Viertes Kapitel. Die aargauischen Klöster unter staatlicher Verwaltung.

Das Volk in den Freiämtern hatte sich trotz der Verletzungen in seinen religiösen Gefühlen durch die Badener Artikel, Schliessung der Klosterschulen und das leichtfertige Ueberschwemmen seiner Dörfer mit Truppen ruhig verhalten. Auch die Mitglieder der verschiedenen Klöster hatten zu ihrer (II-406) Aufhebung keinen Anlass geboten. Zu diesem Ziele sollte jetzt auf langsamerem Wege die am 7. November 1835 beschlossene staatliche Verwaltung der Klostergüter führen. Am 12. Febr. 1836 erhielt das Stift Muri durch den Bezirksamtmann Küng im Auftrage der Regierung die Anzeige, dass Rudolf Lindenmann von Fahrwangen (ein Protestant) zum Verwalter der Klostergüter bestimmt sei und am 1. März sein Amt antreten werde. Wirklich stellte sich dieser am genannten Tage dem damaligen als Klosterstatthalter fungirenden P. Adalbert vor und übergab sein Beglaubigungsschreiben, verweigerte jedoch den Vorweis seiner Instruktion. P. Adalbert bedeutete ihm hierauf, dass er die Sache, da der Abt abwesend sei, dem Dekan und Kapitel vortragen und ihm darnach dessen Beschluss mittheilen werde. Das Kapitel bestand natürlich auf Einsichtnahme der Instruktion und verständigte davon sowohl den Verwalter wie die Regierung unter Wahrung seiner Rechte. Von nun an verging kein Tag, der nicht seine Plage gehabt hätte.

