Sechstes Kapitel. Drangsale und Hinscheid des Abtes Ambros.

Als der Prälat am 6. November 1835 Muri verliess und sich nach Klingenberg und von da nach Engelberg begab, nahm er die Schuldbriefe der im Auslande angelegten Kapitalien im Betrage von ungefähr 350,000 Fr., welche unter seiner persönlichen Verwaltung standen, mit sich, um sie den Händen der Klosterstürmer zu entreissen und seinem Stifte zu erhalten. Diese Schuldtitel in ihre Gewalt zu bekommen, war ein Hauptanliegen der aargauischen Regierung. Zuerst versuchte sie durch das Stiftskapitel zum Ziele zu gelangen unter dem Vorwande, dass das Geld für das Kloster verloren gehen könnte. Schon am 20. April 1836 forderte Verwalter Lindenmann die Auslieferung und zwar „mit Beförderung“. Das Kapitel erklärte am 26. April, „dass es zu dieser Auslieferung nichts beitragen könne, nicht nur darum, weil es gegen alle und jede in seinen Augen widerrechtliche Auslieferung des Klostervermögens protestirt hat und annoch protestirt, sondern hauptsächlich darum, weil das Kapitel nach den Ordenssatzungen nicht über dem Abte steht und folglich sich hier nicht im Falle befinden kann, in das gestellte Begehren eintreten zu können“. Dessenungeachtet drang der Verwalter wiederholt und zwar am 28. und 30. April und am 11. Mai in das Kapitel, es solle den Abt zur Auslieferung bewegen. Das Kapitel blieb bei seiner Erklärung, erstattete jedoch dem Prälaten über das Ansinnen der Regierung Bericht. Am 13. Mai machte Lindenmann einen neuen Versuch, erhielt aber den nämlichen Bescheid. Nun erging von der Regierung an den Bezirksamtmann der Befehl, unverweilt den Konvent von Muri zu versammeln und (II-426) demselben zu verkünden, dass wenn binnen 8 Tagen die Titel dem Verwalter nicht eingehändigt wären, weitere Massregeln ergriffen werden müssten. Der Bezirksamtmann entledigte sich im Beisein des Verwalters des Auftrages am 17. Mai, wovon das Kapitel seinem Prälaten Nachricht gab.

Jetzt erliess Abt Ambros selber ein Schreiben an den Bezirksamtmann zu Handen der Regierung und erklärte, dass er die Schuldtitel niemals ausliefern werde, um von dem Klostervermögen wenigstens etwas zu retten, wie es seine Pflicht als Abt sei; auch verwahrt er sich gegen alle Zwangsmassregeln wieder seinen Konvent, um so mehr, als die Angelegenheit der Klöster bereits bei der Tagsatzung angeregt; endlich schliesst er: „Ich versichere aber, dass sobald meinem Kloster seine Existenz und sein volles Eigenthumsrecht, wozu es die gerechtesten Ansprüche hat, gesichert ist, selbes die fraglichen Schuldtitel zurückerhalten werde. Einstweilen aber bin ich bereit, selbe in die Hand eines Drittmanns zu hinterlegen, von dem ich die vollste Garantie verbürgen darf.“1

Was that nun die aargauische Regierung? Sie beauftragte am 27. Mai den Bezirksamtmann den Konvent zu versammeln und ihm zu eröffnen, „dass der Abt so lange, als er nicht mit den fortgenommenen Schuldtiteln in das Kloster zurückkehrt, in seinen Funktionen suspendirt sei (?).“ Zugleich wurde gedroht, dass bei längerer Verweigerung „die ganze Angelegenheit bei dem Richter zur Amtshandlung anhängig gemacht werde und Abt wie Konvent für die weitern ernsten Folgen verantwortlich gemacht werden.“ Darauf gaben Dekan und Kapitel eine sehr würdevolle schriftliche Erklärung ab, worin sie sagen: „Betreff der Suspension unseres rechtmässigen Herrn Prälaten erwiedern wir, dass wir uns dadurch tief gekränkt fühlen und uns im Gewissen verpflichtet halten, gegen dieselbe wie gegen frühere Gewaltsmassregeln uns aufs Feierlichste zu verwahren.“ Auch lehnen sie jede weitere Verantwortlichkeit von sich ab, weil sie nicht über dem Abte stehen.

Das Gleiche that der Abt selber in einem Schreiben aus Engelberg vom 2. Juni 1836 an den Bezirksamtmann in Muri, weil die Regierung nicht direkt, sondern stets nur durch den Konvent mit ihm verkehren wollte. Er verwahrt sich feierlich (II-427) gegen die Suspension, weil nur die Kirche, von der er Weihe und Jurisdiktion empfangen, eine solche Strafe über ihn verhängen könnte;2 nimmt dann seinen Konvent in Schutz, der die Titel nie in Händen hatte, der sie desswegen auch nicht herausgeben und um so weniger verantwortlich gemacht werden kann, als die Kantonsbehörde nicht über der Bundesakte steht, welche den Klöstern ihr Eigenthum zusichert, und erklärt schliesslich, er werde den Schutz der Tagsatzung anflehen. Letzteres geschah am 10. Juli durch eine wohlmotivirte Eingabe an den Vorort Bern zu Handen der Tagsatzung, worin Abt Ambros um Rechtsschutz für sich und das Kloster bat und gleichzeitig in Beilagen die Verläumdungen, welche die aargauische Regierung gegen das Stift Muri verbreitet hatte, gründlich wiederlegte.

