Anhang.

Der Brand des Klosters Muri am 21. und 22. August 1889.

(II-488) Es war 3 ½ Uhr Nachmittag am 21. August 1889, als Feuer im Mittelgebäude der 250 M. (725') langen Ostfaçade unter dem Dache, wo für den Winter eine Menge brennbarer Stoffe aufgehäuft war, sich entfesselte. Mit rasender Schnelligkeit ergriff es links und rechts den ganzen Dachstuhl der Front. Die einzigen Feuermauern, welche die Flammen auf kurze Zeit aufzuhalten vermochten, befanden sich auf den Flügeln. Vom Dachstuhle nahm das Feuer den Weg durch den Speiseaufzug in die untern Räume. Die Löschmannschaft musste auf den Flügeln des Gebäudes den mächtig anstürmenden Feuerflammen bald weichen, und so kamen auch die zwei grossen Säle mit ihren hohen Fenstern in Brand. Immer tiefer drang das Feuer in die Stockwerke hinunter, und krachend stürzten die Balkenlagen mit dem schweren Dachstuhle bis zum gewölbten Unterboden hinab und warfen eine Feuerwolke auf. Aber gleichzeitig wurde der alte Konventbau und die Abtkapelle, mit welcher die Wohnung des Abtes in der Mitte der Hauptfaçade in Verbindung gestanden war, vom wilden Elemente ergriffen. Die Kapelle, welche zwischen dem Kloster und der Kirche die Verbindung herstellte, war nebst den Prälatenzimmern ein Kleinod; sie strotzte von üppigster Roccocodekoration. Schon glaubte man nach Zerstörung dieser Kapelle das Feuer gebrochen zu haben, als der Wind von neuem die Flammen anfachte und selbe gegen die Kirche trieb. Sechs prachtvolle Oelgemälde, von italienischer Hand herstammend, befanden sich hinter dem Hochaltare; sie wurden an verschiedenen Festtagen gewechselt.1 Diese erfasste das Feuer, vernichtete sie und bahnte sich so den Eingang in die Kirche. Nur das kräftige Eingreifen der Zuger, welche, unterstüzt von den Luzernern, ihre Spritzen vor dem herrlichen Chorgitter2 in der Kirche aufstellten, vermochte den unerbittlichen Flammen Halt zu gebieten. – Der Kirchenschatz (II-489) war rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden. Die Sakristeien, sowie die Krypta blieben unverletzt. Leider hatte das Räumen der Altäre viele Beschädigungen der prächtigen Roccocodekorationen zur Folge, die weit mehr Kunstwerth hatten, als die geretteten. Der Kuppelbau und die Chorstühle sind unbeschädigt; dagegen wurden zwei schöne Holzreliefs, „Grablegung“ und „Gethsemane“, aus dem Anfange des XVI. Jahrhunderts nebst anderen Schnitzwerken theilweise verstümmelt.

Beim Bibliotheksaal steht der 300' lange Flügel des Südseite mit der Hauptfront in Verbindung. Die vielen Spritzen von nahe und ferne arbeiteten mit aller Kraft, um ihn zu retten. Es gelang mit Gottes Hilfe. Nur wurden ein Theil des Dachstuhles und zwei Zimmer (der Musik- und Cabinetssaal) arg beschädigt.

Nach der Aufhebung des Klosters (1841) waren die Bibliothek und das Archiv den kantonalen Sammlungen in Aarau einverleibt worden, und den südlichen Flügel überliess man schon in den 40er Jahren der vom Staate gegründeten Bezirksschule, dem Unterpfarrer und andern zur Benützung. Die weiten und vielen Räumlichkeiten der Hauptfacade dagegen waren seit 1861 nur wenige Jahre von der kantonalen landwirthschaftlichen Schule gebraucht worden, standen somit ungefähr 46 Jahre fast leer. Um diese nutzbar zu machen, beschloss der Grosse Rath am 22. März 1882 sie zu einer Pflegeanstalt für arbeitsunfähige und gebrechliche Erwachsene zu verwenden. Dazu benöthigte die Regierung, um alles zweckmässig einzurichten, 310,472 Franken (nämlich 240,478 Frk. für Reparaturen und neue Anlagen und 70,002 Frk. für das Mobiliar). Die Anstalt wurde erst 1887 eröffnet. Zur Zeit des Brandes zählte sie bei 260 Pfleglinge, die aber alle gerettet wurden.3