Lassen wir die Märztage raschen Flugs an uns vorübergehen und verweilen wir bloss bei ein paar wichtigen Begebenheiten einige Augenblicke. – 2. März. Einlauf zweier Schreiben: von der Regierung die Zurückweisung des gemeinsamen Protestes, vom Bezirksamt die Androhung von Gewalt bei längerer Verzögerung der Uebergabe an den Verwalter. Antwort des Klosters: es beabsichtige nicht der Gewalt zu widerstehen, protestire aber gegen jede Verkümmerung seines Rechtes. – 3. März. Der Verwalter präsentirt sich und frägt, ob man sich noch länger widersetze? Antwort: protestiren müsse man, widersetzen könne man sich nicht. Der Verwalter sieht sich nach der Cassa um. – 4. März. Der Verwalter besichtigt den Viehstand und verreist in der Klosterkutsche. – 7. März. Er erkundigt sich nach den Getreide- und Weinvorräthen. – 8. März. Die Finanzcommission theilt eine Abschrift der Instruktion des Verwalters mit und bemerkt, dass dieselbe jederzeit von der Regierung nach Belieben abgeändert werden könne. Ihr zufolge wird das ganze Klostereigenthum in die Hände des Verwalters gelegt, welcher der Finanzcommission, dem Kleinen und Grossen Rathe Rechnung zu stellen hat; er übernimmt die Rechnungsbücher und Urkunden und sendet die Schuldbriefe in das Staatsarchiv; er beaufsichtigt alle Gebäude und ordnet die Benützung und Bewirthschaftung der Grundstücke ausser den Klostermauern, bezieht die Zinsen und Zehnten, verwaltet die Kapitalien; aus seinen Händen empfängt das Kloster in Zukunft das Erforderliche an Baarschaft, Naturalien, Holz und dgl. gegen Bescheinigung und Jahresrechnung; er erhält Unterbeamte nach Bedarf, kurz, der aargauische Staat schaltet durch den Verwalter, als (II-407) wäre er der Besitzer und Eigenthümer des Gotteshauses. – 9. März. Der Verwalter fordert ein feuerfestes Local für die Cassa und sein Archiv und begehrt als Wohnung das sogenannte Gasthaus, in welchem die weiblichen Gäste und Verwandten der Patres bei Besuchen untergebracht wurden und worin die Näherinnen und Wäscherinnen wohnten. Die Finanzcommission wollte ihm das alte Pfarrhaus überlassen, worin der Klosterarzt wohnte, doch setzte er später seinen Willen durch. – 10. März. Lindenmann verifizirt die Liegenschaften nach dem Inventar und nimmt 300 Franken aus der Cassa. – 11. März. Forderung und Aufschreibung der Lehenbriefe. – 12. März. Er verlangt abermals die Cassa. – 13. März. Das Kapitel ladet den Bezirksamtmann ein, einer feierlichen Protestation beizuwohnen; er weigert sich, vidimirt jedoch das Duplum der Protestation und sendet ein Exemplar an die Regierung. – 14. März. Um 9 Uhr versammelte sich der ganze Konvent, um in Gegenwart des Verwalters und sieben anderer geladener Zeugen feierlich gegen die Verwaltung seines Eigenthums zu protestiren. Der Statthalter las das lange Dokument vor, worin das Kapitel unter Anderem erklärt, „dass genannte Instruktion in seinen Augen keine Form einer Verwaltung mehr enthalte, die auf unbescholtene Männer oder im bürgerlichen Gesetzbuche sogar auf volljährige Weibspersonen anzuwenden ist oder angewendet wird, sondern eine eigentliche Beschlagnahme seines beinahe sämmtlichen Vermögens, eine wahre Verdrängung aus dem Besitze, mit der einerseits betrübenden Begünstigung, dass ihm (dem Kapitel) ein Inventar des Benommenen bleibe und dass man ihm wie einem Bettler oder Pensionirten das Nöthige an Naturalien und Baarschaft wolle verabfolgen lassen mit der Bedingung jedoch, dass es specificirte Ausweise über die Verwendung und Empfangsbescheinigungen dem Verwalter ausstelle.“ Das Kapitel beruft sich dann noch auf sein gutes Recht, auf die Stiftungsurkunden, den 800jährigen unangetasteten Besitz, die Bestätigungen durch Päpste, Kaiser, Herzoge, die Eidgenossenschaft und die Bundesakte von 1815 u. s. f. Die Antwort des Verwalters Lindenmann lautete kurz: Sie möchten immerhin protestiren, er werde sich weder daran kehren, noch einige Notiz davon nehmen; er habe von Niemanden eine Einsprache anzunehmen als von seinen Committenten; er erkläre hiemit ganz einfach, dass er sich in Zukunft nur an seine Instruktion halten werde. Darnach entfernte er sich mit wildem Blicke, während der Akt von den gegenwärtigen Zeugen contestirt und unterzeichnet wurde. – 15. und 16. März. Aufzeichnung und Beschlagnahme der verschiedenen Geräthschaften. – 21. März. Das Bezirksamt verlangt, dass alle im Kloster übernachtenden Gäste gleich am (II-408) folgenden Morgen angezeigt werden sollen, und dass diese Listen dem Polizei-Departement in Aarau sofort überschickt werden. – 17 .-24. März. Aufschreibung der Lebensverträge und der Cassenbillets, Auszug aus dem grösseren Zinsbuch des Prälaten. Wiederholter Schriftenwechsel mit der Finanzcommission wegen der Wohnung des Verwalters.1

Aus dieser höchst kurz gehaltenen Uebersicht der Vorfälle eines einzigen Monats ergibt sich zur Genüge, dass, wollten wir in dieser Weise unsere Leidensgeschichte, die sich innerhalb der Klostermauern abwickelte, fortsetzen, sich leicht ein dickes Buch schreiben liesse. Wir sehen aber davon ab und verfolgen jene Schritte, welche Muri gemeinsam mit den übrigen aargauischen Klöstern für seine Erhaltung gethan hat.

