Elftes Kapitel. Die Schweizer Benediktiner-Congregation.

(II-471) In diesem Zeitraume sehen wir nicht immer jenes frische und kraftvolle Auftreten der Schweizer Benediktiner-Congregation, wie selbes im 17. Jahrhundert uns vor Augen getreten ist. Wohl arbeiteten die Prälaten bis 1791 fleissig an der Hebung der Oekonomie des Klosters Disentis auf den Versammlungen 1782, 1785, 1788 und 1791, bewogen den Abt daselbst zur Resignation (1785) und hielten in den verschiedenen Klöstern Visitationen. Doch der Eifer der Congregation erkaltete.1 Die Schweiz blieb bis 1798 vom Kriege gegen Frankreich verschont, und dennoch hören wir seit 1791 von keiner Versammlung der Schweizer-Aebte. Die Kriegsstürme von 1798 bis 1803 hatten freilich die meisten Prälaten der Congregation in das Exil getrieben, viele Konvente aufgelöst und St. Gallen, das wichtigste Kloster, dem Untergange entgegengeführt, so dass sie 1802 nicht einmal an eine Säkularfeier der Gründung der Congregation denken konnten. Jedoch nach 1803 kehrten bis auf den Fürstabt von St. Gallen alle Benediktineräbte früher oder später wieder in ihre Klöster zurück; aber noch lange schweigt die Geschichte von einer Versammlung dieser Prälaten. Zu ihrer Entschuldigung mag angebracht werden, dass ihr erster Visitator, Fürst Pankraz von St. Gallen, noch immer im Exil weilte und Hoffnung für Wiederherstellung seines Klosters hegte. Als aber diese auf Null herabsank, so wagte es endlich der thatkräftige zweite Visitator der Abt von Einsiedeln, Konrad Tanner, die Prälaten der Congregation auf den 24. Mai 1819 in sein Kloster zu berufen. Fürst Pankraz, der in Art sich befand, wie auch die Aebte von Pfäfers und Disentis waren nicht erschienen. Als Visitatoren wurden gewählt: Konrad von Einsiedeln, Januarius von Rheinau und Ambros von Muri; die nächste Versammlung sollte in Muri 1823 abgehalten und indessen alle Klöster visitirt werden. Die Aebte kamen im festgesetzten Jahre wirklich, mit Ausnahme zweier, in Muri zusammen. Das Wichtigste, was sie beschlossen, war, dem Kloster Disentis, welches auf Verlangen der Kantonsregierung ein Gymnasium erstellen sollte, nach Möglichkeit Hilfe zu bringen. Viele Fragen blieben in dieser und der vorhergehenden (II-472) Versammlung unerledigt. Das nächste Jahr hatten sich die Prälaten in Rheinau versammelt. Abwesend waren die von St. Gallen, Pfäfers und Disentis. Es wurden in dieser Versammlung folgende Bestimmungen gemacht: die Aebte sollen bis nächsten Ostern ihre Wünsche wegen Abänderung der Statuten den Visitatoren eingeben; Disentis werde wenigstens von einem Visitator und seinem Begleiter visitirt; mit dem Bischof Ziegler von Linz, der Schweizer Benediktiner für ein Kloster in Galizien (Tyniecz) wünschte, möge man vor Absendung einer Kolonie alles Nöthige vereinbaren und festsetzen.2 Im Jahre 1825 sollte diese Angelegenheit ernstlich besprochen werden. Allein die Hauptkraft der Congregation, Abt Konrad, starb schon am 7. April dieses Jahres. Unter seinem Nachfolger Cölestin Müller versammelte sich die Congregation nur am 8. August 1826, um die drei Visitatoren, Cölestin von Einsiedeln, Ambros von Muri und Placidus von Pfäfers zu ernennen. Seitdem unterblieben die regelmässigen Visitationen, ungeachtet der kirchenfeindliche Geist gewaltig auf die Klöster losstürmte. Im Pfäfers riss eine solche Missachtug der klösterlichen Zucht ein, dass sich der Konvent (1838) selbst auflöste;3 Disentis sank in der Oekonomie und im religiösen Leben immer tiefer, und Muri, das 10 Jahre lang von der radikalen Regierung des Kantons Aargau gequält wurde; erlag endlich, der Gewalt am 13. Jänner 1841.

