerstörten.19 Man setzte das in den Plan nicht eingeweihte, an sich redliche Commando hievon in Kenntniss, und das Kloster erhielt die Zusicherung höchster Sorgfalt und Wachsamkeit. Es wurden doppelte Wachen an den Eingängen aufgestellt, mit dem Befehl, Niemanden ausser den Klosterbewohnern und denen, welche einen schriftlichen Vorweis des Commandanten besässen, den Zutritt zu gestatten. So wurde dieser Anschlag vereitelt. Allein eine noch grössere Gefahr drohte. Um 10 Uhr desselben Abends versuchte der Oberlieutenant Ringier von Lenzburg mit brennender Pfeife und Lunte bei der Wache am obern Thore durchzudringen, um sich den unterhalb in einer Wiese aufgestellten Kanonen zu nähern. Die Wache liess ihn jedoch nicht passiren, und er wurde, da er sich wie ein Rasender geberdete, verwundet und auf die Wachstube gebracht. Man erzählte allgemein, dass ein Kanonenschuss das verabredete Zeichen war, um sowohl das Bataillon in Bremgarten, als die jenseits der Reuss in Ottenbach aufgestellten 1000 Mann Züricher herbeizurufen und den Raub- und Mordplan auszuführen. Thatsache ist, dass die Truppen in Bremgarten in dieser Nacht unter dem Gewehre standen und dass die Züricher, als weder in dieser noch in der folgenden Nacht der verabredete Kanonenschuss erfolgte, voll Aerger abzogen. Thatsache ist auch, dass die zur Pfarrei Muri gehörige Gemeinde Birri von der drohenden Gefahr unterrichtet war; denn sie stellte Leute, welche, beim ersten Versuche der Züricher über die Reuss zu setzen, das Seil der Fähre abgeschnitten hätten, und dass andere bereit standen, die Brücke über den Bach bei Merischwand abzutragen, um den Truppenzug gegen Muri zu verhindern. Oberst Rothpletz selber bekannte am folgenden Morgen, es sei etwas im Werke gewesen, seine Offiziere hätten die Mannschaft unter das Gewehr rufen wollen, er habe es verhindert; indessen suchte er die Sache zu unterdrücken und schüzte einen blinden Lärm vor.

Auch die Benediktinerinnen in dem benachbarten Kloster Hermetschwil waren in jener Nacht in Todesängsten. Man forderte ihnen die Hauptschlüssel ab, und die Truppen standen marschbereit. Die Klosterfrauen wollten die Flucht ergreifen, doch die Abtissin hielt sie durch ihr Beispiel zurück; sie floh in den Chor, um zu beten.

(II-405) Am 30. November wurden die Geistlichen neuerdings einberufen, und legten, da indessen beruhigende Versicherungen vom Grossen Rathe wie vom Bischofe erfolgt waren, den Eid ab, indem sie zu Protokoll gaben, sie schwören, „weil es der Bischof erlaube, und alle Gesetze der katholischen Kirche von der Regierung anerkannt seien.“

Am 1. Dezember verliess das Bataillon Rothpletz Muri. Die Gänge und mehrere grössere Säle des Klosters glichen eher Viehställen als menschlichen Wohnungen, so gross war die von den frechen Burschen hinterlassene Verunreinigung. An ihre Stelle trat das Bataillon Frey-Herose, welches sich artiger und höflicher benahm, so dass der Laienbruder Urban sich äusserte: Es komme ihm vor, als sei keine Einquartierung mehr da, obschon wieder 14 Offiziere und 103 Gemeine ihr Quartier im Kloster erhielten. Am 4. marschirten auch diese ab und auf den Mittag wurde die ganze Compagnie Schmitter, ebenfalls brave Leute, einquartirt. Am 5. verliessen auch diese das Kloster, und nun war es wieder frei, und konnte eine gründliche Reinigung vorgenommen werden. Um von den grossen Unkosten für die Bewirthung so vieler Leute zu schweigen, soll hier nur ein Verhör noch erwähnt werden, welches mit dem Kanzleidirektor, P. Adalbert Regli, während jener schrecklichen Tage beim Bezirksamte vorgenommen wurde. Es handelte sich um nichts Geringeres, als um Verschleppung des Klostergutes, ob nämlich noch alle im Inventar verzeichneten Gegenstände vorhanden seien, ob sich der Zustand des Klostervermögens nicht geändert habe, ob nicht Kisten von Werth in's Ausland geliefert worden seien. Da P. Adalbert befriedigende Antworten geben konnte, so hatte dieses Verhör für jetzt keine weitern Folgen, hing aber mit den kommenden Ereignissen zusammen.20


  1. Vgl. Brugger-Neujahrsblatt, gegründet 1821.

  2. Vgl. Jahrgänge 1827 und 1829.

  3. „Auch etwas über die Kirchengüter“ und „Verhälnisse der katholischen Kirche zu den schweizerischen Regierungen“.

  4. Aeltere Aargau. Gesetzess.; Bd, VI., 129; Neue Samlg, Bd, 1, 3.

  5. Für Muri ward die Aufforderung am 10. Jänner 1832 ausgefertigt.

  6. Der Verfasser der „Stunden der Andacht“.

  7. Vgl. Geschichte der landwirthschaftlichen Anstalt in Muri.

  8. Arch. Muri in Gries; die Katholiken des Aargau's S. 30, 31.

  9. Aargauisches Kantonsblatt, 1834.

  10. Brief vom 10. Sept. 1817 (Arch. Gries A. IV. XV, 3).

  11. Aarau, 22. Aug. 1820 (das.).

  12. Arch. Muri in Gries A. I. III, 18.

  13. Meine Regestensammlung.

  14. Arch. Muri in Gries A. I. III, 19.

  15. Daselbst.

    1. März 1835, Gross-Rathsverhandlungen, Seite 237.
  16. Denkschrift der aargauischen Klöster, Seite 92, XXV.

  17. Dies und Folgendes der fünf Kapitel ist grösstentheils aus der trefflichen Abhandlung „Des Stiftes Muri letzte Jahre und die Uebersiedlung nach Gries“ von P. Bernard Maria Dr. Lierheimer (Studien und Mittheilungen, O. S. B., III. Jahrgang, I. und II. Band) entnommen.

  18. Die Angst und Besorgniss war diese Nacht im Kloster so gross, dass Niemand zur Ruhe ging. Die Soldaten riefen den Konventualen wiederholt die Drohworte zu: „Ihr schwarzen Ch… müsst diese Nacht alle gebraten werden“ (Ein Augen- und Ohrenzeuge)!

  19. Mündliche und schriftliche Berichte von Augen- und Ohrenzeugen (Archiv Muri in. Gries).