Muri kämpfte nicht bloss für sich allein gegen seine Feinde, sondern schloss sich auch den übrigen Klöstern des Kantons enge an, um vereint mit ihnen ihr gutes Recht zu vertheidigen und zu erhalten. Es sind 2 Mannsklöster: Muri O. S. B. und Wettingen O. Cist., und 4 Frauenklöster: Hermetschwil und Fahr O. S. B., Gnadenthal O. Cist. und Maria Krönung in Baden O. Cap. Bereits am 24. April 1836 richteten sie eine „Ehrerbietige Vorstellung“ an ihre oberste Kantonsbehörde, worin sie nach Darlegung des Sachverhaltes, Begründung ihres Rechtes aus der Geschichte und den staatlichen Akten und unter Hinweisung auf ihre Leistungen (Muri z. B. hatte seit 1803 an den Kanton als besondere Beiträge sowie für Schulen, Schulgebäude, Armen-Unterstützungen und Kriegssteuern 376,230 Fr., Wettingen 207,357 Fr. bezahlt) und aus sonstigen Gründen verlangen, dass sie gleich andern Genossenschaften in ihrer legalen Selbständigkeit, in ihrem Eigenthume und Besitze ungekränkt beschützt werden, und dass die Befugnisse der Stifte und Klöster unverkümmert Ausübung finden. Diese Denkschrift wurde nachher auch an die Tagsatzung, an den Vorort Luzern und an alle Stände, katholische sowohl wie reformirte, mit erläuternden Begleitschreiben gesendet und die Bitte beigefügt, dass unter Hinweis auf den Art. XII der Bundesakte, welcher den Fortbestand der Klöster und die Sicherung ihres Eigenthumes garantire, die Abgeordneten der Tagsatzung dahin instruirt werden möchten, die Zurücknahme des Dekrets der aargauischen Regierung vom 7. November 1835 zu fordern.

Von mehreren Kantonsbehörden liefen Empfangsbestätigungen ein und wurden auch Versprechungen gemacht, das Bittgesuch zu unterstützen. Dagegen wurde dem Konvente in (II-409) Muri gegen Ende Mai mitgetheilt, dass der Grosse Rath von Aargau über die eingereichte Vorstellung einfach zur Tagesordnung übergegangen sei. Desswegen wendeten sich die Klöster am 14. Juni an das Bundespräsidium und baten, ihre Beschwerden der nächsten Bundesversammlung vorzulegen. Auch der apostolische Nuntius in der Schweiz nahm sich energisch der bedrängten Ordensgemeinden an und sendete, datirt Schwyz, 26. Juni 1836, eine Depesche an den Bürgermeister und Kleinen Rath von Aargau, worin er die Ungerechtigkeit des Beschlusses vom 7. November 1835 aus dem Natur- und Völkerrechte, aus protestantischen Rechtsgelehrten und anderen Auktoritäten nachwies, im Namen der geschwornen Treue, im Namen der Gerechtigkeit und der Religion gegen jenen Grossrathsbeschluss reclamirt und die Erwartung ausspricht, die Behörden Aargau's würden Gerechtigkeit walten lassen. Gleiches that er in einer Note vom 16. Juli an das Bundespräsidium.

Am 1. und 2. September kam die Angelegenheit der Klöster auf der Tagsatzung zu Bern zur Sprache, blieb jedoch unentschieden. Während nämlich mehrere katholische Stände sich sehr warm der aargauischen Klöster annahmen, fanden andere die Lage derselben nicht so schrecklich und konnten eine Verletzung der Bundesakte in dem Gebahren der aargauischen Regierung nicht entdecken. Der Gesandte Aargau's aber, Bruggisser, wiederholte die alten Zeitungslügen, beschuldigte die Klöster einer schlechten Wirthschaft, wies im Namen der Regierung jeden Vorwurf von Pflichtverletzung oder Ueberschreitung ihrer souveränen Rechte zurück, verbat sich jede fremde Einmischung in die Sachen des Kantons und behielt sich das Protokoll offen, weil er ohne specielle Instruktion und Vollmacht für diesen Fall sei.