Nichts destoweniger wurden am 20. und 21. September der Dekan, Subprior, die PP. Adalbert und Augustin Kuhn neuerdings im Auftrage der Regierung vom Bezirksamtmann verhört und jedem 15 Fragen über Entfernung und Aufenthalt des Prälaten und über die ausländischen Gülten zur Beantwortung vorgelegt. Da auch diese Untersuchung nicht zu dem ersehnten Ziele führte, so musste die Regierung auf andere Mittel sinnen, um ihren Zweck zu erreichen. Sie versuchte es mit der Regierung des Kantons Obwalden, in welchem das Stift Engelberg liegt. Am 24. Oktober stellte der Bezirksgerichtspräsident Rey von Muri, dem von der Regierung die Akten in Betreff der Schuldtitel zur weitem Amtshandlung übermittelt worden waren, an den Landammann Spichtig von Obwalden das Ansuchen, „dem Herrn Abt Ambros zu Engelberg die Anzeige und Aufforderung zugehen zu lassen, dass er bis längstens 15. November nächstkünftig vor unserer Verhörkommission erscheine, um über obbemeldete Entfremdungsangelegenheit Rede zu stehen.“ Die Antwort der ehrenfesten Regierung von Obwalden am 12. November lautete nicht bloss einfach verneinend, sondern drückte zugleich ihr Befremden aus, wie man den Abt gerichtlich belangen und von einer „Entfremdung“ reden könne, da er doch der rechtmässige Verwalter des Klostergutes sei. Allein die Gewaltigen im Aargau liessen sich nicht so geschwind abweisen; der Kleine Rath wiederholte unter Berufung auf das Concordat vom 8. Juli 1809, bestätigt am 8. Juli 1818, das gleiche Ansinnen am 28. November. Die Antwort Obwaldens an die „getreuen lieben Eidgenossen“ im Aargau vom 10. Dezember fiel wiederum abweisend aus, bestritt die Anwendbarkeit des Concordates und berief sich auf Art. XII (II-428) der ungleich höher stehenden Bundesakte. Der Kleine Rath Aargau's gab noch nicht Ruhe, sondern liess sich vom Grossen Rathe ermächtigen, am 9. Februar 1837 abermals die Regierung von Obwalden anzugehen, den wegen einer bedeutenden Geldverschleppung angeklagten Prälaten zwar nicht gerade auszuliefern, aber doch zum Erscheinen vor dem Gerichte zu bestimmen. Als auch dieses nicht half und die Zumuthung unter dem 18. Februar entschieden abgewiesen wurde, steckte sich Aargau hinter den eidgenössischen Vorort Luzern, welcher am 21. März bereitwillig entsprach und die Regierung von Obwalden nicht bloss einfach aufforderte, dem Willen Aargau's nachzukommen, sondern ihr auch noch Vorwürfe machte, dass sie, den Rechtsgang in einem andern Bundesstaate hemmen wolle. Die höfliche Antwort vom 4. April lautete, die Regierung Obwaldens könne sich nicht dazu verstehen, zu einer den Bundesvertrag verletzenden Massregel mitzuwirken, vielmehr möchte der Vorort an den Stand Aargau die Aufforderung ergehen lassen, von seinem bundeswidrigen Verfahren gegen die Klöster zurückzugehen.

Es trat jetzt eine längere Pause ein, so dass man hätte meinen können, die aargauische Regierung wolle den angestrengten Prozess nicht weiter fortführen. Allein dem war nicht so. Am 28. Dezember 1837 erging eine öffentliche im aargauischen Amtsblatte 1838, Nr. 2 veröffentlichte gerichtliche Vorladung an den Prälaten, im Laufe des Februar vor dem Gerichtspräsidium in Muri zu erscheinen und sich über die Vermögensentfremdung zu verantworten, „ansonst im ausbleibenden und Widersetzlichkeit zeigenden Falle in der Untersuchung dennoch fortgeschritten und gegen ihn in contumaciam geurtheilt werden würde“. Der Abt verwahrte sich gegen diese Citation, da er längere Zeit krank war, am 23. Februar 1838; unter Berufung auf sein Recht und seine frühere Eingabe und forderte zum mindesten Vertagung bis zur endlichen Entscheidung der obersten Bundesbehörde. Dessenungeachtet wurde am 2. Juli im gleichen Amtsblatte eine zweite Vorladung bekannt gemacht, dass er sich binnen 14 Tagen zu stellen habe, widrigenfalls der Untersuchungsprozess fortgesetzt und in contumaciam über den Angeklagten gesprochen würde. Dass die Untersuchung wirklich fortgesetzt wurde, beweist ein vom Verhörrichter und Gerichtspräsidenten Käppeli im Beisein des Richters Köpfli und des Substituten Meyer im Kloster am 5. September 1838 mit mehreren Konventualen, Priestern und Brüdern, vorgenommenes Verhör, welches sich wieder auf die Abreise, und den gegenwärtigen Aufenthalt des Abtes und die von ihm mitgenommenen Gelder oder Waaren, bezog, worüber die Gefragten entweder nichts zu sagen wussten oder sich auf (II-429) frühere Angaben beriefen. Das Verhör wurde am 14. Sept. fortgesetzt. Zuerst lud man die das vorige Mal Abwesenden vor, dann kamen der Statthalter, der Subprior und der Dekan an die Reihe, an welche letztere noch die weitere Frage gestellt wurde, ob sie in der Lage wären, eine Entschädigung vom Herrn Prälaten dafür zu verlangen, dass er eine so grosse Summe mitfortgenommen und das Kloster verlassen habe, was sie verneinten. Allein der bald erfolgte Tod des Abtes machte dieser lästigen Schuldtitelfrage ein Ende.