Das Unglück erweckte inner- und ausserhalb der Schweiz die manigfaltigsten Gefühle; vorherrschend Gefühle der Trauer und des Entsetzens. Der „Freischütz“, in Muri selbst erscheinend, gibt dem Schmerze in folgenden Worten Ausdruck: „Nachdem der Staat Aargau seit der gewaltsamen Aufhebung 1841 mit diesem Kloster wie mit den andern aargauischen Gotteshäusern ein so über alles Mass klägliches Fiasko gemacht, nachdem das Vermögen so ziemlich den Weg alles Fleisches gewandelt, die landwirthschaftliche Schule verkracht, (II-490) die (alte) Klosterscheune in Rauch aufgegangen, das herrliche Klostergebäude 46 Jahre zum Theile leer gestanden war, und nun diese mit grossem Kostenaufwande kaum vollends eingerichtete Staatsanstalt (von den Flammen verzehrt ist), und das Alles innerhalb nicht ganz 50 Jahren, – wer will es dem Freiämtervolk verargen, wenn es auf dem Brandplatze unverholen ausrief: „Es liegt kein Segen auf ungerechtem Gute!“

Die „Neue Züricher Zeitung“ (Nr. 235, 1. Blatt) macht folgende Bemerkungen: „Dass eine ungeheure Volksmenge noch tagelang um die dampfende Feuerbeute stehen werde, ist klar, die Einen staunend über die riesige Grösse des Werkes und der Zerstörung, die Anderen klagend um den untergegangenen Werth, die Dritten – wir dürfen davon nicht schweigen, denn Jedermann hört es in Muri, – mit stolzer Hand auf den gefallenen Koloss hinweisend, dass man sehe, wie der Herr die Entweiher seiner Stätte strafe,4 und auf die gerettete Kirche (hinweisend), wie er seine Tempel schütze.“

Diesen Worten füge ich noch eine Betrachtung bei, die eine gewandte Feder in das Luzerner „Vaterland“ (Nr. 198), sieben Tage nach dem Brande des Klosters Muri, einrückte. Sie steht zwar nicht in unmittelbarer Verbindung mit obigem Ereignisse, aber doch in irgend einer Beziehung zur Muri-Geschichte der fünf letzten Dezennien. „Es war ein eiskalter Wintertag des Jahres 1841, schreibt der Verfasser, als die Mönche des durch die Gewalt der Bajonette geschlossenen Klosters Muri auswanderten. Alter und Krankheit schützten den Bruder nicht vor dem Auszuge aus der einsamen Zelle. Man nahm dem Kloster Alles, was die Arbeit und der Fleiss von Jahrhunderten erworben und der fromme Sinn eines gläubigen Volkes zusammengetragen hat. Aber das war noch das Geringste. Um den Akt der Gewalt zu rechtfertigen, musste man die Schuld der Aufhebung von den Urhebern und Wortführern der Gewalt auf die Opfer derselben wälzen. Man beschuldigte in öffentlicher Rede und Schrift das Kloster, dass es der eigentliche Anstifter der Rebellion sei. Und nicht nur das wurde öffentlich in die Welt hinausgeschrieben, sondern in der sogen. „Denkschrift der aargauischen Regierung an die Tagsatzung“ wurde behauptet, dass die Mönche Verführer der Jugend, Mörder der jungfräulichen Unschuld und Räuber der ehelichen Treue seien. In jüngster Zeit wurden diese Lügen öfters wiederholt. Sie erinnern uns aber an die schändlichen Verläumdungen der ersten Christen durch die Heiden, als ob dieselben sich in ihren Versammlungen der unnatürlichsten Verbrechen und Sünden schuldig machten.