Auf dieses hin veröffentlichten die Klöster unter dem 14. Dezember 1836.2 eine „Rechtfertigung über ihre frühere Verwaltung und Verantwortung über die ihnen gemachten Anschuldigungen an den tit. Grossen Rath des hohen Standes Aargau“. Darin widerlegten sie im Einzelnen die oben nur angedeuteten Behauptungen Bruggisser's zu Bern. Statt der vorgeblich schlechten Wirthschaft und eines Rückschlages von einer Million wiesen sie, und zwar mittelst detaillirter Rechnungen, einen Vorschlag von anderthalb Millionen nach. Die Beschuldigung, als hätten sie Geld zu Ruhestörungen und Aufreizungen gegen (II-410) den Staat verwendet, durften die wohlüberwachten Klöster als eine Lüge bezeichnen. Der Vorwand, das Verbot der Novizenaufnahme sei durch den schlechten Haushalt veranlasst, falle dem Rechnungsausweis zufolge in Nichts zusammen. Unbegründet sei auch das Vorgeben, der Staat ziehe von dem Kloster keinen Nutzen, da er doch die Contributionen der, wie er sagt, verfallenen Klöster fortwährend erhöht hat. Die Aeusserung, die Klöster leisteten nichts für die Wissenschaft, falle auf die Urheber zurück, welche die Klosterschulen geschlossen haben.

Weil aber der aargauische Gesandte den Muri-Mönchen noch eigens Einiges hatte anhängen wollen, wie namentlich, dass zwei Religiosen für eine Lustpartie auf den Rigi über 200 Fr. verbraucht hätten; dass ein Mönch3 seit einiger Zeit zu Bern seine Muse zwischen Besuchen der Tagsatzungsverhandlungen und minder wichtigen Geschäften theile;4 dass der Muri-Konvent im Thurgau eine Domäne von 200,000 Fr. besitze, deren Einkünfte zum Unterhalt zweier Mönche nicht hinreichen und Zuschüsse vom Hause erfordern, dass endlich Mönche jüngsthin gemalte Glasscheiben von grossem Werthe um einige Louisdors verkauften, die dermalen in Bern auf einige tausend Franks geschätzt werden, – so blieb die Rechtfertigungsschrift auch darauf die Antwort nicht schuldig. Es heisst darin: „Der Vorwurf wegen der Besitzung zu Klingenberg im Thurgau, welche die Murische Verschwendung an den Tag legen soll, zerfällt gleich ähnlichen Vorwürfen bei näherer Untersuchung in Nichts. Klingenberg ist im Inventar auf 120,000 Fr. taxirt, nicht auf 200,000 Fr., wie da angegeben worden. Neue Bauten, beträchtliche Güterverbesserungen u. s. w., gestatteten um so weniger Geldvorschläge, als ihr Boden nicht zu den fruchtbaren zählt. Zwei Konventualen wohnen daselbst und besorgen die beiden Pfründen, die zu der Herrschaft gehören. Unterstützungen von Muri bezogen sie keine. – Aerztliche Verordnung sandte drei Konventualen von Muri zur Herstellung ihrer Gesundheit auf drei bis vier Wochen auf den Rigi. Nun musste die gesammte Tagsatzung die diplomatische Insinuation hören, dass zwei Mönche für eine Lustpartie auf den Rigi von ein paar Tagen über 200 Fr. verzehrt hätten. – Ein anderer Konventuale besorgte Aufträge des Gotteshauses zu Bern und man interpellirte ihn auf der Tribüne. – Zwei Dutzend meist zerbrochener gemalter Glasscheiben des Frauenklosters Gnadenthal (II-411) wurden von ihrem achtbaren Oekonomen um 300 und mehrere Frcs, verkauft, aus welchem Erlös das bedürftige Kloster sich bessere Fenster anschaffte. Und sieh! abermal ein Beleg der Verschwendung! So hatte man liebreich aus den Bleiabfällen jener Scherben früher auch Munition und Kugeln zum Bürgerkriege argumentirt.“