Am 1.November d. J. kamen die ersten Nachrichten von Engelberg nach Muri, dass Abt Ambros sehr bedenklich erkrankt sei und dass sein früherer Arzt Dr. Bauer zu einer Cousultation mit andern Aerzten dahin abreisen möchte. Dar Prälat hatte schon längere Zeit über Abnahme der Kräfte; über Mangel an Verdauung und sonstige Leiden an Geist und Körper geklagt, bis er am 30. Oktober von einem heftigen Erstickungsanfalle ergriffen wurde, der dem Arzte von Engelberg sogleich bedenklich erschien. Die später angekommenen Aerzte bestätigten seine Befürchtungen und riethen, den Kranken mit den heiligen Sterbsakramenten zu versehen, was am 4. November Nachmittags geschah. Als der Prior mit dem Allerheiligsten das Gemach betrat, rief der Patient mit grosser Andacht aus: „Veni, veni, o Domine Jesu!“ Nach Empfang der hl. Oelung schien er sich ziemlich zu erholen. Doch schon am Morgen des 5. November war alle Hoffnung auf Wiederherstellung verschwunden. Der Leidende ertrug jedoch die furchtbaren Schmerzen mit aller Geduld und betete oft mit vernehmlicher Stimme: „Miserere mei, Jesu! et omnium et singulorum!“ Nachmittag gegen 3 Uhr trat die Agonie ein, der Abt Eugen von Engelberg ertheilte ihm den Sterbeablass und um ½ 4 Uhr hatte der vielgeprüfte Dulder ausgekämpft. Nachdem die Leiche zubereitet war, wurde sie im Beisein des ganzen Konventes in das Kapitelhaus getragen und das Sterbezimmer obsignirt. Am 8. Novbr, fanden unter grossem Andrange des Volkes die feierlichen Exequien statt, welche Abt Eugen hielt, worauf die irdische Hülle in der Klostergruft beigesetzt wurde. Er hatte ein Alter von 70 Jahren erreicht. Seine dankbaren Mitbrüder setzten ihm, wie auch dem ersten Fürstabte, Placidus Zurlauben, der ebenfalls ausser dem Kloster starb und in Rheinau begraben wurde, in der Stiftskirche zu Muri ein einfaches Denkmal. Die Inschrift rühmt den Fürstabt als Beförderer der Gotteshäuser und Ambros als deren Wächter und Vertheidiger.3


  1. Dieser Dritte war der damalige Antistes, Friedrich Hurter in Schaffhausen, welchem Abt Ambros die Kapitalsbriefe übergab. Näheres hierüber und über die Correspondenz Hurter's mit dem Abte und seinem Begleiter P. Beat, sowie über seine unschätzbaren Bemühungen für die Erhaltung des Klostergutes und seine sonstigen unvergesslichen Verdienste um Muri und die übrigen Klöster, siehe in „Friedricb v. Hurter und seine Zeit“ von Heinrich von Hurter, I. Bd., 19. Kap., Graz 1876.

  2. Die Regierung wollte unter „Suspension“ wohl die Einstellung in den bürgerlichen Rechten verstehen!

  3. „Monumentum Placidi Zurlauben et Ambrosii Bloch abbatis Monasterii XLV (besser XLVIII.). Qui 11. Dec. 1768 natus, prof. 22. Maji 1791, Sacerdos 15. Junii 1793, electus 16. Oct. 1816, mortuus in Monasterio Montis Angelorum 5. Nov. 1838. Qui tempore et fortuna longe inter se distantes, pari tamen studio et pietate præditi non absimili morte extra Muros præventi, alter ceu rei monasticæ post Fundatores primarius Ampliator, alter ejusdem, ut potuit, fidelis Custos et defensor, memoria suorum honorantur. Placidi cor hic loci, corpus Rhenovii, Ambrosii Engelbergæ quiescunt.“