Kaum war Abt Cölestin von Einsiedeln gestorben, so berief sein furchtlos eingreifender Nachfolger Heinrich Schmid die Aebte der geschwächten Congregation auf den 1. Septemb. 1846 nach Einsiedeln. Es erschienen aber nur die Aebte Eugen von Engelberg und Adalbert von Muri-Gries. Letzterer wünschte trotz seiner Uebersiedlung nach Gries in Tirol, bei der Schweizer Congregation zu verbleiben, was ihm auch gerne zugesagt wurde. Statt der drei Visitatoren ernannte man jetzt einen Präses der Congregation. Abt Heinrich erhielt diese Würde. Er wollte sie aber nur dann annehmen, wenn sich damit auch die abwesenden Aebte schriftlich einverstanden erklärten; des Amtes eines Visitators glaubte er so lange entbunden zu sein, bis die Pflichten eines solchen genau festgesetzt und die volle Versammlung aller Congregationsäbte ihm einen zweiten Visitator beigegeben hätte. Diese zwei Bedingungen wurden nicht erfüllt; daher kennt die Congregation seit 1869, wo die Statuten revidirt wurden, keinen ersten und (II-473) zweiten Visitator mehr, sondern dafür einen Präses und Vicepräses,4 jedoch seit 1887 wieder zwei Visitatoren. Wenn Abt Heinrich schon die Visitation ablehnte, so musste er doch auf ausdrückliches Verlangen des hl. Stuhles das tief gesunkene Kloster Disentis visitiren (Dezember 1855). Ueber diese wie auch über die 1844 von zwei Einsiedler Patres, dann vom Nuntius Vecchiotti und P. Gallus von Einsiedeln (1846) angestrengten Visisationen wäre Vieles zu schreiben, wenn uns nicht die Klugheit und die Neuheit des Stoffes zu schweigen gebieten würden.5 Zu den bereits erwähnten Schlägen, welche die Schweizer Congregation getroffen, kam die Aufhebung des Klosters Fischingen im Jahre 1848 durch die Kantonsregierung Thurgau, dessen letzter Abt Franz II. Fröhlicher am 7. April gleichen Jahres starb, die Aufhebung des Klosters Rheinau am 3. März 1862 durch den Grossen Rath des Kantons Zürich und endlich durch eine Volksabstimmung (4. Oktober 1874) im Kanton Solothurn die Aufhebung des Klosters Beinwil-Mariastein.