(II-491) Entweder – Oder! Sind und waren diese grässlichen Anklagen gegen die Klöster des Aargau's wahr und begründet, so lag es in der Pflicht der Regierung, diese Frevler an der Unschuld der Jugend und diese Mörder des ehelichen Friedens vor den Richter zu stellen und in's Zuchthaus zu verurtheilen. Die Vernachlässigung dieser Pflicht, welche sie, die Regierung, dem Lande, sich selbst und der Gerechtigkeit schuldig war, bildet eine schwere Anklage gegen die Regierung selbst. (Diese Anklage wird noch schwerer, da sie die Mönche pensionirte, sie auf den Pfarreien liess, ja sogar sie aufforderte, Pfarreien zu übernehmen.) Sind diese Anklagen unbegründet, so ist diese öffentliche Verläumdung und Entehrung der Opfer der Gewalt das Gemeinste und Niedrigste, was menschliche Bosheit zu leisten vermag.

Die Regierung von Obwalden nimmt (1841) die von Aargau verjagten Mönche von Muri gastfreundlich auf und übergibt ihnen im vollen Vertrauen auf ihre Frömmigkeit, Tugend und Wissenschaft die kantonale Lehranstalt. Hier wieder das Entweder – Oder! Hat die Regierung von Aargau den Aufhebungsbeschluss des Klosters Muri und mit ihren furchtbaren Anklagen der Mönche Recht, ja nur einen Schein von Recht, so ist die gastfreundliche Aufnahme derselben durch die Obwaldner Regierung und die Uebergabe der kantonalen Lehranstalt an dieselben nicht nur ein unverantwortlicher Leichtsinn, sondern ein Verbrechen am Volke und an der Jugend. Haben umgekehrt Abt und Konvent durch ihre moralische Haltung und ihre Verdienste um die Jugendbildung das Vertrauen des Volkes, das sie gastfreundlich aufgenommen, gerechtfertigt, so können die von der Regierung von Aargau den Mönchen von Muri gemachten Vorwürfe nicht begründet sein, sie sind ungerecht, ein Lüge und Verläumdung gemeinster Art.

Das gilt auch von der Stelle im Aufrufe zur Kellerfeier (12. Mai 1889), welche die Klöster „Heerde der Unsittlichkeit“ nennt, und gilt auch vom Toaste eines gewissen Baslers (bei Anlass dieser Feier), wenn er das Kloster als Heerd des Aufruhrs bezeichnen will.“

Am 9. Dezember 1889 veräusserte der Grosse Rath diese Ruine des Klosters Muri nebst Mühle, 149 Juchart Ackerland und Scheune um 150,000 Frk. an eine protestantische Gesellschaft (Bächli und Frey) für industrielle Zwecke und bekannte zugleich, dass die Regierung vom Jahre 1861 bis 1889 an diesem Kloster über ½ Million Franken eingebüsst habe. Die aargau'sche Staatsschuld betrug am Ende des Jahres 1889 Franken 3,201,389.


  1. Der englische Gruss (15. März), Geburt Christi (für Weihnachten), Christus am Oelberge (für die Fasten), Auferstehung (Ostern), Ausgiessung des hl. Geistes (Pfingsten), Maria Himmelfahrt (15. Aug.). Anton Giorgioli malte sie (s. oben S. 142).

  2. Dieses Gitter stammt wahrscheinlich von Christian Abt von Bünzen (Arch. des Rigiklösterleins).

  3. Vgl. Aargauer Tagblatt, 1889, Nr. 199; Zürcher Post, 1889, Nr. 197; Vaterland von Luzern, 1889, Nr. 195; Freischütz, 1889, Nr. 68. Im Anzeiger zur schweizerischen Alterthumskunde (XXII. Jahrgang, Nr, 4, S. 262-267) lieferte Dr. Hans Lehmann eine historische Darstellung der durch diesen Brand mehr oder minder beschädigten Bauten, in der sich aber einige Unrichtigkeiten vorfinden.

  4. Von mir unterstrichen.