Auch diese Rechtfertigungsschrift wurde dem Vororte, den eidgenössischen Ständen und jedem Mitgliede des grossen Rathes in Aargau einzeln im April 1837 und später am 1. Juli dem Bundespräsidenten und den Ehrengesandten der Tagsatzung zugesendet mit einem meisterhaft abgefassten Begleitschreiben, worin besonders hervorgehoben wird, dass kein Grund zur Bevogtung, zur Einstellung des Noviziates, zur Unterdrückung der Klosterschulen und zu faktischen Expropriationen vorliege. Was geschah? Der Grosse Rath von Aargau ging in seiner Sitzung vom 12. Juli auch über diese Bittschrift um Aufhebung der Klostergutsverwaltung einfach zur Tagesordnung über.

In den Tagen vom 16. bis 21. September 1837 kam nun die Sache der Klöster abermals vor die Tagsatzung, da sie das Jahr zuvor unerledigt geblieben war.

Aus den Abschieden derselben entnehmen wir, dass sie fast in ähnlicher Weise verlief, wie die Vorausgegangenen. Der aargauische Gesandte wiederholte seine alten Anschuldigungen und wollte darthun, dass den Ständen nicht bloss ein jus advocatiæ et inspectionis, sondern auch ein jus reformandi, d. h. die Befugniss zustehe, „die personellen und corporativen Verhältnisse der Klöster mit dem allgemeinen Staatswohl, mit den Bedürfnissen und Forderungen der Zeit unter steter Beachtung der Stiftungszwecke, durch organische Gesetze in Einklang zu bringen.“ Auf dieser Basis stehend erklärte er, dass das Dekret vom 7. November 1835 ein Ausfluss der Souveränität des Kantons sei, dass desshalb der Staat Aargau sich jedem unbefugten Einmischen in seine innern Angelegenheiten nach Kräften widersetzen werde und dabei auf Unterstützung der gleichgesinnten Stände rechne. Die oben erwähnte Rechtfertigungsschrift bezeichnete er als „ein Pamphlet, welches, so weit es beweisen soll, auf unwahre Angaben begründet und auf grobe Täuschungen berechnet sei“. Hinsichtlich des Verbotes der Novizenaufnahme bemerkte er, dass daraus keine Gefahr für die Fortexistenz der Ordenshäuser erwachse, da ja die sechs Klöster zusammen 162 Individuen (Muri zählte damals 32 Patres und 9 Fratres) hätten. Die Unterdrückung der Klosterschulen stellte er mit frecher Stirne so dar, als wäre sie aus weiser Fürsorge für das physische, moralische und intellektuelle Wohl der Jugend geschehen. Die Bittgesuche (II-412) der Katholiken endlich zu Gunsten der Klöster wurden von ihm als Plagiate bezeichnet.

Kräftig nahmen sich die katholischen Stände der kirchlichen Institute an und widerlegten alle Beschuldigungen des aargauischen Vorredners, besonders eingehend Freiburg, Uri und Unterwalden, denen noch Schwyz, Zug, Schaffhausen, Tessin, Neuenburg und Basel-Stadt zur Seite standen, indem sie auf Zurücknahme jenes Dekretes drangen, wogegen Luzern, Zürich, Glarus, Solothurn, St. Gallen, Aargau, Thurgau, Basel-Landschaft und Appenzell Ausser-Rhoden verlangten, dass man über das Begehren der Klöster zur Tagesordnung schreiten solle; Graubünden stellte einen Sonderantrag; Bern, Waadt und Genf nahmen die ganze Handlung ad referendum; Wallis endlich und Appenzell Inner-Rhoden behielten sich das Protokoll offen. Ersteres trat nachträglich den Ständen bei, welche ihre Stimme zu Gunsten der Gedrückten erhoben. So blieb die Sache der Klöster abermals unentschieden, ihr trauriger Zustand dauerte fort; dennoch gaben sie die Hoffnung nicht auf und setzten sich neuerdings in ihrer Weise zur Abwehr.