Von den neun Klöstern der Congregation waren nur drei, Einsiedeln, Disentis und Engelberg unbehelligt geblieben. Während Muri 1845 in Gries bei Bozen (Tirol) ein Heim gefunden und ein treues und thätiges Glied der Congregation blieb, liess sich Abt Karl von Mariastein in Delle auf französischem Boden, nahe an der Grenze des bernerischen Jura nieder und blieb desgleichen im Verbande mit der Congregation. Weder die Revolution noch diese Unglücksfälle vermochten sie zum Falle zu bringen. Die wenigen Aebte, besonders die von Einsiedeln und Engelberg suchten zu retten, was noch zu retten war. Der Präses Heinrich von Einsiedeln gab am 19. September 1859 zu Rheinau6 einen weitläufigen Bericht über den traurigen Zustand des Klosters Disentis. Er that aus innern und äussern Gründen damals den niederschmetternden Ausspruch: Disentis sei unrettbar. Doch ein Arzt gibt die Heilung seines Patienten nicht gerne auf. Man berief aus St. Bonifaz in München Paul Pirker als Abt nach Disentis und hoffte, er werde das sinkende Kloster heben. Abt Paul war gelehrt und ein guter Ascet, und er hatte Ansehen im ganzen Kanton (II-474) Graubünden; aber das Kloster vermochte er nicht zu heben. Als Abt Basilius 1875 Präses der Congregation wurde, schickte er tüchtige Männer zur Aushilfe nach Disentis. Auch ihre Thätigkeit blieb resultatlos und zwar darum, weil es ihnen an freiem Handeln fehlte. Abt Paul fühlte das, dankte ab und ging in sein Kloster zurück. Jetzt trat die katholische Bevölkerung von Disentis und Umgebung, welche das Kloster liebte, mit Entschiedenheit auf und bewirkte, dass die Kantonsregierung der Congregation zu dessen Hebung grössere Freiheit gewähre. Demnach versammelten sich am 23. August 1879 die vier Congregationsäbte in Gries bei Bozen. Muri-Gries versprach einen Prior, P. Benedikt Prevost, zu stellen, während Einsiedeln und Engelberg erklärten, dem Prior Patres zur Aushilfe an die Seite zu geben. Das neue Restaurationswerk begann unter der Oberleitung des Bischofs von Chur als apostolischen Delegaten im Herbste 1880, und es glückte. Mehrere hoffnungsvolle Jünglinge meldeten sich für die Aufnahme und P. Benedikt hatte nach 7 mühevollen Jahren die Freude, einen blühenden jungen Konvent um sich geschaart zu sehen. Daher beschlossen die in Einsiedeln im September 1887 versammelten Congregationsäbte, durch den Bischof von Chur eine freie, canonische Abtwahl für Disentis in Rom vorzuschlagen und dem neugewählten Abte bei seiner Aufnahme in die Congregation gewisse Bestimmungen zu besserer Erhaltung der klösterlichen Zucht an die Hand zu geben. Das folgende Jahr am 18. April wurde P. Benedikt Prevost zum Abte erwählt und am 22. d. M. benedicirt. So zählt nun die Schweizer Benediktiner-Congregation fünf Abteien mit mehr als 300 Professen.

Gerade diese Unglücksfälle, welche über die Congregation gekommen waren, riefen in den zwei vom Sturm verschont gebliebenen Klöstern Einsiedeln und Engelberg den Gedanken wach, rechtzeitig in Amerika eine Zufluchtsstätte zu suchen und zugleich den Wirkungskreis, den der Missionen, zu erweitern. Die erste Kolonie ging in den fünfziger Jahren aus dem Kloster Einsiedeln über das Meer und gründete St. Meinrad im Staate Indiana und später eine zweite Niederlassung in Arkansas. Abt Anselm von Engelberg blieb nicht zurück. Er schickte zwei Kolonien nach Amerika, eine in den Staat Missouri und die andere in den Oregon Staat, er wagte es sogar, aus den Frauenklöstern von St. Andreas und von Niderrickenbach weibliche Kolonien zur Unterstützung der männlichen Genossenschaften zu senden. Auch diese gedeihen mit Gottes Gnade. Muri-Gries ist bestrebt, seine kantonale Lehranstalt in Sarnen zu erweitern und hofft im Jahre 1891 das Obergymnasium oder Lyceum dort eröffnen zu können.


  1. Die Ursache dieser Abnahme des Eifers möchte beim ersten Visitator, dem Fürstabte von St. Gallen, zu finden sein (vgl. „Adversaria P. Geroldi Brandenberg“, S. 57 ff., Handschr. in Gries).

  2. Es ist mir nicht bekannt, dass eine solche Kolonie (missionem polonicam) dahin aus der Sehweiz abgegangen wäre (Acta Capituli).

  3. Einige Akten, Briefe etc. befinden sich über diese Auflösung im Arch. Gries.

  4. Während der Abt von Einsiedeln die Würde des Präses und ersten Visitators hat, erscheint als erster Vicepräses Abt Adalbert von Muri-Gries und seit 1881 als 2. Vicepräses Abt Anselm von Engelberg; zweiter Visitator nach der neuen Ordnung wurde Abt Bonaventura von Muri-Gries, der aber bald starb und sein Amt nie ausüben konnte. Ihm folgte in dieser Würde sein Nachfolger Abt Augustin.

  5. Arch. Einsiedeln, Muri-Gries u. a. O.

  6. Abt Adalbert von Muri-Gries fehlte.