Sie bereiteten eine neue Eingabe an die Tagsatzung vor als „Nachtrag zur ehrerbietigen Vorstellung und Rechtfertigung“ vom 1. Mai 1838.5 Der Hauptzweck dieses Nachtrages ist eine urkundliche Gegenbeleuchtung der vom aargauischen Vertreter auf der jüngsten Tagsatzung vorgebrachten historischen und staatsrechtlichen Behauptungen und anderer Missverständnisse. Bloss die äusserst gedrängte Schilderung, wie Aargau seine Kantonalhoheitsrechte ausübte, soll hier eine Stelle finden. Statt eines legalen Fortbestandes der Klöster findet man jetzt nur „ein verkümmertes, allweg gekränktes Dasein, die Novizenaufnahme ist untersagt, berufsgemässer Wirkungskreis in Erziehung und Bildung der Jugend unterdrückt, die ganze sittlich-gemeinnützige Existenz kirchlicher Institutionen gelähmt oder zerstört. Statt Selbstverwaltung, Besitz und Genuss ihres bundesgemäss gesicherten Eigenthums – fiscalische Bevogtung, Eingrenzung auf die Gärten innerhalb der Mauern, einseitige Veräusserungen wichtiger Grundstücke und anderer werthvoller Rechte, kostspielige fremde Administration und bereits offenbarer Schaden und Nachtheil. Statt ehemals gutwillig gespendeter Beiträge, übermässige Beschatzung gegen alle Maximen stipulirter Steuergleichheit. Persönliche Beschwerden hier erwähnen, hiesse die Aufmerksamkeit von höhern Zwecken ablenken; wiederholt wurden solche eingereicht, Gegenstücke zu (II-413) der fast ironisch gerühmten splendiden Behandlung.“ Auch dieser Nachtrag wurde gleich den frühem Eingaben an die einzelnen Stände versendet.

Am 9. August 1838 war wieder eine Tagsatzung anberaumt. Schon vor deren Zusammentritt hatte die aargauische Regierung unter dem 28. Juli dem Bundespräsidium schriftlich erklärt, dass obiger Nachtrag zwar im Namen der geistlichen Corporationen abgegeben worden sei, aber ohne vorhergehende förmliche Zustimmung dieser Corporationen.6 Diesen unrichtigen Nebenumstand wiederholte der aargauische Gesandte auch mündlich mit dem Beifügen, dass dieser Nachtrag, um den bloss der Konvent Maria Krönung gewusst habe, eine gehalt- und bedeutungslose Schrift sei, indem die Erfahrung den Beweis für die Nothwendigkeit der verhängten Staatsadministration liefere, weil seitdem die Klostergüter um das doppelte und dreifache mehr rentirten (!!) als früher, wo sie von den Konventualen verwaltet wurden (Alles erlogen, wie sich später zeigen wird); dass ferner das Verbot der Novizenaufnahme vorerst noch in Kraft bleiben müsse (ungeachtet des doppelten Erträgnisses!), bis die Regierung den Zeitpunkt zur Modification oder Zurücknahme desselben für angemessen finden werde, dass auch die (von Oben herab durch Drohungen eingeschüchterte) katholische Bevölkerung dieses Jahr keine Bittschriften zu Gunsten der Klöster eingereicht habe, weil die angebliche Beunruhigung und der üble Eindruck, den nicht die Regierung mit ihrem Administrationsdekret, sondern die Klöster selbst verursacht haben, mit der Entziehung des Geldeinflusses (grundlose Verdächtigung einerseits und Verhöhnung der Katholiken anderseits!) abgenommen habe. Endlich forderte er, dass man die Eingabe der Klöster zurückweise und den Staat Aargau in der Ausübung seiner Souveränitätsrechte schütze (!). – Wer erinnert sich dabei nicht an die Fabel vom Lamm und Wolf? Die katholischen Stände blieben natürlich die Antwort darauf nicht schuldig. Doch, um uns kurz zu fassen und früher Gesagtes nicht zu wiederholen, bemerken wir einzig, dass der Ausgang der Verhandlung der nämliche war, wie in frühem Jahren; es wurde keine Majorität für eine definitive Schlussnahme erzielt.

Unter solchen Umständen blieb nichts anderes übrig, als dass die Klöster nochmals einen Versuch machten und sich unter dem 22. Juni 1839 an die Regierung des Kantons Aargau wendeten, um Abhilfe ihrer wohlbegründeten Beschwerden (II-414) bittend, indem sie nach summarischer Aufzählung der bisher gemachten Schritte vor Allem die Zurücknahme des Verbotes der Novizenaufnahme, sodann die Herstellung der Klosterschulen und die Selbstverwaltung ihres Eigenthumes, Alles wohl motivirt, forderten. Der Erfolg liess sich voraussehen. Der „Schweizerbote“ Nr. 78 vom 29. Juni 1839 schrieb: „Wir wollen dieser Eingabe keine Prognose stellen, zumal über dieselbe Personen zu entscheiden haben werden und man nicht immer und überall für die richtige Consequenz einzelner Individualitäten gutstehen kann; allein dafür möchten wir jedenfalls bürgen, dass die Staatsbehörden sich ihres Aufsichtsrechtes auf geistliche Korporationen und kirchliche Institute überhaupt nicht so leicht begeben und auf dessen Früchte schon verzichten werden, ehe noch dieselben allen Berechnungen zufolge auch nur sichtbar geworden sind.“

Indessen liessen sich die Klöster dadurch nicht beirren, da man ihnen allseits die besten Hoffnungen gemacht hatte. Sie übersandten zwar ihr Schreiben vom 22. Juni an die Tagsatzung, baten jedoch zugleich, um ihren Widersachern jeden Anlass zu neuer Erbitterung zu entziehen, man möchte die Klosterangelegenheit einstweilen ohne weitere Behandlung in ihrem dermaligen Zustande belassen, da Aussicht auf Vergleichung mit der aargauischen Regierung vorhanden sei. Weil der weitere Verlauf einem spätern Kapitel unserer Geschichte angehört, so wollen wir hier mit den gemeinschaftlichen Schritten der Klöster, an denen Muri einen ganz hervorragenden Antheil genommen hatte, abbrechen und wieder zur Hausgeschichte zurückkehren. Sehen wir zunächst, welche Leiden über den Konvent in Muri während der Jahre 1836-1838 insbesondere kamen.


  1. Arch. Muri in Gries: Akten der Klosteraufhebung,

  2. Gedruckt mit 7 Beilagen in der Hurterischen Buchdruckerei in Schaffhausen, verfasst von P. Heinrich Müller-Friedberg, Kapitular des aufgehobenen Klosters St. Gallen, † am 15. März 1843 (Schweiz. Kirchenzeitung, Jahrg. 1843, S. 195).

  3. P. Adalhert Regli wurde vom Kapitel an die Tagsatzung zur Förderung der Bittgesuche abgeordnet.

  4. Aus einer Rede des aarg. Gesandten notirte sich P. Adalbert einmal bei 40 Unrichtigkeiten.

  5. Gedruckt in der Hurterischen Buchdruckerei, mit 22 Beilagen.

  6. Die Klöster widersprachen diesem Vorgeben ausdrücklich, wie wir später hören werden.